Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND ALLGEMEIN - Im Dienste ihrer Majestät
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Beinahe ein ganzes Jahr lang streiken jetzt schon die englischen
Bergarbeiter gegen die Absicht der nationalen Kohlebehörde, ihren
Lebensunterhalt zu streichen. Ein Zustand, der hierzulande in der
Tat undenkbar ist. Im europäischen Musterland BRD ist nämlich mit
Hilfe der DGB-Gewerkschaften der Standpunkt durchgesetzt, daß es
sich für Arbeiter nicht lohnen kann und darf, i h r e Interes-
sen durchzusetzen. Deswegen wird in der bundesdeutschen demokra-
tischen Öffentlichkeit allenthalben mit zynischer Häme das Fer-
tigmachen der britischen Arbeiter durch die Thatcher-Regierung
verfolgt - je näher das von oben erzwungene Streikende rückt, de-
sto unverschämter die klammheimliche Freude, mit der dieses Er-
gebnis als Beweis für die Lüge genommen wird, daß braves Malochen
das beste ist, was Arbeiter f ü r s i c h tun können.
Dabei könnten einen die "englischen Verhältnisse" ziemlich genau
das Gegenteil lehren.
AM STREIK DER BRITISCHEN BERGLEUTE KANN MAN STUDIEREN,
WAS EIN STREIK IST
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1.
Die britische Kohleindustrie hatte nur Kohle produziert und Eng-
land mit Energie versorgt, anstatt Profit zu produzieren und den
britischen Staat, dem die Minen gehören, damit zu versorgen. Das
geht in einem kapitalistischen Staat natürlich nicht: Offenbar,
so die Premierministerin Thatcher, wird die Kohle zu teuer geför-
dert = leben zu viele Bergleute von diesem miesen, gefährlichen
und schlechtbezahlten Job unter Tage. Damit wollte die "Eiserne
Lady" Schluß machen.
1980 beschloß die staatliche Kohlebehörde einen radikalen Sanie-
rungsplan für den Kohlebergbau, der direkt von jenem deutschen
Plan, der vor ca. 20 Jahren das sog. Zechensterben einleitete,
abgeschrieben sein könnte. Dieser Plan sieht die Schließung von
70% aller Zechen und die Rationalisierung der übrigen vor.
40 Zechen sind in den letzten vier Jahren geschlossen worden,
weitere 20 mit mehr als 20.000 Bergleuten sollten 1984 dazukom-
men. In der Bundesrepublik war ein ähnliches Konzept zur 10.000-
fachen Beseitigung unnötiger Löhne natürlich "sozial verträglich"
- nicht weil es anders war, sondern weil sich die IG Bergbau da-
mit vertragen hatte und es sich gefallen ließ. Die weit über-
durchschnittliche Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet ist seit 1960
ohne große Schwankungen stabil geblieben.
2.
In England gibt es eine Bergarbeitergewerkschaft, die noch lange
nicht "vernünftig" genug ist, jedes Opfer ihrer Mitglieder gutzu-
heißen und mit Bedauern notwendig zu finden, wenn es nur den
Staatseinkünften und kapitalistischen Gewinnansprüchen dient. Die
"National Union of Mineworkers" (NUM) hat sich strikt geweigert,
der Schließung auch nur einer Zeche zuzustimmen und Anfang März
1984 gegen den Plan zur Sanierung des Bergbauprofits den Streik
aufgenommen.
Der Streik geht nun in den 11. Monat, und die NUM muß feststel-
len, daß, wer sich dagegen wehrt, als Mittel der Profitkalkula-
tion behandelt zu werden, wer in völlig sachwidriger Weise darauf
beharrt, daß Wirtschaft und Arbeit auch etwas mit Lebensunterhalt
der Arbeiter zu tun haben müßte, daß so einer auf einmal die
ganze Gewalt der kapitalistischen Klassengesellschaft gegen sich
hat. Die Regierung Thatcher hat ihr politisches Schick mit einem
Erfolg in Sachen Zerschlagung der Bergarbeitergewerkschaft ver-
bunden: Sie ist es, die ganz untheoretisch klarstellt, daß es
einen Kompromiß nicht geben kann in der Frage, ob die Arbeit dem
Kapital dient, oder betrieben wird, um die Arbeiter zu ernähren.
Ganz konsequent hat die Regierung den Streik politisiert und zu
einer Frage der nationalen Selbstbehauptung gegen Arbeiterinter-
essen gemacht: Es ist eben auch eine Prinzipienfrage.
Und so bleibt der NUM nichts, als nicht nur die Kohlbehörde, son-
dern die Nation mit ihrer Abhängigkeit von der Kohle so lange zu
erpressen, bis die Lichter ausgehen und die anderen Zweige des
Kapitals nicht mehr produzieren können.
3.
Das aber ist schwer. Denn die Kampfposition von Arbeitern gegen
ihre Anwender ist schlecht, wenn diese gerade geplant hatten, die
Kohleförderung zu reduzieren und auf 20 000 von den Beschäftigten
zu verzichten. Arbeitsverweigerung ist da so etwas wie die vor-
weggenommene Entlassung, der wirtschaftliche Schaden für die Koh-
lebehörde ist gering; - die einzige Chance der Bergleute bestand
in der Lahmlegung der gesamten Kohleförderung, also gerade auch
der Zechen, die nicht geschlossen, sondern rationalisiert werden
sollten. Gerade in denen aber wollten die Arbeiter - in der Mei-
nung, sie seien von den Schließungsplänen ja gar nicht betroffen
- nicht mitstreiken. Also mußten "fliegende Streikposten" aus den
streikenden Bezirken den Streik gegen die streikbrechenden Kolle-
gen durchsetzen. Genau diese in Großbritannien bisher übliche
Praxis hatte die Regierung Thatcher vorsorglich verboten.
Das ist der Punkt, an dem die Streikenden die ganze Gewalt des
Klassenstaates zu spüren kriegten, der das Recht des Eigentums
auf willige und billige Arbeiter schützt: ein Heer von Polizisten
sorgte für die Freiheit der Streikbrecher, verprügelte die
Streikposten, hinterher - auch die Gewaltenteilung klappt prima -
wurden sie von ordentlichen Gerichten zu drakonischen Strafen
verdonnert.
Bilanz: 7000 Inhaftierte, 7 Tote - und kein internationaler Auf-
schrei wie im Fall Polens, als viel weniger Opfer beider Katego-
rien Anlaß zu Wirtschaftssanktionen waren.
Doch auch die weitgehende Lahmlegung des gesamten Kohlebergbaus
reichte bisher in keiner Weise aus, den Staat mit seinen Plänen
in die Knie zu zwingen: Jahrelang hatte sich die Regierung, die
Energiewirtschaft und die Kohlebehörde auf diesen Kampf vorberei-
tet: Die Kohlehalden bei Erzeugern und Großverbrauchern hatten
vor Streikbeginn Rekordhöhen erreicht; größere Teile der Stromer-
zeugung wurden auf Ölfeuerung umgestellt, und zur Abdeckung aller
Risiken importiert die viertgrößte Kohleförderungs-Nation der
Erde mittlerweile von überall her Kohle; im wachsenden Maße auch
aus der BRD, wo die Kollegen von der IG Bergbau und Energie dank-
bar die schrumpfenden Halden beobachten, mit deren Export nach
England nicht nur der Streik der englischen Kollegen ruiniert
wird, sondern die RAG noch ein Zusatzgeschäft macht.
4.
Auch nach der anderen Seite bewährt sich Macht und Reichtum des
Staates: Nicht nur was die Bewältigung der wirtschaftlichen Schä-
den für Kohlebehörde und Energiewirtschaft betrifft, auch was die
Steigerung der wirtschaftlichen Schäden für die Streikenden be-
trifft, hat sich der Thatcher da einiges angeboten: Britische Ge-
werkschaften zahlen kein Streikgeld, während des Streiks sind die
Familien (an Alleinstehende wird sowieso nichts gezahlt) auf So-
zialhilfe angewiesen. Da schließt die Regierung ein Gesetz, das
völlig willkürlich und sachwidrig davon ausgeht, Gewerkschaften
würden 15 Pfund Streikgeld die Woche bezahlen. Diese 15 Pfund
werden den Familien dann von der Sozialhilfe abgezogen - und zu-
dem die Sozialhilfesätze ganz allgemein gesenkt. Aushungern des
Streiks ist das einfache Ziel der britischen Regierung.
5.
Das also ist ein Streik: Ein Kampf von Arbeitern gegen Kapital
und den demokratischen Klassenstaat.
Das muß man wissen, wenn man von Arbeiterinteressen und ihrer
Vertretung daherredet. Das alles hat nämlich überhaupt nichts zu
tun mit den Streik-Symbolisierungs-Aktivitäten des DGB, die auf
öffentlichen Wirbel berechnet sind und dabei peinlich darauf ach-
ten, daß der deutschen Industrie dabei kein Nachteil entsteht.
Zirkus, der die freiheitliche Arbeiterverwaltung von einer be-
hördlichen Arbeitsfront unterscheiden soll - sonst nichts.
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