Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND FALKLANDKRIEG - Vom Nutzen eines gewonnenen Kriegs
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Großbritannien
DER NUTZEN EINES GEWONNENEN KRIEGES
Wenn siegreiche Regierungen mit ihrer Nation in demokratisch-öf-
fentlicher Debatte die Kosten der Operation (vom Ersatz der ver-
senkten Schiffe über Treibstoffkosten bis zur Munition wurde al-
les verrechnet - Bilanz: 2-3 Mrd. Pfund; außerdem: 1 Mrd. pro
Jahr für die Sicherung der "Festung Falkland") auflisten, dann
geht es auf keinen Fall um die Frage, ob diese sich denn auch ge-
lohnt hätten.
Diese Frage ist mit der Kriegs e r k l ä r u n g positiv be-
schieden und mit dem Sieg glorreich bestätigt. Die Vorstellung,
hier würde eine Nation - schockiert von der Rechnung, die ihr für
den Sieg und seine künftige Sicherung präsentiert wird - mit ih-
rer Regierung abrechnen, eine solche Vorstellung ist also absurd:
Warum auch sollte eine Öffentlichkeit, die ihrer Kriegsherrin
Beistand leistete und sich allenfalls aus Zweifel am Erfolg zu
lahmen Frechheiten hinreißen ließ - "restriktive Informationspo-
litik"! -, ausgerechnet zum Kritiker des Sieges werden? Das
zweite Falklandbuch der Welt, eine "kritische Bilanz" war denn
auch von einem Kriegskorrespondenten den "anderen Falklandkrie-
gern" gewidmet. Wenn also Frau Thatcher so tut, als wolle sie je-
mand zur Rechenschaft ziehen -
"Es ist kostspielig, die Freiheit zu verteidigen. Sie ist es
wert, verteidigt zu werden. Da ist ein Preis in Geld und Blut zu
zahlen." -,
dann beweist der Inhalt ihrer "Antwort", daß da überhaupt niemand
fragen darf, ob sich denn die Opfer auch g e l o h n t hätten.
"Ein Gefühl von kolossalem Stolz"
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Margaret Thatcher braucht sich also für Falkland keineswegs zu
rechtfertigen. Im Gegenteil: Seit der Eroberung von Port Stanley
hat sie wohl keine Gelegenheit ausgelassen, den Sieg auszu-
schlachten und wahre Orgien britischer Selbstbeweihräucherung zu
veranstalten:
"Sehen Sie, was die Falklands bewiesen, ist, daß wir es schaffen
können, es exzellent schaffen können. Es gab ein Gefühl von ko-
lossalem Stolz, daß wir noch Dinge tun können, für die wir be-
rühmt geworden sind. Und dieses Gefühl werden wir noch lange Zeit
beibehalten." (Thatcher)
Das Schöne am dreimal emphatisch vorgebrachten Wir ist, daß es in
der Freude über den militärischen Erfolg alle eint und gar nicht
den Gedanken daran aufkommen läßt, daß sich hinter dem Wir minde-
stens zwei mal drei recht kontroverse Subjekte verbergen: die
Oberbefehlshaber in 10 Downing Street, die Krieger im Südatlantik
und die Arbeiter, denen die Rechnung für das gemeinsame Vergnügen
serviert wird. Dafür ergeben sich vom gemeinsamen nationalen
Standpunkt ganz andere Gegensätze: nämlich die zur ganzen Welt,
der man es - endlich mal wieder - gezeigt hat! So soll auch der
gebeutelte Brite seine Nase wieder höher tragen, sich über "seine
Jungs" freuen - wenn er schon sonst nichts zu lachen hat -, sich
an die vergangenen kolonialkriegerischen Großtaten zurückerinnert
fühlen, als Großbritannien noch weltweit souverän nur für die ei-
gene Größe und die eigene Weltherrschaft seine Soldaten sterben
und morden ließ, und mit Zuversicht in die im übrigen gar nicht
rosig gemalte Zukunft blicken. Den nationalen Stolz, die Genugtu-
ung, zu den Siegern zu gehören - "Wir haben die besten Soldaten
der Welt" (Thatcher) - darf ein Pfaffe deshalb mit seinem billi-
gen Mitleid für den Verlierer nicht in Frage stellen. Den An-
spruch auf den Siegerstolz läßt die Premierministerin sich vom
Mann Gottes nicht madig machen. Da stellt sie sich kämpferisch
vor ihre Soldaten, die man schließlich eben zu dem Zweck auf den
Weg gebracht hat, die "Argies" kleinzukriegen.
Letzte Woche bekam das Volk dann seine Helden in der großen
Siegesparade
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zu sehen. Die Londoner säumten die Straßen, um die mit klingendem
Spiel vorbeimarschierenden Falklandsieger, Flugzeug- und Hub-
schrauberstaffeln und die ihrer militärischen Machtdemonstration
applaudierende Premierministerin zu feiern. Schon Wochen vorher
hatte die Öffentlichkeit die Frage zu wälzen, ob man dies farben-
und sinnenfrohe Bild durch die Mitführung der Kriegskrüppel im
Rollstuhl trüben dürfe. Die Entscheidung, sechs davon wenigstens
an die Festtafel zu schieben, gereicht einer aufgeklärten demo-
kratischen Nation, die sich ihrer Opfer nicht schämt, zur Ehre;
und daß die Nation gerade auf ihre Opfer stolz sein kann, bewie-
sen einige Veteranen, die sich ohne Bein im Rollstuhl und Uniform
an den Straßenrand rollen ließen, um ihren Kameraden pressewirk-
sam zu applaudieren. Wirklich eine ungetrübte Demonstration na-
tionaler Einheit und Größe! Oppositionsführer Foot - nach eigenem
Bekunden "unverbesserlicher Friedenshetzer" und "radikaler Atom-
waffengegner" - stellte sich mit auf die Tribüne, um den Bur-
schen, die radikal konventionell den Frieden gesichert haben, die
Ehre zu erweisen. Der liberale Steel dagegen war so sehr vom Sieg
begeistert, daß er es nicht mitansehen konnte, wie ausgerechnet
Frau Thatcher von den Konservativen sich zum x-ten Male
mit"Falklandgirlanden" schmückte.
Darüber, daß zum x-ten Male für die "Versehrten" und die "Hinter-
bliebenen" gesammelt wurde, mochte sich dagegen niemand erregen.
Daß der Staat gewisse Folgekosten seines Sieges in Grenzen hält,
indem er über die Mobilisierung nationaler Solidarität mit den
Kämpfern, die "für uns" die Knochen hingehalten haben, und die
Erinnerung an die praktische Konsequenz der nationalen
Siegesfreude das Volk dazu anhält, die Kriegsopfer um ein eigenes
zu bereichern, ist schließlich keine Sache der Regierung, sondern
"eine der Humanität". Und wo es nur um letztere geht, zeigt auch
die Regierung sich großzügig: Für die große Falklandauktion
stellt sie nicht nur allen möglichen Kriegsplunder zur Verfügung,
der nur für nationalistische Idioten, die am Hochzeitstag Prinz
Andrews dreckige Handschuhe tragen wollen, begehrenswert ist,
sondern läßt auch den Kriegspressesprecher als Auktionator auf-
treten. Knackige Weiber in englischfarbigen Miniröcken, mit der
Parole: "Be british and proud of it!" auf den Titten, präsentier-
ten dann tänzelnd die Kriegsutensilien vom Schlüpfer bis zum Kom-
mandeurshut und machten erkleckliche Pfundbeträge locker, die die
Politiker in ihrer vernichtend hohen Meinung vom Volk, das wieder
alte Tugenden beweise, erneut bestätigten. Dank dieser öffentli-
chen Anteilnahme braucht "man" sich (als Steuerzahler), zumindest
was die Versorgung der Opfer betrifft, keine großen Sorgen mehr
zu machen.
Mit Kriegselan in die Produktionsschlacht
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Mit einem einfachen "Dankeschön" für diese vorbildliche Sozial-
leistung seines Volkes gibt sich jedoch ein Staat nicht zufrie-
den. Das Lob der in Krieg und Frieden erbrachten Opfer dient ihm
ja nur als Beweis, daß noch einiges zu holen ist. Er reklamiert
die erbrachten Opfer als selbstverständlichen Anspruch auf die
Bereitschaft auf künftige:
"Wenn wir (!) mit dem gleichen Elan, den wir gegen Argentinien
gezeigt haben, an die Lösung der Probleme unserer Wirtschaft ge-
hen, dann werden wir auch hier erfolgreich sein." (Thatcher)
Die gefeierten Idole der Nation werden ihr nun unmittelbar prä-
sentiert als das, was sie sind: Vorbilder, denen man nachzueifern
hat. Gelehrig haben Soldaten an die Reling der heimkehrenden
"Canberra" einen unmiffverständlichen Appell an die streikenden
Eisenbahner gehängt:
"If you don't stop your strike, we'll quit our services."
Die Arbeiter selbst haben diese Fähigkeit schon während des
Krieges gezeigt, wo ihnen anerkennend bescheinigt wurde, daß sie
die Arbeiten zur Umrüstung ziviler Schiffe in einem Bruchteil der
sonst dafür veranschlagten Zeit erledigten.
Vor dieser Klarstellung des maßlosen Anspruches des Staates und
der Definition des damit einzig gemäßen Anspruches an ihn bla-
miert sich jede Vorstellung davon, man könne die staatlichen Mit-
tel auch anders nutzen als zur Mehrung seiner Souveränität und
seines Ruhms, als unanständige Reminiszenz an den kleinlich-pri-
vaten Nutzen. Wenn ein Abgeordneter fragt:
"Es kostet jährlich eine Milliarde Pfund, um die 'Festung Falk-
land' zu halten. Wieviele Häuser und Krankenhäuser könnte man da-
von bauen?",
dann erntet er nur das demonstrative Unverständnis seiner Pre-
mierministerin, so als käme er mit seinen Wohn- und Krankenhäu-
sern von einem anderen Stern:
"Sir, Sie verstehen nichts vom Kriegshandwerk:"
So macht sich die praktische Unterordnung von Ökonomie und Volk
unter den politischmilitärischen Zweck als "Vorrang des militäri-
schen Denkens" in der öffentlichen Auseinandersetzung geltend und
leistet seinen Beitrag zur Abforderung der dazu nötigen Opfer.
"Stars of the Falklands"
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Schließlich hat der Krieg auch noch die Ausrüstung des Militärs
zu einem heißdiskutierten Anliegen gemacht. Zum einen berechtigt
die militärische Leistung natürlich zu Stolz:
"Die bemerkenswerte Tatsache an der Task Force ist, daß es
klappte, wie es klappte. Logistisch war es ein Triumph, der nahe-
legt, daß Großbritanniens Fähigkeit, außerhalb des NATO-Gebietes
zu operieren, so gut ist, wie man es vernünftigerweise hoffen
kann." (Thatcher)
Zum andern heißt das noch lange nicht, daß Regierung und Militär
sich damit zufrieden gäben. Gerade der errungene Erfolg verlangt
höchste Anstrengungen, um ihn auch künftig sicherzustellen. Ge-
rade der gewonnene Krieg wird zum Argument, auf dem bisher ver-
folgten Weg noch energischer voranzuschreiten und Großbritannien
für alle künftigen Fälle so zu rüsten, daß sie erst gar nicht
eintreten. Wenn Journalisten jetzt überall auf der Welt Falklands
entdecken und der Menschheit dartun, sie befände sich auf einer
als Globus getarnten Sprengladung, dann weisen sie ihre Regierung
darauf hin, was noch alles zu tun ist, um durch die rechtzeitige
Omnipräsenz der eigenen Friedensstreitmacht "Übergriffe fremder
Potentaten" wie im Falle der Falklands gar nicht erst zuzulassen.
Die Opposition bezweifelt die Kampfkraft, deren die Regierung
sich rühmt, verwandelt die britische Überlegenheit in eine Reihe
glücklicher Zufälle und leistet mit dem Hinweis auf alle mögli-
chen Lücken den Militärs wertvolle Schützenhilfe bei ihren Forde-
rungen: Gegen die Russen möchte man sich auf keinen Fall wie ge-
gen die "Argies" aufs "Glück" verlassen müssen.
Geradezu banal - wenn auch nicht verachtenswert - erscheint der
materielle Nutzen, den die britische Rüstungsindustrie aus dem
Sieg zieht. Verteidigungsminister Nott öffnet auf einer großen
Waffenschau "ein Schaufenster für den Verkauf britischer Waffen
ins Ausland" und posiert als würdiger Repräsentant der so erfolg-
reichen britischen Waffen mit einer MP im Anschlag in der
"Times", umringt von exotischen Interessenten, denen die Zeitung
die Schlagzeile aufmacht:
"British missiles - stars in the Falklands."
Vom Nutzen des Patriotismus
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zeugt schließlich noch die Entscheidung der britischen Reederei
Cunard, einen bereits nach Süd-Korea vergebenen Schiffsneubauauf-
trag doch einer nationalen Werft anzuvertrauen. Die dadurch ent-
stehenden Mehrkosten sind aufs patriotischste aufgebracht worden:
Erstens erhält Cunard 9,4 Mio. Pfund Versicherungsgelder für sein
von der Royal Navy requiriertes Containerschiff "Atlantic Con-
veyor", das vorher mangels Fracht 9 Monate lang auf Reede gelegen
war und von der Regierung großzügig versichert wurde, bevor es
vor Falkland versenkt wurde. Ferner machte Mrs. Thatcher 9 Mio.
Pfund aus dem Wehretat locker mit der Auflage, das neue Schiff
zum potentiellen Hubschraubertransporter auszubauen, und schließ-
lich wurden British Shipbuilders mit Geld in Form von Staatssub-
ventionen dazu gezwungen, bei ihrem Kostenvorschlag um 4 Mio.
Pfund herunterzugehen. So konnte zum einen die "nationale
Schande" vermieden werden, daß ein fürs Vaterland versenktes
Schiff durch asiatische Schiffsbaudumper ersetzt wird, zum ande-
ren kriegt Cunard sein Schiff noch billiger, die Navy einen Hub-
schrauberträger für alle Fälle mehr und britisches Kapital einen
fetten Auftrag, sowie ein paar Werftarbeiter die Ehre, daß ihre
Arbeitskraft nicht nur angewandt, sondern auch noch für die Ehre
der Nation gebraucht wird.
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