Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND FALKLANDKRIEG - Vom Nutzen eines gewonnenen Kriegs
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Falkland
EIN KRIEG IST ZU ENDE
"Ich ergebe mich", unterschrieb der argentinische Kommandant in
seiner Kapitulationserklärung. "Ich hoffe, wir haben die Überle-
genheit Großbritanniens wiederhergestellt", erklärte kurz danach
die englische Premierministerin vor ihrem Parlament. Ein
waschechter Krieg ist zu Ende, mitten im NATO-Frieden und zwi-
schen zwei Staaten des Westens, mit allem, was dazugehört: mit
der gegenseitigen Vernichtung der Kriegsmittel und tausend Toten
und noch mehr Verwundeten; mit Kriegsglück und dem Menschenmate-
rial, das sich dafür ziehen lassen darf; mit dem Einsatz von so
feinen Tugenden wie Tapferkeit bis zum Tode und Mut zur totalen
Selbstaufgabe für die Ehre der Nation; mit der Offenbarung der
Tugenden der politischen Führer, die eisern die Selbstbehauptung
ihres Staates verfolgen und die Angehörigen der Toten und Vermiß-
ten benachrichtigen; mit Kapitulation und Sieg, wofür einmal die
Tausende argentinischen Kriegsgefangenen stehen und zum anderen
die angekohlten, aber noch lebenden englischen Soldaten, die be-
weisen, daß es sich gelohnt hat. Die Friedenssicherung ist er-
folgreich beendet worden.
Denn merke: Wenn England seine Überlegenheit wiedergewonnen hat
durch Sieg über den Gegner und somit seine Ansprüche britischen
Einflusses in der Welt gewaltsam behauptet hat, dann ist der
Frieden wiederhergestellt. Er besteht nur darin, daß die Waffen
nicht mehr sprechen. Vom Standpunkt dieser Gewalt, die der Frie-
den ist, bleibt die eiserne Lady deshalb auch im alten Fahrwas-
ser: "Warum sollte ich jetzt über die Falklandinseln verhandeln?"
- wo doch Siegfrieden ist!
Bilanz des Siegers
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Weil England gesiegt hat, sind automatisch alle Einwände gegen
diesen Krieg schlagend als unnationale Schwachheiten widerlegt.
Weil England gesiegt hat, zählen die Kosten an Menschen und Mate-
rial überhaupt nicht mehr. Die oberste Charaktermaske Großbritan-
niens braucht nicht mehr heuchelnd Trauer tragen. Sie, die den
Befehl zum Sterben für Englands Größe gegeben hat, lacht wieder
demonstrativ und erleichtert, weil das Kriegsziel erreicht ist.
S o feiern Führer einer Staatsgewalt Triumphe und gewinnen an
Popularität! Doch nicht mit der Lösung so kleinlicher Sorgen wie
Arbeitslosigkeit und Elend, wovon es ja in England genug gibt,
weil der Staat dafür sorgt. Nein, mit dem siegreichen Durchfech-
ten des Rechts der Nation, sich von keiner anderen Gewalt etwas
gefallen zu lassen; mit den ehrenhaft Gefallenen, die dafür ver-
heizt werden; mit der Beständigkeit im Verfolgen des Kriegs-
zwecks! Ja, wenn diese Frau über lauter Untertanen gebietet, die
gute Briten sein wollen und diese Tugend über all ihre Sorgen
stellen, dann muß ja jemand populärer werden, der hart und bedin-
gungslos zuschlägt und siegt!
Bilanz des Verlierers
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Die Thatcher hat an Ansehen gewonnen durch ihren Gewaltakt, Ar-
gentiniens Präsident Galtieri mußte seinen Posten anderen über-
lassen, weil es nicht zum Sieg reichte. Zwar waren die Toten auch
nicht umsonst, weil sie "unsere Würde und unsere Ehre gerettet"
haben, doch Niederlage ist nicht Sieg. Das bietet Konkurrenten um
die Macht Gelegenheit, das Ruder zu übernehmen - sozusagen poli-
tische Kriegsgewinnler, da der Krieg verloren. Während Heer, Ma-
rine und Luftwaffe um die Diktatorenposten stritten, kam auch von
nichtmilitärischen Anwärtern auf die Macht wieder das Verlangen
nach demokratischen Verhältnissen auf. Ein verlorener Krieg taugt
dafür als gutes Argument:
"Das verflossene argentinische Blut verpflichtet uns jetzt, eine
starke (!), demokratische und egalitäte Gesellschaft aufzubauen."
Dieselben, die im nationalen Hochgefühl über die argentinische
Inbesitznahme der Falklandinseln nicht umhin konnten, General
Galtieri Anerkennung zu zollen, und alle Kritik an der Militär-
diktatur zeitweise sein ließen, erinnern sich - nach der Nieder-
lage - daran, daß ihre Vorstellung von staatlicher Ordnung mit
ihrer Beteiligung in der Führung ein besserer Garant der Stärke
der Nation sein könnte - eben weil argentinisches Blut verpflich-
tet.
Das Volk in Argentinien haben Not und Elend, die ihnen von oben
bereitet werden, nicht daran gehindert, den Urhebern ihrer Lage
zuzujubeln, als sie die Malvinas besetzt hatten. Jetzt ist es
enttäuscht über seine Junta, weil sie den Krieg vergeigt hat,
nicht etwa weil es Tote gab und Not und Elend weitergehen.
Bilanz der Völker
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Offenbar macht es gar keinen Unterschied, ob Militärdiktatoren
oder gewählte Premierministerinnen das nationale Interesse macht-
voll verteidigen: Gestorben wird unter beiden Systemen, nachdem
man vorher auch nichts zu lachen hatte. Offenbar bedeuten Sieg
oder Niederlage für das Volk, das dafür anzutreten hat, auch
nicht Vorteil oder Nachteil: Die Engländer dürfen stolz sein auf
den Sieg ihrer Staatsgewalt, die Argentinier schämen sich ihrer
Regierung wegen der Niederlage. Genau das haben beide Völker da-
von!
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