Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation


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       Wochenschau
       

"ALLONS ENFANTS DE LA PATRIE"

wird nun wieder zackig-flott geschmettert, so berichtet die Presse vom "Machtwechsel" in Frankreich. Die anfängliche künstli- che Besorgnis über einen ganz neuen Kurs ist den üblichen Kammer- dienerberichten über den neuen Präsidenten, seinen Amtsantritt und seine künftige Politik gewichen. Nichts als zustimmende Kom- mentare zu Mitterands Übersetzung von Wahlversprechen bezüglich Mindestlohn, Arbeitszeit, Sozialmaßnahmen usw. in das hierzulande ja seit Brandt vertraute Programm des "Bündnisses von Freiheit und Sozialismus". "Präsident aller Franzosen" will er sein, und die Kenner französischer Politik spüren darin sogleich die Ab- sichtserklärungen auf, mit keiner der schlechten Tradition ge- konnter demokratischer Herrschaft zu brechen. Nichts mehr gegen- wärtig von 35-Stunden-Woche, Verstaatlichung und sozialen Experi- menten. So selbstverständlich erscheint hierzulande der Wille des Volkes, noch jedes Politikerversprechen nicht ernst zu nehmen, es sei denn, ihm werden nur die Staatsnotwendigkeiten versprochen, daß die Zufriedenheit des französischen Volkes, unter diesem "republikanischen" Präsidenten seine harte nationale Pflicht erfüllen zu dürfen, schon für abgemacht gilt. So selbst-verständ- lich erscheint hierzulande im Augenblick der Wille Mitterands, 'berechenbare' nationale Politik zu machen, daß man überall die Garantien für einen gewieften und bewundernswerten Staatsmann entdeckt und seine Inthronisation als das feiert, was sie ist: die Übernahme des höchsten Staatsamtes mit dem leicht modifizier- ten Gepränge, in dem sich schon immer der Staatswille dieser "grande nation" zur Schau stellt, Sozialistische Rosen am Grab des gefallenen Soldaten, mit "Freude schöner Götterfunken"-Klän- gen ins Pantheon zu den Staatshelden Jaures und Moulin, die Frau in blau-weiß-rot gekleidet, er dafür im einfachen Anzug, den Or- den der Ehrenlegion nur hinter verschlossenen Türen kurz in die Hand nehmend, umringt von sozialistischen Internationalen wie Brandt und Palme, statt Bokassa Leopold Senghor, und zur personi- fizierten Macht den personifizierten Fortschrittsgeist in Gestalt von Melina Mercouri und Arthur Miller - das sind die vertrauten und geschätzten Posen staatlicher Gewalt und die Basis für die bewundernden und überheblichen Hofberichte der deutschen Schrei- ber über die französische Staatsmacht. Die nationalbewußte Zu- friedenheit über die scheinbar nebenbei bemerkte Einigkeit der verbündeten Regierungsbrüder hüben und drüben betreffs Auf- rechterhaltung aller 'freundschaftlichen Beziehungen' - Brandt hat er als erstem die Hand geschüttelt, über Schmidts Telegramm sich am meisten gefreut - bildet den Auftakt zu typisch bundesre- publikanischen Spekulationen darüber, mit welchem Geschick er die Kommunisten zu bloßen Stimmlieferanten macht und sein eigenes Fußvolk auf seinen vaterländischen "Aufbruch" Frankreichs ver- pflichtet. Daß er allerdings so taktiert, sich die umstandslose Direktheit deutscher Sozialdemokratie in Sachen soziale Hätten und nationale Friedensrüstungsnotwendigkeiten nicht leistet oder leisten kann, das mischt in die grenzenlose Hochachtung vor die- sem Politiker noch einen Rest klammheimlicher Sorge oder doch zu- mindestens nationalen Stolzes auf unsere Regierungssozialisten: Die verfügen zwar aber keinen Atomstreitmacht-Geheimcode; dafür brauchen sie zur Machtausübung aber auch keine kommunistischen Wählerstimmen und erzeugen bei ihren geistigen Hofschranzen erst gar keine Zweifel, als deren beste Zerstreuer sie dann hinterher dargestellt werden. Wir singen ja auch keine Nationalhymne aus den fortschrittlichen Urzeiten des Bürgertums. zurück