Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND FALKLANDKRIEG - Vom Nutzen eines gewonnenen Kriegs
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 53, 04.05.1982
Die Falkland-Krise:
DREHBUCH FÜR DEN KRIEGSAUSBRUCH
Vier Wochen diplomatisches "Krisenmanagement", und die britische
Flotte steht im Kampf mit argentinischen Truppen und Luftkampfge-
schwadern. Wie zwei moderne Nationen zielstrebig in eine bewaff-
nete Auseinandersetzung "hineinschlittern", das haben die argen-
tinische und die britische Regierung Punkt für Punkt vorgeführt;
geradezu bilderbuchmäßig und vorbildlich. Man kann daraus durch-
aus einiges lernen über die Schritte, die vom "anvertrauten" Ost-
West-Gegenratz in den nächsten Weltkrieg hineinfahren. Welche
schon zurückgelegt sind, was noch bleibt - und was man besser
nicht mitmachen sollte.
1. "Interessengegensatz"
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G r o ß b r i t a n n i en ist als wichtige NATO-Macht an der
Ausnutzung und Kontrolle der Welt beteiligt. Will dabei aber mehr
sein als amerikanischer Satellit: ein bißchen eine Weltmacht aus
eigener Machtvollkommenheit; vor allem um die Politik des NATO-
Bündnisses maßgeblich mitbestimmen zu können. Die Mittel dafür
u.a.: eine eigene nationale Atomwaffe - und eigene Stützpunkte,
kleine Flecken britischen Staatsgebiets, rund um die ganze Welt.
Die Falklandoder Malvinas-Inseln gehören dazu,
A r g e n t i n i e n spielt seine Rolle als untergeordneter
Helfershelfer der USA für deren besondere Ausnutzung und Kon-
trolle der "westlichen Erdhalbkugel" mit großer Begeisterung. Die
regierenden Herrschaften bekommen sehr wohl mit, wieviel Wert
Reagan und Co. auf ihren zuverlässigen Antikommunismus legen; be-
sonders wo es darum geht, Volksunruhen in gewissen Nachbarstaaten
wie in El Salvador zu unterdrücken. So wichtig finden sie sich -
für das Interesse der USA! -, daß sie sich die "Belohnung" dafür
gleich selber holen. Sie wollen die proamerikanische "Ordnungs-
macht" am Südatlantik sein; zur Bekräftigung dieses Anspruchs auf
eigenständige Größe nimmt der USA-Satellit sich die Freiheit und
die Frechheit heraus und besetzt die Falkland-Inseln.
Die N A T O - S t a a t e n haben, gemeinsam den Rest der Welt
- bis auf das "sozialistische Lager" - im Griff, ökonomisch wie
politisch. Nichts, wovon nicht i h r e Wirtschafts- und Sicher-
heitsinteressen betroffen wären. Wenn reaktionäre islamische Bau-
ern in Afghanistan eine halblinks Reformregierung bedrohen, sind
die Führungsmächte des Westens engagiert. Und erst recht sind sie
mit von der Partie, wenn die "kommunistische" Staatsgewalt beim
größten Verbündeten der Sowjetunion, in Polen, ins Wackeln kommt.
Ganz als läge die NATO-Ostgrenze im Himalaja und hinter der
Weichsel.
Die S o w j e t u n i o n macht aus ihrer Rolle als erklärter
Feind der "freien Welt" für sich nach Kräften das Beste. Mit mehr
Mißerfolgen als Erfolg mühen ihre Regenten sich seit Jahrzehnten
ab, ein eigenes stabiles "Weltsystem" gegen den Westen auf die
Beine zu stellen. Seit sie in Europa immer weniger, in China gar
nichts mehr, anderswo fast nichts und in Amerika gleich überhaupt
nichts zu bestellen haben, "beweisen" sie ihren Anspruch auf Re-
spekt vor ihren weltweiten Interessen an Afghanistan. Und seit
der Westen auch noch für Polen zuständig sein will, mobilisiert
die Sowjetunion die "Ordnungskräfte" - zuerst einmal die militä-
rischen ihres bedrohten Bündnispartners; gleichzeitig baut sie
ihre Westverteidigung aus.
2. "Konflikt"
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Was weltpolitisch aus der argentinischen Besetzung der Falklands
wird, liegt weder an diesen Inseln selbst noch an den Plänen der
Argentinier. Die b r i t i s c h e R e g i e r u n g hat be-
schlossen, ihren Anspruch auf eine eigenständige Weltmacht ausge-
rechnet an dieser Stelle für weit wichtiger zu befinden als ihre
übrigen politischen Vorhaben - was die Briten selbst von einer
englischen Fahne auf den Falklands haben, fragt ohnehin niemand.
"Die Ehre der Nation steht auf dem Spiel!" - mit dieser Parole
verkündet Führerin Thatcher ihren sehr freien Entschluß, den
Streit mit Argentinien zu einer Entscheidungsfrage für die natio-
nale Politik zu machen und unerbittlich durchzukämpfen.
Was aufständische Mohammedaner in Afghanistan oder Katholiken in
Polen weltpolitisch bedeuten, hat mit d e r e n Sehnsüchten und
Dummheiten wenig zu tun. In aller Freiheit haben die
N A T O - R e g i e r u n g e n, unter amerikanischer Führung,
beschlossen: Die Besetzung Afghanistans durch die Rote Armee, die
Rettung einer sowjet-freundlichen polnischen Regierung durch das
Militär soll als "unerträglicher Übergriff", als strafwürdiges
Verbrechen g e l t e n. Ebenso die russischen Atomraketen:
O h n e N o t haben die in der NATO vereinigten Militärmächte
diese Dinger zu einer "nicht hinnehmbaren Gefahr" e r k l ä r t.
All das sind keine richtigen Urteile über die Weltlage, sondern
Kundmachungen der westlichen Entschlossenheit, dem sowjetischen
Gegner k e i n e a u ß e n p o l i t i s c h e B e w e-
g u n g s f r e i h e i t zuzugestehen.
3. Praktische Klärung der "Schuldfrage"
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Die britische Regierung setzt ihre Flotte in Marsch. Bereichert
damit das Weltgeschehen um eine ziemlich aktuelle "Kriegsgefahr".
Und stellt sich zu dieser "Kriegsgefahr" wie zu einem
"Sachzwang", den sie in der Welt vorfände. Ab sofort soll es nur
noch von den Reaktionen der argentinischen Regierung abhängen, ob
die britische Flotte schießen "muß" oder nicht. So sehr steht die
b r i t i s c h e K r i e g s b e r e i t s c h a f t außer
Frage, daß der Krieg nur noch durch a r g e n t i n i s c h e
N a c h g i e b i g k e i t zu verhindern ist. Wenn Herr Gal-
tieri und Co. nicht klein beigeben, sind sie "für alle Folgen al-
lein verantwortlich".
Die NATO setzt ihre "Nachrüstung" in Gang und "warnt" die So-
wjetunion dreimal pro Woche, sie sollte nur ja nichts tun, was
dem Westen nicht gefällt. Sie beendet damit die "Entspannungs-
ära", behandelt die Sowjetunion wieder ausschließlich als Feind -
und erklärt den 3. Weltkrieg zu einer "Gefahr", die die
Sowjetunion "entschärfen" muß. So selbstverständlich ist die
w e s t l i c h e S c h a r f m a c h e r e i, daß die letzten
Schritte zur Vorbereitung des Atomkriegs nur noch durch
s o w j e t i s c h e N a c h g i e b i g k e i t zu verhindern
sein sollen. Wenn Breschnew und Co ihre Waffen zur Westverteidi-
gung nicht verschrotten, auf Polen und Afghanistan nicht verzich-
ten, sind sie "für alle Folgen allein verantwortlich."
4. Einschwörung der Verbündeten und Wirtschaftskrieg
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Die britische Regierung fordert von ihren Verbündeten Unterstüt-
zung ein. Durch den Marschbefehl an die Royal Navy werden die USA
vor die Entscheidung gestellt, ob ihnen ihr westeuropäischer
Partner: lieber ist, der ein bißchen eigene Weltmacht ins westli-
che Bündnis einbringt, oder ihr südamerikanischer Satellit, der
ziemlich von amerikanischen Gnaden lebt. Die Entscheidung fällt
eindeutig aus. Europa kann auf Großbritannien nur noch zählen,
wenn Großbritannien sich auf europäische Hilfe verlassen kann.
Die EG-Staaten verhängen Wirtschaftssanktionen gegen Argentinien.
Da platzt womöglich manch schönes Geschäft - f ü r d e n
F r i e d e n, nämlich um Argentinien mit ökonomischen statt mi-
litärischen Waffen zur Kapitulation zu zwingen.
Die Führungsmacht des Westens, die USA, wird sich mit ihren Va-
sallen über die Unkosten der gemeinsamen Offensive gegen den
Osten einig. Für die "Freundschaft" mit den USA ist den westeuro-
päischen Herrschaften so leicht nichts zu teuer. Zusätzliche Mil-
liarden für die Aufrüstung verstehen sich von selbst. Und dem
Ostgeschäft steht eine "Vollbremsung" bevor. Denn das hat dem
Osten und seiner Planwirtschaft zwar bisher schon ordentlich ge-
schadet (und den westlichen Geschäftsleuten genutzt). Um so här-
ter können die Ostblockstaaten deswegen aber durch einen Kredit-
und Handelsboykott getroffen werden. V o r den
m i l i t ä r i s c h e n werden die Waffen der Wirtschaftspoli-
tik eingesetzt.
5. "Friedensdiplomattie"
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Die argentinische Regierung darf sich über die britische Ent-
schlossenheit zum Krieg nicht täuschen. Also müssen Verhandlungen
stattfinden, in denen den Junta-Generälen klargemacht wird, daß
ihre Kompromißbereitschaft noch längst nicht weit genug geht. Er-
folgreich sind solche Verhandlungen darin, daß sie "scheitern":
Nur so hat der Gegner ja eine "realistische Chance" zu merken,
daß ihm in der aktuellen Streitfrage nichts geringeres als die
K a p i t u l a t i o n abverlangt ist.
Die Sowjets müssen von "Fehleinschätzungen" der westlichen
"Einigkeit" und "Entschlossenheit" "geheilt" werden. Also müssen
Rüstungskontrollverhandlungen sein: Da wird den "kommunistischen
Bösewichtern" klargemacht, daß man mit ihnen eigentlich gar
nichts verhandeln will - außer ihrer Unterwerfung unter die west-
liche Weltordnung und ihre Atom-"Polizei". Der Erfolg dieser Ver-
handlungen besteht in ihrem "Scheitern": Nur so kann man den Rus-
sen richtig verdeutlichen, daß der Westen sich nur noch mit ihrer
S e l b s t a u f g a b e a l s W e l t m a c h t zufriedenge-
ben will.
6. "Friedenspolitik" nach innen
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Dem Volk wird erklärt, sein höchstes Gut wäre in Gefahr: die
b r i t i s c h e E h r e. "Wir alle sind nun Falkländer!"
heißt die Hetzparole: jeder Brite eine lebende Nationalfahne.
Daß die Falkländer selber bei ihrer "Befreiung" vom "argentini-
schen Joch" ziemlich zahlreich draufgehen, wird durchaus vermerkt
- das ist eben der P r e i s der Freiheit.
Das Volk wird bei seiner Ehre gepackt: Es wird doch wohl noch
"Werte" geben, für die es sich lohnt zu sterben und sterben zu
lassen. Der Feind behindert die eigene Nation - also heißt der 1.
Wert: "Freiheit". Der Feind gefährdet die Bewegungsfreiheit des
Westens - also heißt der 2. Wert: "Frieden". D a f ü r wird
sich ein Krieg doch wohl lohnen!
7. Eskalation
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Die Argentinier geben nicht nach. "Also" bleibt der britischen
Regierung "gar nichts anderes übrig", als militärisch ernst zu
machen. Um den Feind noch vor einem größeren Krieg "zur Vernunft"
zu bringen, "muß" die britische Flotte ihm wohldosierte Schläge
beibringen. Da die britische Regierung nun einmal zum Krieg ent-
schlossen ist, läßt sich nur so, durch e i n b i ß c h e n und
immer ein bißchen mehr K r i e g, der Frieden retten. Also
wird, in wohlkalkulierter Abstufung und Abfolge, Süd-Georgien be-
setzt, ein argentinisches U-Boot aufgebracht, der Flugplatz von
Port Stanley bombardiert, Stück um Stück die argentinische Luft-
waffe vernichtet... und natürlich w e i t e r v e r h a n-
d e l t, damit die Argentinier die "Sprache der Gewalt" auch
richtig verstehen!
Die Russen sind nicht besonders kapitulationsbereit. An ihren
Verbündeten halten sie ebenso fest wie an ihrer Raketenwaffe ge-
gen das Stationierungsgebiet der stärksten Militärmacht der Welt
auf engstem Raum, gegen Westeuropa. Um sie f r i e d l i c h
mürbe zu machen, "muß" der Westen ihnen schlagend klarmachen, daß
sie im Ernstfall keine Chance haben. Nur dadurch, daß man die So-
wjetunion immer mehr in die Enge treibt, ihr also immer härtere
K r i e g s g r ü n d e liefert, läßt sich vielleicht der ge-
plante Sieg ohne Krieg erringen - einen a n d e r e n
F r i e d e n w i l l d e r W e s t e n n i c h t m e h r.
Also wird, in wohlkalkulierter Abstufung und Abfolge, "nach-",
auf- und t o t g e r ü s t e t... und natürlich weiterverhan-
delt, damit die Russen sich über den "Ernst der Lage" nur ja
nicht "täuschen".
8. Offene Feld- und Seeschlacht
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Werden die britischen Schläge nicht umgehend mit einem totalen
argentinischen Rückzug beantwortet, dann spielt sich fortan alles
Weitere -nach den Regeln der m i l i t ä r i s c h e n
F r i e d e n s s i c h e r u n g ab. Regel Nr. 1: H a r t
u n d w i r k u n g s v o l l zuschlagen ist das Beste, was
sich machen läßt, um den S c h a d e n z u b e g r e n z e n.
Inseln werden besetzt - im Interesse ihrer Verteidiger: die müßte
man ja sonst glatt aushungern. Der Flugplatz wird bombardiert -
im Interesse der feindlichen Piloten: wenn die gar kein Ziel mehr
haben, brauchen sie ja gar nicht erst loszufliegen und sich von
den Briten abschießen zu lassen. Die Argentinier müssen
s c h n e l l besiegt werden - im Interesse aller Beteiligten:
sonst zieht der Krieg sich womöglich noch über den Winter hin.
Nach militärischer Logik ist Blutvergießen das beste, wenn nicht
einzige Mittel, m e h r Blutvergießen zu verhindern. Atombomben
wurden und werden bekanntlich auch bloß eingesetzt, um das Leben
von Soldaten und Zivilisten zu schonen, die man sonst viel mühse-
liger abmurksen müßte...
Für den Showdown zwischen Ost und West sind Ort und Zeit noch of-
fen. Die Methode ist dieselbe. Mit der Parole: "Friedens-
sicherung!" nämlich: vor dem Feind und mit Gewalt! kommen die
Staaten todsicher, aus lauter Pazifismus, in den nächsten
Weltkrieg hinein. 7 von 8 Punkten sind immerhin schon so ziemlich
abgehakt!
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