Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND FALKLANDKRIEG - Vom Nutzen eines gewonnenen Kriegs
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Großbritannien
KRIEGERISCHER WETTSTREIT DER PARTEIEN
"England expects that every man will do his duty!" (Lord Nelson
of Trafalgar)
Wenn demokratische Politiker neidisch kundtun, in "totalitären
Regimen" ließen sich die Leute leichter in den Krieg schicken,
dann stimmt das nicht. Sie verkünden allein die Ansprüche, die
demokratische Herrscher ihren Untertanen gegenüber für selbstver-
ständlich halten. Diese Ansprüche beruhen auf der Gewißheit, daß
der Krieg so gut wie seine Vorbereitung mit keiner Herrschafts-
form besser durchzuführen ist als mit einem demokratisch gereif-
ten Volk, das schon im Frieden seine Unterwerfung unter das öf-
fentliche Wohl ganz überparteilich und daher um so schlagender -
als naturgemäßen S a c h zwang, vor dem noch jedes subjektive
Wollen und Wünschen verblaßt, auffaßt.
Gerade der v i e l stimmig vorgetragene Wunsch nach Frieden i n
F r e i h e i t macht den Krieg erst so richtig heiß, weil ge-
recht: Die demokratische Diskussion um Kriegsziele und Kriegsmit-
tel stellt nicht nur den am besten, nämlich durch das Volk legi-
timierten Einsatz der Staatsgewalt dar, sondern setzt gleichzei-
tig den Rahmen, innerhalb dessen die nationale Angelegenheit de-
battiert werden darf. Genau das läßt sich an der demokratischen
Bewältigung des Falkland-Kriegs in Großbritannien studieren. Die
"Gefahr der Gleichschaltung der britischen Öffentlichkeit"
(Süddeutsche Zeitung) wittern nur hiesige Journalisten, weil die-
ser Krieg nur bedingt der ihre ist, womit sie ein weiteres Mal
demonstrieren, daß ihnen nichts ferner liegt, als ihren Bleistift
gegen die eigenen Herrschaften und ihre Beteiligung an diesem
Krieg zu spitzen. "Kriegsbegeisterung", Pressefreiheit und parla-
mentarische Opposition schließen sich nämlich nicht aus, sondern
ergänzen sich prächtig. Gerade hier läßt sich sehen, wie ungebro-
chen der Nationalismus aus Friedenszeiten, der sich angeblich
keine "Ressentiments" gegen andere Völker erlauben will, und des-
halb schlicht "Patriotismus" genannt wird, übergeht in die je-
weils bei a n d e r e n Nationen dann bemäkelten Formen von
"Hurrapatriotismus", "Chauvinismus" oder "Jingoismus", ein
"extremer Nationalismus, gepaart mit Verachtung für andere Län-
der, welcher eine kriegerische Politik unterstützt" (Oxford-Lexi-
kon). In den betreffenden Ländern heißt dies immer noch und erst
recht "wahrer Patriotismus" auf den jeder
v e r p f l i c h t e t wird, wenn ein Krieg zur "Verteidigung
nationaler Interessen unausweichlich" geworden ist.
Dann schlägt die
Stunde der Exekutive
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Schließlich kommt es dann nur noch auf den möglichst erfolgrei-
chen E i n s a t z des Militärs an. Und über dessen Einsatz
entscheidet der, der den Befehl hat, die Legitimation liefert al-
lein der Erfolg. Und darum gilt es zu h a n d e l n: Erstens
Entsendung der Flotte und zweitens Entlassung des Ministers, der
dafür verantwortlich gemacht wird, daß sie noch nicht unten ist.
Eine "Regierungskrise" ist das wohl nicht, erst recht keine
"Staatskrise", viel eher schon eine entschlossene Demonstration
der kriegerischen Verteidigungsbereitschaft, indem die Regierung-
schefin das Entlassungsgesuch des Außenministers akzeptiert und
das des Verteidigungsministers zurückweist, zumal sie ins Außen-
amt einen bekannten Gegner der Abrüstung der Flotte (zugunsten
der Raketenrüstung gegen die Russen) beruft. Die Figuren, die
während des Kriegs die Regierung repräsentieren, stehen gleich-
zeitig für das Regierungsprogramm: Die Wiederherstellung der Sou-
veränität der britischen Regierung (Thatcher) auf den Inseln,
also die Kapitulation Argentiniens muß erreicht werden, gleich-
gültig ob mehr durch Verhandeln auf Basis der Kriegsdrohung (Pym)
oder durch Wahrmachen dieser Drohung zwecks Herstellung von Ver-
handlungsbereitschaft beim Gegner (Nott). Und weil für denselben
Zweck der eine den diplomatischen, der andere den militärischen
Part übernimmt und Frau Thatcher beide aufeinander abstimmt und
füreinander einsetzt, befürchtet eine demokratische Öffentlich-
keit gleich eine Spaltung der Regierung in "Falken" und "Tauben".
So beurteilt die Öffentlichkeit den Streit in der konservativen
Partei, ob nicht Verhandlungen überhaupt einen erfolgreichen
Krieg verhindern. In der Presse wird diese "Spaltung der Konser-
vativen" auf jeden Fall angesichts der gemeinsamen nationalen Sa-
che für "schädlich" erachtet, ganz unabhängig davon, ob man die
Kapitulation nun von Gesprächen, Kanonen oder von einem ausgewo-
genen Verhältnis beider erhofft. Eine durchaus konstruktive Kri-
tik angesichts dessen, daß die Regierung in den Verhandlungen un-
nachgiebig bleibt und die militärische Gewalt erfolgreich ein-
setzt. Deshalb kann Frau Thatcher auch Kritiker erfolgreich mit
den Sachzwängen der gemeinsamen Sache kontern:
"Es ist gänzlich inkonsequent, die Entsendung der Einsatztruppe
zu unterstützen und nun dagegen zu sein, sie auch einzusetzen.
Mehr noch: Es wäre höchst gefährlich, auf diese Weise zu bluffen.
Britische Soldaten und Schiffe werden feindlichen Angriffen aus-
gesetzt, Argentinien würde an unserer entschiedenen Entschlossen-
heit zweifeln. Der diplomatische Druck würde untergraben."
(Thatcher, Guardian, 30.4.82)
Der Niederschlag dieser Erfolge in "überwältigenden" Siegen der
Konservativen bei den Kommunal- und Nachwahlen reduziert das Ge-
heimnis demokratischen Wahlerfolgs auf seinen gewaltsamen Kern
und zeigt nebenbei, daß die Stimmenverluste der Tories vor dem
Krieg mit einer Opposition gegen Existenzgefährdung durch Ar-
beitslosigkeit und Lohnsenkung aber auch gar nichts zu tun gehabt
haben.
Opposition für den Sieg
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Wie es sich gehört für eine parlamentarische Opposition, konzen-
triert sie ihre Kritik an der Regierung darauf, ihr den Erfolg zu
bestreiten, indem sie ihr Versagen vorwirft, die Besetzung der
Inseln als Niederlage der Regierung geißelt und so von der Regie-
rung verlangt, ihrer Pflicht nachzukommen:
"Brutale, verruchte Aggression muß zurückgewiesen werden durch
Taten und nicht nur durch Worte, wo immer sie ihr Haupt erhebt."
Für seine Rede erhielt Oppoationsführer Michael Foot nicht nur
den Beifall der eigenen Fraktion. Gestandene Erzreaktionäre, wie
Winston Churchill jun. lobten ihn für seinen "konstruktiven Bei-
trag" und bestätigten ihm, er habe mit dieser "schärfsten Aufrü-
stungsrede der Nachkriegszeit" "für England gesprochen". Labour
verwies stolz darauf, daß die Regierung Callaghan vor fünf Jahren
durch r e c h t z e i t i g e Entsendung einer Friedensstreit-
macht einer argentinischen Aggression entgegengetreten sei und
sie so verhindert habe. Den Vorwurf, daß Labour Süd-Thule von Ar-
gentinien habe besetzen lassen, konterte ein Sprecher damit, daß
"es sich dabei um nicht viel mehr als einen unbewohnten Haufen
Vogelscheiße" (Guardian, 5.4.82)
gehandelt habe - während bei den Falkland-Inseln das Selbstbe-
stimmungsrecht von Briten durch ein diktatorisches Regime mißach-
tet worden sei. Deshalb fand die Entsendung der Eingreiftruppe
nicht nur die Billigung der Labour-Partei - sie wurde geradezu
stürmisch von ihr gefordert. Mit dieser Debatte sorgte sie
gleichzeitig für die offizielle Festlegung der Kriterien, für die
ein Staat des Freien Westens einen Krieg zu führen hat. Wie
konnte die Maßlosigkeit des darin erhobenen politischen Anspruchs
eindrucksvoller vorgetragen werden als durch einen Vertreter der
Opposition?
"Können Sie die Zusicherung geben, daß die Regierung die Truppen,
die gegenwärtig zur Verteidigung Belizes eingesetzt sind, nicht
reduzieren wird, solange es von seiten Guatemalas bedroht ist?"
(Denis Healy, Times, 20.4.82)
Oder noch besser von einem Vertreter der Opposition in der Oppo-
sition:
"Angesichts Ihrer Haltung gegen die faschistische Junta in Argen-
tinien - was ist mit der Tatenlosigkeit Ihrer Regierung gegen
eine andere faschistische Junta, in der Türkei, die immer noch
einen Teil eines Commonwealth-Landes, nämlich Zypern, besetzt
hält. Was ist Ihre Haltune zu dieser Okkupation? Was gedenken Sie
zu tun, um diese Truppen zu entfernen? Und was werden Sie tun,
wenn die Generale in Ankara sich weigern, ihre Truppen zurückzu-
ziehen?" (Thomas Cox, Times 23.4.82)
Das Verlangen, die Regierung möge die Souveränität Großbritanni-
ens möglichst effektiv und ausnahmslos überall vertreten, ist ein
Einwand gegen eine Kriegsführung der Regierung, der die Opposi-
tion den Erfolg nicht bestreiten kann und will. Deshalb nur rech-
net sie der Regierung als Mißerfolg an, daß sie die Flotte nicht
auch anderwärts zum Einsatz bringt. Wenn Parteiführer Michael
Foot die Entsendung der Flotte zwecks Vertreibung der "Argies"
gebilligt und den ersten Einsatz als "übereilt" kritisiert hat;
wenn er jeden weiteren Einsatz als Erfolg der "tapferen briti-
schen Soldaten" würdigt und fragt, ob es nun nicht Zeit wäre zu
verhandeln - dann bespricht er als Oppositionsführer nichts an-
deres als die Regierung: Verhandlungen eben als Ausnutzung der
Androhung und Einsetzung von Gewalt. So bekundet er die nationale
Einigkeit im Zweck, die Argentinier zur Kapitulation zu zwingen
und steckt das Feld ab, auf dem Einwände gegen die Regierungsmaß-
nahmen genehmigt sind, ohne daß sie als "Vaterlandsverrat" abge-
stempelt werden.
Mit dieser Nörgelei an einer erfolgreichen Kriegsführung, der so-
lidarischen Kritik in einer nationalen Grundsatzfrage, bewährt
sich die Opposition als zuverlässige nationale Kraft und bewahrt
sich den moralischen Schein, die Regierung zu einer menschen- und
materialschonenderen Politik aufzufordern - eine oppositionelle
Heuchelei, die sie noch während des beginnenden Schlußmassakers
um Port Stanley und in Erwartung des Sieges - erneuert: Die Re-
gierung sollte doch j e t z t nicht auf b e d i n g u n g s-
l o s e r Kapitulation bestehen, sondern mit "Großherzigkeit"
ihre Bedingungen zur Verhandlung stellen. So erfüllt die
Opposition in einer Situation, wo Volk, Staat und Regierung eins
sein sollen ihre demokratische Pflicht, indem sie f ü r den
Staat mit der Regierung g e g e n sie ist - und das mit der
Begründung, er wolle sich mit der Unabhängigkeit von der
Regierung die "Freiheit der Kritik" bewahren, um nach jedem Schuß
kritische Fragen folgenden Kalibers stellen zu können:
"War es notwendig oder klug oder richtig von Downing Street, die-
sen Befehl (zum Bombardement von Port Stanley) zu geben, bevor
der Außenminister den Generalsekretär der Vereinten Nationen ge-
troffen hat." (Foot, Daily Telegraph, 3.5.82)
Her Majesty's (Labour-)Opposition wird darum nicht müde, das
Ideal einer Durchsetzung britischer Interessen per Verhandlungs-
lösung hochzuhalten. Die eigene Ernsthaftigkeit demonstriert sie,
indem sie noch vor dem wirklichen, den Schattenaußenminister zum
UNO-Generalsekretär Perez de Cuellar entsendet und sich weigert
die Verantwortung für die militärischen Aktionen zu übernehmen,
indem sie sich an den All-Parteien-Gesprächen nicht beteiligt und
statt dessen verlangt, daß diese wichtige Sache nicht von ein
paar Leuten, sondern jeweils vom ganzen Parlament entschieden
werden müsse.
Die Weigerung, an den Sitzungen des Kriegskabinetts teilzunehmen,
verdankt sich allerdings mehr der Tatsache und der Einschätzung,
daß es sich bei d i e s e m Krieg die Opposition noch leisten
kann, sich der "Verantwortung zu entziehen". Aber nur, weil er
nicht die Anspannung aller nationalen Kräfte erfordert, sondern
Großbritannien offensichtlich die Freiheit hat, den Krieg als Un-
terabteilung der Außenpolitik zu behandeln oder vom Standpunkt
des Verteidigungshaushalts als sowieso vorgesehenes größeres Ma-
növer zu betrachten. Labour möchte jetzt nicht die Verantwortung
für die Entscheidungen der Regierung m i t tragen - sie werden
ohnehin durchgeführt -, damit hinterher darauf verwiesen werden
kann, daß man sich immer schon für elegantere Lösungen einge-
setzt, die Tories aber nicht auf einen gehört hätten. Die SDP
schafft es, unbedingte Loyalität zur Regierung mit der Kritik an
ihr zu verbinden:
"Nach der Invasion hat es keine Alternative zur Anwendung der
Flotte gegeben und zur Bereitschaft Militär einzusetzen, wenn
Verhandlungen scheitern. Die gegenwärtigen Operationen müssen zu
einem erfolgreichen Abschluß gebracht werden, und das mit unbe-
schränkter Unterstützung für die in die gefährlichen Operationen
verwickelten... Die Premierministerin kann nicht von der Verant-
wortung für die Fehler entbunden werden, die die Argentinier Fal-
kland erobern ließ." (William Rodgers, Times, 28.6.82)
Die britisch-parlamentarische Friedensbewegung
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um die 31 Labourlinken, die einen sofortigen Waffenstillstand und
die Anerkennung der argentinischen Ansprüche fordern, leisten
sich die Abweichung vom nationalen Standpunkt, "Falkland für kei-
nen Kriegsgrund" (Benn) zu halten. Damit vertreten sie ausgerech-
net die Kritik der NATO-Partner in England, die d i e s e n
Krieg nicht für einen halten, für den das Volk sterben muß, weil
es für den Staat etwas zu gewinnen gibt:
"Die Soldaten werden in den Tod geschickt für eine verlorene Sa-
che." (Benn zitiert aus dem Brief eines Marinesoldaten vor Falk-
land, Sunday Express, 2.6.82)
Hier sollen also nationale Kräfte vergeudet werden, die man doch
für höhere Aufgaben bewahren müsse. Wer sich allerdings für die
N a t i o n lohnende Sachen vorstellen kann, der will natürlich
auch den politischen Zweck des Falklandkriegs nicht sehen. Entwe-
der behauptet er, Frau Thatcher habe ihn aus persönlicher Eitel-
keit angezettelt, oder er entzieht nicht nur der Politik, sondern
auch der Politikerin die Verantwortung, indem er sie einem
schrecklichen Sachzwang ausgeliefert sieht:
"Die Wahrheit ist, daß die Premierministerin gar nicht länger in
der Verantwortung ist. Sie ist eine Gefangene ihrer Politik, ein
Zuschauer der Tragödie, die sie im Begriff ist, über das Land zu
bringen... mit der Entsendung der Einsatztruppe verlor sie die
Kontrolle." (Bonn, Guardian, 30.4.82)
Eine Dame, die die Friedensbewegung am 10. Juni nach Bonn ein-
geladen hat, bringt alle Fehler dieser Bewegung in einem Satz un-
ter:
"Mrs, Thatcher ist verantwortlich, wenn Großbritannien in einen
wirklichen Krieg zieht, mit allen Risiken der Eskalation - takti-
sche Atomwaffen, möglicherweise die Einmischung des faschisti-
schen Chile und der kommunistischon Kubaner und Russen," (Judith
Hart, Daily Telegraph, 3.5.82)
Erstens betrachtet sie einen Krieg nur dann als "wirklich", wenn
der Schauplatz auch hier ist und wenn er mit Atomwaffen gegen die
Russen geführt wird. Zweitens nimmt sie an, dieser wirkliche
Krieg könne einfach so ausbrechen, etwa, indem die mitgeführten
Atomwaffen von selbst losgehen. Drittens weiß sie ganz genau, daß
der Feind im Osten steht und sich einmischen könnte. Und schließ-
lich ist ihre Alternative zum Krieg eben der Frieden, in dem er
vorbereitet wird, mit all seinen schnuckeligen Erpressungsmetho-
den:
"Mrs. Judith Hart fragte, ob Mr. Pym zögere, die Art von Druck
auf Argentinien auszuüben, die nötig sei, er solle ernsthaft über
Alternativen zum Krieg nachdenken. Eine Alternative zum Krieg
könnten eventuelle finanzielle Sanktionen sein, auch wenn sie die
Banken schädigten." (Times, 13.5.82)
Dieses verantwortungs- und kriegsbewußte Denken halten viele Kon-
servative für "Hochverrat" und Labourvize Denis Healy für
parteischädigend:
"Äußerunqen, daß der Gebrauch nuklearer Waffen im Bereich des
Möglichen liege (eine Option, die sich die Regierung für den Fall
der "Bedrohung der Flotte" ganz offiziell offenhält!) und die Re-
gierung den totalen Krieg wolle... sind eine Schande für die Par-
tei." (Times, 13.5.82)
Die Kriterien, die die eine Seite debattiert, garantieren, daß im
"wirklichen Krieg" die andere nicht tätig zu werden braucht. Aber
dann sind ja auch sämtliche NATO-Staaten, "wir alle" also, dabei.
Stimmen für den Frieden
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Bei aller Solidarität - einen "Burgfrieden", der erst gebrochen
wird, wenn die Niederlage sich abzeichnet, haben die englischen
Parteien nicht geschlossen. Im heftigen Disput und mit persönli-
chen Beleidigungen wird die Regierung zu höchstem Einsatz und das
Volk zu pflichtergebenem Nationalbewußtsein angetrieben. Nicht
nur, daß das Volk nach den Kosten des Kriegs nicht fragt - die
Kosten des Friedens trägt es ja auch - es liefert auf Befragen
auch seine staatstreue Meinung über "Argies" und "Kelpers" ab und
demonstriert ganz bewußt in den Wahlen, daß das Volk hinter der
Regierung steht deren Alternativen tun's ja auch. Die Zustimmung
zum Krieg muß ja nicht begeistert sein und auch nicht unbedingt
mit der zu Frau Thatcher zusammenfallen, auch wenn das, solange
der Krieg im Gange ist, eins ist. Neben der Ausschlachtung des
Erfolgs, gerade dadurch, daß jede Partei uneingeschränkt den na-
tionalen Zweck propagiert, indem sie seine Durchsetzung bezwei-
felt, ist deshalb die Wahlwerbung mit dem Krieg und seinen besse-
ren Alternativen sowie die Debatte um die Erfolgschancen der Par-
teien im vollen Gange. Dabei kalkulieren alle Beteiligten mit dem
- je nach Standpunkt - erfreulichen oder leidigen Sachverhalt,
daß ein erfolgreicher Krieg hervorragendster Ausweis für eine
schlagkräftige Regierungsmannschaft ist.
Die Allianz aus Sozialdemokraten und Liberalen, die ja schon im-
mer ihren Erfolg in nichts anderem suchten, als ihn den Konkur-
renzparteien zu bestreiten, hat diese Debatte um die Strategie
und Taktik des Wählerfangens zu ihrem einzigen Unterscheidungs-
punkt gegenüber der Regierung gemacht. Eine Partei, die ihre
Stimmen mit der Behauptung gewinnt, die Regierung sei handlungs-
unfähig und erfolglos, kann ja auch nichts anderes, als Punkte
übers Mitmachen zu sammeln, wo die Regierung so sichtbar erfolg-
reich zuschlägt:
"Die Regierung mußte einen niederschmetternden Schlag hinnehmen.
Allerdings auch unser Land; deshalb kann sich meiner Meinung nach
niemand freuen oder die Hände reiben." (David Owen, Times,
6.4.82)
Das einzige Problem ist ihr dabei, daß die Punkte eben die Regie-
rung macht:
"Die große Gefahr ist, daß sie (die Regierung) in den nächsten
paar Wochen und Monaten im Südatlantik Entscheidungen treffen
könnte, um ihr politischcs Ansehen daheim aufzupolieren, statt
sich nach den objektiv notwendigen Kriterien zu richten." (ebd.)
Wenn man weder an den Zwecken des Staates noch an den Mitteln,
mit denen sie durchgesetzt werden, etwas auzusetzen hat; wenn
also der gegen das Einzelinteresse absolut rücksichtslose Stand-
punkt des Allgemeininteresses so allgemein durchgesetzt ist -
dann bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, dem Verwalter des
Allgemeininteresses aus eigenem höheren Parteiinteresse ein par-
teiisches und darum niederes Interesse unterzujubeln. So leistet
man sich mitten im Krieg auch noch einen Wahlkampf, der sich als
sprudelnde Quelle der Handlungsfähigkeit und Schlagkräftigkeit
der Regierung bewahrt. Das ist funktionierende Demokratie!
Nach dem Sieg
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Die meisten Blätter feierten ihn mit der Schlagzeile "Victory!"
und der berufsmäßig liberal-seriöse "Guardian" sah Argentinien
auf der Titelseite gleich weltweit gedemütigt: im Schießen gegen
die Briten, beim Fußball gegen die Belgier, im Tennis gegen
Schweden und im Boxen gegen Santo Domingo. Regierung wie Opposi-
tion sandten dankbare Grüße an die "wunderbaren britischen Solda-
ten und die Verwandten der Gefallenen"; das Parlament beschloß
Dankesfeiern. Ein Denkmal will die Permierministerin den Siegern
von Port Stanley bauen, zusätzlich zu dem, das sie sich mit
"ihrem Erfolg selbst gesetzt haben", verkündete sie im Parlament
und baute sich gleich selber eins, indem sie eine Direktive an
die Historiker herausgab:
"Die erfolgreiche Rückeroberung der Falklandinseln wird in die
Geschichtsbücher als einer der größten militärischen Erfolge ein-
gehen." (Guardian, 16.6.82)
Die nationale Begeisterung über den Sieg will schließlich genützt
und gewahrt werden, nicht daß die Konservativen am Ende von ihrem
Sieg gar nichts haben, wenn die "durch den 'Falkland-Faktor' ge-
steigarte Popularität dar Regierung - innerhalb weniger Wochen
schwinden könnte" (Daily Telegraph, 16.6.82)
Darum nimmt Frau Thatcher auch in voller Rüstung mit den ge-
fechtserprobten Falklandtruppen den etwas in Vergessenheit genn-
tenen Kampf an der Heimatfront gegen die arbeitenden Truppen wie-
der auf:
"Ich finde es zynisch, wenn ausgerechnet im Augenblick der Sie-
gesfeier unserer bewaffneten Truppen andere Leute in den Streik
treten." (Daily Telegraph, 16.6.82)
Die Opposition legt sich ins Zeug, um den Popularitätsvorsprung
der Regierung aufzuholen, indem sie den "Falklandfaktor" für sich
nutzt und sich Sorgen macht, ob der Sieg nicht zu teuer erkauft
wurde und ob die Regierung in der Lage ist, den Erfolg auch zu
sichern: Der Liberale Steel möchte nicht nur "Waffenverkäufe an
Argentinien, sondern auch die Marinepolitik" in die Untersuchun-
gen einbezogen wissen; Michael Foot verlangt die Beteiligung der
UNO an einer "Zukunftslösung"; und Tony Benn will nachweisen, daß
eine solche schon lange verbaselt worden ist, wenn er die
"Veröffentlichung aller Verhandlungsvorschläge während der Krise"
verlangt.
Einen Untersuchungsausschuß will die Regierung auch, die Vor-
schläge der Opposition weist sie jedoch zurück: n a c h der
Rückeroberung sei die Beteiligung der Uno absurd, die Untersu-
chung der gesamten Verteidigungspolitik käme angesichts ihres Er-
folges nicht in Frage und Benn, der diesen Krieg als "tragisch
und unnötig" bezeichne, könne "die Freiheit der Rede, die er so
brillant" nutze, gar nicht genießen, wenn "niemand bereit sei da-
für zu kämpfen" (Guardian). Ein Untersuchungsausschuß solle sich
nicht nur auf die unmittelbare Vorgeschichte beziehen, sondern
auch auf die Zeit früherer Regierungen. Der Hinweis, daß England
in Port Stanley auch gleich Süd-Thule miterobert habe, zeigt, daß
die Regierung bei dem Versuch, ihr i h r e n Sieg madig zu ma-
chen, indem man ihr n a c h dem Krieg vorwirft, sie habe ihn
überhaupt nötig gemacht, nicht schlecht dasteht - bei einem Volk,
das sich glücklich fühlt, daß die Schafzüchter "wieder die Regie-
rung haben, die sie wünschen" (Falkland-Kommandant J. Moore).
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"Schluß mit den Kämpfen, sagt Labour"
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meldete 8. Juni die Londoner "Times". Ein überraschender Sinnes-
wandel der Labourpartei? Weit gefehlt! Der für die Partei sich in
fehlenden Wahlstimmen niederschlagende "Falkland-Faktor" hatte
den Labourführer zu einem Appell an die eigenen Genossen veran-
laßt, den "Kampf untereinander zu beenden."
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