Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation
zurück
Frankreich
EIN CLOWN VERARSCHT DIE DEMOKRATIE
Für Aufregung sorgt ein Leck-mich-am-Arsch-Kandidat, der "die
Faulenzer, Ungewaschenen, Drogensüchtigen, Alkoholiker, Homos,
Frauen, Araber und Franzosen" auffordert, ihn zu wählen und auf
diese Weise den etablierten Berufspolitikern "in den Arsch zu
treten", der Berufskomiker Coluche.
Die zwar nicht unsympathische, aber auch nicht gerade berau-
schende Respektlosigkeit Coluches besteht darin, daß er sein Ko-
mikergeschäft so weit treibt, sich ohne Sinn für die Würde einer
demokratischen Wahl mit Politikern auf eine Stufe zu stellen:
"Alle Politiker sind Komiker - dann wählt doch gleich einen
Profi, dann habt ihr wenigstens was zu lachen!"
Bei den französischen Bürgern (deren "geheimsten Wunsch" für 1981
der Nouvel Observateur kürzlich entdeckt hat: "Man soll uns nicht
mehr belügen!") kommen Sprüche wie "Wir werden beschissen, daß es
nicht mehr feierlich ist" an. Was sie mit dem Komiker eint, ist
der Standpunkt des kritischen Stammtischpolitikers, der sich was
darauf zugute hält, sich nichts vormachen zu lassen:
"Endlich mal einer", begeistert sich ein Pariser Wirt für den
"candidat des bistros", "der diesen ganzen Gaunern in der Politik
die Meinung sagt."
Coluches Wahlziel ist also tatsächlich mit den zwei Stunden Sen-
dezeit im Fernsehen, die ihm als Kandidat zur Verfügung stehen
würden, erreicht.
Dieser "Furz, der in vielen Ohren angenehm klingt" (Le Monde),
hat in der Sphäre des Geistes ein gewaltiges Echo ausgelöst. Dies
der zweite Witz: Auf der einen Seite bilden Universitätsprofesso-
ren ein Unterstützungskomitee für Coluche, weil sie in seiner
Verarschung der Politiker, die für das Amt des Präsidenten kandi-
dieren, eine Kritik des Amtes selbst sehen wollen, das "in unse-
ren Augen die schlimmste Bedrohung der demokratischen Institutio-
nen darstellt." Aus der gleichen Sorge um ordentlich funktionie-
rende demokratische Institutionen heraus legen andere Intellektu-
elle die Stirn in tiefe Falten: Coluche sei ein beunruhigendes
"Symptom" einer "wachsenden Staatsverdrossenheit", unkt man von
rechts bis links, und die immer kritische Presse konstatiert bei
der Jugend eine gefährliche "Abwendung von der Politik" und sieht
in Coluches "antipolitischer Vulgarität" gar einen neuen Faschis-
mus heraufdämmern. Diesseits des Rheins konstatiert man einer-
seits den Erfolg des Komikers, der seinen Staatspräsidenten als
Diamantenjäger und den Oppositionsführer als eitlen Opportunisten
anpinkelt, nicht ohne Genugtuung über das an der Spitze saubere
Modell Deutschland. Andererseits läßt ein frankophiler Edeljour-
nalist wie Peter Scholl-Latour pikiert durchblicken, daß Coluche
d e n S t a a t ü b e r h a u p t zersetze und weigert, sich
angewidert, "diese Zoten" auch noch zu übersetzen.
In dieses Konzert von Warnrufen stimmen natürlich die um Wähler-
stimmen besorgten Politiker freudig ein, allen voran die Gralshü-
ter der Demokratie auf der Linken, die demonstrativ ihren "Ekel"
darüber zur Schau tragen, daß da einer "die demokratischen Insti-
tutionen lächerlich macht und mißbraucht", denn die sind "kein
Spaß", sondern heilig und unantastbar, weil "Leute dafür gekämpft
haben und sogar dafür gestorben sind". Es braucht also nur einen
mittelmäßigen Clown mit ein paar despektierlichen Sprüchen, und
schon sind sich alle demokratischen Politiker darüber einig, wo
der Spaß aufhört.
***
Leserecho Frankreichs KP-Vorsitzender Georges Marchais zum Arti-
kel "Die zivile Force de Frappe" in der MSZ Nr. 6/80, S. 35:
"In der Atomindustrie sind die Franzosen die Besten der Welt.
Deshalb versuchen die Amerikaner alles, ihre Weiterentwicklung zu
verhindern. Ich beschuldige die Kernkraftgegner, Agenten des ame-
rikanischen Imperialismus zu sein." (in: Neue Kronenzeitung,
6.1.81)
zurück