Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND ALLGEMEIN - Im Dienste ihrer Majestät
zurück
Münchner Hochschulzeitung Nr. 20, 22.07.1981
Wochenschau
STREETFIGHTING MEN
Wieder einmal beweist Mrs Thatcher ihr mangelndes soziales Emp-
finden, ihr schroffer Ton stößt zurück, sie verweigert sich einer
Begutachtung der Ursachen usw. Alles Quatsch, hat sie doch mit
zwei Auskünften dargetan, was von den Jugendkrawallen zu halten
ist: Mrs. Thatcher hält die Jugendarbeitslosigkeit für
"irrelevant" und kündigt die "Wiederherstellung" von law & order
an.
Die Regierungserklärung der Chefin verhieß dem britischen Volk im
Jahre 1979 die Sanierung der britischen Wirtschaft und die dazu-
gehörigen Opfer. Damit kein Zweifel aufkommt, wiederholt sie
diese Erklärung etwa alle zwei Wochen. Steigende Arbeitslosigkeit
und insbesondere die der Jugend ist für diese Dame keine Überra-
schung, im Gegenteil: es handelt sich um ein wohleinkalkuliertes
Resultat ihrer Wirtschaftspolitik, dem sie keine besondere Auf-
merksamkeit zuzuwenden gedenkt. Ihr einziges "Zugeständnis" die-
sem "irrelevanten" Problem gegenüber besteht in der vorsorglichen
Anweisung an die Polizei, die Elendsviertel wie Widerstandsnester
zu behandeln - was die "unzulänglich ausgerüsteten" Bobbies auch
pflichtgemäß seit zwei Jahren tun. Produktion und gewaltmäßige
Kontrolle der Paupers - ziemlich unverhüllt als "gegenseitiges
Mißtrauen" bezeichnet - haben in gewissen Vierteln der großen
Städte zu einem von oben angeordneten Bürgerkriegszustand ge-
führt, noch bevor die Paupers selbst an irgendeine Form von Wi-
derstand dachten: Die Polizei patroulliert ununterbrochen, be-
trachtet jeden herumlungernden Jugendlichen als potentiellen
Schwerverbrecher, die willkürlichen Verhaftungen und "Provoka-
tionen" geschehen sehr absichtsvoll. Die Jugendlichen haben
daraus den Schluß gezogen, sich das nicht länger gefallen zu
lassen was sie zwar vor einer Gleichsetzung mit Züricher Opernfa-
natikern und Berliner Wohnraumerhaltern bewahrt, ihnen anderer-
seits aber auch nichts einbringt als ein paar hastig zusammen-
geraffte Schaufensterauslagen und massenhaft Schläge auf den
Kopf.
Wie der Zeitung zu entnehmen, hat die englische Rechtsprechung
dies zum Anlaß genommen, z.B. das Winken mit einem Blumenstrauß
als schweren Diebstahl und Widerstand gegen die Staatsgewalt auf-
zufassen. Solche Schmiegsamkeit des Rechts ist nur ein Indiz da-
für wie die Regierung entschlossen ist, die in Nordirland gewon-
nenen Erfahrungen auch auf der Insel fruchtbar anzuwenden. Erster
greifbarer Erfolg ist die mit dem Gegröle nach law & order order
einhergehende Aufrüstung der Polizei deren bisherige Gegner sich
von der praktischen Überzeugungstätigkeit der Regierung haben
überzeugen lassen.
P.S In der SZ vom 17. Juli berichtet Vorortkorrespondent Thilo
Bode von einem Rätsel dessen Auflösung er jedoch gleich mitlie-
fert.
"Zugleich hatten eilends entsandte hohe Polizeioffiziere sich in
Belfast und in Hongkong belehren lassen, wie man in diesen ein-
schlägig erfahrenen Städten mit Unruhen umgeht. Der Zweck des Be-
suches in Hongkong bleibt rätselhaft, da die dortigen Methoden
sich schwer auf die britische Insel übertragenlassen: In Hongkong
werden bei ernsten Krawallen die Rädelsführer einfach von Scharf-
schützen eliminiert."
Schwer mag's vielleicht sein, aber gehen wird's, wenn nötig für
die Wiederherstellung von Her Majesty's law & order, bei der man
ja bereits auf "einschlägige Erfahrungen" anderer Art zurück-
greift: Nach Auskunft des britischen Innenministers sollen die
bislang 3000 inhaftierten Jugendlichen wegen "Überfüllung der Ge-
fängnisse" in speziell für sie eingerichteten Lagern konzentriert
werden.
zurück