Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND FALKLANDKRIEG - Vom Nutzen eines gewonnenen Kriegs
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Marxistische Hochschulzeitung, April 1982
Wehrkunde aktuell
KRIEG UM DIE FALKLAND-INSELN?
"...hat der plötzlich zu hörende englische Kriegsschrei die Psy-
che in Europa verändert: Nur moralische Schwäche - so heißt die
Botschaft dieses herausfordernden Unterhauses - vermeiden unter
allen Umständen Krieg." (FAZ vom 6.4.)
1. Szenario, zum nationalistischen Genuß aufbereitet
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Der Kriegsfilm hat längst begonnen. Die dramatische Einführung
läuft perfekt. Vorstellung des Kriegsschauplatzes täglich - "100
öde Inseln" mit vielen Pinguinen, "einigen Morgen Schafweide" und
1820 Menschen, die es vorziehen, unter britischer Fahne zu leben
und auf der Straße links zu fahren. Die Hauptakteure, mit und
ohne Uniform: Thatcher und Galtieri, beide zur "Rückeroberung"
ihrer Inseln entschlossen; das technische Material und Personal
unterwegs zur Schlacht; die neuesten Daten und Zahlen über Stärke
und Bewegung der feindlichen Flotten; die Rolle von Wind und Wet-
ter. Und natürlich der unvermeidliche Hinweis auf Prinz Andrew an
Bord.
Wie ist die Lage an den Heimatfronten? "75 Prozent der Briten"
votieren mit JA; "Kriegseuphorie" ist vorhanden (inclusive Frie-
densbewegung: Zwischen ihren Voten für den Krieg marschiert die
Labour-Party Ostern den Frieden - traditionellerweise!); Corned
Beef wird nicht mehr gegessen, stattdessen mehr polnisches Dosen-
fleisch; und die neuesten Autoaufkleber lauten: "Versenkt Argen-
tinien!" Fazit- Staat und Volk - klar zum Gefecht. Dasselbe in
Bild und Ton aus Argentinien, nur mit noch mehr "Emotionen"
(Südländer!): ein einig Volk von "Freiwilligen"; alle kleinlichen
Sorgen ums tägliche Brot vergessen; der ehedem verhaßte Militär-
Führer jetzt ein Volksheld, dem die eben noch im Gefängnis Ein-
sitzenden zu Füßen liegen. Die faschistische Lektion erfolgt als
Unterhaltung: Der Krieg - die beste Medizin gegen ungesunde Zer-
strittenheit und kleinlichen Egoismus in den Reihen der Unterta-
nen. Bleibt die spannende Frage: (Wann) kommt es zur Seeschlacht?
Oder vermasselt uns Ronald Reagan doch noch den Spaß? Wo es doch
laut FAZ der erste Krieg wäre, den wir - beruhigende 12 000 km
entfernt vom Ort der Handlung - live erleben könnten: Die Satel-
liten sind bereits gemietet, die Fernsehkameras direkt neben der
Bordkanone installiert...
2. Klarstellungen, die Normalität
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des politischen Mittels Krieg betreffend
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"Etwas, was in Deutschland inzwischen unvorstellbar ist, zeigt
sich (im englischen Unterhaus), daß man (!) nämlich für Prinzi-
pien stirbt und tötet." (FAZ)
Wenn dem Volk das Szenario eines klassischen Kriegsbeginns als
strategisches Schauspiel präsentiert wird, wie es derzeit pas-
siert, dann ist in Sachen geistiger Mobilmachung bereits einiges
gelaufen. Dann ist eines sonnenklar: Jedes Entsetzen darüber, daß
wieder einmal im Staatsdienst getötet und gestorben werden soll,
ist völlig fehl am Platze und "inzwischen unvorstellbar". Voll-
ständig ausgeblieben ist denn auch der alte heuchlerische Auf-
schrei der Öffentlichkeit im "zivilisierten Europa", daß doch der
Krieg kein Mittel der Politik sein dürfe. Stattdessen wird die
"Falkland-Krise" hier und heute als willkommener Anlaß zur Stif-
tung der gegenteiligen Klarheit ausgeschlachtet: Kriege müssen
sein, wenn es das staatliche Interesse gebietet. Und es ist
höchste Zeit, sich daran - auch "in Deutschland" - wieder nach-
haltig zu gewöhnen!
Daß die Besetzung der paar Inseln durch Argentinien prinzipiell
einen Krieg wert ist, steht allenthalben außer Frage. Wo sie der
Form nach aufgeworfen wird - "Warum Krieg um 100 öde Inseln?"
(BILD) -, dann deshalb, um in pädagogischer Manier ein für alle-
mal mit dem kleinkarierten Vorurteil aufzuräumen, Kriege verdank-
ten sich einer geschäftlichen Kalkulation. Klar: Den Wert der
guten Schafswolle, die Großbritannien in 10 Jahren aus Falkland
bezieht, diese lumpigen 100 Millionen DM verfährt die in Marsch
gesetzte königliche Flotte in ein paar Tagen! Nein: Die
"verlorene Ehre einer Staatsmacht verlangt deren Wiederherstel-
lung, und die nationale Ehre läßt sich in ein paar Millionen
Pfund nicht aufwiegen. Verloren hat Großbritannien seine Ehre
auch nicht durch die Enteignung von 700 000 Schafen, sondern
durch die Verletzung der Souveränität der britischen Staatsge-
walt, die sich gemäß dem herrschaftlichen Willen eben auch auf
die Felsbrocken vor Argentiniens Küste erstreckt. Selbst der für
den normalen Bürgerverstand nichtigste Anlaß kann also ein guter
Kriegsgrund sein, lautet die diesbezügliche allgemeine Aufklä-
rung, die am Beispiel Falkland von oben erfolgt. Und es herrscht
im Westen einmütige Klarheit, daß der "Stolz Großbritanniens" es
nicht hinnehmen kann, sich von einem Land der "dritten Liga"
(Times) ungestraft "demütigen" zu lassen. Da könnte ja jeder kom-
men, wenn ein NATO-Staat Schwäche zeigt und damit zu
"Aggressionen" (von wem wohl?) geradezu "einlädt"! Und außerdem
darf man schließlich gerade jetzt nicht vergessen, daß bei den
"Argies" eine schlimme Diktatur herrscht - und keine schöne Demo-
kratie, wie bei uns!
3. Krieg ja - aber doch nicht unbedingt
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zwischen Freunden Amerikas!
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Einer gewaltsamen Begleichung der britischen Rechnung durch die
Royal Navy (NATO-Luns: "Die schafft das lässig!") stünde also ei-
gentlich nichts, geschweige denn die öffentliche oder Stammtisch-
Meinung, im Wege. Gäbe es da nicht die "irritierende Situation"
(FAZ), bzw. "Überraschung", "daß die britische Armee, stets auf
die Gefahr einer östlichen Aggression vorbereitet, nun gegen
einen Alliierten der Vereinigten Staaten ins Feld zu ziehen hat"
(FR). Wurden nicht "bis vor kurzem argentinische Soldaten von
Briten ausgebildet", und handelt es sich bei den Kriegsschiffen
Argentiniens nicht um lauter Produkte britischer und deutscher
Wertarbeit? Soll man die jetzt versenken, wo sie doch für eine
ganz andere Kriegsfront gedacht waren? Der Oberkommandierende der
westlichen Karnpfgemeinschaft, Ronald Reagan, sieht sich daher in
einer "schwierigen Lage". Sollte ein "offener Krieg" zwischen
zwei Freunden Amerikas nicht zu vermeiden sein, ohne daß ein
Freund sein Gesicht verliert?
Im übrigen gilt noch einmal: Wenn dieser s p e z i e l l e
Krieg von den Führern des Westens für problematisch erklärt wird,
wie selbstverständlich ist dann für diese Politiker der "Sinn"
eines Krieges, der gegen den feststehenden Feind geführt wird!
4. Von Falkland nach Berlin
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Die EG und die BRD bevorzugen aus besagtem Grunde eine
"friedliche Lösung des Falkland-Konflikts". Aber wenn schon, dann
sind "wir" natürlich für Großbritannien - "unseren" NATO- und EG-
Partner. Die Falkland-Inseln sind "uns" zwar scheißegal, aber es
geht schließlich um "unsere" Glaubwürdigkeit in und für das Bünd-
nis. Wenn die Argentinier, pardon, die Russen demnächst Berlin
besetzen - für den Krieg, der zählt, also! -, brauchen "wir"
dringend die Solidarität der britischen Armee. Entsprechend hat
Regierungssprecher Becker die Besetzung der Malvinas als
"rechtwidrigen (!) Gewaltakt" diplomatisch verurteilt und den Be-
schluß bekanntgegeben, daß vorläufig keine Fregatten und U-Boote
mehr an die argentinischen Militärs geliefert werden. Der Import-
stop durch die EG sorgt zusätzlich für den nötigen Druck.
5. Und was ist mit den deutschen Arbeitsplätzen?
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Ungeheuer sorgenvoll schwenken die Fernsehkameras über die fast
fertigen Fregatten bei Blohm und Voss, während die heuchlerische
Frage gestellt wird, was jetzt aus den Werftarbeitern wird. Doch
keine Angst! Die schönen Arbeitsplätze in der deutschen Kriegs-
produktion bleiben sicher! Erstens sind die sowieso krisenfest,
weil "unsere" Politiker für bleibende Nachfrage in aller Welt
schon sorgen. Zweitens sind die Schiffe für Argentinien sowieso
noch nicht ganz fertig, und ein Sprecher der Werften hat festge-
stellt, daß er "weder aus Bonn noch aus Buenos Aires erfahren"
hat, "daß diese Projekte aufgegeben würden". Drittens wächst so-
gar die Aussicht auf steigende argentinische Order - für den
Fall, daß der "Falkland-Krieg" doch stattfindet und der Verlust
von Fregatten ausgeglichen werden muß.
Auch der Deutsche Gewerkschafts-Bund kann also optimistisch in
die Zukunft sehen, was die Arbeitsplätze in der Kriegsindustrie
betrifft.
6. "Deutschland erwache!" oder Gelegenheit zur
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Vergangenheitsbewältigung - letzter Akt
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Einen speziellen Auftrag hat die westdeutsche Staatspresse in der
"Falkland-Krise" entdeckt. Allen voran marschiert die FAZ. Eupho-
risch berichtet sie in ihrem Feuilleton von der "Kriegseuphorie"
in England, von der "brillante(n) kriegerische(n) Rede" des bri-
tischen Oppositionsführers und vom Fehlen des "intellektuellen
Zynismus, der Patriotismus ausschließt und Pazifismus um jeden
Preis empfiehlt". Das Plädoyer ist unmißverständlich: Schluß mit
jedem "Intellektualistnus", da dieser das gesunde Volksempfinden
zerstört und damit die deutsche Wehrkraft zersetzt.
"Krieg!" - "England mobilisiert archaische Gefühle" - tönt es aus
deutschnationalen Redaktionsstuben - wo bleibt das deutsche Hurra
für die Befreiung Polens?
"Während in Deutschland die Friedensbewegung das Wort Krieg zum
Unwort, machte und nicht nur in Literaturkreisen Polen möglichst
nicht erwähnt wird, bilden englische Politiker jetzt eine eiserne
Kette und sagen Krieg; und wissen: das heißt auch 'Tote'."
Was "durch zwei verlorene (!) Weltkriege in Deutschland angeblich
"undenkbar gemacht wurde", muß endlich wieder gedacht werden der
"gerechte Krieg". Inclusive "Verlust von vielen Menschenleben"
natürlich:
"Dieses ideologisch-psychologisch zu akzeptieren, setzt voraus,
daß die Nation zu einem traditionellen (!) Selbstverständnis zu-
rückkehrt, dem die liberale Soziologie (?) für immer den Abschied
gegeben hatte." (Alle Zitate aus FAZ vom 6.4.)
Daß solch faschistische Verherrlichung bedingungsloser Kriegsbe-
reitschaft hierzulande wieder salonfähig wird, zeigt, welches
Programm die westdeutsche Demokratie auf die Tagesordnung gesetzt
hat. Ohne Hurra-Patriotismus läßt sich der große vaterländische
Krieg letztlich doch nicht optimal gestalten. Die freiwilligen
Propagandaministerien packen es an, genau wie der Führer im War-
testand, Herr Kohl, der die "deutschen Familien" zur NATO-Feier
nach Bonn geladen hat.
Und wo bleibt die "kritische Presse"? Die bleibt nach wie vor
kritisch. Und wie! "Ziemlich blaß und un-eisern wirkte da die
'eiserne Lady'", vermerkte hämisch die Frankfurter Rundschau über
die Rolle der englischen Premierministerin zu Beginn der
"Falkland-Krise". Je eiserner der Führer, desto größer der Re-
spekt!
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