Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND ALLGEMEIN - Im Dienste ihrer Majestät
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Großbritannien
FRAU THATCHER TRITT ZURÜCK - IHRE POLITIK NICHT
Es sind schon Geschmacksfragen der erlesensten Art die einen Men-
schen bewegen, den Rücktritt der englischen Premierministerin zu
"bedauern", zu "begrüßen" oder ihn zwischen beidem ausgewogen zu
"würdigen". Was diese Frau für die "Größe Britanniens" getan oder
gelassen hat, interessiert die Kommentatoren brennend, weil sie
im Fortkommen der Nation sowieso das Höchste sehen. Politik wird
parteilich nach dem Maßstab nationalen Erfolgs bzw. Mißerfolgs
"bewertet", und hier kommt es noch einmal ganz darauf an, aus
welcher nationalen Ecke heraus die politische Leistung begutach-
tet wird. Daß die Lady "eisern" die Gewerkschaften fertiggemacht,
die sozialen Leistungen gekürzt, dem Kapital mit Steuersenkungen
einen flotten Aufschwung ermöglicht und ihrem Land - zusätzlich
durch einen gewonnenen Falklandkrieg - "Stärke" gegeben hat, wird
jedenfalls hierzulande nicht so umstandslos gefeiert wie jenseits
des Kanals. Schließlich hat man es bei dieser Nation mit einem
Konkurrenten zu tun und da muß die stramme britische Erfolgslinie
bei aller Anerkennung der in Deutschland nicht minder geschätzten
Methoden schon mal heuchlerisch als etwas "rigide" bezeichnet
werden. Andererseits ist es unter Frau Thatcher zu einer Welt-
wirtschaftsmacht "wie bei uns" nun auch nicht gerade gekommen:
Das Land hat sein keineswegs besonders ungewöhnlich ehrgeiziges
Programm, aus eigener Kraft der sich auf die EG stützenden deut-
schen Wirtschaftsmacht Paroli zu bieten, nicht realisiert - da
können "wir" im Gegensatz zu den Engländern gar nichts dran aus-
setzen, sondern ihnen nur feixend "selbstlos raten", der "Weg des
Erfolgs" führe nun einmal über "Europa", d.h. über den Anschluß
an die von Deutschland geführte europäische Wirtschafts- und Wäh-
rungsgemeinschaft.
Selbstverständlich hat es der Premierministerin nichts genützt,
daß sie den deutschen "Empfehlungen" zuletzt noch "nachgekommen"
ist und das Pfund Sterling in das Europäische Währungssystem
(EWS) eingebracht hat, das es gestattet, zu fast stabilen Wech-
selkursen, die von einer im internationalen Geschäft erfolgrei-
chen Leitwährung, der DM, garantiert werden, auf dem europäischen
Binnenmarkt um mehr Geschäftserfolg zu konkurrieren, als er sich
mit einem auf sich selbst gestellten Pfund im Vergleich mit der
Konkurrenz erzielen ließ. Daß die Lady ihren Souveränitätsan-
spruch gegenüber der eigenen Währung als gutem Geld, mit dem in
England der Geschäftswelt nicht nur ein paar rosa Zeiten be-
schert, sondern imperialistische Dauererfolge garantiert werden
sollten, mit der Unterordnung unter das EWS korrigierte, hat auf
der Insel entschieden zu ihrem Nachteil ausgeschlagen. Nicht, daß
ihr plötzlich vorgeworfen worden wäre, nationalen Ausverkauf zu
betreiben, wo sie doch bislang immer die Währungshoheit Großbri-
tanniens herausgestrichen habe - zu solch nationalistischem Pro-
test hat sich drüben kaum ein Patriot verstiegen. Genau anders-
herum: Der in Dingen nationaler Erfolgsbilanzen versierte engli-
sche Nationalist wirft der Dame vor, letztlich zugegeben zu ha-
ben, daß die staatlichen Absichten gegenüber der imperialisti-
schen Konkurrenz nicht ganz aufgegangen sind, "also" - so die Lo-
gik der nationalen Vergleichsgeier - die Weichen britischer Zu-
kunft "schon viel früher" in Richtung europäischer Anschluß hät-
ten gestellt werden müssen. Mit dem Rücktritt von Vizepremier
Howe, der sich in eben diesem Punkt ein schon länger in der Lon-
doner City kursierendes "Argument" zu eigen gemacht hatte, war
Anfang November das Signal gegeben, die Nation habe sich lange
Jahre schon des Vorteils begeben, "sich an die DM anzuhängen" -
gerade so, als ob der Versuch der Regierung Thatcher, sich gegen
die DM durchzusetzen, nicht die handfeste Seite gehabt hätte,
alle Register der finanz- und währungspolitischen Konkurrenz zu
ziehen, sondern von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen
wäre. Dieser "Realismus" der je schon auf Durchsetzung setzenden
britischen Experten erlaubt sich vom Ergebnis eines nicht erfolg-
reichen Einsatzes ihres Nationalkredits das frivole Urteil, die
Stärke der DM hätte zum Wohle der Nation einfach das Allheilmit-
tel abgeben müssen. Für solche idealistischen Klugscheißer im
Dienste der Nation sieht die Politik der Regierungschefin dann in
der Tat etwas hausbacken aus. Vom "engstirnigen Nationalismus"
dieser Frau ist da seit längerem öffentlich die Rede. Aber so un-
dankbar ist das auf nationale Größe scharfe Mutterland:
"Starrheit" und "autoritärer Führungsstil" werden einer Figur ge-
genüber in Anschlag gebracht, die bis dato für ihren "Mut", ihre
"Entschlossenheit" und ihre "zuverlässige Führung" gelobt worden
ist. Da läßt sich einmal studieren, wofür diese Attribute in der
Politik stehen: Die "eiserne Lady" paßt mit einem Mal nicht mehr
g l a u b w ü r d i g in die Landschaft einer Politik, die sie
selbst bis zum Eintritt in das EWS b e t r i e b e n hat. Füh-
rungsstil bedeutet eben einen über den Niederungen der Politik
geltend gemachten m e t h o d i s c h e n Anspruch, die oberste
Leitung dürfe keinesfalls national etwas anbrennen lassen. Jetzt
hat aber die Chefin nun einmal gesagt, "nur über ihre Leiche"
werde es Zugeständnisse an die Konkurrenz vom Kontinent geben.
D a r a n, nicht an ihrem wirklichen Erfolg oder Mißerfolg wird
sie gemessen - so e m a n z i p i e r t ist nämlich der
I d e a l i s m u s einer ums Verrecken auf Erfolg erpichten na-
tionalen Politik schon immer gewesen.
Jetzt hat es "Zugeständnisse an Europa" wahrhaftig gegeben - ja
und? Davon sinkt nicht die Insel; sie wittert im Gegenteil ganz
neue Chancen im imperialistischen Wettbewerb. Gleichwohl gelten
Zugeständnisse als enormer Schaden - nicht für die
w i r k l i c h e englische Politik, die ja auf dieser Schiene
weiterläuft, sondern für ihr Ansehen. Und das haben verantwortli-
che Politiker in England allemal so für sich gepachtet wie auf
dem Festland. Gemäß den Regeln der Demokratie, daß jeder politi-
schen Maßnahme der Regierung grundsätzlich mit R e s p e k t zu
begegnen ist, solange sie das I m a g e in Anspruch nehmen
kann, die Erfolge der Nation extrem pfleglich behandeln zu wol-
len, muß sich eine Person, die auch nur den leisesten
Z w e i f e l a m g u t e n R e c h t erfolgreicher engli-
scher Politik aufkommen läßt, von der Spitze der Regierung als
nicht länger tragbar verabschieden und sich auswechseln lassen.
Da macht es dann so ziemlich gar nichts aus, daß haargenau die-
selbe Politik des letzten Jahres mit ungefähr denselben Ministern
weitergemacht wird - Hauptsache ist, daß die regierende Tory-Par-
tei mit ihrer vorsitzenden Handtaschenträgerin "Ballast abgewor-
fen" hat und sich für die weitere Legislaturperiode und insbeson-
dere für die nächste Wahl als runderneuerte politische Führungs-
riege darstellen kann.
Der bisherige Schatzkanzler Major, der im Frühjahr mit einer ori-
ginellen Gemeindesteuer, der sogenannten "Poll Tax", für die sy-
stematische Weiterverelendung der Massen gesorgt hatte, soll nun
Hoffnungsträger der Nation sein. Weil er aus der "Unterschicht"
stammt, werden ausgerechnet diesem Karrieristen, der sein Leben
lang außer in seiner Fraktion nicht gearbeitet hat, "Sympathien
für die Armen" zugeschrieben - dabei würde eine von ihm in Aus-
sicht gestellte Korrektur dieser Steuer in gewissen Härtefällen
allenfalls belegen, daß sie sich für die politischen Pläne des
Vereinigten Königreichs, über die konsequente Verelendung des
Volks international achtbare Erfolge zu erzielen, so besonders
nun auch wieder nicht eignet - wo es doch schon um die Konkur-
renzfähigkeit der Nationen geht und in dieser Hinsicht der Zug
der internationalen Konkurrenz - beflügelt vom Instrument des
e f f i z i e n t e r e n K a p i t a l e i n s a t z e s - ein
gutes Stück abgefahren ist.
Ohnehin schmerzt diese nationale Schmach den guten Staatsbürger
im Insulaner entschieden mehr als der unverschämte Griff in sei-
nen Geldbeutel oder die zuletzt wieder so beschworenen Gefahren
der Inflation und der Arbeitslosigkeit, die ihn unzweifelhaft
t r e f f e n - sonst hätte er nicht mit soviel Spannung den po-
litisch sauber kalkulierten Abgang der Thatcher und die Regelung
der Nachfolge verfolgt und sich über die Chancen der Kandidaten
mehr den Kopf zerbrochen als über seine eigenen. Nun, da die Re-
gierenden von gestern auf ihre billig inszenierte Tour alles Ver-
trauen ihrer Untertanen für morgen locker gemacht haben, hat sich
an deren praktischer Lage zwar nicht das geringste geändert, wohl
aber für die Politiker die Bequemlichkeit hergestellt, alle künf-
tigen Opfer als jetzt wieder fürchterlich notwendig deklarieren
zu können: im tagtäglichen Einsatz des Menschenmaterials für die
Nation sowieso, demnächst vermutlich auch noch in einem ganz ex-
quisiten Sterben "unserer Jungs" am Golf.
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