Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation
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Frankreich
DIE GEWERKSCHAFTEN IM CHANGEMENT
- Ein 4-monatiger Lohnstop, den die vormals regierende "Rechte"
sich nicht zu erwägen getraut hat; geplante Abschaffung der Inde-
xierung von Löhnen, d.h. eines automatischen Inflationsaus-
gleichs; staatlich verordnete Mäßigungsabkommen für kommunale Ta-
rifverhadlungen (8% Steigerung bis Ende '83!).
- Eine 39-Stunden-Woche ohne vollen "Lohnausgleich", aber mit al-
ler Freiheit fürs Kapital, Überstunden beliebig anzusetzen und
die Auslastung der normalen Arbeitszeit zu erhöhen, also für die
Betroffenen gewiß nicht weniger Arbeit.
- Renten, noch dazu gekürzte, nur für diejenigen, die mehr als 37
Jahre gearbeitet haben; Verbot zur Rente noch dazuzuverdienen.
- Erhöhung der Mehrwertsteuer, Sondersteuern auf Öl und Benzin,
Alkohol und Tabak.
- Einsparungen bei den Sozialausgaben.
An diesen und an weiteren Reformen wird den französischen Arbei-
tern verdeutlicht, was "sozialistischer Aufbruch" in den von Mit-
terrand beabsichtigten nationalen Erfolg Frankreichs heißt. Kein
Wunder, daß da bei manchen der politisch Verantwortlichen Neid
auf deutsche Verhältnisse aufkommt, wo die gleiche Politik im DGB
einen ganz überparteilichen, sich nur dem Wohl der Nation ver-
pflichtet wissenden Partner gefunden hat. Für diese Sehnsucht
werden Sozialisten und Kommunisten, die den in ihrer Regierung
versprochenen Wechsel vorantreiben, freilich dadurch entschädigt,
daß es sich bei den beiden wichtigsten französischen Gewerkschaf-
ten um Unterabteilungen ihrer Parteien handelt.
Gegen eine Politik, die in der selbständigen Übernahme des NATO-
Rüstungsauftrags ihre internationale Bedeutung und ihr nationales
Geschäftsmittel sieht; die ihr nationales Kapital zwingt und
f ö r d e r t, damit dieses die dafür nötigen wirtschaftlichen
Mittel bereitstellt, koste es, was es wolle - am Währungsverfall
darf diese Absicht nicht scheitern! -; und die alle dabei an-
fallenden Kosten auf den Rücken der Arbeiter ablädt, hätten die
so Hergenommenen allen Grund, sich zu wehren. Für CGT und CFDT
(die kommunistische und die sozialistische Gewerkschaft) ist das
kein Grund, ihre Gefolgschaft zu Mitterrand und Marchais aufzu-
kündigen. Die staatlich betriebene Verarmung der Massen behandeln
sie vielmehr als Chance, die genutzt werden muß: mehr Mitbeteili-
gung der Gewerkschaften in Gesellschaft und Betrieb und rechtli-
che Absicherung der verantwortlichen Rolle, die sie im und für
den Staat übernehmen wollen, lautet ihre Parole. Dementsprechend
fällt der Kampf gegen die augenblicklichen Maßnahmen des franzö-
sischen Staates, seine Arbeitsbürger betreffend, aus - auch für
die französischen Gewerkschaften ist der DGB ein Vorbild.
Die Krise liegt tiefer
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Wenn die nach wie vor stärkste Gewerkschaft CGT den Lohnstop für
"inakzeptabel" erklärt, dann heißt dies nicht, daß sie ihn nicht
hinnehmen will. "Inakzeptabel" ist er nämlich "nicht nur" (also
nicht) wegen der handfesten "Senkung des Lebensstandards" der Ar-
beiter, sondern in einem sehr ideellen Sinn wegen der schreienden
Ungerechtigkeit, daß die unschuldigen Opfer der Inflation diese
ausbaden müssen und die schuldigen Kapitalisten (der Staat ist
schön aus dem Schneider) trotz der gleichzeitig, geltenden Preis-
stops, ihre "Preistreiberei " ungestraft fortführen dürfen.
Die kommunistische Gewerkschaft
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CGT bemängelt an dieser Art Inflationsbekämpfung, daß sie dem
staatlichen Urheber mehr schaden als nützen soll. Der erzwungene
Konsumverzicht der Massen bringe den Staat um die Frucht der
"wirtschaftlichen Erneuerung Frankreichs", treibe einen Keil,
zwischen Arbeiterklasse und eine Regierung, die in deren soziali-
stischem Auftrag an die Macht gekommen sei und nütze allenfalls
dem Profit des Kapitals, der bekanntlich kein Vaterland kennt.
Rettung freilich wäre zu haben: Die Unausgewogenheit eines Regie-
rungsprogramms, das seiner proklamierten Arbeiterfreundlichkeit
nur unvollkommen nachkommt, wäre schon halbwegs beseitigt, wenn
die Gewerkschaft in rechtlich abgesicherter Form sich an seiner
Durchführung beteiligen könnte. An ihrer staatsdienlichen Verant-
wortung soll es nicht fehlen, was sie mit ihrer Kritik an der In-
flationsbekämpfung beweist. Diese Kritik verteidigt nicht etwa
die Interessen ihrer Mitglieder, sondern bietet sie Staat und
Wirtschaft als das Mittel einer "wirklichen" Inflationsbekämpfung
und eines "neuen Wachstums" an. So will sie auch nicht länger auf
dem Lohnstop herumreiten, sofern ihre grundsätzlichen Vorstellun-
gen zur Sanierung Frankreichs nur irgendwie berücksichtigt wer-
den. Der Lohnstop wird hingenommen - heißt das fiktive Angebot,
das praktisch ohne großes Wenn und Aber längst erfüllt wird -,
wenn mit dem Preisstop auch wirklich ernst gemacht wird, indem
die französischen Arbeiter (über die Betriebsräte) an der Preis-
kontrolle beteiligt werden und auf diesem Wege (diesmal als Kon-
trollkraft) ihren Nutzen für die französische Wirtschaft klassen-
kämpferisch unter Beweis stellen können.
Die sozialistische Gewerkschaft
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CFDT hat den Lohnkampf schon lange als "korporatistische" Sack-
gasse erkannt und behandelt. Ihre Anteilnahme gilt der Lohnstruk-
tur, mit deren Veränderung "neue soziale Beziehungen" in
Frankreichs Fabriken einziehen sollen, gegen die "patronalen Mo-
delle sozialer Herrschaft". Erst wenn französische Arbeiter ganz
objektiv leistungsgerecht und nicht nach Willkür, Lust und Laune
der "patrons" bezahlt werden, ist das Glück, für wenig Geld viel
leisten zu dürfen, vollendet. Mit dieser verrückten Vorstellung
über das Zustandekommen des Profits tritt diese Arbeiterorganisa-
tion als Fanatiker der Lohngerechtigkeit auf und teilt damit ih-
ren Mitgliedern mit, daß es ihnen deswegen nicht auf den Lohn an-
zukommen hat.
Der Lohnstop ist nach ihren Worten keine - soziale Reform. Die
Regierungsparteigewerkschaft beherrscht also die Logik, politi-
sche Zumutungen gegen das Proletariat an einem eingebildeten Maß-
stab politischer Wohltaten zu blamieren, genausogut wie der DGB,
der von der Benzinpreiserhöhung bis zur Rentenkürzung auch alles
damit kritisiert, es sei k e i n Beschäftigungsprogramm. Der
Lohnstop rückt dem eingebildeten sozialen Übel des französischen
Kapitalismus, nämlich den "entfremdeten hierarchischen Struktu-
ren" und der darin begründeten "monarchischen Hegemonie" der Un-
ternehmer nicht zu Leibe. Wahre Demokratie im Betrieb erfordert
eine Hierarchie, die den Fauleren unter den französischen Arbei-
tern keine unverdienten Vergünstigungen durchgehen läßt. Im Ap-
pell an den Neid der Arbeiter und an die Erfahrung nie zu befrie-
digender Leistungsanforderungen des Kapitals profiliert sich die
CFDT als bessere Betriebsleitung, die eine mitbestimmende Rolle
verdient hätte.
Umgekehrt w i r d der Lohnstop für die CFDT zur begrüßenswerten
sozialen Reform, wenn er so organisiert wird, daß dabei die
"sozialen Ungleichheiten reduziert" werden. So ergänzt dieser
Verein zur Förderung eines "neuen Typs Gesellschaft" die von der
Regierung verfügte Lohnsenkung um das zahlenmäßig belegte Ideal
einer gerecht ausbalancierten Schadensverteilung: Die niederen
Löhne bis 4.100 F sollen die frühere Kaufkraft wiedererlangen,
die mittleren Löhne zwischen 4.100 und 6.800 F sollen ihre
(gesenkte) Kaufkraft (d.h. ihren Nominalwert) behalten und die
reichen Lohnempfänger sollen etwas abgeben. Freilich ist auch ein
derartiger Reformlohnstop für die CFDT erst dann eine wirkliche
Reform, wenn ihm auch noch das letzte "hierarchische" Entfrem-
dungsmoment genommen wird. Er darf nicht einfach von oben,
"etatistisch" verfügt werden, sondern muß die geschröpften Arbei-
ter als "verantwortliche soziale Akteure" Verzicht üben lassen.
So teilt man der Regierung und den Arbeitern unter Aufbietung al-
ler auf die "Arbeitswelt" bezogenen Phrasen der Regierungspartei
mit, daß man sich als ihre Gewerkschaftsorganisation für Lohn-
und Preisstop-"Fragen" mitverantwortlich - fühlt, die "etati-
stisch" verfügten "Lösungen" also als "sozialer Akteur" m i t
"verantwortet".
Die Reformen reichen weiter
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Es ist für die beiden Gewerkschaften keine Frage, o b sie den
Lohnstop akzeptieren. Alles dreht sich für sie um die
B e d i n g u n g e n, unter denen sie den Lohnstop als eine
linke, reformerische, in die richtige Richtung weisende Maßnahme
gutheißen wollen. Es kommt ihnen darauf an, sich als programmati-
sche Verfechter eines arbeiterfreundlichen und sozialen Frank-
reich ins Spiel zu bringen, und dafür taugt ihnen selbst noch
eine Maßnahme, mit der Mitterrand die Existenzsicherung der
Arbeiter zum politischen Hindernis erklärt und den Gewerkschaften
die Interessenvertretung ihrer Mitglieder verbietet. Diese Ge-
werkschaften haben es sich abgewöhnt, die Taten der Politiker vom
Standpunkt der Betroffenen aus zu beurteilen, und malen sich an-
gesichts der eindeutigen Maßnahmen stattdessen im Sinne einer
linken Perspektive aus, was sie "eigentlich" sein sollten. Jede
Härte bekommt so ihre soziale Dimension verpaßt. Die S c h a f-
f u n g n e u e r A r b e i t s p l ä t z e, zu der die Un-
ternehmer durch Solidaritätsverträge verpflichtet werden, ist
nicht der Zwang für die Arbeiter, zu den von den Kapitalisten
bestimmten Ausbeutungsbedingungen - falls gebraucht - anzutreten.
Sie gibt den Arbeitern ihr "Recht auf Arbeit" und bewahrt sie vor
"Identitätsverlust". Die V e r k ü r z u n g d e r A r-
b e i t s z e i t bringt den Arbeitern nicht nur die Inten-
sivierung der Arbeit bei gleichzeitiger Lohnkürzung. Sie gibt ih-
nen in Gestalt von Freizeit mehr "Menschenwürde" und schafft
zugleich "neue Solidaritäten" zwischen Arbeitslosen und 'Arbeits-
platzbesitzern', zwischen den ihren Arbeitsplatz 'sich teilenden'
Arbeitern usw. Die neuen A r b e i t e r r e c h t e (Be-
schwerde- und Informationsrecht) sind zwar ein Schritt zur
reibungsloseren Abwicklung von Rationalisierungen und Entlassun-
gen, in den Augen der französischen Gewerkschaften bringen sie
aber eine "Aufwertung der Rolle des Arbeiters" und bescheren ihm
die Ehre eines "verantwortlichen Subjekts".
Kritik an der Regierung
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Wenn CGT und CFDT die Regierungsmaßnahmen an ihrem Ideal eines
sozialen Frankreich messen, so stellen sie heute "Differenzen",
aber - im Gegensatz zu früheren Zeiten - keine grundlegenden
"Divergenzen " fest. Sie haben nun einmal die
p r i n z i p i e l l e Entscheidung getroffen, die Mitterrand-
regierung als günstige Bedingung zur Verwirklichung ihrer Sozial-
staatsvorstellungen zu betrachten. So halten sie ihre Ideale der
Regierung nicht - wie bei ihrer rechten Vorgängerin -
e n t g e g e n, sondern u n t e r s t e l l e n sie ihr als
"Tendenz", die leider in den Maßnahmen noch unzureichend zum Aus-
druck kommt.
"Unannehmbare ministerielle Erklärungen haben offen versucht,
diese sozialen Beschränkungen und Rückschritte zu rechtfertigen.
Wir ziehen daraus - nicht (!) den Schluß, daß wir unsere Meinung
über die allgemeine Orientierung der Regierung ändern müßten: wir
unterstützen sie als Tendenz, wir beurteilen die eingeleiteten
großen Reformen positiv." (Krasucki, CGT)
Je brutaler Mitterrands Mannen zuschlagen desto wichtiger wird
die "Aufgabe" der Gewerkschaften, die unterstellte "positive Ten-
denz" festzuhalten nach dem Muster: "Die Richtung stimmt, aber
die Maßnahmen sind nicht konsequent genug" und widersprechen dem
Geist der Regierung. So treten Krasucki (CGT) und Maire (CFDT)
der Regierung "kritisch" als Leuchtturmwärter gegenüber und ma-
chen auf diesem kleinen Umweg ernst mit der Regierungsideologie,
daß jeder Anschlag auf den Geldbeutel der Franzosen ein Beitrag
auf dem Weg zu seiner sozialen Emanzipation und die neuerdings
eingeläutete "Politik der Strenge" der sicherste Weg zum
'changement' sein soll.
"Kritik" der Mitglieder
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Da den Arbeitern mit Lohnstop, Leistungssteigerung und program-
mierter Inflation ausgiebig zugesetzt wird, sehen es die gewerk-
schaftlichen Hüter des Linkskurses als ihre Aufgabe an, den Ge-
schädigten Nachhilfe in Sachen 'changement' zu geben. Man muß nur
die Unzufriedenheit über die Zumutungen der Regierung als Enttäu-
schung über die angeblich ausgebliebenen "Veränderungen" inter-
pretieren, um einen dummen Arbeiter mit der Dialektik von eigent-
lichem Ziel der Regierung und gegenwärtigen unverschuldeten Hin-
dernissen (das Patronat, die Amis) Schach matt zu setzen:
"Pierre: Für mich hat sich nicht viel geändert. Mein Lohn kommt
den Preissteigerungen kaum nach. Es ist immer noch so schwer, am
Monatsende über die Runden zu kommen. Die Regierung unternimmt
nicht viel für die Kaufkraft.
Elyane: Vorsicht, daß man nicht alles auf den Rücken der Regie-
rung lädt.
Gerard: Es ist immer noch das Patronat, das den Veränderungen die
Haupthindernisse in den Weg legt. Es erhöht den Druck auf die Re-
gierung, man kann sogar von Erpressung sprechen. Ganz allgemein
stellt sich die Frage, ob das changement auf allen Ebenen -
Löhne, Arbeitsbedingungen, Beschäftigung usw. - von uns selber,
durch unsere gewerkschaftliche Aktion herbeigeführt wird?
Pierre: Aber was nützt es dann, eine Linksregierung zu haben?
Elyane: Das hilft natürlich!" (Zentrales CGT-Plakat)
Das ist ein offenes Bekenntnis der kommunistischen Gewerkschaft
zur Regentschaft Mitterrands! Versprechen darf sich das Gewerk-
schaftsmitglied nichts von ihr, dafür verspricht sich die CGT von
einer Linksregierung die Chance einer institutionalisierten Mit-
berücksichtigung beim "changement" und macht sich dafür zum unbe-
dingten Anwalt aller Regierungsmaßnahmen. Für den französischen
Arbeiter ist nichts nötiger als eine Partei an der Macht, die auf
die Mitwirkung der Gewerkschaften bei allen Schädigungen der Ar-
beiter setzen kann und soll, die ein dem nationalen Wohl ver-
pflichteter Staat für notwendig erachtet.
Daß er nichts davon hat, darf er sich als Lob der Regierung aus-
malen, deren durchgesetztes Programm gerade weil es auf dem Rüc-
ken der Arbeiter abgewickelt wird, von dem guten, aber ohnmächti-
gen Willen der Regierung zeugt, der deshalb die Gewerkschaftsmit-
glieder gegen die finsteren Machenschaften des Kapitals beizu-
springen haben.
Dieselben Arbeiter, die man vor dem historischen 10. Mai 1981 an
die Wahlurnen agitiert hat, werden heute damit beschimpft, zu
große Erwartungen in die Regierung zu setzen. Das "Alles hängt
von euch ab!" - der Kongreßslogan der CGT - wird von der soziali-
stischen Gewerkschaft noch um einen Grad frecher den Mitgliedern
zum Vorwurf gemacht. Der Sieg der Linken, moniert der CFDT-Chef
Edmond Maire, "hat bei den Arbeitern keine soziale Gärung, keine
Entwicklung vielfacher Initiativen in den Betrieben und Gemein-
den, sondern ein passives Wohlwollen ausgelöst", an dem ihn
stört, daß es passiv ist, weil man so "alle Schwierigkeiten auf
den Rücken der Regierung lädt". Diese Mitterrandspezis sprechen
offen aus, daß die entscheidende Reform, nämlich die Verwandlung
der Arbeiter in "verantwortliche soziale Akteure" eine Forderung
an die Arbeiter ist und kein Versprechen!
Kritik der Konkurrenz
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Die Sozialstaatsideale, mit denen die französischen Gewerkschaf-
ten sich als Kursverwalter der Regierung einbringen und ihre Mit-
glieder zum Unterstützungskampf animieren wollen, sind zugleich
Anlaß und Mittel ihrer Konkurrenz um Einfluß und Macht. Wenn z.B.
die CGT anläßlich der 39-Stunden-Verordnung als einzige Gewerk-
schaft das vorgesehene sozialpartnerschaftliche Protokoll
n i c h t unterzeichnet hat, so war diese demonstrative Kritik
der allzu lohnkürzerischen "Anwendung" der Arbeitszeitverkürzung
darauf berechnet, sich als einziger ernstzunehmender Anwalt der
"Kaufkraft" in Szene zu setzen. Die CFDT nahm den Angriff offen-
siv auf, indem sie die Devise ausgab, man dürfe nicht "der Kauf-
kraft der höher Verdienenden den Vorrang vor der Schaffung von
Arbeitsplätzen" geben. So können die Arbeiter sich aussuchen, ob
sie lieber für die Kaufkraft oder die gerechte Lohnkürzung plus
Arbeitsbeschaffung sein sollen, ob sie lieber die CGT oder die
CFDT in der Rolle einer vierten Staatsmacht sehen wollen. Welche
Gewerkschaft vermag den Draht zu ihrer jeweiligen Regierungspar-
tei besser auszunützen, diese Frage wird im ebenso einvernehmli-
chen Streit abgewickelt, wie die Sozialisten und Kommunisten ihre
gemeinsamen Regierungsentscheidungen zur Profilierung gegeneinan-
der benützen. Die beiden Seiten bemühen sich um die entsprechende
Klarheit, wenn sie sich als "Kapitalistenmauschler" oder "Agentur
Moskaus" entlarven. Die weltpolitische Offensive des Westens und
die damit gebotene "Solidarität mit Solidarität" eignet sich des-
halb auch bestens dafür, klare Fronten zu schaffen: Die CFDT
macht erbarmungslos damit Punkte, daß sie die CGT als "nur be-
dingte Anhänger der Freiheit" ins Lager des Feindes drängt, und
die Revi-Gewerkschaft sieht schlecht aus, wenn sie, um "ein Blut-
bad zu verhindern", "kein Öl ins Feuer gießen will". So bleibt
die Aktionseinheit der linken Gewerkschaften das zu ihrer Zer-
strittenheit dazugehörige Ideal, das sich dann und wann auch ein-
mal zynisch genug realisiert: "Wir haben ein wenig in der Polen-
frage zurückgesteckt, und sie haben bezüglich des Erhalts der
Kaufkraft nachgegeben." (1. Mai in der nord östlichen Stahlre-
gion)
Dies Arrangement hat mit dem, was den Gewerkschaftsmitgliedern
von seiten der Regierung abgefordert wird, absolut nichts mehr zu
tun, sondern stellt sich einmütig und umstandslos hinter das au-
ßen- und innenpolitische Regierungsprogramm. Staatstreu und na-
tionalbewußt wollen beide Gewerkschaften sein, aber der ge-
wünschte Preis dafür, daß die Interessen ihrer Mitglieder dabei
gar nicht mehr auftauchen: ihre Anerkennung als verantwortliche
Ordnungsmacht zur Durchsetzung von allem, was die Regierung an
nationalen Notwendigkeiten setzt, soll dem eigenen Verein und
nicht der Gewerkschaftskonkurrenz zugestanden sein.
Die Kämpfe haben Perspektive
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Entsprechend sehen die Gewerkschaftsaktivitäten aus, wenn sie in
den Betrieben Kämpfe unterstützen oder selber welche anzetteln.
Ob ihnen nämlich die laufenden Lohnsenkungen, Arbeitsintensivie-
rungen und Entlassungen einen Streik wert sind, hängt davon ab,
ob sich daraus eine erfolgreiche Demo für die vereinsspezifischen
"changement"-Ideale machen läßt, mit der man der Regierung den
Weg weisen, die Massen hinter sich bringen und die Gewerkschafts-
konkurrenz aus dem Feld schlagen kann. Wenn ein "Konflikt" zu ei-
nem "exemplarischen" gemacht worden ist, ist der Erfolg des
Kampfes nicht an den "unmittelbaren Ergebnissen" für die Betrof-
fenen, sondern an der "Perspektive" zu bemessen, die er für wei-
tere gewerkschaftliche Aktionen eröffnet. So werden die Franzosen
daran gewöhnt, daß die "Bedeutung" der von den linken Gewerk-
schaften durchgefochtenen Kämpfe in umgekehrtem Verhältnis zu ih-
rem Nutzen für die Arbeiter steht. Die letzte große Auseinander-
setzung bei Citroen zeigte dies in seinem ganzen Verlauf wieder
einmal "exemplarisch".
Dort wurde eine Gruppe von Gastarbeitern, die mehr Lohn und die
Reduzierung der Bandgeschwindigkeit erreichen wollte, von der CGT
massiv unterstützt, obwohl, nein weil die kommunistische Gewerk-
schaft in den Betrieb bisher keinen Fuß hineinbrachte, da die als
Werkschutz aufgebaute Hausgewerkschaft CSL bislang jedes
"citroenfremde" Element aus dem Betrieb erfolgreich hinaussäu-
berte. Der Kampf der Marokkaner um ihre Moneten wurde so zu einem
"Krieg" um das Recht der Arbeitervertretung: Die CGT zielte mit
der Streikaktion auf Verhandlungen ab, um so die Betriebsleitung
dazu zu zwingen, sie als "wirkliche" Arbeitervertretung anzuer-
kennen: Genau das suchten die Männer von Citroen und CSL mit al-
len paramilitärischen Mitteln zu verhindern. Als sich zwischen-
zeitlich der Kompromiß einer Verhandlung der Betriebsleitung mit
CGT und CSL abzeichnete, nutzte die CFDT die Gelegenheit, um dem
bedenklichen CGT-Teilerfolg ("Man darf sich nicht mit den Faschi-
sten an einen Tisch setzen!") ihr fortschrittliches Kompromißmo-
dell ("Verhandlungen in getrennten Sälen über Video!") entgegen-
zusetzen. Citroen nahm diese zukunftsweisenden Kommunikationsbe-
ziehungen freilich nur auf, um die Verhandlungen mit dem Hinweis
auf den andauernden Streik wieder abzubrechen... Das Thema, mit
dem der Kampf fortan eskaliert wurde, war die Gewaltfrage. Mit
der Parole "Freiheit bei Citroen" demonstrierten die linken Ge-
werkschaftsmassen für den "Einzug der Demokratie" in einen Be-
trieb, in dem immer noch "faschistische Milizen Schrecken ver-
breiten". Die Betriebsleitung karrte dagegen Tausende überzeugter
Citroenler in Busse, um sie für ein von "kommunistischem Terror"
freies Arbeiten bei Citroen antreten zu lassen.
Wo allenthalben der Ruf nach Ordnung laut wurde (von links:
"Citroen au-dessus des lois, ca suffit" - von rechts: "la CGT au-
dessus des lois, ca suffit"), war die Regierung angesprochen, die
gerade in der Nationalversammlung in zähem Ringen mit der Opposi-
tion das neue Gesetz über die Arbeiter- und Gewerkschaftsrechte
im Betrieb verabschiedete. Gewissermaßen zur citroenspezifischen
Erprobung seiner Reform setzte der Arbeitsminister einen Vermitt-
ler ein, der die Kampfhähne auf einen grundlegenden Wandel des
sozialen Klimas bei Citroen verpflichtete. Vor lauter Konzerta-
tionsausschüssen, Dolmetschern und Betplätzen für die arabischen
Gastarbeiter, Anschlagtafeln zur Bekanntmachung der Bandgeschwin-
digkeit (ihre Reduzierung war gefordert !), freien Personalrats-
wahlen (d a f ü r wird das Band langsamer gestellt und eine
30minütige Pause eingerichtet!) konnte man die 10% Lohnerhöhung
(bei 14% offizieller Inflationsrate) getrost vergessen, zumal
dieses "Zugeständnis" mit dem kurz darauf verfügten Lohnstop
schon wieder kassiert wurde. Für die linken Gewerkschaften aber
war das ganze ein Erfolg, weil sie von Staats wegen und gegen den
Willen der Citroenkapitalisten als deren Sozialpartner anerkannt
wurden und mit dem von der Regierung gewünschten "neuen sozialen
Klima" ein Ziel gesetzt bekamen, für das sie sich jetzt an der
Betriebsfront stark machen können.
Ein gerechter Erfolg, den sich Krusicki da auf seine Gewerk-
schaftsfahne schreibt! Arbeitskämpfe werden von französischen Ge-
werkschaften - anders als der neubewegliche DGB - durchaus noch
ab und zu initiiert: Sie dienen der politischen Aufwertung einer
Organisation, die ihre dem sozialen Frieden dienliche staatsaner-
kannte Mitbestimmungsaufgabe als leuchtendes Ziel noch vor sich
sieht. Anders als in der BRD nehmen sich Gewerkschaften in
Frankreich dafür auch noch einmal das Kapital als Gegner ins Vi-
sier: Besser als durch Arbeitskämpfe kann der Regierung gar nicht
mitgeteilt werden, daß sie gut daran täte, es gar nicht so weit
kommen zu lassen, indem sie die Gewerkschaften in die von ihnen
erwünschte staatliche Pflicht nimmt, sich an der Planung und Re-
gelung des französischen Arbeitslebens schon im vornhinein betei-
ligen zu dürfen. Wo die Interessen der dafür mobilisierten Arbei-
ter bleiben, ist klar: auf der Strecke!
Die gewandelte Rolle der Gewerkschaften
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Mit den unter der sozialistischen Regierung gewachsenen Ansprü-
chen des französischen Staats, den Erfolg der Nation immer maßlo-
ser von seinen Arbeitsuntertanen bezahlen und erst recht dessen
Ausbleiben von diesen büßen zu lassen, gehen die Fortschritte der
französischen Gewerkschaften in der Politisierung des Arbeiter-
standpunkts Hand in Hand. CGT und CFDT versprechen sich von den
sozialen und wirtschaftlichen Maßnahmen der Regierung ihre
Chance, für deren Wahrnehmung sie ihre Mitglieder und deren
staatlich bewirktes Schicksal zitieren: die Chance, vom Staat an-
erkannter Mitverantworter aller den Absichten der französischen
Regierung dienlichen und deshalb ins Werk gesetzten Notwendigkei-
ten zu werden. Deshalb sind sie in aller kritischen Entschieden-
heit dafür. CGT und CFDT verstärken diese Parteinahme für ihre
Rolle im und für den Staat noch dadurch, daß sie jeweils auf
einen Teil der Regierungskoalition zwischen Sozialisten und Kom-
munisten besonders setzen. Ihre Statthalterschaft für die kommu-
nistische oder sozialistische Einfärbung des Regierungsprogramms
macht aus der Gewerkschaftskonkurrenz darum, wer den Maßnahmen
des Staates den Segen erteilen darf, im Namen der Arbeiter ge-
troffen worden zu sein, eine nur um so entschiedenere Parteinahme
für das Glück des Arbeiters, unter Mitbeteiligung der Gewerk-
schaft regiert zu werden. Kein Wunder, daß die rechte Gewerk-
schaft Force ouvriere als einzige den Lohnstop radikal ablehnte:
Sie hat von dem auch von ihr geteilten Wunsch nach einer staatli-
chen Aufwertung der Rolle der Gewerkschaft nichts zu erwarten,
solange Sozialisten und Kommunisten an der Macht sind.
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