Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND ALLGEMEIN - Im Dienste ihrer Majestät
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DIE BOMBE DER IRA
die letzte Woche im Grand Hotel von Brighton explodierte, hat in
der gesamten "zivilisierten Welt" eine Welle von Empörung ausge-
löst. Margret Thatcher, der der Anschlag galt, sprach stellver-
tretend für alle Politikerkollegen und öffentliche Meinungsmacher
von einem "unmenschlichen, wahllosen Massaker an unschuldigen
Menschen". Mit diesen "unschuldigen Menschen" meinte sie in er-
ster Linie sich selbst und in zweiter ihre konservativen Regie-
rungs- und Parteimitglieder. Also lauter ehrenwerte Leute, die -
wieder allen voran die Eiserne Lady - nur ihre
m e n s c h l i c h e und politische Pflicht erledigen, wenn sie
ihre Staatsgewalt gemäß vorher gemachten Gesetzen, also
l e g a l und nicht wahllos, sondern ziemlich g e z i e l t
zum Einsatz bringen. Natürlich gegen Menschen, die zweifelsfrei
s c h u l d i g sind, weil der Staat sie als Rechtsbrecher defi-
niert und behandelt.
Der gerade stattfindende konservative Parteitag, dieses friedli-
che Idyll von Menschen guten Willens, hatte dementsprechend in
jeder Hinsicht nichts als die seinen Teilnehmern angeborene
"Abscheu gegen die Gewalt" zum Ausdruck gebracht, bevor die
falsche Bombe die falschen Leute hochgehen ließ.
- Den Bergarbeiterstreik gegen die geplanten 20.000 Entlassungen
hatte man soeben abermals zur "Herrschaft des Pöbels" erklärt,
welcher England in ein Ostblockland verwandeln wolle.
- Man hatte beschlossen, sich den Streikenden, die man in tage-
langer Hetze als "Scargills faschistische Meute" zum Abschuß
freigegeben hatte, "entgegenzustemmen", d.h. mit noch "Mehr Geld
und neuen Befugnissen der Polizei den Rücken (zu) stärken" -
zwecks "Verteidigung des Rechts der Menschen, an ihre Arbeit zu
gehen".
- Man hatte neben einem neuen nationalen Polizeigesetz eine aber-
malige Verschärfung des Demonstrationsrechts angekündigt.
- Man hatte - unter dem Jubel der Delegierten nach der Wiederein-
führung der Todesstrafe "gerufen".
- Man hatte nochmals feierlich klargestellt, daß der Falkland-
krieg gegen Argentinien inclusive aller versenkten Schiffe eine
außerordentlich gelungene und moralisch hochstehende Pflichter-
füllung gewesen ist.
- Man hatte eine forderte Aufrüstung Englands für den NATO-Krieg
gegen den Osten beschlossen.
- Und man wollte am Tag darauf noch einmal den Einsatzbefehl für
die in Nordirland kämpfende britische Bürgerkriegsarmee bekräfti-
gen. Daß vor diesem letzten Punkt der Tagesordnung, die aus lau-
ter Gewaltfragen bestand, der Sprengsatz der IRA explodierte, hat
die Veranstalter des Parteitags dermaßen geschockt, daß sie die-
sen am nächsten Tag zu einem triumphalen Abschluß brachten. Hatte
doch der Umstand, daß Maggie zwei Minuten früher ihr Badezimmer
verlassen hatte und anschließend. "blaß, doch entschlossen, und
korrekt gekleidet wie immer" (FR) vor die Kameras getreten war,
eindeutig bewiesen, daß die Eiserne Lady unwiderstehlich und un-
besiegbar ist; daß "alle Versuche, die Demokratie durch Terroris-
mus zu zerstören, zum Scheitern verurteilt" (Thatcher) sind; und
daß das konservative Parteitagsprogramm für bedingungslose Härte
der britischen Staatsgewalt ebenso notwendig wie gerecht ist. So
erwiesen die Leichen von Brighton Frau Thatcher und ihrer neu zu-
sammengeschweißten Gefolgschaft als letzten Dienst den willkomme-
nen Beleg für
1. die Ü b e r l e g e n h e i t der Gewalt des Staates gegen-
über all ihren Widersachern und
2. auch noch deren überlegene M o r a l, sofern nämlich der An-
schlag "das Werk böser Menschen (war), eben der Menschen, die wir
schon immer bekämpfen." (Thatcher)
In diesem Sinne ging der Parteitag mit "tumultarischem Jubel der
Versammlung", unter "einem Meer winkender Hände, Fahnen,
Schals... und handgemalter Glückwunschschilder" harmonisch zu
Ende.
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