Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation


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       Frankreich
       

SPLENDEUR DE LA GRANDE NATION - SOZIALISTISCH VERANTWORTET

Die "sozialistische Wende" Mitterrands löst nach einem überzeu- gend errungenen Wahlsieg ihre Versprechen ein, bei allen jetzt anstehenden und bereits ins Werk gesetzten Regierungsmaßnahmen "Wachstum, Beschäftigung, industrielle Fortentwicklung und eine gewisse Position in der Welt eine bestimmende Rolle spielen zu lassen" (Mauroy). Dabei ist keine einfache Reihenfolge gemeint: Die wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen, die von dem hauptseitig Betroffenen, dem französischen Kapital, zwar nicht entzückt aber ohne grundsätzliche Gegnerschaft hingenommen werden - die Frage: ruiniert der Sozialismus die freie Marktwirtschaft Frankreichs wird nur jenseits des Rheins aufgeregt diskutiert -, ordnen sich dem Ziel unter, die unter dem Vorgänger verschluderte "gewisse Position Frankreichs in der Welt" wieder zur Geltung zu bringen. Schließlich hat Mitterrand schon seinen Wahlkampf als N a t i o n a l i s t bestritten und dafür reichte allein schon der Hinweis, daß er als hemdsärmeliger "Mann des Volkes" in ganz anderer Weise als der Altadlige Giscard prädestiniert sei, der angeschlagenen Weltgeltung Frankreichs wieder Gehör zu verschaf- fen. Seine Liebe zum M i l i t a r i s m u s verhehlte er ebenso wenig: Die Stärkung der 'force de frappe' galt ihm als Herzstück einer sozialistischen Belebung des französischen Natio- nalgefühls. Das französische Gleichgewicht der Kräfte ----------------------------------------- In Mitterrand hat die Reagan-Administration den europäischen Ein- peitscher für ihr Programm, die unerträgliche Bedrohung des Ostens totzurüsten, gefunden. Während bundesdeutsche Politiker den Wunsch anmelden, die Durchführung des NATO-Nachrüstungsbe- schlusses möchte von Friedensverhandlungen begleitet werden und das Zugeständnis solcher Verhandlungen als ihren Erfolg feiern, ist die Haltung der französischen Regierung unmißverständlich klar. "Nicht Neutralismus, sondern ein Gleichgewicht der Kräfte" (Mauroy), dem, unerträglich verletzt durch russische SS 20, nur durch bedingungslose Nachrüstung auf die Beine zu helfen ist; un- verhohlene Kritik an dem Verhandlungs"theater", das nur dazu dient, die Russen an dem ernsten Willen, Europa zu einem einzigen Raketenstützpunkt zu machen, zweifeln zu lassen; die strikte Ab- lehnung jedes von den Russen angebotenen Rüstungsmoratoriums, verbunden mit dem Hinweis auf die Anfälligkeit deutscher Politi- ker (z.B. Brandt) für solche sowjetische Erpressungsmanöver - das sind die Positionen, mit denen sich Mitterrand als der Scharfma- cher des Westens in Europa betätigt. Das zählt umso mehr, da die uneingeschränkte Unterstützung der USA einer ganz und gar frei- willigen Entscheidung Frankreichs entspringt: Als Nicht-Mitglied der militärischen NATO-Abteilung ist Frankreich weder verpflich- tet, bei der beschlossenen NATO-Nachrüstung mitzuziehen, noch ist es an den jetzt anstehenden Verhandlungen beteiligt. Um so strah- lender kommt diese wiedergefundene Rolle Frankreichs in der Welt- politik zur Erscheinung, als der Hauptbündnspartner der NATO, die BRD, seine bedingungslose Zustimmung zur Vorkriegspolitik der USA gerne mit der Berücksichtigung der Souveränität eines Mitmachers verbunden sehen möchte, was den Amerikanern schon ausreicht, an der Zuverlässigkeit der sozialliberalen Regierung stärkste Beden- ken anzumelden. Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob eine Regierung maulend auf den amerikanischen Beschluß, die Neutronen- bombe aufzustellen, reagiert und auf das Bündnisrecht zur gegen- seitigen Konsultation hinweist, oder ob Frankreichs Präsident diesen Beschluß begrüßt und mitteilt, daß das "Schutzbedürfnis" Frankreichs den Bau dieses Bömbchens in eigener nationaler Ver- antwortung unabdingbar mache, wofür auch schon alles geplant sei. Nationale Souveränität, die Mitterrand zu neuer Blüte bringen will, und die freiwillige Abhängigkeit von der westlichen Füh- rungsmacht ergänzen sich hier, weil sie klar voneinander geschie- den sind, zu einem den Amerikanern sehr einleuchtenden und leb- haft begrüßten Programm: Alles für die gloire de la France und deshalb alles für das selbständig verantwortete Niedermachen der Russen, statt sich wie beim NATO-Mitglied BRD in einer Weise zu vermischen, die Reagan, Weinberger und Haig ein Mißtrauen in die Zuverlässigkeit Schmidts geradezu aufnötigen muß. Anders als der deutsche Macher, dem der alternative Nationalismus einer Frie- densbewegung als Führungsschwäche angerechnet wird, hat Mitter- rand ähnliches nicht zu befürchten: Die Rückbesinnung auf den Stolz einer großen Nation, die ihn an die Macht gebracht hat, ga- rantiert die nationale Einheit, der Mitterand neue Ziele weist. Empört hat die französische Regierung deshalb auch den Vorschlag Brandts zurückgewiesen, auch das französische Atomwaffenpotential könnte in die kommenden Verhandlungen mit der UdSSR einbezogen werden, um den Gegner vom eigenen harten Friedenswillen des We- stens zu überzeugen. Unterhalb des souveränen Anspruchs, aus ei- gener Kraft und allein mit der force de frappe der SU das Exi- stenzrecht zu bestreiten, tut es das sozialistische Frankreich nicht mehr. Deshalb ist es eine unanständige Zumutung, den Willen Frankreichs, der seine Größe nur noch am größtmöglichen Feind mißt, in einen Verhandlungsschacher einzubeziehen. Angemessen wäre es vielmehr, wenn sich die Russen in zweiseitigen Verhand- lungen von Frankreich allein die Kapitulationsbedingungen des We- stens vorrechnen ließen. Daß dafür die 'force de frappe' allein schwerlich ausreicht, macht überhaupt nichts: Sie steht ja n e b e n und f ü r die westliche Verteidigungsbereitschaft und will so in ihrer nationalen Eigenständigkeit gewürdigt sein. Die gewachsenen weltpolitischen Ansprüche, mit denen Mitterrand sein Volk zu neuer nationaler Zuversicht anspornt, verbinden sich mit den Ansprüchen an eine sozialistisch geleitete Sanierung der Nation: Frankreich muß auch innenpolitisch an seiner ihm jetzt gewiesenen Rolle wachsen! Der Staatsdirigismus der neuen Regie- rung, die eine sozialistische Wende hin zu einer der festesten Traditionen des französischen Staates ist - selbst die dümmlich- sten Journalisten sehen sich durch das Auftreten Mitterrands ständig an de Gaulle erinnert! -, bildet eben keinen Gegensatz zur erklärten Rüstungspolitik, die Mitterand entschieden vorange- trieben sehen will, sondern ist sein unerläßliches Mittel. Mit der EG für ein großes Frankreich ------------------------------------ Nicht wiederholen sollen und werden sich jene unwürdigen Gruppen- bilder von verflossenen Gipfeltreffen, bei denen die körperliche Größe des blasierten Großgrundbesitzers Giscard nur noch unter- strichen hat, daß dem Vertreter Frankreichs nach Carter und Schmidt allenfalls die dritte oder vierte Stelle zukam. Das Re- zept, das die französische Regierung ihren Bürgern zur Gesundung der Nation vorschreibt, ist deshalb auch gleich zu einem "französischen Projekt" zur Rettung der EG ernannt worden, das nicht zu fällig ein ebenso ambitioniertes "deutsches Modell" als Vorbild der Wirtschaftsunion ablösen soll. Während Mitterrand "durch Harmonisienng der Arbeitsbedingungen aus Europa einen ein- zigen sozialen Raum" gemacht und auf die Beschäftigungssicherung als "Priorität vor allen anderen Prioritäten" in allen Ländern der EG geachtet sehen will, hat die Bundesrepublik den "Akzent auf die Inflationsbekämpfung" gesetzt und soll diese deutsche Be- tonung des Wortes Wirtschaft anderen Nationen vorgeschrieben ha- ben. So wird zwar in keinem Vaterland "der Vaterländer" Wirt- schaftspolitik gemacht, und über die ökonomische Vormachtstellung innerhalb der EG entscheiden nicht die "besseren" Wirtschaftspro- gramme - aber als Kampfansage Frankreichs an die bislang unbe- strittene Dominanz der BRD im Bündnis soll das alles schon ver- standen werden. Frankreich gefährdet den Gemeinsamen Markt, haben westdeutsche Zeitungen sehr schnell herausgefunden, und das Ver- hältnis zwischen dem Sozialdemokraten und dem Sozialisten wird als kühl empfunden; und das alles, weil von zwei Kreaturen des von den Amerikanern gesicherten Weltmarkts und Weltfriedens die eine die politische Aufwertung als Russentöter vorantreibt und deshalb auch eine Umwertung der ökonomischen Machtverhältnisse in der EG anstrebt. Sozialistenschelte: Der französischen Gesellschaft fehlt -------------------------------------------------------- es an Verantwortung für die Nation! ----------------------------------- Politiker sind kraft ihres Amtes sehr unbescheidene Naturen. An ihrer Vorstellung, es gelte, die im internationalen Kurswert un- erträglich tief gefallene gloire de la France wieder zum Strahlen zu bringen, will die sozialistische Regierung jedes Mitglied der französischen Nation praktisch teilnehmen lassen. Und dem mit diesem Anspruch geschärften Blick der Sozialisten fällt deswegen auf, daß der Beitrag der französischen Nation zur Wirtschaft weit hinter dem Anspruch der weltweiten militärischen und ökonomischen Durchsetzung, auf die diese Nation ein sozialistisches Recht hat, zurückgeblieben ist. Auch die Franzosen sind zu verwöhnt, aber anders als die SPD haben die Sozialisten in Frankreich die Wahl mit einer zukunftsweisenden Variante dieses Schlachtrufs gewon- nen, indem sie dem französischen Volk staatliche Hilfe beim Abge- wöhnen dieser schlimmsten aller Bürgertugenden versprachen. Die Kritik an der Wirtschaftspolitik der Barre-Regierung - sie habe höchst einseitig die französische Wirtschaft an den Weltmarkt an- gepaßt und sich gesundschrumpfen lassen, ohne andere Erfolge als schnell steigende Arbeitslosigkeit, Inflation und Geschäftsplei- ten - war jedoch nur das Vorspiel, dem nach gewonnener Wahl die Härte praktischer Kritik folgen mußte. Daß der Vorgänger der so- zialistischen Regierung d a s bequeme Mittel des Staats, seiner Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen - bequem, weil der Staat die Kosten andere zahlen läßt - nur zögernd eingesetzt hat - in der Staatsverschuldung ist Frankreich weit hinter der BRD zurück- geblieben - gab der neuen Regierung eine brauchbare Grundlage, mit Verstaatlichungsprogrammen und "Sozial"-maßnahmen ihre Unzu- friedenheit mit den französichen Wirtschaftsbürgern aller Sorten, zu einer Verpflichtung der Nation auf das neu gesetzte Wohl die- ser Nation werden zu lassen. Für das internationale Ansehen, das die Regierung der Nation ver- schaffen will, ist die Privatinitiative der französischen Wirt- schaftsbürger zu lahm, deshalb ist ein gewisser Zwang, der beson- ders die Kapitalisten an ihre Geschäftsgrundlage, für die natio- nale Akkumulation zu sorgen, erinnert, nur gerecht und staatsnot- wendig. Wo die Sozialisten sich ein Willensversäumnis nicht vor- zuwerfen haben, alles für die Geltung der Nation machen zu wol- len, nimmt der Vorwurf an die wirtschaftslahmen Bürgerenten, denen sie so energisch vorstehen wollen, moralische Schärfe an: Seht her, mit solchen Nieten müssen wir regieren! Man kann es Herrn Mauroy durchaus glauben, wenn er sich von den Ge- schäftspraktiken mancher französischer Kapitalisten "angewidert sieht": Für einen Politiker ist es sonnenklar, daß einer der für den Nutzen des Staates zu wenig abwirft, auch mit seinem eigenen Vorteil schlampig umgeht und ein schlechter Mensch ist. Der Wunsch, "Firmenchefs, deren Schwierigkeiten aus Unehrlichkeit und Unfähigkeit herrühren, werden mit aller Strenge behandelt" (Mauroy), kommt aus tiefster Politikerseele, selbst wenn die Ver- wirklichung an politischer Einsicht scheitern sollte. Ganz Sozia- listen, also dem Wohl des arbeitenden Menschen verpflichtet, ent- decken die neuen Sachwalter der französischen Nation die Schwäche der nationalen Akkumulation in der mangelnden Beschäftigung, d.h. im Brachliegen so vieler Hände, deren nützliche Anwendung doch den nationalen Reichtum befördern müßten, auf dessen Grundlage französische Politiker auch über die engen Grenzen ihres Staates hinaus begehrte Gesprächspartner für einige Gewaltdialoge sein wollen. Daß in den französischen Arbeitslosen nationale Ressourcen ver- kommen, liegt an einem weiteren Skandal, den sich französische Bürger in den Augen ihrer sozialistischen Repräsentanten leisten. Die kleinen Unternehmen und Handwerksbetriebe entziehen sich un- zulässig oft durch Geschäftsaufgaben und Pleiten ihrer staatsnot- wendigen Aufgabe, eine anständige Infrastruktur zu bilden und für billigen Lohn die Arbeitslosen von ihrer kosten-, aber auch ge- winnlosen Freizeit abzuhalten. Schuld daran sind jene national treulosen Großunternehmen, denen bei der Vergabe von Arbeitsauf- trägen nicht das französische Herz schlägt und die noch dazu ihr Kapital in währungshärtere Ausländer transferieren und dort ar- beiten lassen: ein kurzsichtiges, privates Profitinteresse, das den Staat daran hindert, die Mittel in die Hand zu bekommen, mit denen er weltweit etwas für die französische Wirtschaft tun könnte. Diese schlechten Angewohnheiten haben den Konzernherren die Ban- ken beigebracht. Bei diesen soll es sich um Vertreter einer zu- tiefst unanständigen Maxime handeln: "Geld regiert die Welt" - unanständig deshalb, weil es doch auf den Profit ankommt und den in der nationalen Wucht, für den der Staat einsteht. I. Aufgabe des Kapitals: Nationale Akkumulation ----------------------------------------------- Nur dogmatischen "Theoretikern" - so es solche noch gibt! - kann bei dieser tiefgehenden Kritik der französischen Regierung an ih- rer heimischen Wirtschaft auffallen, daß diese in ihrem Wunsch nach staatsdienlichem neuen Wachstum eine Lüge nach der anderen über Arbeit, Geld, Kapital und Profit in die Welt setzt. Das ist auch ziemlich belanglos, da das Machen der Wirtschaft, zu dem die Sozialisten an der Macht verstärkt ihre Staatskompetenzen einset- zen wollen, keine Sache ist, um die Gesetze des Kapitals zu b e w e i s e n; vielmehr gilt es, sie durchzusetzen, und das ist ein Beweis an dem sich jede theoretische Kritik blamiert. Deshalb ist von dem hierorts angestimmten Geschrei: "Der Sozia- lismus stürzt die französische Wirtschaft ins Chaos", auch nichts zu halten daß es sich um eine interessierte Betrachtungsweise handelt, könnte allerdings auffallen. Das ist auch nicht die Ab- sicht und Wirkung des jetzt aufgemachten staatsdirigistischen Programms der sozialistischen Regierung. Mit der Verstaatlichung der meisten Banken verschafft sich der französische Staat das Mittel, über die Konditionen profitablen Wirtschaftens - Kredit und Zins - verstärkt mitzuentscheiden. Das alles unter dem An- spruch: "Wenn der Staat ihr Aktionär ist, werden sich die Banken in ent- scheidender Weise in den Dienst der Wirtschaft stellen. Sie wer- den die Bedürfnisse der Kunden besser in Rechnung stellen. Sie werden der Beschäftigung mehr Aufmerksamkeit widmen. Es handelt sich um den ersten Schritt hin zur Errichtung eines Kreditvertei- lungssystems, das von der Beherrschung durch gewisse Privatinter- essen frei ist." Das Mißtrauen gegen "das Diktat der nationalen und ausländischen Mächte des Geldes" ersetzt er durch das Diktat, die Beförderung des produktiven nationalen Kapitals zum Mittel ihres Gewinns zu machen und diesen Gesichtspunkt in ihren Geschäftspraktiken mehr in den Vordergrund zu rücken; als hätten sie je einen anderen. Mit den staatlich neu festgelegten Zins- und Kreditsätzen, ge- spaltenen Zinssätzen und sonstigen Sonderkonditionen für kleine, exportfähige und andere Kapitale, wird sich um so besser leben lassen, je mehr das Wirtschaftsprogramm anschlägt. Und in Voraus- sicht des unnationalen Gebarens des Geldkapitals, insbesondere in Zeiten staatlicher Großverschuldung und 'Inflationstreiberei', haben die sozialistischen Wirtschaftsplaner das staatliche In- strumentarium ausgebaut, um das für Frankreich benötigte Kapital auch im Land zu halten und sich für die Verteidigung des Natio- nalkredits im internationalen Währungsvergleich zu stärken. Mit der Verstaatlichung einiger Schlüsselkonzerne "Wir vertrauen der nationalen Gemeinschaft bedeutende Unternehmen an (soll heißen, alle sollen jetzt dafür verantwortlich sein!) wie auch immer ihre finanzielle Situation aussieht, weil sie eine strategische Rolle haben." erhebt die französische Regierung diese in die Rolle, zum Motor des neuen nationalen Wachstums bestimmt zu sein, ohne dabei ihr besonderes Interesse an diesem zu vergessen: Rüstungsbetriebe und Stahlwerke gehören auf alle Fälle vor der verantwortungslosen Ka- pitalkonjunktur geschützt. Der Erfolg dieser marktbeherrschenden Riesen soll für die nationale Akkumulation ausgenützt werden, was diesen die staatliche Beihilfe für produktivitätssteigernde Ra- tionalisierungsmaßnahmen verspricht (vor Hoffnungen auf eine "schnelle Lösung des Arbeitslosenproblems" wird ja gewarnt!) und alle anderen Betriebe den Nützlichkeitsbeweis antreten läßt, d.h. ihre Existenzberechtigung in der Konkurrenz gegen und mit diesen. Auf der anderen Seite ist "die Wiederherstellung des inneren Marktes" mit der Gewährung günstiger Kredite und Subventionen an kleine und mittlere Unternehmen und staatlichen Auftragsprogram- men verbunden; der Baustop für Atommeiler war ein in der Hitze des Wahlkampfs begangener und schon korrigierter Fehler; einmal wegen der billigen nationalen Energie, zum anderen wegen der na- tionalen Atomindustrie. Sozialistische Bürgerpolitik heißt des- halb jetzt Bildung von Informationsstellen bei alten Atomkraft- werken. Die härtesten Angebote hat die sozialistische Regierung ihren Lieblingsbürgern, dem französischen Arbeitsvolk, anzubieten: Die fallen deshalb auch exemplarisch-symbolisch aus. Daß Arbeiten zum Leben gehört, dafür setzt der französische Staat ein neues Zei- chen, indem er einige tausend neue Arbeitsplätze für Kindergärt- nerinnen und andere staatliche Dienstleistende schafft. Daß vom Lohn gelebt werden muß, auch wenn er nicht einmal das Existenzmi- nimum sichert, dafür steht exemplarisch der Mindestlohn und ein sechsmonatiger Preisstop für die Lebensmittel ein, aus denen das tägliche Essen in Arbeiterhaushalten besteht und die deshalb kein Luxus sind. Die Unternehmer sollen eben nicht dieselbe Freiheit haben, die der Staat sich um so mehr nimmt, je mehr er auf der anderen Seite sozialplanmäßig kalkuliert, worauf der französische Prolet bei der allgemeinen Verarmung am dringlichsten angewiesen ist - und was er für seine verteidigungswerten Minimalpositionen in puncto savoir vivre hält. Für diesen befristeten Preisstop wird die Lohntüte nämlich in den für den neuen Aufschwung der großen Nation unumgänglichen Spar- haushalt einbezogen, der in Frankreich über die drastische Erhö- hung der Preise für Strom, Gas und andere Dienstleistungen vollzogen wird. II. Aufgabe der Arbeiterklasse: Neues Arbeiten ---------------------------------------------- "Es geht darum, die Franzosen mit ihrer Industrie zu versöhnen. Die Franzosen wollen eine Industrie, aber sie mögen ihre Fabriken nicht. Unser anspruchsvolles Vorhaben ist es, diesem Paradox ein Ende zu machen." Mit der erfundenen Differenz von Industrie und Fabriken wird un- terstellt, daß die Arbeiter nichts lieber täten als arbeiten, und daß nur die mangelnde Anziebungskraft und vor allem Einstellungs- bereitschaft der Betriebe die Erfüllung dieses innigen Wunsches vereiteln würde. Das Attentismusproblem - der Unwille, auf den Sozialisten bei den Kapitalisten stoßen, die ihnen gemachten staatlichen Anweisungen auf Geschäftserfolg umstandslos zu akzep- tieren stellt sich hier nicht, da Arbeitslose darauf warten, ar- beiten zu dürfen. Arbeit heißt das Ideal der PS und mit der Parole "Zuerst die Beschäftigung" hat Mitterrand im wesentlichen sein Wahlprogramm bestritten. Klar ist, daß es für die Proleten keinen vernünftigen Grund gibt, Fabriken nicht zu mögen, sind es doch eigentlich "ihre", weil sie Arbeitsplätze beinhalten. Der Wille zur Arbeit aber muß endlich wieder richtig zum Zuge kommen: "Das Ziel ist klar: ganz Frankreich wieder an die Arbeit zu brin- gen... Denn die Arbeit ist mehr als ein Subsistenzmittel, mehr als eine Quelle von Einkommen. Durch die Arbeit fügen sich Frauen und Männer in eine Gesellschaft ein... Wir lehnen es ab, zuzuse- hen, wie das soziale Gewebe sich unter unseren Augen auflöst. Wir rufen die nationale Gemeinschaft zur Mobilisierung für die Be- schäftigung auf." Der Prolet arbeitet also nicht wegen des nötigen Kleingelds, son- dern weil er im Rahmen des "sozialen Gewebes" seine Erfüllung findet. Die neue sozialistische Sinnstiftung besteht in der Un- terordnung unter das große, nationale Programm, für das sich alle ihren Mitteln entsprechend einsetzen sollen. Die Bedingungen zu schaffen, die es dem französischen Arbeiter ermöglichen sollen, seine nationale Pflicht zu erfüllen, hat sich der Staat zur Auf- gabe gemacht - und dafür wird eine fiktive Gefahr sozialer Auflö- sung an die Wand gemalt. Mobilisierung der Arbeit ------------------------ Mit einem Arbeitsbeschaffungsprogramm zeigt der Staat, wie sehr es ihm um Arbeitsplätze zu tun ist. Da soll französischer Waldbe- stand aufgeforstet, da sollen Kindergärtnerinnen eingestellt wer- den und entlassenen Wehrpflichtigen, die das Kapital nicht brau- chen kann, wird ein freiwilliger Zivildienst, angeboten. Gleich- zeitig kalkulieren die Politiker mit zwei Millionen Arbeitslosen bis zum Jahresende, da sie - die Arbeitsbeschaffung erfaßt weni- ger als die Hälfte der monatlichen Zunahme - auf ihr 'neues Wachstum' setzen, das dann später die Arbeitskräfte wieder brau- chen soll. Gleichzeitig wird der Sozialstaat abgebaut, indem die Leute in Arbeitsverhältnisse eingespannt werden. Denn 1. entfal- len damit Anspruchsberechtigungen, 2. erlaubt sich der Staat, So- zialmieten, Gas, Strom, Bahn etc. zu erhöhen und 3. fürs nächste Jahr eine Sanierung der Sozialversicherungen ins Auge zu fassen. Organisation des Lohnverzichts ------------------------------ Das Motto "Hauptsache Arbeit" ist die Indienstnahme der Arbeiter für das nationale Programm der Regierung. Die Proleten werden zu "Solidaritätsverträgen" aller Art gezwungen - unterschrieben ha- ben sie den Vertrag laut Mitterrand mit dem Wahlkreuzchen! - des- sen erster Paragraph lautet: Solidarität mit der Arbeit entbindet uns der Solidarität mit dem Lohn. Das Rentenalter z.B. soll auf 60 gesenkt werden (entsprechend geringe Rente, außer man hat 40 Jahre einbezahlt!) bei gleichzeitigem Verbot, danach noch zu ar- beiten: Armut im Alter, damit ein anderer schuften darf, der dann auch mit 60... Teilzeitarbeitsplätze werden eingerichtet, höhere Angestellte sollen ein ganzes Jahr ohne Gehalt aussetzen, etc. Arbeit ist wichtiger als Lohn, Arbeitslosigkeit schlimmer als - Inflation - so lautet die Botschaft, die den Arbeitern durch sämtliche Einfälle der Sozialistengehirne beigebracht wird. An die Gewerkschaften, die Mitterrands Wahl aktiv unterstützten, er- geht als treue Untergebene folgender Befehl: "In den Verhandlungen müssen die Sozialpartner der Tatsache Rech- nung tragen, daß die Menschen nur weniger arbeiten können, wenn die Maschinen mehr arbeiten. Nur Produktivitätsgewinne werden die Finanzierung zusätzlicher Einstellungen ermöglichen. (Wozu denn, wenn Maschinen arbeiten?) Die Arbeitnehmer werden den Erfolg die- ser Politik dadurch ermöglichen, daß sie einverstanden sind, daß der Arbeitszeitverkürzung im Verhältnis zur Forderung nach Erhö- hung der Kaufkraft der Vorzug eingeräumt wird." Daß der Staat eine Inflation sondergleichen produziert, Steuern in einem Maße einzieht, daß Journalisten hierzulande Giscard im Vergleich als wahren Volksfreund auftreten lassen können, wird von den Sozis und ihren Gewerkschaften in ihrem Einverständnis mit Lohnsenkungen nicht einmal als notwendiger Ausgleich disku- tiert. Die Arbeiter sollen für Wichtigeres verzichten, z.B. für die 35-Stunden-Woche. Gleichheit und "gerechtere Verteilung der Arbeit auf alle Franzosen" besteht dann darin, daß jeder Arbeit hat, wenn auch nichts zum Beißen. Den ersten Schritt hin zu dieser 35-Stunden-Woche haben die "Sozialpartner" bereits gemacht, als sie die 39-Stunden-Woche vereinbarten. Die Verhandlungen wurden durch die Wahl erst mög- lich: Die Unternehmer erwarteten Verschlechterungen und versuch- ten, noch etwas für sich rauszuholen, was insofern realistisch war, als die Gewerkschaften sich schon die Demonstration als end- lich anerkannte Kraft für den sozialen Frieden etwas kosten lie- ßen. Sie folgten dem Wunsch Mitterrands und stimmten folgendem Kompromiß zu: Die 40. Wochenstunde wird bereits mit 25%igem Auf- schlag bezahlt und die maximale Wochenarbeitszeit auf 48 Stunden festgelegt. Daß die Franzosen weniger arbeiten sollen, kann also kaum bezweckt worden sein. Für die Unternehmer ist von Vorteil die Schaffung eines Kontingents von 130 Überstunden jährlich, die nicht mehr genehmigungspflichtig sind. Damit entfällt ein Stück betrieblicher Kleinkrieg, und die Kalkulation wird einfacher. Festlegung des sozialen Friedens -------------------------------- Für solche partnerschaftliche Zusammenarbeit, wie sie bei der Festlegung einer neuen Wochenarbeitszeit von den Gewerkschaften bereits gezeigt wurde, erhalten die Arbeiter vom Staat Rechte. Für die Mitbestimmung macht er den Vorreiter, indem er sechs Ge- werkschaftsvertreter in die Aufsichtsräte verstaatlichter Be- triebe schicken will. Die Proletenvertreter dürfen bei der Aus- führung der Wirtschaftspolitik mitreden. Die anderen dürfen vor- läufig einen aufgewerteten Betriebsrat begrüßen, über den die Re- gierung folgendes zu vermelden weiß: "Der Betriebsrat hat nicht die Aufgabe zu entscheiden, sondern den Gang des Betriebs zu verfolgen und die Arbeiter zu informie- ren. Der Betriebsrat kann, besonders bezüglich Entlassungen kein Vetorecht haben. Er hat aber das Recht, informiert zu werden... Die Arbeiter müssen besonders eng bei der Entdeckung und Verhü- tung von fragwürdigen Industriellen einbezogen werden, deren er- ste Opfer sie sind." Beim normalen Opfersein darf er mitreden, aber nicht dagegensein und bei betrügerischen Liquidationen sind die Arbeiter dazu auf- gerufen, auf die nationalen Pflichten des Kapitals zu achten und dem Staat so eine Überwachungsaufgabe abzunehmen. III. Nationale Versöhnung der Klassen ------------------------------------- Diese Neuregelung des Klassenverhältnisses durch Aufgabenvertei- lung für das staatliche Programm, die im wesentlichen darin be- steht, daß beide Seiten intensiv ihrem Beruf nachgehen, d.h. die Unternehmer unternehmen, lassen also arbeiten, und die Arbeiter arbeiten billig, wird mit großem Propagandaaufwand durchgezogen. Das Klassenverhältnis verschwindet nämlich hinter der 'solidarite national' - ein Lieblingswort der Sozialisten, das Begründung und Forderung für alles gleichzeitig ist. Das Kapital versöhnt sich mit der Arbeit und der neuen Regierung über sein Wachstum, und die Arbeit mit dem Kapital, weil es an Arbeitsplätzen dieses schaffen darf. Den Unternehmern wird der soziale Friede geboten, und die Arbeit wird als d i e gesellschaftliche Kraft anerkannt und gefeiert. Die Unternehmer allerdings verhalten sich insofern klassenbewußt, als sie auf Distanz bleiben, um die ungeliebte neue Regierung und die Gewerkschaften zu Zugeständnissen zu brin- gen, die Gewerkschaften dagegen nehmen die Ideologie ernst und erwarten sich einiges von der Praxis für sich, wofür sie Opferbe- reitschaft im Mitmachen bekunden. Weil die "natürliche Verantwor- tung", an die die neue Regierung appelliert, den Franzosen auch nach der Wahl nicht vergangen ist, stehen die Aussichten für ein sozialistisches Modell im Land des gallischen Hahns trotz allen absehbaren, weil dauerhaft eingerichteten Streitpunkten nicht schlecht. zurück