Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation
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Jean Paul Sartre - Ein Nachruf
IN DIE WEGWERF-GESELLSCHAFT GEWORFEN
So Anfang der 50er Jahre machte sich eine ganze Generation junger
Franzosen und Europäer, sofern sie zum höheren Stand gehörten,
daran, mit Rollkragen-Pullis und schwarzen Baskenmützen in Cafés
herumzusitzen; dabei rührten sie in ihren Kaffee eine gehörige
Portion "nausee", blickten heroisch dem "neant" ins Aug' und ka-
men sich wahnsinnig "geworfen" vor. Damit nicht genug, trieben
sie sich des Nachts in möglichst kahlen Kellerbars herum, hörten
die immer gleiche Jazz-Musik, quatschten die Weiber (Männer) mit
der Behauptung ins Bett, es sei ihnen alles so furchtbar gleich-
gültig, und etliche brachten sich tatsächlich um - mußten sich
allerdings hinterher den Vorwurf anhören, der "Ekel" sei dafür
da, ihn auszuhalten:
"...daß der Mensch, zufällig in einer zufälligen Welt vorhanden,
in der alles lichtlos ist, die Chance besitzt, eben dadurch in
seine Freiheit zu kommen, daß er, im Wissen seiner Verlassenheit,
sich zu irgendeinem (objektiv ohnehin sinnlosen) Tun entschließt
oder auch zum Verzicht auf jedes Tun." (BROCKHAUS-Enzyklopädie)
Der Vater dieser Bewegung hat nicht nur bis zum April 1980 den
Dahingeblichenen vorgemacht, wie man mit dem "Nichts" haushälte-
risch umgeht. So ist schon gleich klar, daß der Papst, dieser
nachtragende Pole, schwer am Menschen Sartre vorbeizielt mit sei-
ner Behauptung, es handle sich bei dem Franzosen um einen "Lehrer
der Verunsicherung und der Sinnlosigkeit menschlichen Lebens" -
weil er die Nachschlagswerk-Urteile über Sartre nur soweit gele-
sen hat, als es sein dogmatisch verhärteter Katholizismus zuließ.
1. "Von Hegel, Husserl und Heidegger ausgehend, entwickelte er
eine voluntaristische, pessimistische, alle transzendenten Ge-
halte leugnende Philosophie."
2. "...ist diese autobiographische Rückblendung eine Art Bekennt-
nis seines Scheiterns als Denker Atheist und engagierter Schrift-
steller... In jüngster Zeit setzte sich der enttäuschte Schrift-
steller und Philosoph..." (BROCKHAUS)
Der ganze BROCKHAUS - objektiv philosophiefreundlich wie er nun
einmal ist, gibt den ganzen Sartre wieder und gelangt zu folgen-
der, wahrheitsgemäßer Aussage, die das Positive am Denker heraus-
stellt:
"So schildert der Roman 'La nausee', wie in einem belanglosen In-
dividuum die allseitige Absurdität einen Ekel erzeugt, der sich
aber als Anstoß zur Freiheit erweist, insofern nämlich, als aus
dem radikalen Gewahrwerden des Sinnlosen der Wille erwächst, es
durchzustehen."
Oder mit anderen Worten:
JEAN-PAUL SARTRE: "DER EKEL" (1938)
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- Eine Rezension
SARTRE fragt nach dem eigentlichen "Sinn" der Existenz, die sich
offenbar (das hat er im Religionsunterricht oder beim Militär ge-
lernt) selbst nicht genug sein darf. Was bei CAMUS die "Pest",
erledigt bei SARTRE gleich der Romanheld selber: Er braucht keine
Extremsituation, um ganz "er selbst" zu sein - im Gegenteil für
den ROQUENTIN im "EKEL" gibt es überhaupt k e i n e Situation,
die normal und nicht extrem wäre! Pappschachtelchen, Sitzbänk-
chen; Hosenträger, alles berührt den Helden sonderbar. Allerdings
ist der 187 Seiten lang mit schöner Regelmäßigkeit sich einstel-
lende Ekel natürlich nicht einfach ein Hinz-und-Kunz-Ekel, son-
dern eine zutiefst philosophische Regung: "Das also ist der
Ekel... Jetzt weiß ich: ich existiere (!) - die Welt (!) exi-
stiert -, ich weiß (!!!), daß die Welt existiert." Im Nachfolgen-
den macht der gute Mann doch noch die Entdeckung, daß eigentlich
"zuviel" existiert ("de trop" - oho!), findet aber wenigstens ein
Gutes an seiner unwahrscheinlichen Sensibilität: "Wie weit weg
von ihnen fühle ich mich auf diesem Hügel. Es scheint mir, als
gehöre ich zu einer anderen Art."
Mit "den anderen" meint er natürlich die gewöhnlichen Sterbli-
chen. Um in seinem elitären Bewußtsein nicht übermütig zu werden,
"schämt" der Mann der anderen Art sich zu guter Letzt noch ein
wenig "der Existenz", seufzt sie als "Sünde" an und nimmt so den
passenden existenzial-frömmelnden Abschied vom Leser, der "ihn"
wahrscheinlich nicht einmal hat verstehen können. (Hochschul-
zeitung Erlangen-Nürnberg Nr. 4/Dez. 79)
Es kann nicht länger verheimlicht werden mit Sartre haben wir
einen durch und durch positiven Menschen vor uns, der der Welt
deswegen haufenweis Un-Sinn andichtet, um sie mit ebensoviel Sinn
aus sich heraus aufzuladen. Ohne weiter darauf herumzureiten, daß
dieser Rattenfänger aus dem Nichts auch nichts anderes im Sinn
hat, als die Philosophie voranzubringen, und dafür ziemlich unge-
niert Leibniz' Theodizee vom Kopf auf die existenzialistischen
Füße stellt, sei dieser selbstquälerische philosophische Dialek-
tinger gleich auf sartrisch vorgeführt:
"Der Existentialist denkt im Gegenteil (paß genau auf. Woytila!),
es sei sehr störend, daß Gott nicht existiert, denn mit ihm ver-
schwindet alle Möglichkeit, Werte in einem intelligiblen Himmel
(Mann Gottes!) zu finden; es kann nicht a priori Gutes mehr ge-
ben, da es kein unendliches und vollkommenes Bewußtsein mehr
gibt, um es zu denken." (Ist der Existentialismus ein Humanis-
mus?, in: Drei Essays, Frankf. 79, S. 16)
Also Woytila, nicht vernagelt sein - der Mann ist zwar nicht für
dich, wohl aber ganz von der Frage nach einer überzeugenden Moral
besessen. Es muß doch mal erlaubt sein, sich den lieben Gott weg-
zudenken, wenn "man dann zu dem Resultat kommt, daß es sehr
s t ö r e n d sei, ohne ihn auskommen zu müssen. Zugegeben -
sein Ersatz-Gott ist für deine philosophische Strömung nicht ak-
zeptabel, macht er doch jeden einzelnen Menschen zum atheisti-
schen Ersatzgott:
"Der Mensch ist zuerst ein Entwurf, der sich subjektiv lebt, an-
statt nur ein Schaum zu sein oder eine Fäulnis oder ein Blumen-
kohl. Nichts existiert diesem Entwurf vorweg... Und der Mensch
wird zuerst das sein, was er zu sein geplant hat, nicht was er
sein wollen wird. Denn was wir gewöhnlich unter Wollen verstehen,
ist eine bewußte Entscheidung, was für die meisten unter uns dem
nachfolgt, wozu er sich selbst gemacht hat." (ebd. S. 12)
Der Anschein, Sartre mache sich ganz radikal für den freien Wil-
len des Individuums stark, der gegen die äußeren Beschränkungen
seinen eigenen Zweck durchsetzt, verfliegt also nicht nur durch
die an die Schöpfungsgeschichte gemahnende Diktion: Die Verherr-
lichung des Individuums ("es wählt sich selbst... nichts exi-
stiert diesem Entwurf vorweg... er wird zuerst das sein, was er
zu sein geplant hat") hinterläßt es als bewußt l o s e s: schon
in der Rede vom "Geworfensein" (wer wirft da wohl?) wird deut-
lich, daß es sich hier um eine philosophische Bestimmung des Men-
schen handelt, die ihm als metaphysische Seinskategorie angehängt
wird - erst d a n a c h fängt er an, b e w u ß t zu handeln.
Seine Freiheit besteht darin, die ihm in seinem (philosophischen)
Gott-Sein schon längst vorgeschriebene Freiheit zu verfolgen:
"Wenn der Mensch einmal erkannt hat, daß er in Verlassenheit
Werte setzt - dann kann er nur e i n s (Hervorhebung Sartre)
noch wollen, nämlich die Freiheit als Grundlage aller Werte... Es
will einfach heißen, daß die Handlungen der Menschen, die guten
Willens sind, zur letzten Bedeutung das Streben nach Freiheit als
solcher (das ist die vorausgesetzte) haben." (Ebd. 31/32)
Damit ist die profan-moralische Dreifaltigkeit fast komplett:
Nachdem der Mensch seine "Geworfenheit ins Nichts" durch eine
perfekte creatio ex nihilo gekontert hat, kriegt dieser Eigenent-
wurf gegen die Sinnlosigkeit nun einen Sinn zum Guten verpaßt,
wie ihn weiland der Heiland den Hirten verkündet hat: als sein
eigener Reservechristus rettet Sartre das Prinzip der jenseitigen
Botschaft, indem er sie diesseitig als "Möglichkeit zur Freiheit
als solcher" im Menschen ausmacht. Der kritische Philosoph, der
aus dem Krieg nichts besseres gelernt hat, als über die angebli-
che Erschütterung aller überkommenen Werthorizonte mitten im Wi-
derstand zu philosophieren, ersetzt also die scheinbar verloren-
gebene Sicherheit eines irgendwie gearteten höheren Sinns -
w e l c h e r, ist ja schon immer das holde Drangsal philosphi-
scher Freiheit, das d a ß unbestritten - durch die Konstruktion
eines aller bestimmten moralischen Überzeugung entkleideten Indi-
viduums, das sich mit dem unbedingten Willen, nicht ohne Moral
auszukommen, mit sich herumschlägt, die Welt deswegen für ganz
sinnlos erklärt und in der Selbstgewißheit, auf e i g e n e
Werte aus zu sein, seinen Sinn findet. Mit dem Gestus der Ver-
zweiflung und nach vielem demonstrativem Ringen um die Einsicht
in die höhere Qualität dieses intellektuellen Vexierspiels erar-
beitet sich der von praktischen Zwängen freie philosophische
Geist seine Botschaft: die Methodologie eines s e l b s t ver-
antwortlichen Individuums, das gegen alle Gegebenheiten sich nur
von dem leiten läßt, wozu ihm sein eigenes besseres Ich rät. Je-
der sein eigener Erlöser und Versucher, denn zum "guten Willen"
gehört logisch immer sein Gegenspieler, der Böse, und was der
Philosoph abstrakt "entwirft", versinnbildlicht der Stückschrei-
ber in der Parabel "Le Diable et le Bon Dieu". Sartre hat er-
kannt, daß das Gewissen keine höhere Instanz braucht, um befolgt
zu werden, wenn es sich auf den selbstbewußten Willen stützen
kann, nur ihm zu folgen: der "gewissenlose Atheist" entdeckt die
Forderung des inneren Gerichts als "Streben nach Freiheit", dem
sich der einzelne stellen muß, um das Gute auch ohne Heilsbot-
schaft als sein Wollen zu akzeptieren.
"Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein." (Ebd., S. 16),
und schafft deshalb seine Werte auch nicht nur für sich, sondern
für die ganze Welt, wo mit die Gültigkeit von Moral, philoso-
phisch auf den Kopf gestellt, zurückgewonnen ist:
"Wenn andrerseits die Existenz der Essenz vorangeht und wir zur
gleichen Zeit existieren wollen, wie wir unser Bild gestalten, so
ist dieses Bild für alle und für unsere ganze Epoche gültig...
Und will ich eine individuellere Tatsache - mich verheiraten,
Kinder haben, selbst wenn diese Heirat einzig und allein von mei-
ner Lage oder von meiner Leidenschaft oder meinem Begehren ab-
hängt, so binde ich dadurch nicht nur mich selber, sondern ver-
pflichte die ganze Menscheit auf den Weg der Monogamie." (Ebd.,
S. 13)
Was der Dichter mit der ganzen Plattheit des Tendenzliteraten in
zahlreichen Lehrstücken vorführt, wälzt der Philosoph in dem vo-
luminösen Hauptwerk "L'etre et le neant" unter Bemühung der gan-
zen philosophischen Tradition anhand der Sein-Nichts-Problematik
theoretisch aus, die er um den originellen Terminus des Seinsloch
("trou de l'etre") bereichert, durch welches hin durch die Exi-
stenz als "Nichtung des Nichts" sich erschließt. Im Unterschied
zu Heidegger, von dem er seine O n t o l o g i e gekupfert hat,
baut Sartre diese dumpfe Weltanschauung zu einer praktischen
Stellung zur Welt aus - Existentialismus. Alles was der Mensch
tut, macht er nur zu einem Ende: "Verwirklichung seiner Frei-
heit". Die banalsten Verrichtungen des täglichen Lebens werden zu
Erfüllung einer philosophischen Mission:
"Ich kann mich einer Partei anschließen wollen oder ein Buch
schreiben, mich verheiraten, aber das ist nur eine Kundmachung
einer ursprünglicheren, spontaneren Wahl als was man Willen
nennt." (Ebd. 12)
Als unter uns weilendes Exempel des von ihm der Sinnlosigkeit des
Da-Seins abgetrotz ten Prinzips, führt sich Sartre als Heiliger
Geist des Existentialismus auf und vor, indem er sein privates
wie sein öffentliches Leben als gelebte Philosophie oder als phi-
losophische Existenz, neben dem, daß e r lebt und philoso-
phiert, in einem nicht abreißenden Strom von "Wörtern" kommen-
tiert und selbst dieses Verfahren in seiner Autobiographie "Les
mots" noch einmal zur Biographie stilisiert.
Der "Entwurf zur Freiheit" des Schriftstellers und Philosophen
Sartre bestand zunächst darin, sich privatissime in eine vorbild-
lich problematische, deswegen so vollkommene freie Liaison mit
einer gewissen Simone de Beauvoir ("Das andere Geschlecht") zu
werfen, und in Cafes Papierservietten mit "mots" vollzuschreiben.
Daß sich eine von "clarte" und "raison" geprägte Jugend dadurch
fanatisieren ließ, erscheint allerdings wenig wahrscheinlich.
Die wirkliche Zugkraft dieser Philosophie ergibt sich aus der
selbstquälerischen Aufrichtigkeit, daß Dagegensein einerseits
sehr notwendig, andererseits unmöglich sei, weil jedes Engagement
definitionsgemäß sich für die "Möglichkeit der Freiheit" einzu-
setzen hat, jede Konkretion der Freiheit, also gerade die Be-
stimmtheit eines Engagements, die Freiheit des"Entwurfs" ein-
schränkt und die Existenz in neue "Knechtschaft" zwingt. So
"siegen" Sartresche Helden nur auf der Guillotine, wenn sie diese
"Möglichkeit" als die ihre akzeptieren, und scheitern regelmäßig
dann, wenn sie sich organisiert einer bestimmten Sache verschrei-
ben. So kann sich Sartre der Resistance im besetzten Frankreich
anschließen und gleichzeitig den Sieg der Demokratie über den Fa-
schismus als Philosoph bedauern, weil er ihn der Grundlage seines
geistigen Rebellentums beraubt:
"Niemals waren wir freier als unter der deutschen Besatzung. Wir
hatten alle Rechte verloren und zuerst dasjenige, frei zu spre-
chen."
Hieraus spricht der existentialistische Intellektuelle, für den
es als Existentialist das Höchste ist, seinen Widerstand in abso-
luter Ohnmacht auszuleben, der aber als Intellektueller auch
gerne sprechen möchte. Alle Parteinahme Sartres für jegliches
Aufbegehren in der Welt, ist also keinesfalls damit zu verwech-
seln, daß er Parteigänger des bestimmten Zwecks dieses Aufbegeh-
rens gewesen wäre; ihm ging es ausschließlich darum, ein Vehikel
für die persönliche Durchführung seiner Idee zu finden.
Die Widersprüche in Sartres politischer Haltung sind Konsequenzen
seiner philosophischen Einstellung: Unterm Faschismus war er An-
tifaschist, in der Demokratie Kommunist und der reale Sozialismus
ließ ihm zum Sympathisanten des Anarchismus werden. An Andreas
Baader bewunderte er dessen "praktisches Engagement für die Idee
der Freiheit" und an den französischen Maoisten, deren Tageszei-
tung er in dem - freilich vergeblichen - Versuch, sich verhaften
zu lassen, verkaufte, schätzte er ihren "Mut".
Was gerne als persönlicher Mut und Engagement aufgefaßt wird,
entbehrt nicht einer gehörigen Portion Zynismus - wie das bei hu-
manistischen Motiven so ist: schon in der Wahl seiner Sympathie-
und Ideenträger gar nicht wählerisch, ließ er sie auch mit schö-
ner Regelmäßigkeit fallen - die Logik seiner Philosophie zwang
ihn geradezu, letztlich wieder "enttäuscht" von ihnen und auf das
heroische Nichts zurückgeworfen zu sein. Nur ein einziges Mal
schlichte Identifikation mit einem politischen Zweck - er hätte
für immer aufgehört, Philosoph zu sein. Wahrlich, eine ekelhafte
Vorstellung.
Die gelungenste Variante, sich im "Scheitern" als Mensch zu be-
währen, findet dieser Lebens- und Leidensweg in der Entdeckung
des Marxismus - als d e r sinnvollen Erweiterung des Existen-
tialismus:
"Es unterliegt wirklich keinem Zweifel, daß der Marxismus heute
(also nachdem es den Existentialismus gibt) als die einzig mögli-
che - d.h. mit Notwendigkeit zugleich historische und struktu-
relle Anthropologie erscheint." (Marxismus und Existentialismus,
Versuch einer Methodik, Hamburg 1964, S. 138)
Auch hier irrt der BROCKHAUS, wenn er Sartre eine "alle transzen-
denten Gehalle leugnende Philosophie" unterstellt: gerade dar
Marxismus eignet sich - als Anthropologie - ausgezeichnet als
Sprungbrett.
"Die marxistische Theorie ist die einzige, die den Menschen in
seiner Totalität, d.h. von der Materialität der Bedingungen aus-
gehend erfasst." (Ebd.)
Der Marxismus bietet dem Existentialismus fabelhaftes Belegmate-
rial dafür, daß die existierend Gesellschaft eine einzige
V e r h i n d e r u n g der existentialistischen Freiheit ist,
ihr also glänzenden Anlaß bietet, sich daran abzuarbeiten und zu
b e s t ä t i g e n:
"Die Begriffe, die die marxistische Untersuchung zur Deskription
unserer geschichtlichen Gesellschaft gebraucht - Ausbeutung, Ent-
fremdung, Fetischisierung, Versachlichung usw. (man beachte:
nicht Profit, Lohn, Krise, Kostpreis usw.) - sind haargenau sol-
che, die am unmittelbarsten auf existentielle Strukturen verwei-
sen." (Ebd.)
In der revolutionären Arbeiterklasse findet Sartre das schönste
und gleich menschheitsumgreifende Beispiel für den ewig schei-
ternden und gleichbleibend heroischen Kampf des sich
"entwerfenden" Individuums (auch eine Art, den Kapitalismus kri-
tisch-dialektisch hochzuhalten):
"Der Revolutionäre hat die bürgerlichen Mythen umgestürzt, und
die Arbeiterklasse hat es unternommen, durch tausend Gestaltwan-
del hindurch, durch Mißhandlungen und Rückschläge, Siege und Nie-
derlagen hin ihr eigenes Schicksal in Freiheit und in Angst (die
muß dabei sein, ist aber keinesfalls mit gewöhnlicher Angst zu
verwechseln zu schmieden." (Materialismus und Revolution, Drei
Essays..., S. 101)
Um auch noch dem kleinsten Mißverständnis entschieden entgegenzu-
treten: mit Marxismus oder Materialismus hat das nichts zu tun.
Es ist im Gegenteil nur ein weiterer (philosophischer) Versuch,
mit der Propaganda der "höheren Werte" das Elend der Menschheit
zu feiern, und in dieser Feier es als solches eben nicht gelten
lassen zu wollen:
"Und schließlich, welches auch immer das Ziel sei" (darauf kommt
es nicht an!), "er" (der Revolutionär) "geht über dasselbe hinaus
und sieht darin nur eine Etappe. Wenn er Sicherheit sucht oder
eine bessere materielle Gesellschaftsordnung, so deshalb, damit
ihm diese als Ausgangspunkt dienen. Dies haben die Marxisten"
(blöd wie die Revis nun mal sind) "selber erwidert, als Reaktio-
näre bei Gelegenheit einer Einzelforderung betreffs der Löhne vom
'schmutzigen Materialismus' der Massen sprachen. Sie gaben zu
verstehen, daß hinter diesen materiellen Forderungen die Bejahung
eines Humanismus stehe, daß diese Arbeiter nicht nur einige Sous
mehr zu verdienen verlangten, sondern daß ihr Verlangen gleichsam
das verkörperte Sinnbild ihrer Forderung sei, Menschen zu sein,
Menschen, d.h. Freiheiten im Besitz ihres Schicksals." (Ebd. S.
98)
Da die Arbeiter vor allem Menschen sind, die f r e i von Besitz
sind und deshalb jeden Sous gebrauchen können, mögen sie sich
auch in Frankreich allerhand Illusionen über ihre Existenz als
"Schicksal" gemacht haben, keinesfalls jedoch die Sartresche Phi-
losophie zu eigen. Die reüssierte wie schon erwähnt, bei der Pa-
riser Jugend aus den gebildeten Ständen, die den Existentialismus
als H a b i t u s des Protests zur Mode machte und diese durch-
aus harmonisch mit der Beförderung ihrer bürgerlichen Existenz
vereinbaren konnte. Für die niederen Stände gab's damals den
Schmollmund Brigitte Bardots, der zwar einfacher, aber im wesent-
lichen dasselbe zum Ausdruck brachte, weshalb der Zenith der Er-
folge von JPS und BB etwa in die gleiche Zeit fiel. Heute sind
die Insignien des Protests von damals salonfähig geworden und so
alltäglich, daß kein Mensch mehr auf den Gedanken käme, über dem
Rollkragenpullover einen philosophischen Kopf zu vermuten. Die
dazugehörige Weltanschauung ist ein Stück abgehakte Philosophie-
geschichte, und der Denker, der sie erfand, ging auch zu Lebzei-
ten ins Pantheon der Grande Nation ein. Dem im Alter auch phy-
sisch erblindeten Sartre erwiesen a l l e die letzte Reverenz,
was ihn posthum noch einmal in seinem Glauben widerlegte, die
P h i l o s o p h i e des radikalen Engagements in der Welt
würde diese auch nur im mindesten kratzen.
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