Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation
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Frankreich
ESPRIT FRANCAIS
Am 3. Oktober explodierte vor einer Pariser Synagoge kurz vor dem
Ende des Sabbatdienstes eine Bombe, die vier Passanten tötete,
deren Ende in der französischen Presse als besonders "sinnlos"
beklagt wurde, weil der Sprengsatz zweifellos den jüdischen
Kirchgängern galt. Die "Verantwortung" übernahm tags darauf die
verbotene faschistische Organisation "Fane".
Die Toten waren noch kaum geborgen und die Verletzten versorgt,
schon geriet der Mordanschlag zum Requisit der üblichen Querelen
französischer Innenpolitik:
- Premierminister Raimond Barre appellierte an den Patriotismus
der Franzosen, mit dem er seit Jahren sein Wirtschaftsprogramm
durchsetzt und verlieh seinem "Entsetzen" über die Tat mit einer
"unglücklichen Formulierung" Ausdruck, die ins Kreuzfeuer einer
Öffentlichkeit geriet, die zwar genauso oder so ähnlich gedacht,
es aber nicht so gesagt hatte. Er verurteilte den Anschlag als
einen, "der gegen Juden gerichtet war und unschuldige Franzosen
getroffen hat." (Spiegel)
- Staatspräsident Giscard d'Estaing distanzierte sich im Fernse-
hen vom "Antisemitismus", vermied aber jedes Abweichen von der
französischen Außenpolitik und unterließ so ein warmes Wort für
Israel, was die
- Jüdische Gemeinde als einen Affront auffaßte, die ihrerseits
mit den Leichen "unschuldiger Franzosen" für eine anti-arabische
Politik warb und indirekt der Öleinkaufspolitik des Staates
Schuld am Massaker zuschob.
- KPF, PS und die beiden großen Gewerkschaften CGT und CFDT nutz-
ten die Gelegenheit im Hinblick auf die anstehenden Präsident-
schaftswahlen, den traditionellen Antifaschismus ihrer Gefolg-
schaft und diese zu einer Großdemonstration gegen die Regierung
zu mobilisieren, die in ihrer Polizei Rechtsradikale duldet.
Der Appell an die Staatsgewalt, nach dem Rechten zu sehen, war so
allgemein, daß die Regierung überlegt, ob sie nicht ihren Innen-
minister opfern soll, und die antifaschistischen Gegner der Mehr-
heitsparteien im Bündnis mit jüdischen Vereinigungen Erklärungen
abgaben, in denen gefordert wird, den Faschisten, die sich gegen
die Tradition der Grande Nation vergehen etwas faschistischen
Zunder zu geben, so die Gruppe "Jüdische Erneuerung":
"Wir können nicht hinnehmen, daß einzelne Geisteskranke, Hitler-
fans und Kriminelle frei rumlaufen können." (Le Monde vom
30.9.80)
Die allgemeine Kritik der Bürger am Staat, er versage oder kolla-
boriere sogar mit den Faschisten, und darüber hinaus sogar die
Drohung, ihm ein Stück Arbeit abzunehmen
- jüdische Gruppen planen eigene Schutzstaffeln aufzustellen und
eine hat auch schon mit einem Gegenattentat zugeschlagen - haben
die Regierung bewogen, den Verdacht gegen sie demonstrativ - zu
entkräften: Staatsbegräbnis für die Opfer, das staatliche Fernse-
hen brachte am 4. Oktober ausschließlich Sendungen über Antisemi-
tismus, die Resistance u.a. Ferner wurden 30 Polizeibeamte vom
Dienst suspendiert und der Innenminister konnte nachweisen, daß
nur "0,02%" der Ordnungsdiener Faschisten seien. Die Opposition
bezweifelt diese Zahlen mit dem bezeichnenden Argument, es sei
"schwer nachzuweisen", wer Mitglied einer Nazitruppe in seiner
Freizeit sei, womit sie richtig liegt, denn eine aufrechte fa-
schistische Gesinnung ist für den schweren Beruf eines zuschla-
genden Organs der Staatsgewalt gut und nicht schlecht.
Immerhin ist es so gelungen, die Opfer faschistischer Gewalt zum
Anlaß für eine Diskussion über Aufgaben, Pflichten und die rich-
tige personelle Besetzung der Staatsgewalt zu machen und die
Frage, wieso mitten in einer blendend funktionierenden Demokra-
tie, noch dazu im Entdeckerland von Freiheit, Gleichheit, Brüder-
lichkeit, Leute auf die Idee kommen, mit ihrer Freiheit Ernst zu
machen, gegen die Ungleichheit im Namen der verschworenen Bruder-
schaft aller Franzosen Leute umzubringen, in das alte Intellektu-
ellenproblem des Antisemitismus einmünden zu lassen. Antisemitis-
mus aber, so zitiert der "Spiegel" den
"jüdischen Soziologen und Publizisten Raymond Aron, wuchert in
Frankreich seit mindestens tausend Jahren."
Wer könnte da noch auf den Gedanken verfallen, daß die 160 fa-
schistischen Anschläge in Frankreich zwischen 1977 und 1980 an-
derswo ihren Grund haben könnten, als in einer, wenn auch skanda-
lösen Marotte des esprit francais?
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Seminarfaschismus
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Die französische "Nouvelle Droite" (Neue Rechte) hat den Pariser
Bombenanschlag gleich im Namen der Lehre begrüßt, die aus ihm zu
ziehen sei: Das französische Volk (!) hat sich (!) dort seiner
(!) eigentlichen Stärke beraubt (!), weil (!) es schwächlich her-
umlungerte und einem "lebhaften Bourgeoismus" frönte, der
"das häßlichste und heimtückischste Gerücht des Totalitarismus
(ist), nämlich jenes, welches allen Völkern der Welt ihre Seele
nimmt..." ("Le Monde" 8.10.80)
Diese durch und durch gewöhnliche faschistische Kritik an den
Mitgliedern einer entseelten
"Warengesellschaft" (die) "nurmehr den Komm derselben Fernsehse-
rien made in USA, derselben Schlager, derselben industrialisier-
ten Getränke gemeinsam (hat)..." "(und) jegliches Gefühl nationa-
ler Zugehörigkeit entwurzelt.",
bezieht ihre bis an die Grenzen unverständlichen Blödsinns voran-
getriebene intellektuelle Brillanz aus der großartigen theoreti-
schen Unbefangenheit, mit der die Denker der Nouvelle Droite ge-
gen den
"durch Assimilation an ein universelles Kulturmodell berbeige-
führten kollektiven Tod"
ankämpfen. Durch ihren öden Verschnitt des Reaktionärsten, was
sie dem "Marxisten Gramsci so gut wie Hegel, Ernst Bloch so gut
wie Arnold Gehlen" ("Süddeutsche Zeitung") ablauschen konnten,
glauben sie, "erfolgreich der weltweiten Standardisierung entkom-
men" ("Le Monde") zu sein. Doch wohl nicht ganz zu recht! In den
Schriften des Kuratoriumsmitglieds ihres Vereins, Konrad Lorenz,
hätten sie immerhin die Warnung finden können, daß vom Denken
her, das alles frißt, eine "Verhausschweinung des Menschen"
droht, die das "Wesen" unserer "Art" gefährdet.
Daß sie ihr "Leuchtkraft und Vitalität" der "nationalen Identi-
tät" beschwörendes Denken gleichwohl n i c h t in den selbstlo-
sen Dienst einer p o l i t i s c h e n Bewegung zur Rettung der
"Volksgemeinschaft" stellen, sondern sich als p h i l o s o-
p h i e r e n d e Faschisten gefallen, die das Bombenwerfen auf
Juden auch im Interesse von d e r e n auf "geistige und
physische Integrität" abgestellte "Gemeinschaft" verurteilen und
damit ihren eigenen Rassismus t o l e r a n t heraushängen
lassen, zeigt nicht nur, daß der e x i s t i e r e n d e
französische Staat den terroristischen Träumen seiner geistigen
Elite (und seiner Bürger) g e n ü g t, sondern auch umgekehrt,
daß e r mit ihnen im schönsten inneren Frieden lebt.
Auch das ist eine Lehre aus der "Saat der Gewalt", allerdings
keine "Mahnung an die Lebenden", sondern ihre Kritik.
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