Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND ALLGEMEIN - Im Dienste ihrer Majestät
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Das Empire schlägt zurück
BRITISCHES THRONFOLGERPÄRCHEN
Dieser Mensch ist z.B. nur König, weil sich andere Menschen als
Untertanen zu ihm verhalten. Sie glauben umgekehrt Untertanen zu
sein, weil er ein König ist." (Karl Marx, Das Kapital I, MEW 23,
p. 72)
Zu den Spätfolgen der Staatsvisite des westdeutschen Oberweiß-
haupts Richard von Weizsäcker in Großbritannien zählt die Rund-
reise, mit der die Prinzen von Wales diese Woche die
R e p u b l i k Bundesdeutschland in Atem halten.
Das englische Empire verfügt mit Charles und seiner Di über eine
personelle Ausstattung seiner M a c h t r e p r ä s e n t a n z,
die sich deswegen sehen lassen kann, weil alle Welt auf sie
schaut. Insofern ist der modernen k o n s t i t u t i o n e l-
l e n M o n a r c h i e Inbegriff und Vollendung des demo-
kratischen Staatsoberhaupts gelungen: Figuren, wie sie bei Königs
vorkommen, erwecken nicht einmal mehr den Anschein, als käme es
bei ihnen auf irgendwelche besonderen Qualifikationen an, außer
auf die, daß sie sind, was sie sind. Ihre Bedeutung und damit
auch das Interesse an ihrer Besonderheit fällt nahtlos mit dem
Amt zusammen, in das sie h i n e i n g e b o r e n worden sind.
Die persönliche Leistung, der sie ihren Job verdanken, ist
bereits vom Muttertier und seinem adeligen Hengst vollzogen
worden. Umgekehrt: Ein Versagen auf dem Feld der
Nachkommenproduktion ist der einzige ernste Fehler, den ein
Monarch begehen kann. Demokratische Staatsmänner in der
bürgerlichen Republik brauchen es dagegen bloß zu schaffen,
g e w ä h l t zu werden, d.h. sich in der Konkurrenz mit den an-
deren machtgeilen Postenjägern durchzusetzen. Wie anstrengend und
wie gefährlich allerdings auch das sein kann, zeigte das persön-
lichen Schicksal des Uwe Barschel, dessen Karriere in der Bade-
wanne endete. Das kann dem ungefähr gleichaltrigen Prinz Charles
so leicht nicht passieren; dafür ist es bei ihm eine Staatsaf-
färe, wenn er tatsächlich bei seiner Di vergeigt haben sollte,
worüber die dafür zuständige Journaille seit Wochen Indizien sam-
melt.
Für den Beruf des Präsidenten einer demokratischen Republik ge-
nügt ein Zettelkasten mit Kalauern zur Beschwörung der Staatsrai-
son für die jeweils angesprochene Abteilung Staatsbürger. Schon
das reicht in der Regel, um ihnen den Ruf eines Intellektuellen
zuzuerkennen, der den Beruf als Berufung ausübt. Dem republikani-
schen Geschmacksurteil eröffnet sich so das spannende Betäti-
gungsfeld, die M a c h t für mehr oder weniger geistvoll zu be-
finden. Anders in der Monarchie: Zur Beurteilung der Königsquali-
täten verlangt der Bürger mehr als humanistische Bildung und die
Reden der Gekrönten zum Studieren. Den Staatsoberhäuptern von
Gottes Gnaden ist ihr Mandat in die Wiege gelegt worden, und des-
halb müssen sie die dazugehörige Würde im Blut haben. So wird
buchstäblich alles, was sie machen, zum Ausdruck ihrer Herr-
schaftsrepräsentanz: Die Bürger im Absolutismus genossen das
Recht, den Sonnenkönig beim Lever zuschauen zu dürfen - heute ge-
hört die multimediale Hofberichterstattung über das Leben der
Monarchen zur staatsbürgerlichen Indoktrination in der Demokra-
tie. Wen die Frage, welchen Hut die Königin in Ascot trug, inter-
essiert, ja wer auch nur die Antwort darauf als kenntniswürdig
akzeptiert, der hat den Kotau vor der Macht bereits vollzogen,
die sich einmal ein gesalbtes, ein andermal ein gewähltes Ober-
haupt zulegt. Jedes öffentliche Interesse an den Windsors auch
hierzulande ist nichts anderes als das Beglotzen der imperiali-
stischen Macht, die sie repräsentieren. Einen Krieg anzetteln,
Leute ins Feuer schicken, politische Gegner fertigmachen, Beutel-
schneiden und Leute schikanieren, das machen in der Demokratie
die Monarchen zwar nicht mehr. Aber ohne ideelle Belohnung der
Untertanen will demokratische Politik sich nicht sehen lassen;
und die liegt im Schein von Feierlichkeit und in der Lüge von ei-
ner historischen Mission der Nation, die vielleicht doch niemand
so glaubhaft verkörpert wie ein Königshaus mit seiner historisch
verbrieften In- und Unzucht: Die Königin winkt den Schiffen nach,
die ihre Premierministerin nach Falkland losschickt. Um so ein-
drucksvoller für die Moral der Truppe, wenn ihr Prinzensohn mit-
zieht und als "einfacher Soldat" mitmacht beim Töten. Wetten, daß
das einer demokratischen Öffentlichkeit gefällt: Das Empire
schickt uns das Schönste, was es hat, zum Flagge zeigen. "Wir"
dürfen uns geehrt fühlen und auch ein bißchen vergleichen: der
ehrwürdige "Richie" neben dem "sozial engagierten" Charles. Die
"schlichte" Marianne mit der "mondänen" Diana. Die demokratische
deutsche Republik und die weltmächtige Monarchie. Die Nation ge-
nießt eine Woche lang ein S t a a t s s c h a u s p i e l und
alle dürfen mitmachen. Als Komparsen, wie im richtigen Leben...
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