Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation
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Frankreich
DIE MAIUNRUHEN DER CITOYENS
Angesichts der "Sparprogramme", die in Frankreich mit so ziemlich
denselben Methoden wie hier durchgezogen werden, - nach dem
Motto: ihr zahlt und wir belangen euch mit billiger Lohnarbeit,
Arbeitslosigkeit, Armut und Raketen - nehmen sich die Maiunruhen
der Reiseunternehmer, Rechtsanwälte, Studenten, Cafetiers, Klein-
händler und tutti quanti - bis auf die Arbeiter - als eine recht
trostlose Angelegenheit aus.
In der produktiven Abteilung herrscht - dank der großen Gewerk-
schaften und der KPF - in den letzten Monaten Betriebsfrieden.
Die letzten Streiks in der Autoindustrie fanden im November statt
und wurden von Anfang an von den feinsinnigen Medien als
"unfranzösisch", "von Khomeinis und Maghrebinern aufgeheizt" de-
nunziert. Die aktuelle Unzufriedenheit der Bürger trägt sich da-
gegen der Form nach viel militanter vor als die Lahmlegung von
einigen Autofließbändern. Und dennoch können Kleinhändler, die
mit Molotows die Pariser Börse schließen, Studenten, die Parkuh-
ren zugipsen und sich Straßenschlachten mit der Polizei liefern,
oder Bauern, die ein Gefängnis stürmen, in einem Finanzamt rum-
zündeln, etc. in der rechten französischen und ausländischen
Presse mit einem gewissen Wohlwollen rechnen nach dem Motto: in
der Sache recht, aber mit falscher Methode.
Straßenkampf für Privilegien
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Daß das Volk im sozialistischen Frankreich geschröpft wird, ist
eine öffentliche Selbstverständlichkeit - gerade so, als wären
die proletarischen Existenzen genau dazu da und hätten genug zum
Einsparen.
"Die Frage ist nur, wie lange die Gewerkschaften ihr Fußvolk (!)
bei der Stange halten können",
fragt sich ein Menschenfreund in der "Süddeutschen Zeitung". Daß
jedoch der medizinische Nachwuchs staatlicherseits verbilligt
werden soll, gilt als unverschämte Attacke auf ehrwürdige beruf-
liche Privilegien, als sozialistische "Gleichmacherei". Da stört
nicht, daß Gesundheit als Sparposten, - "ein Loch in der Securite
sociale" - behandelt wird; empörend soll sein, daß junge Ärzte
demnächst als billige Stationshilfen auf Konkurrenzvorteile ver-
zichten sollen; daß "das Privileg,... einige Jahre in der Ausbil-
dungsphase unter berühmten Professoren gearbeitet zu haben", an-
getastet werden soll, bringt Medizinmänner zur Verweigerung ihrer
Dienstleistungen. Und das Krankenhaushilfspersonal läßt sich bei
den Streiks auch noch zu den nützlichen Idioten für Standesinter-
essen der Weißkittel machen. Der Medizinerstreik begann im April
beim Hilfspersonal und den Assistenzärzten; weitete sich dann in
der Fakultätshierarchie aus. Die "ganze Einheit des Spitalärzte-
korps" war sich sicher, daß hier am unpassenden Material gespart
wird.
"Im Vordergrund bei all diesen Protesten stehen nicht so sehr ma-
terielle Forderungen als eher der Wunsch, die Regierung solle von
einer Neuordnung der medizinischen Laufbahn und einer Abänderung
der Hierarchie im Ärztewesen Abstand nehmen",
zumal die Medizinerzunft behauptet, nach einer "Nivellierung von
oben nach unten" gemeint ist die Abschaffung der staatlich finan-
zierten Privatbetten - vor lauter Sozialismus kaum noch Standes-
unterschiede zu kennen. Mit ihrer angestammten Berufsheuchelei
streiten sie ausschließlich für eine bessere medizinische Versor-
gung - der Privatpatienten.
Die oft bebilderten Studentenstreiks - ZDF und ARD beliebten nur
das Faktum und die staatliche Niederschlagung gleich ohne jede
Aufklärung vorzuführen - sind von Juristen und Medizinern ausge-
gangen. Unter der Parole "F r a n k r e i c h b r a u c h t
E l i t e n" demonstrierten die Jungakademiker einträchtig mit
ihren verkleideten Profs, unter deren Talaren die 68er Studenten
einst 'den Muff von 1000 Jahren' entdeckt hatten. Und die aktu-
elle Umkehrung der alten linken Studentenparole 'Arbeiterkinder
in die Uni' lautet 1983 "Keine Nichtabiturienten an die Hochschu-
len". Die französische Intelligenz ("Wir sind hier, weil die Re-
form die französische Intelligenz zerstört") sieht sich von einer
sozialistischen Hochschulreform bedroht, die möglichst viel Stu-
denten an die Uni lassen will, um aus den Massen mit verschärfter
Selektion eine leistungsfähigere Elite für die Nation hervorzu-
bringen. Vor dieser Reform war ganz fiktiv eine Bildungskatastro-
phe aufgemacht worden - als hätte es je an studierten Dienern mit
dem entsprechenden geistigen Rüstzeug für Staat und Kapital ge-
fehlt. Mauroy, der Mann, der mit dem Vorwurf einer international
zu geringen Produktivität das französische Unternehmertum dazu
auffordert, vermehrt die fortschrittlichen Methoden der F r e i-
s e t z u n g v o n A r b e i t e r n zu benutzen, will auf
der anderen Seite einen bedenklichen M a n g e l a n A k a-
d e m i k e r n festgestellt haben. Ob Frankreich da nicht eine
nationale Produktivkraft vernachlässigt hat:
"Kann die Regierung es hinnehmen, daß Frankreich bezüglich des
Prozentsatzes junger Akademiker nur den achten Rang einnimmt?"
Nicht gegen ihre Verpflichtung auf's Wohl der Nation empören sich
die Studenten, sondern dagegen, daß deren Organisation als Privi-
leg nun durch gewisse Formen der Konkurrenz beeinträchtigt werden
soll. Sie wehren sich gegen eine neue Eingangsprüfung zum Haupt-
studium und verlangen von der Regierung einen numerus clausus
gleich zu Beginn des Studiums, damit die nachrückenden Konkurren-
ten draußen bleiben - selbstverständlich in deren eigenem Inter-
esse: "'Wo sollen die neuen Studenten unterkommen, wenn wir doch
fast schon 1400 im 1. Jahr sind?".
Und weil dieser "unpolitischen" Elite - darauf sind sie stolz -
die rechten Parolen gegen die sozialistische Gleichmacherei nicht
fremd sind, kommt es in Paris und anderswo zu "antimarxistischen"
Studentenmärschen, auf denen Mitterrand das Ende von Allende pro-
phezeit wird. Da halten es die Linken - im Prinzip regierungstreu
- für "höchste Zeit, die Straße nicht den Rechten zu überlassen!"
Sie veranstalten - zwecks Verteidigung der Linksregierung! - Ge-
gendemonstrationen, in denen die Öffnung der Universitäten be-
grüßt, die Verschärfung der Auslese aber bedauert wird, was nicht
gerade von Einblick in den Zweck der Konkurrenz zeugt. Und sie
entdecken in der geplanten Umbesetzung eines Univerwaltungsgremi-
ums mit 1/6 Kapitalvertretem, 1/6 Gewerkschaftern und 1/6 Vertre-
tern des sogenannteu öffentlichen Lebens den Einzug von schmutzi-
gen Kapitalinteressen in ihre alma mater. So marschieren sie ge-
trennt, spiegelverkehrt: Jura-Profs z.B. demonstrieren gegen die
"Syndikalisierung" und "Banalisierung" der Wissenschaft, die die
Hochschul-Reform angeblich mit sich bringt, unter dem gemeinsamen
Kampfruf: "Facultes, liberte".
Das Freiheitsrecht auf Kleinhandel
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Und auch die Krauter und Kleinhändler gerieten in Rage. Dem na-
tionalen Korporationsgeist der akademischen Elite steht das Stan-
desbewußtsein der Handwerker, Kleinhändler und -kapitalisten, -
leutselig 'petits pations' genannt - in nichts nach. Sie münzen
ihre Betroffenheit in puncto Steuerbelästigung, Bilanzschnüffe-
leien, staatlichen Zwangsanleihen, Geschäfts- und Handelsbe-
schränkungen z.B. über staatliche Preiskontrollen auch in ein
standesgemäßes Biedermannsprogramm um. Die allerletzten Freibe-
ruflerverbände führen ihre Mitglieder zu Tausenden und gleich
mehrmals in einer "Defilee der Freiheit" quer durch Paris und die
Provinzen. Gerade so als ob sie von Beruf Franzose wären, demon-
strieren sie ihre Unzufriedenheit singend mit der Marseillaise
und führen sich so auf, als sei das moderne Frankreich ein vor-
bürgerlicher Ständestaat, dessen Regierung zur pfleglichen Erhal-
tung ihrer vielzähligen Gewerbetreibenden und Respektierung von
deren Würde verpflichtet sei. Die Kleinhändler protestieren als
ehrliche Gewerbetreibende, um ihre Standesehre zu verteidigen,
"Solidarität mit den Professionen, die öffentlicher Verfolgung
ausgesetzt sind", weil angeblich einige unter ihnen von der Re-
gierung als 'illegale Preistreiber' diffamiert worden sind. Ir-
gendwie kann einem so ein Friseur oder Fischhändler auch mal leid
tun. Wenn er die Durchsetzung 'schwerer Zeiten' à la francaise zu
spüren bekommt, und selbst sein bornierter Protest von staatli-
chen Spezialisten, CRS, zusammengeschlagen wird, will er partout
nicht bemerken, daß seine Obrigkeit in Paris ein anderes Programm
verfolgt, als ausgerechnet die Zunft der Friseure zu fördern.
Solche Untertanen, die aus ihrem Metier ein A n r e c h t auf
professionelle Berücksichtigung basteln, bringen eben auch als
Spitze ihrer Kritik am Regierungsprogramm nur den Berufsstand-
punkt hin:
"Mitterrand, ein Inkompetenter, umgeben von Inkompetenten."
Als ob die Regierung einer imperialistischen Nation sich
d a d u r c h als "inkompetent" erweisen würde, daß die staatli-
che Beanspruchung der nationalen Wirtschaftskraft und die Maß-
stäbe der Kapitalakkumulation keine Existenzgarantie für kleine
Privateigentümer enthalten.
Moderner Bauernkrieg
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Die Bauern bekommen seit Jahren zu spüren, was es heißt, über den
EG-Markt in Schrumpfexistenzen und wenige gewinnbringende Unter-
nehmer sortiert zu werden. Ein Schweinezüchter aus Quimper:
"Die Preise sind so niedrig, daß wir nichts zu verlieren haben.
Wenn wir nichts unternehmen, wird es die meisten von uns in einem
Jahr nicht mehr geben."
Und sie rühren sich in bekannt militanter Form. Sie haben ihren
M. le President ausgepfiffen, als dieser ihre Probleme mit den
seinigen teilen wollte. Aber an dessen internationale Schuldneri-
deologie -
"Gewisse Formen des Wirtschaftsimperialisnius aus den USA... und
Verbündete, die uns einen ökonomischen Krieg erklären, europäi-
sches Komplizentum" -
glauben sie als bäuerliche Franzosen aufrichtig. So sehr stehen
die Landwirte zum Ideal des 'produire francais', daß sie rasend
vor Wut für die französische Wurst- und Schinkenproduktion mit
Eisenstangen und Molotows ein bretonisches Gefängnis stürmen, An-
stalt und Auppasser ramponieren, um zwei Kollegen zu befreien.
Diese hatten wegen Einbruch in die lokale Wurstfabrik gesessen -
wo sie die Unterlagen für ihren unnationalen Ruin finden wollten:
deutsche Importzettel von deutschen Schweinen. In Paris führten
sie in einem Demonstrationszug die leibhaftige Schande, einen
deutschen Lastwagenfahrer, der zollfreies Schweinefleisch aus der
CSSR geladen hatte; als "Gefangenen" mit.
Der Bauernprotest richtet sich n i c h t dagegen, daß und wie
der EG-Agrarmarkt die K a p i t a l i s i e r u n g der Land-
wirtschaft voranbringt, indem er auch diesen Berufsstand dem Kri-
terium der Rentabilität gleich international unterwirft und auf
diese Weise ein europäisches Exportgeschäft gleichzeitig mit ei-
nem gesamteuropäischen Bauernlegen zustandegebracht hat. Ganz
n a t i o n a l-dumm bekämpfen die Bauern die
a u s l ä n d i s c h e n Konkurrenten als Ursache ihrer Schädi-
gung und lassen ihrer Wut darüber freien Lauf, daß ihre Regierung
nicht ihrer angeblichen Pflicht nachkommt, exklusiv die Landwirt-
schaft als die eigene Existenzgrundlage gegen französische Pro-
fite mit ausländischer Ware zu verteidigen. Und so lassen sie
ganz respektlos ihrem Zorn, nicht als nationaler Nährstand geför-
dert zu werden, freien Lauf: Verwaltungsgebäude werden demoliert,
Bullenautos landen im Kanal, das französische Grenzpersonal wird
vorübergehend überflüssig gemacht, und in Brüssel haben sie - an-
läßlich der EG-Grenzausgleichsverhandlungen, die vor allem durch
die Währungsschwäche Frankreichs anstanden - ihrem Landwirt-
schaftsminister gegen dessen europäische Komplizen Dampf machen
wollen. Nachdem die
Französische Polizei
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die ganze Zeit ihre Pflicht getan und die Demonstrationen abge-
räumt hatte, nahmen die Polizeiorganisationen die Statistiken
verletzter Polizisten samt zweier Todesfälle (bei einer Razzia im
Pariser Nuttenviertel) zum Anlaß, nach deren würdevoller Beerdi-
gung eine Demonstration des Inhalts zu inszenieren, die Polizei
sei das eigentliche Opfer der sozialistischen Regierungspolitik.
Mit der Forderung, der Justizminister - "Badinter, Mörder!" - und
der Innenminister sollten zurücktreten, protestierten sie gegen
die Liberalisierung des Strafrechts als eine einzige Untergrabung
des Rechtsstaats unter Verletzung diverser Bannmeilen, was wache-
stehende Polizeikollegen - damit ist der Skandal perfekt - auch
noch solidarisch zuließen. Daß mit dieser parteipolitisch gefärb-
ten Demonstration der Ordnungskräfte, deren Berufsstandpunkt na-
turgemäß eher zu den umstandslosen Befürwortern von Ruhe und Ord-
nung tendiert, die an der Veranstaltung auch tatkräftig beteiligt
waren, allerdings gleich die Ordnung selbst in Frage gestellt
worden wäre, wie es diverse in- und ausländische Zeitungen wissen
wollten, ist einigermaßen albern. Wenn Polizisten gegen eine ih-
rer Meinung nach "zu milde Behandlung von Kriminellen" und für so
staatszersetzende Forderungen wie eine effektive Vorbeugehaft de-
monstrieren, erschüttern sie weißgott nicht die staatliche Ord-
nung. Die politische Antwort war dementsprechend: Mit der sofor-
tigen Entlassung einiger Anführer aus dem Polizeidienst wurde
klargestellt, daß Polizisten als fraglose V o l l-
s t r e c k e r von Ruhe und Ordnung zu fungieren haben und daß
ihnen das Politisieren auch nur als ihre Privatmeinung zusteht,
während die politische E n t s c h e i d u n g über das Wie und
Warum von Ruhe und Ordnung ausschließlich Sache der Gewaltinhaber
ist.
Die zeigen sich dann umgekehrt, was die "Probleme" der polizeili-
chen Berufsausübung betrifft, durchaus verständnisvoll: Premier-
minister Mauroy hat seiner Polizei die Bildung eines Nationalrats
zur Verbrechensbekämpfung zugesagt.
Wenig Betroffenheit bei der Regierung
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Die sozialistische Regierung benutzt die Proteste - leicht verän-
dert - agitatorisch für sich. Nach den Brüsseler Verhandlungen
verkündet der neue Agrarminister Rocard "Die demonstrierenden
Bauern sind eine Unterstützung für die französische Regierung",
und die bedrohten Bauern werden stille - als seien ihre existen-
ziellen Nöte inzwischen gut in Paris aufgehoben.
Auch gegenüber den übrigen Demonstrationen, Streiks und nachge-
reichten differenzierten demoskopischen Neigungskurven über die
Figuren in Paris zeigen die Machtinhaber wenig Betroffenheit.
Warum auch? Mitterrand kennt die conditio sine qua non seiner
Macht ebenso gut wie die Presseheinis. "Was Mitterrands Mann-
schaft den Franzosen an Austerität zugemutet hat, hätte unter je-
der rechten Regierung den Generalstreik ausgelöst."
Die Regierungsbeteiligung der Kommunisten und der damit auch von
der Basis eingekaufte Betriebsfrieden, das praktische Stillhalte-
abkommen mit den entscheidenden Gewerkschaften CGT und CFDT über-
läßt mit dem Prädikat 'Bewegung' den Veranstaltern der "Auste-
rität" die ganze Fülle der staatlichen Macht.
...dafür viel Gewerkschaftssolidarität mit ihr
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Gibt es schönere Treuebeweise als die gemeinsamen Gewerkschafts-
demonstrationen am 1. Mai, das gewerkschaftliche Bekenntnis zur
prinzipiellen Gefolgschaft? Die Parole hieß schlicht: "P o u r".
An "Forderungen" war an diesem "Kampftag der Arbeiterklasse" zu
hören, das Changement solle sich besser (!) im Alltag auswirken.
Nur die relativ kleine rechte Gewerkschaft, FO, hat keine reine
Dafür-Demo veranstaltet, - allein um sich in der Gewerkschafts-
konkurrenz zu profilieren. Ihr einstündiger (!) Generalstreik am
18. Mai diente keinem anderen Zweck als der Selbstdarstellung:
"sie hat einen Test der Unzufriedenheit und der Mobilisierungska-
pazität durchgeführt."
Auf d i e entscheidende Grundlage seiner Macht kann Mitterrand
sich also verlassen. Und das ist kein Geheimnis für niemanden.
Hämisch tituliert die "Süddeutsche Zeitung" den Kommunistenchef
Marchais als "Mitterrands Getreuer", und das ist er auch, denn
die systematische Schädigung der Werktätigen reklamiert er als
Abweichung vom Kurs, Frankreich stark zu machen:
"die französischen Werktätigen erwarten eine andere Logik, bei
der das produire francais im Mittelpunkt stehe."
Mit der Sicherheit über den Gehorsam der Deppen der Nation im
Rücken kann Mitterrand die Unzufriedenheit seines akademischen
Nachwuchses arrogant abkanzeln: "Ein mittelmäßiges Theater", und
sich auf die proletarische Unterstützung berufen: Die Gewerk-
schaften lassen "ihre" Linksregierung nicht von rechts angreifen.
So wenig fürchtet Mitterrand die oppositionelle Unzufriedenheit
seiner Bürger, daß er es sich erlaubt, mit der Schädigung ihrer
Interessen für eben diese Benutzung der Staatsmacht Propaganda zu
machen. Das eigentliche Opfer der sozialistischen Regierungspoli-
tik will er selbst sein, denn wegen seiner
v o l k s f r e u n d l i c h e n Wohltaten sieht er die
R e a k t i o n marschieren. Weil die Verarmung der einen Sorte
von Untertanen ohne Widerspruch über die Bühne geht - die Partei-
nahme der Gewerkschaften für "ihre" sozialistische Regierung ge-
rantiert die staatstreue Interpretation d i e s e r Opfer als
unerläßliche Begleiterscheinungen auf dem Weg zum sozialistischen
Fortschritt -, wird die Unzufriedenheit der anderen Sorte von Un-
tertanen von deren Verursacher in der ganzen Arroganz der Macht
von oben politisiert und umgedeutet: auf den sozialen Fortschritt
in Frankreich zielen Angriffe von rechts. Weil die Gewerkschaften
hinter der Regierung stehen und ihre Mitgliedschaft in aller
Loyalität die gehörigen Opfer bringen lassen, wird der Protest
der anderen für ungehörig erklärt, und die Sozialisten mobilisie-
ren dagegen das Gerechtigkeitsgefühl ihrer proletarischen und ge-
werkschaftlichen Parteigänger. Mit der alten Parole der Arbeiter-
bewegung: Wenn Opfer, dann gleichmäßig und auch welche von den
bessern Leuten, inszenieren die Vertreter des "Changement" ihre
sehr unterschiedliche, weil funktionelle Inpflichtnahme der Na-
tion dergestalt als Kampf um die s o z i a l e G e r e c h-
t i g k e i t. Den protestierenden Untertanen wird mit dieser
Technik der Herrschaft die Rechnung aufgemacht: Unzufriedenheit
gibt es nur als Mißbrauch von rechts - oder ihr seid für uns!
Mauroy warnte die rebellierenden Studenten vor der Verführung
"durch rechtsextremistische Elemente, und weil Extremismus immer
schlecht ist, droht er allen,
"diese extremistischen Gruppen werden so bestraft, wie die Repu-
blik diejenigen bestraft; die sie nicht respektieren."
Ganz vom Standpunkt der uneingeschränkten Gewalt wird jedem Auf-
mucker mit dem Staat gedroht - Wer gegen uns ist, der ist selber
schuld... Schulbuchmäßig - l'etat c'est moi - droht Mitterrand
mit der 'Vertrauensfrage':
"Der erste Verantwortliche im Staat bin ich. Nicht die Straße,
sondern ich selbst habe zu entscheiden."
Eine einzige Demonstration von oben, daß die sozialistische Ver-
pflichtung. auf's Volk keine Skrupel gegenüber dem Einsatz der
Staatsmacht gegen dessen Proteste kennt.
Schadenfreude beim deutschen Erbfreund
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Diese unverfrorene Technik der Herrschaft ist in der hiesigen
Presse nicht Gegenstand. Im Hochgefühl der bundesdeutschen Been-
digung "sozialistischer Experimente" wird s c h a d e n f r o h
am Beispiel Frankreich über deren Unvernunft herumraisonniert.
Französische Anklagen gegen den deutschen Konkurrenzerfolg werden
mit dem scheinheiligen Hinweis auf das eigene angeblich soziali-
stische "Über-seine-Verhältnisse-leben" zurückgewiesen. Und wäh-
rend auf der einen Seite die französiche Ausgabe des "Spar-
programms" als Rückkehr zur Vernunft gewürdigt wird, verfolgt man
auf der anderen Seite mit dem gleichbleibend gehässigen
nationalen Interesse die jetzigen Auseinandersetzungen als typi-
sche "Fehler" der "sozialistischen Gleichmacher". Die werden in
deutscher Gründlichkeit gleich zu einer existentiellen Gefährdung
der französischen Staatsmacht aufgebauscht - statt die höheren
Stände anzugreifen, sollte sich Mitterrand lieber den deutschen -
'sozialen Frieden' zum Vorbild nehmen.
"S o z i a l i s m u s in der Klemme?" wird scheinheilig gefragt
und die Bilder von zusammengeschlagenen Studenten und entlassenen
Polizeipräsidenten sollen die Antwort geben, na, klar! - auch
wenn sie gerade das Gegenteil bezeugen. Für das Bild vom ange-
schlagenen französischen Sozialismus lügt die Journaille bei der
'Berichterstattung' über die Unruhen wie gedruckt, um z.B. die
Demonstration der Polizei mit der Forderung nach Vorbeugehaft (!)
und Verstärkung der Polizeimittel in einen schweren Schlag gegen
die Pariser Regierungsmannschaft zu verwandeln.
Das Urteil, daß Mitterrand eine schwache Demokratie anführt, wenn
soviel Leute das Recht auf freie Meinung und Demonstration miß-
brauchen, läßt die deutsche Presse flugs nach einer "stärkeren"
Ersatzmannschaft Ausschau halten, die gleich auch noch eine
staatsmännische Rüge erteilt bekommt:
"Weder Gaullisten noch UDF beeilten sich aus dieser Schwachstelle
Kpaital zu schlagen." "Es blieb im Lager der Rechten erstaunlich
still.",
ganz so, als würde hier die Parteiopposition in Brokdorf oder bei
Anti-NATO-Demonstrationen in den ersten Reihen marschieren.
"Der Opposition paßt der Kampf auf der Straße nicht. Gaullisten-
Chef Chirac meldet sich in Paris als Staatsmann und nicht als
'junger Wolf' zu Wort." -
Diese demokratische Presse, deren einzige Sorge stabile Herr-
schaft anderswo ist, spekuliert jetzt schon auf "vorgezogene Neu-
wahlen" und bedauert, daß für die Machtübernahme keine Mannschaft
nach ihrem Geschmack bereitsteht.
"Für eine Wachablösung, käme sie morgen, fühlt sich die Opposi-
tion nicht reif."
Ohne jeden demokratischen Schnörkel wird Bonn für Paris als Mu-
sterexemplar in Sachen gelungener Ermächtigung vorgestellt. So
sehen die Wunschträume demokratischer Pressefritzen aus: sich
selbst ein befreundetes Nachbarland als Kopie deutscher Herr-
schaft vorzustellen.
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