Quelle: Archiv MG - EUROPA FRANKREICH - La grande nation
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Die europäische Atomstreitmacht
GETRENNT MARSCHIEREN, VEREINT SCHLAGEN!
Großbritannien und Frankreich leisten sich eine für ihre Verhält-
nisse enorme atomare Rüstung - und doch handelt es sich dabei um
Größen, die in den USA allenfalls Gegenstand des demokratischen
Hin und Her zwischen Präsident und Kongreß würde. Noch der free-
zigste US-Abgeordnete würde bei einem solchen Budget um die
"Sicherheit der USA" bangen.
Angesichts des Potentials der Supermächte machen neidische BRD-
Kommentatoren sich lustig über die "F a r c e d e f r a p p e"
und konstatieren hämisch, daß keine von beiden Mächten
"erstschlagsfähig", (Frankfurter Rundschau) ist, (sie also in der
Welt, auf die es ankommt, auch nicht mehr putzen als die eigene
nationale Streitmacht, die gerade darum auch verstärkt gerüstet
werden muß) - und das angesichts dessen, daß jede der beiden
Mächte für sich zumindest "overkillfähig" ist, also bei sinnloser
Verteilung des Sprengstoffs den Globus abräumen könnte.
Stärke für die NATO
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Daran zeigt sich zweierlei: Erstens, welche Maßstäbe heutzutage
im Bereich zwischenstaatlicher Gewalt ganz selbstverständlich
sind, an denen gemessen solche Potentiale auf einmal nichts mehr
gelten. Jede Nation tut so, als müßte sie selbständig gegen die
Russen zuschlagen können wie die USA, konstatiert bei sich und
bei den anderen, daß dazu außer den USA niemand fähig ist, und
hat so schon wieder das beste Argument für allseitige Aufrüstung.
Zweitens aber ist dem zu entnehmen, daß deren Streitmacht -
ebenso wie die der BRD, die nicht als Atommacht gilt, weil die
Bundeswehr ihre Atomsprengköpfe erst verfeuern darf, wenn die
Amerikaner es befehlen - nur und gerade als Teil der militäri-
schen Organisation des gesamten Westens ihre Schlagkraft besitzt.
Die Regierungen der beiden Staaten schlachten dieses Faktum in
ihrer Agitation gegenüber den Russen wie gegenüber dem eigenen
Volk aus. Gegenwärtig werden Abrüstungsvorschläge der Russen von
ihnen mit dem Argument vom Tisch gefegt, die jeweils eigenen Ra-
keten seien keine Bedrohung der SU, stünden deshalb auf keinen
Fall zur Abrüstungsdebatte an. Daß man die UdSSR ganz selbständig
abschrecken, also bedrohen möchte, ist das Argument, mit dem sie
den Staatshaushalt, die nationale Ökonomie und das arbeitsame
Volk strapazieren und ihre atomare Rüstung auch dadurch forcie-
ren, daß sie bei der konventionellen Bewaffnung Mittel lockerma-
chen, indem sie sie gründlich modernisieren. Die Wahrheit davon
ist, daß die beiden europäischen Großmächte als Teilhaber der
Weltmacht USA den letzten Erdenwinkel mit kontrollieren.
Zwar haben sie den Sieg gegen Hitler mit Schulden bei den USA und
der Abtretung von Stützpunkten an diese bezahlt. Dafür waren sie
1945 mit einer verbündeten Militär- und Wirtschaftsmacht konfron-
tiert, deren imperialistische Angebote unablehnbar waren, wenn
man an der Errichtung einer lückenlosen Weltherrschaft gegen die
teidigung, also der diplomatische und militärische Einsatz der
eigenen Gewaltmittel gegen andere Nationen, war aufgrund der
Überlegenheit der USA nur noch im Rahmen der NATO möglich, also
n i c h t gegen von den USA auserwählte Partner und nur gegen
den gemeinsam beschlossenen Hauptfeind. Ideologisch liest sich
das so:
"Nur die auf ein gewaltiges Industriepotential und den Besitz der
Atomwaffe gegründete Macht Amerikas konnte das überwältigende
Mißverhältnis der Kräfte ausgleichen.
Nach Kriegsende wurden sich die Vereinigten Staaten sehr schnell
der ungeheuren Verantwortung bewußt, die ihnen die veränderte in-
ternationale Lage auferlegte." (Die Organisation des Nordatlan-
tik-Vertrages, NATO-Handbuch, Paris, 1961)
Die Konstatierung eines "Mißverhältnis der Kräfte" unterstellt
dabei schon den erklärten politischen Willen, die bisher noch
praktizierte innereuropäische Konkurrenz zugunsten der demokrati-
schen Feindschaftserklärung gegen den Kommunismus zurückzustel-
len, sich an der von den USA diktierten neuen Konkurrenz nach
Kräften zu beteiligen. Deshalb fanden sich auch Sieger wie Ver-
lierer in der gemeinsamen Front derer, die sich und die USA ge-
genseitig aufforderten und sich auffordern ließen, einen Beitrag
zur "Verteidigung des Westens" zu leisten.
Stärke durch die NATO
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Auf Grundlage der eingeschränkten Souveränität haben sich Groß-
britannien und Frankreich tatkräftig dem gemeinsamen Bündnis un-
tergeordnet mit der Absicht, gerade der eigenen Souveränität zu
größerer Stärke zu verhelfen. In beiden Weltkriegen haben sie sie
im "Namen der Demokratie" zum Kriegseintritt aufgefordert (auch
wenn's das nicht gebraucht hätte.), und Churchill hat sich immer
gerühmt, lange Zeit vergeblich darauf hingewiesen zu haben, daß
man das "falsche Schwein" (Hitler statt Stalin) "geschlachtet"
habe. Und nicht einmal, als die Amerikaner ihnen den Suezkrieg
untersagten, wurde das westliche Bündnis ernsthaft in Frage ge-
stellt. Die nationale Verteidigung fällt nämlich seitdem zusammen
mit den Aufgaben in der NATO - Aufhalten eines russischen An-
griffs, Sicherung des Nachschubs aus den USA. Die eigenen vor-
wiegend konventionellen Mittel, vor allem die Royal Navy mit ih-
rer, wenn auch beschränkten Präsenz auf den Weltmeeren und die
französische Armee mit ihren verantwortungsvollen Einsätzen in
Afrika (Algerien!) paßten in die Militärstrategie der NATO wie
der Europäer, solange durch den Schutz der absoluten atomaren
Ü b e r l e g e n h e i t der USA der Kräftevergleich sich theo-
retisch und praktisch vorwiegend konventionell abspielte, weil
die "Bombe" als "letztes" und wirksames Drohmittel nur e i n e r
Seite funktionierte.
Europäische Atomstreitmacht
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Weil das atomare Monopol der Amerikaner die Grundlage der natio-
nalen Militärpolitik der Europäer darstellte, drängten die NATO-
Verbündeten entschieden auf eigene Atomstreitkräfte, als die So-
wjetunion zu kontern in der Lage war, und stießen dabei bei den
USA nicht auf grundsätzliche Ablehnung. Mit der - Ende der 50er
Jahre erreichten - Fähigkeit der Sowjetunion, den USA - erstmals
in ihrer Geschichte - auf deren eigenem Territorium empfindliche
atomare Schläge zu verpassen, hatte nämlich die bisherige Form,
sich für die NATO und durch sie stark zu machen, ein Ende. Aber
nicht, weil - wie das damals propagandistisch und heute histo-
risch verbraten wurde und wird - die Europäer sich ängstigten,
die Amerikaner könnten nun weniger Interesse daran haben, Europa
zum Schlachtfeld zu machen, um das eigene Land vor einem sowjeti-
schen Angriff zu bewahren.
Die Vorstellung, die USA könnten ausgerechnet den gegen die indu-
striellen und politischen Zentren des Ostblocks hochgerüsteten
Brückenkopf den Russen überlassen, taugt(e) allenfalls für eine
freiheitsnationalistisch verblödete Öffentlichkeit. Vielmehr ist
es die Kalkulation damit, daß die Sowjetunion nun imstande war,
einen längeren Krieg in Europa bestehen zu können, weshalb die
NATO-Planung für den europäischen Kriegsschauplatz nach neuen
Kriterien erfolgte und die europäischen NATO-Partner (auch die
BRD) energisch Atomsprengköpfe verlangten. Der Grund für die For-
derung der Europäer, sich an der atomaren Bewaffnung beteiligen
zu dürfen, bestand darin, daß mit der neuen Generation atomarer
Waffen die konventionelle Rüstung zwar nicht überflüssig geworden
war, aber ohne die atomare Ergänzung durch Mittelstreckenraketen
erheblich an Wert verloren hatte. Da die Rolle der Europäer in
der Welt identisch ist mit ihrer Rolle in der NATO, wollten sie
nicht zusehen, wie die epochale Auseinandersetzung von Freiheit
und Unfreiheit zu einer bloßen Angelegenheit der Supermächte zu
werden drohte. Darum verlangten sie nach den neuen Waffen, die
die alten relativiert hatten.
NATO-Atommacht in Europa
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Den Briten ist die Unterordnung unter die NATO nie schwergefal-
len, weil sie sie nie als solche aufgefaßt haben, sondern immer
als die Propagandisten der "europäischen Verantwortung der USA"
aufgetreten und von Anfang an als der Hauptpartner der USA mit
Sonderverträgen bedacht worden sind. Die militärische Präsenz der
USA in Europa rechnen sich die Briten geradezu als ihr Verdienst
an, und, ihrer Mitarbeit und ihrer Beiträge in der NATO haben sie
sich stets voller Stolz gerühmt - und das kaum in der Absicht,
eigene Beiträge zu mindern:
"Seit 1949 ist Großbritannien einer der aktivsten Partner bei der
Entwicklung der Organisation und der Strategie der Allianz."
(Britain and NATO, 1971)
Gerade i n der NATO schrieb England sich seine neue Weltrolle
zu, die ihm zukam, weil die Amerikaner den Anspruch der NATO
"Freiheit und Kultur" - weltweit definierten und außer ihrer ei-
genen Nationalökonomie noch möglichst viele andere mehr oder we-
niger bereitwillige Staaten an der Finanzierung dieses maßlosen
Freiheitsanspruchs beteiligen wollten. Britische Verteidigungspo-
litik ist deshalb zuallererst ein Bekenntnis zur Allianz.
"Britische Verteidigungspolitik basiert heute auf der nordatlan-
tischen Allianz - und die britischen Verteidigungsanstrengungen
konzentrieren sich ganz auf die Allianz, und zwar so, daß sie den
bestmöglichen Beitrag leisten zur Stärke der Allianz
"Britische Verteidigungspolitik basiert heute auf der nordatlan-
tischen Allianz - und die britischen Verteidigungsanstrengungen
konzentrieren sich ganz auf die Allianz, und zwar so, daß sie den
bestmöglichen Beitrag leisten zur Stärke der Allianz selbst, weil
das der Schlüssel ist zu Großbritanniens eigener Sicherheit...
konzentriert sich auf folgende vier Bereiche, in denen es am be-
sten zur Sicherheit der Allianz beitragen kann:
a) das Vereinigte Königreich und seine unmittelbaren Zugänge;
b) den Ost-Atlantik und den Kanal;
c) Zentraleuropa;
d) die atomare Abschreckung der NATO"
(NATO - The British contribution to Allied Defence, Broschüre des
Verteidigungsministeriums 1978)
Grund der britischen Beschwerde bezüglich mangelhafter atomarer
Ausstattung ist die sowjetische Unverschämtheit, sich gegen die
totale Vernichtungsdrohung gewappnet zu haben und sich die exklu-
sive NATO-Drohung, dem Feind schweren Schaden zufügen zu können,
zueigen gemacht zu haben:
"Während die Sowjetunion auf nuklearstrategischem Gebiet mit dem
Westen beinahe (!) gleichgezogen ist - in der Zahl der Waffen
und, was wichtiger ist - in der Fähigkeit, einen Atomangriff zu
überleben und zu vergelten - ist die NATO-Region Zentraleuropa
konfrontiert mit 60 Divisionen des Warschauer Pakts, 3500 takti-
schen Flugzeugen und 22000 Panzern..." (Britain and NATO, 1971)
Das Verlangen nach Atomwaffen mußten die Briten vor den USA nicht
erst umständlich legitimieren (von wegen Gefahr eines amerikani-
schen Isolationismus!), dort fanden sie durchaus ein offenes Ohr,
soweit das Anliegen die Stärkung gegen den Hauptfeind garan-
tierte: Deshalb verlangten die USA den Verzicht auf eigene ato-
mare Tests (also die Zusicherung, die Abhängigkeit von der Füh-
rungsmacht auch fürderhin anzuerkennen), verkauften den Briten 64
U-Bootgestützte Polarisraketen und geizten nicht mit der Statio-
nierung eigener Poseidonraketen und atomarer Langstreckenbomber
(156 F-111).
Großbritannien hat sich mit der Verfügung über "letzte Mittel"
f o r m e l l auf eine Stufe mit den Weltmächten gestellt. Den
nationalen Standpunkt vertrat Großbritannien gerade i n der
NATO, indem es sich mit den Atomwaffen ein Mittel zur Mitsprache
verschaffte und sich als atomare Führungsmacht in E u r o p a
für die Information und Hinzuziehung der atomaren Habenichtse
einsetzte:
"Sowohl Großbritannien als auch die Vereinigten Staaten leisten
einen Beitrag zur nuklearstrategischen Abschreckung der Allianz,
und zugleich sind amerikanische Gefechtsköpfe seit 1957 in Europa
stationiert: Diese Streitkräfte sind dem entsprechenden NATO-Kom-
mando unterstellt, bleiben aber unter nationaler, d.h. britischer
oder amerikanischer Kontrolle, bis sie durch eine politische Ent-
scheidung, nach Beratung der NATO, zum Abschuß freigegeben wer-
den. Die Allianz hat folglich für ihre nukleare Planung entspre-
chende Verfahren der Entscheidung und Beratung entwickelt, eine
Entwicklung, die die nicht-nuklearen NATO-Partner so eng wie mög-
lich an der atomaren Planung der Allianz beteiligt hat. Als ein-
zige europäische Atomstreitmacht, die einen Beitrag zur NATO lei-
stet, hat Großbritannien eine führende Rolle gespielt in diesem
Prozeß, der eine effektive Planung gefördert und den nicht-nu-
klearen Ländern die nötigen Kenntnisse für sinnvolle Beratungen
vermittelt hat." (Britain and NATO, 1971)
Es ist deshalb kein Wunder, daß die Briten neben der Bundesrepu-
blik zu den Initiatoren des Nachrüstungsbeschlusses der NATO vom
Dezember 79 gehörten und nicht nur die Stationierung amerikani-
scher cruise missiles verlangten, sondern auch die eigene Atomrü-
stung auf den neuesten Stand - Dosierbarkeit, Treffsicherheit,
Reichweite - zu bringen beschlossen. Vier U-Boote, von denen ei-
nes in der Lage ist, die "halbe Sowjetunion auszulöschen"
(Frankfurter Rundschau ), stellen als T e i l der Streitmacht
des Westens eine Bedrohung der UdSSR dar, mit der diese gesondert
kalkulieren muß. Die Reichweite der Tridents (6000 Meilen) er-
laubt es im übrigen, wichtige Ziele der Sowjetunion vom entfern-
testen Punkt der Erde zu treffen, etwa Moskau von Falkland aus.
Die laufende öffentliche Debatte hat längst dafür gesorgt, daß
die Atomrüstung Englands nicht "auf Kosten der ROYAL NAVY" geht,
deren Modernisierung anläßlich der Trident-Entscheidung in Gang
gesetzt und durch den Falklandkrieg entschieden vorangetrieben
wurde: Der Einsatz der Waffen hat nämlich ganz nebenbei und pro-
blemlos Gelder für Ersatz- und Zusatzausstattungen lockergemacht,
damit künftige "Sheffields" gegen "Exocets" besser gefeit sind.
Für die Tridentraketen haben sich die Konservativen 30 bis 50
Mrd. DM bewilligt: doppelt soviel als noch 1980 geplant. Eine
Ausgabe, die die sparsame Lady nicht scheute, weil man dafür ja
auch die modernste Trident-Version bekommen sollte; und für die
Russen ist den Briten nur das Beste gut genug. Außerdem kommt die
teurere Version den Steuerzahler billiger als die alte - langfri-
stig versteht sich: Wenn die USA die alte Version' einstellen,
müsse Großbritannien die Ersatzteile in den 90er Jahren selber
herstellen.
Eine wirklich lohnende Partnerschaft: Die USA können die Einkrei-
sung der Russen perfektionieren und lassen sich einen Teil ihrer
Waffen von den Engländern bezahlen, indem sie sie deren Souverä-
nität im Rahmen der NATO unterstellen. Die Briten bekommen mo-
dernstes Gerät geliefert, dessen selbständige Produktion Anstren-
gungen ganz anderer Art erforderten, erhalten einen Teil davon
kostenlos und versichern sehr glaubwürdig, daß auch amerikanische
Atomsprengköpfe auf britischem Boden "nicht ohne Zustimmung der
britischen Regierung abgefeuert werden" (Thatcher). Jedenfalls
verfügt Großbritannien damit über alle Mittel für alle Fälle,
also über sämtliche Optionen, die für einen Krieg im gegenwärti-
gen Stadium nötig sind, weshalb es auch gelogen ist, daß Polaris
und Trident nur eingesetzt würden, wenn "Britain has been de-
stroyed":
"Cruise allein sind eine Torheit, weil sie zum Präventivschlag
einladen. Polaris/Trident allein sind in ihrem Einsatz stark be-
schränkt, da sie nur eingesetzt werden können, wenn England zer-
stört ist." (Times, 27.4.83)
Force de Frappe
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Während Großbritannien von vorneherein als bevorzugter Partner
der USA mit atomaren Waffen bedacht und an der Modernisierung be-
teiligt worden war, erstritt Frankreich zum entsprechenden Zeit-
punkt mit der Debatte um die geänderte Strategie der Amerikaner
das Recht, sich zur selbständigen Atommacht aufzubauen. Es ist
1966 aus der militärischen Organisation der NATO ausgetreten und
hat mit der Aufrechterhaltung der politischen Mitgliedschaft von
vornherein zu erkennen gegeben, daß es den Zweck der NATO weiter-
hin teilt und nur auf militärischem Gebiet mehr von Arbeitstei-
lung und Selbständigkeit hält. Seit die Sowjetunion der atomaren
Drohung der USA Vergleichbares entgegenzusetzen hatte und deshalb
nicht mehr grenzenlos erpreßbar erschien, kalkulierte die NATO
anders mit dem europäischen Kriegsschauplatz. Als Kontinental-
macht unmittelbar davon betroffen, verlangte De Gaulle nicht nur
die atomare Aufrüstung Frankreichs, sondern auch die gleichbe-
rechtigte Mitsprache beim Einsatz der Atomwaffen, nicht weil er
befürchtete, die USA könnten hemmungslos aufs Knöpfchen drücken.
De Gaulle's "Mißtrauen gegen die Supermächte" bestand darin, die
USA könnten, weil sie von ihrem nationalen Standpunkt aus anders
mit dem europäischen Kriegsschauplatz kalkulieren, "Europa als
Geißel" in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion einsetzen:
"Frankreich muß seine nationale Verteidigung haben, wie das bis-
her immer der Fall gewesen ist, auch wir müssen über die soge-
nannten Kernwaffenabschreckungsmittel verfügen, die heute der
hauptsächlichste, wenn nicht der einzige Schutz der Völker sind,
die frei bleiben wollen. Ohne sie wären wir keine europäische
Macht mehr, keine souveräne Nation, sondern lediglich ein inte-
grierter Satellit." (De Gaulle, 9.10.1960)
Weil die Amerikaner Frankreich das Mitspracherecht verweigerten,
setzte De Gaulle auf die Entwicklung einer eigenen Atomstreit-
macht und legte so den Grundstein für eine p r a k t i-
z i e r t e "alternative Verteidigungspolitik". Mit der Stärkung
der eigenen Souveränität außerhalb der NATO sorgte De Gaulle
gerade dafür, daß Frankreich sich als starker Satellit in die
Verteidigungskonzeption des Bündnisses integrierte. Mit dem
Pochen auf das "Mißtrauen gegen die Supermächte" und dem daraus
abgeleiteten Konzept der alternativen Verteidigung wurde er zum
wahren Ahnherrn der Friedensbewegung. Die nationale Opposition in
Sachen Verteidigung ist darum auch in diesem Standpunkt bestens
aufgehoben. Und die konservative Opposition tut sich heute
schwer, der "supergaulleistischen sozialistischen Regierung"
(Neue Zürcher) Versäumnisse nachzuweisen, weil sie selbst die
Einsparungen bei den konventionellen Mitteln als Modernisierung
derselben und notwendiges Zugeständnis an atomare Größe ak-
zeptiert.
Am Verhältnis zur Bundesrepublik hat sich durch den Austritt aus
der NATO nichts geändert. Die Pariser Verträge und mit ihnen das
Abkommen über die Stationierung auch französischer Truppen in der
BRD bleiben in Kraft, und im Elyseevertrag von 1963 hat man noch-
mals extra das Bemühen bekräftigt, "in Strategie und Taktik zu
gemeinsamen Konzeptionen zu gelangen". Die BRD als Vorfeld der
NATO-Vorwärtsverteidigung fügt sich dabei nahtlos in die franzö-
sische Vorstellung von der BRD als "Puffer" der eigenen Sicher-
heit. Natürlich gehen die Franzosen als "nur" politisches Mit-
glied der NATO die Genfer Abrüstungsverhandlungen nichts an, aber
ebenso natürlich ist es, daß sie zum Fanatiker der Nachrüstung in
den NATO-Staaten werden:
"Wenn unsere Atomwaffen unsere vitalen Interessen ausreichend
schützen, so haben sie heute und auch in Zukunft nicht die Auf-
gabe, den Schutz der ganzen europäischen Zone der atlantischen
Allianz zu sichern. Sie können zu diesem Zweck auch nicht verwen-
det werden, weil wir die ausschließliche Kontrolle über sie be-
halten. Die Sicherheit der europäischen Territorien, die keine
Atomwaffen besitzen, kann deshalb nur vom integrierten NATO-Kom-
mando, d.h. de facto von den USA kommen. Deshalb ist die Auf-
rechterhaltung und fortwährende Modernisierung der amerikanischen
Atomabschreckung in unseren Augen für die Sicherheit der europäi-
schen Umgebung entscheidend." (Außenminister Cheysson in "Wall
Street Journal")
Frankreichs selbständige Atommacht und sein eigenständiges natio-
nales Verteidigungskonzept beruhen also nicht weniger als die in-
tegrierten Streitkräfte Großbritanniens und der BRD auf dem NATO-
Bündnis indem sie nämlich mit der NATO-Strategie kalkulieren als
unverzichtbarem Bestandteil französischer Sicherheit. Während sie
die Einrichtung ihrer Atommacht gerade dadurch begründet haben,
daß die USA die europäische = die eigene Sicherheit nicht mehr
garantieren würden, ist heute die laufend verbesserte "Sicherung"
Europas durch die USA ein einziger Auftrag zu verstärkten franzö-
sischen Rüstungsanstrengungen. Die U-Boote werden mit den neuen
M4-Raketen ausgerüstet, die mit mehr Sprengköpfen, größerer
Reichweite und Treffgenauigkeit ausgestattet sind. Die Entwick-
lung eigener Marschflugkörper und taktischer Waffen (Hades) ist
fest geplant. Die Fähigkeit zur Produktion der "Waffe mit gerin-
ger Sprengkraft und starker Strahlung" (= Neutronenbombe) sowie
deren möglicher Einbau in bisherige Waffen wurde angekündigt. Da-
mit stellen sie als selbständige A t o m macht die Mittel be-
reit, die sich in die abgestufte atomare Strategie der NATO ein-
fügen. Als s e l b s t ä n d i g e Atommacht haben sie sich
aber auch gegen die amerikanische Strategie der "flexible re-
sponse" die eigene französische Doktrin der "massiven Vergeltung"
bewahrt und bekunden so dem Gegner, daß er mit ihnen als eigen-
ständiger Bedrohung zu rechnen hat. Für die taktische Bewaffnung,
die ja angeblich zur offiziellen Doktrin nicht paßt, haben sie
eine speziell französische Begründung in die Welt gesetzt:
"'Ultime avertissement', eine letzte Warnung vor der Lancierung
des strategischen Vergeltungsschlages" (Neue Zürcher Zeitung,
8.1.83).
Multilaterale Drohung
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Der "Streit im westlichen Bündnis" erweist sich also als ausge-
sprochen konstruktiv bei der Destruktion des Ostens. Die Kritik
am Bündnis ist einzig und allein dazu gut, immer neue Waffen loc-
ker zu machen; und an den Franzosen zeigt sich, wie ein prakti-
ziertes "Raus aus der NATO" zu ihrer Stärkung beiträgt, weil
diese Parole von der Zutraulichkeit gegen die eigenen Herren
zeugt und i h r e r Souveränität sich lieber anheimstellt als
einer "auswärtigen" - ein saudumm bornierter nationaler Stand-
punkt! So spannt die NATO alle verfügbaren Nationalökonomien in
ihre Dienste, gerade auch, wenn sie n i c h t Mitglied der NATO
sind. Und dabei brauchen die USA noch nicht einmal großen Druck
auszuüben. Alle sind sie ganz von sich aus und sehr interessiert
dabei, wenn es darum geht, das Bündnis zu stärken, weil vom Maß
des eigenen Beitrags die jeweilige Stärke abhängt. Und selbst das
Verbot der Ausrüstung der Bundeswehr mit atomaren Waffen hat im
NATO-Bündnis seine Funktion, weil so die BRD als waffenstarrende
konventionelle Streitmacht aufgerüstet wurde.
Über allem steht der gemeinsame Zweck, die Gesamtstrategie der
NATO; in der auch die Franzosen ihre Rolle spielen, ohne daß man
sie fragen oder dazu auffordern muß. Solche Pluralität der mili-
tärischen Drohung ist im Warschauer Pakt nicht zu finden. Aber
während der Westen ganz offen und nicht zu Unrecht auf die Unzu-
verlässigkeit diverser Warschauer-Pakt-Staaten im Ernstfall spe-
kuliert, ist man sich im Westen - und das mit Recht - sehr si-
cher, daß im Ernstfall der Gegner keine Frage ist.
Die Sowjetunion sieht sich also nicht einem einheitlichen Feind
ausgesetzt, sondern einer Vielzahl von feindlich gesinnten Staa-
ten, von denen jeder seine Sondergesichtspunkte in einer gemein-
samen Strategie geltend macht. Westlicherseits wird auf das dar-
aus sich ergebende Moment der Unsicherheit für den Gegner ent-
sprechend gesetzt:
"Aber Abschreckung ist ein wesentlich ambivalenter Begriff, denn
sie konfrontiert in der Überlegung eines potentiellen Gegners
eine Glaubwürdigkeit unserer gesamten militärischen Mittel und
die feste Entschlossenheit, sich ihrer zu bedienen... Eine Unge-
wißheit, nämlich über den Einsatz dieser Mittel, sowohl was die
Ebene betrifft, die Zeit und den Raum." (Hernu, Frz. Verteidi-
gungsminister)
"Wie auch immer, solange wir Trident/Polaris haben, müssen sich
die Russen sehr gut überlegen, ob sie Selbstmord begehen wollen,
ganz unabhängig davon, was die Vereinigten Staaten tun." (Times,
27.4.83)
Daß die Russen mit d i e s e r Ungewißheit, m u l t i p l i-
z i e r t mit der Selbständigkeit der Bündnispartner, rechnen,
zeigt ihr Umgang mit dem entsprechenden Sachverhalt auf der
diplomatischen Ebene. Wo sie glauben, an das europäische Selb-
ständigkeitsstreben appellieren zu können - westliche Sprach-
regelung: "Spaltungsversuche" -, nutzen die westlichen Partner
ihre "Spaltung", um die UdSSR diplomatisch des Feldes zu
verweisen: Die Erwähnung französischer und britischer Raketen
wird als unerhörte Einmischung zurückgewiesen und als Aggression
gegeißelt, die die Sicherheit dieser Staaten bedroht.
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