Quelle: Archiv MG - EUROPA EUROKOMMUNISMUS - Vom Eurokommunismus


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       KP-Treffen in Paris
       

NATIONALKOMMUNISTEN

Angesichts der gegenwärtigen Eskalation des Westens gegen die So- wjetunion kann diese immerhin auf einen Vorteil setzen, den die freie Welt so nicht kennt: Mitten im Feindesland agieren kommuni- stische Parteien, die mehr oder weniger fest dem ersten Vaterland aller Proletarier verbunden sind - sagen sie. Was liegt da näber, als sich - so wie es die KP Frankreichs für Ende April plant - einen internationalen Kongress aller europäischen KPs unter der Überschrift "Frieden und Abrüstung" arrangieren zu lassen und so eine gewaltige ideologische Gegenoffensive gegen die amerikani- schen Friedensfeinde zu eröffnen. Wie die Prawda mitteilt, bieten die Kommunisten mit diesem Tref- fen "allen Menschen guten Willens die Hand, ohne auf ihre Parteizuge- hörigkeit, ihre politischen und religiösen Überzeugungen und ihre Lebensweise zu achten, um sie einzuladen, ihre Kräfte im Namen ehrenwerter Ziele zu vereinigen". Trotz aller Beteuerungen - Honecker: die Konferenz "entspricht einem dringenden Erfordernis unserer Tage" - nimmt sich die Ein- ladung zu einem gemeinsamen Treffen etwas matt aus verglichen mit dem, wie die Amis in diesen Tagen alle Register von -boykott und -embargo ziehen, ohne die verschiedenen Parteien, ja nicht einmal die Regierungen laufend zu konsultieren. Die lieben friedenslie- benden Massen im Westen warten nach offizieller Auskunft der di- versen Politbüros offenbar nur auf die Aufforderung der vereinig- ten europäischen KPs, um sich von der Manipulation durch ihre Re- gierungen zu befreien. Nicht weniger Optimismus als bezüglich der Stimmung der Massen, die jeden Schritt Carters besorgt daran messen, ob er es auch wirklich bringt, legt man über die Einigkeit der revisionisti- schen Freunde an den Tag. Denn n a t i o n a l e Kommunisten, die diese sind, ergreifen sie gerade die von Moskau avisierte Ge- legenheit zur i n t e r nationalen Solidarität, um s i c h und ihre Politik an der Konferenz zu profilieren. Deshalb gibt es aber auch keine Einigkeit unter ihnen. Die jugoslawischen Kommunisten bedienten sich des gleichen Argu- ments, mit dem der PCF zum Händeausstrecken aufrief, um abzu- springen: "Die internationale Lage ist so gespannt, daß sie die Vereinigung aller progressiven und friedensliebenden Kräfte jenseits aller ideologischen Orientierungen verlangt" (BdKJ). Wobei klar ist, wem die Titonachfolger i h r e Hände entgegen- strecken - gerade haben sie sich mittels des mit der EG abge- schlossenen Handelsvertrags Westeuropa und den USA ein weiteres großes Stück genähert und zu Afghanistan haben sie entsprechendes über die Friedensliebe der SU ebenfalls unmißverständlich geäu- ßert. Nicht nur Don Santo Carillo (der spanische) Politiker, der in seinen Reden im Parlament am meisten den Namen Gottes erwähnt und die meisten religiösen Bilder sowie Sprüche der Volksweisheit mit katholischem Inhalt gebraucht, hatte auf diese Einladung gewar- tet, um demonstrativ absagen zu können. Schließlich hat Carrillo schon vor längerer Zeit die sowjetische Invasion in Afghanistan "in scharfer Form verurteilt" und Verständnis für die Sanktionen des Westens bekundet. Nationaler Kommunist sein heißt eben, sich für die "Konsolidierung und Erweiterung der Demokratie" im eige- nen Land einzusetzen, und um so mehr dann, wenn diese sich beson- ders eng an den großen atlantischen Partner anlehnt. Und daß Berlinguers KP auch bereits im März im römischen Parla- ment eine gemeinsame Anti-Afghanistan-Erklärung zusammen mit den Christlichen Demokraten und den anderen Parteien des "Verfassungsbogens" abgegeben hatte ("Afghanistan muß zu seiner vollen Unabhängigkeit und Souveränität zurückkehren"), kann den Konferenzbefürwortern nicht entgangen sein. Günstiger hätte es für den PCI kaum kommen können (außer vielleicht noch eine offi- zielle Verstoßung seitens der KPdSU aus den Reihen der wahren Kommunisten): Ist doch die Absage an die Konferenz eine geeignete Chance mehr, von seiner "wirklichen Unabhängigkeit gegenüber der UdSSR Zeugnis ablegen zu können" (Berlinguer). Gerade nach der ziemlich eindeutigen Absage der DC auf deren letztem Parteitag, vorläufig auf eine irgendwie geartete parlamentarische Unterstüt- zung der Kommunisten zu bauen, bemüht sich der PCI mit dem Mute des fast Verzweifelten, immer neue Proben seiner demokratischen Glaubwürdigkeit und Regierungsfähigkeit abzulegen - beispiels- weise durch die ausgiebig bekanntgemachten Gespräche Berlinguers mit der Riege der europäischen Sozialisten Soares, Gonzales, Brandt, Palme und Mitterrand (demnächst: Treffen mit Labour in England) oder seine absolut staatsmännische Reise nach China, "um Hua Guo-feng kennenzulernen". Die KP Italiens läßt keine interna- tional sich bietende Gelegenheit aus (im Lande drinnen hat sie ja genügend bewiesen, daß ihr kein Abstrich am Lohn der Arbeiter und kein Schlag gegen links von ihr stehende Staatsgegner zu viel ist), um ihrem nationalen Ziel der Regierungsbeteiligung in einer "Regierung der nationalen Solidarität" auch nur ein ganz klein wenig näherzukommen. Hübsch in dieser Hinsicht auch, wie betont vornehm Berlinguer auf den harten Vorwurf von Marchais reagierte, das Abstimmungsverhalten des PCI im Europäischen Parlament sei "eine Beleidigung der f r a n z ö s i s c h e n Bauern" (der PCI stimmte anders als der PCF für die Vorlage der EG-Kommission zur Neufestsetzung der EG-Agrarpreise) und Berlinguer ein "Sozialfaschist": Wenn sich Marchais der französischen Bauern an- nehme, dann er eben der i t a l i e n i s c h e n. Die Differenzen zwischen den kommunistischen Parteien laufen also nur auf eines hinaus: Alle konkurrieren sie darum, sich um i h r e Nation verdient zu machen - einmal als "Kommunismus in den Farben Frankreichs" mit dem ideellen Vaterland Sowjetunion, einmal als originär spanischer, italienischer oder sonstiger Kom- munismus (der Rückbezug auf die "gefühlsmäßigen Verbindungen mit der Geschichte der UdSSR" hat sich hier von allen Pflichten eman- zipiert). Und die Nation verlangt noch jedesmal das gleiche: Der Arbeitsmann hat sein Opfer zu bringen, ob als Soldat in den Ber- gen Afghanistans oder als Objekt staatlicherseits in Kauf ge- nommener Lebensmittelverknappung und von viel patriotischem Ein- satz für die Größe der großen Sowjetunion, ob als Statist beim Aufbau eines strahlenden Frankreich, Spanien oder Italien. Ab- schließend hierzu noch einmal Don Santiago: "Eine Zentralregierung der (konservativen) UCD mit Beteiligung des (sozialistischen) PSOE auf der Basis eines gemeinsamen Pro- gramms hätte unsere Unterstützung im Parlament und auf der Straße". (El Pais, 29.2.80) Für die von a l l e n europäischen KPs p r a k t i z i e r t e Unterordnung der arbeitenden Massen unter das Wohlergehen des Staates braucht es schon lange keine Konferenzen mehr. Demokratischer Politiker sein zu wollen, bedeutet schon einiges: Die (Euro-)Kommunisten unserer Tage haben zwar keine Macht in ih- rer jeweiligen Heimat, weil die Bourgeoisie trotz aller Anbiede- rei seitens der KPs in dieser Frage keine Zugeständnisse macht, trumpfen dafür aber überall, wo's nur geht, mit dem gemeinsamen Ideal der nationalen Unabhängigkeit auf. Gerade gegenüber den Schwester-/Bruderparteien läßt sich der Beweis der nationalen Verantwortung antreten - wechselseitig fordern sie von den ande- ren, was in i h r e m nationalen Interesse liegt... Entweder als ganz ganz unabhängige Kraft, die sich auch von der So- wjetunion nicht reinreden läßt, oder als spanische oder französi- sche KP, deren Selbständigkeit sich ebenfalls parallel zu der der (eigenen) Nation bewegt - wenn schon der Staatspräsident Frankreichs auf besondere Beziehungen zur SU wert legt, ist es wirklich nur recht und billig, wenn die französischen Kommunisten sich auf i h r Land berufen. Die anderen Genossen machen es ja auch nicht anders. zurück