Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND ALLGEMEIN - Im Dienste ihrer Majestät
zurück
NICHT VERWECHSELN!
Arthur Scargill = Englischer Machthunger
----------------------------------------
Da ist einer hergegangen und hat gesagt: Nicht mit uns! Die Ver-
nichtung der spärlichen Existenzgrundlage von Tausenden von Ar-
beitern nehmen wir nicht hin. Das R e c h t, auf das die Regie-
rung sich beruft und das sie sich von ihrem Parlament extra hat
verabschieden lassen, erkennen wir nicht an. Daß die Regierung
unser Kampfmittel Streik durch Gesetze unwirksam machen will,
werden wir durch den E i n s a t z unserer Kampfmittel zu ver-
hindern wissen. Wenn die Regierung darüber stürzt, umso besser.
Der Mann ist Präsident der englischen Bergarbeiter. Die haben ihn
dazu gewählt.
Lech Walesa = Polnischer Freiheitsdurst
---------------------------------------
Da war einer hergegangen und hat gesagt: Nicht mit uns! Daß un-
sere harte Arbeit nichts einbringt, beweist die Unfähigkeit der
Funktionäre. Das Recht, auf das die Regierung sich beruft und das
sie sich von ihrem Sejm hat verabschieden lassen, erkennen wir
nicht an. Daß die Regierung unser Kampfmittel Streik verboten
hat, stört uns so wenig wie das Argument, daß das bei uns schon
immer und prinzipiell so war. Wir setzen unser Kampfmittel ein.
Wenn die Regierung unsere Forderungen nicht akzeptiert, muß eben
eine andere her. Der Mann war Vorsitzender der polnischen
"Solidarität". Die hat ihn dazu gewählt.
Arthur Scargill und Lech Walesa. Zwei Arbeiter, die im Namen ei-
ner beträchtlichen Anzahl von Arbeitern sprechen und auf deren
Wort eine ebenfalls recht beträchtliche Zahl von Arbeitern eini-
ges gibt. Doch schon diese schlichte Tatsache legen sich bürger-
liche Betrachter recht unterschiedlich zurecht. Da sie in einer
Gewerkschaft sowieso nichts anderes als ein Gefolgschaftsverhält-
nis entdecken wollen, ist ihnen vollkommen klar, daß es sich da
einmal um anerkannte, das andere mal um angemaßte Macht handeln
muß. Der eine ist gegen eine Regierung angetreten, der unsere Re-
gierung die Rechtmäßigkeit trotz aller Verträge und Geschäfte im-
mer wieder aberkennt; also handelt es sich um einen anerkannten
"Arbeiterführer" eigentlich nur beim Polen Walesa. Der Titel
"Führer" hat da garantiert keinen schlechten Klang und überdauert
selbst das Ende der Organisation, die er führt.
Machthungriger Boß - großer Führer
----------------------------------
Der Engländer firmiert dagegen meist als "Gewerkschaftsboß". Da
soll man erstens nicht an die armen Arbeiter denken, sondern an
die "kalte Organisation", den "Funktionärsapparat", an die
"Bürokratie". Lauter Fremdwörter, mit denen ein Bürger Unangeneh-
mes verbindet und das er nur in Form staatlicher Verwaltung in
Kauf nimmt. Auf alle Fälle gilt: Gewerkschaft, das sind gerade
nicht die arbeitenden Menschen, geschweige denn alle. Zweitens
ist Scargill als "Boß" eben kein anerkannter Führer. Seine Macht
beruht auf Gewalt, soll man denken. Daß hier die Vorstellungen
vom Verbrecherchef und Unternehmer gleichzeitig ihre Wirkung tun,
ist beabsichtigt: die "guten" Bosse heißen nämlich Unternehmer.
Und wenn ein Arbeitervertreter sich als Boß aufführt, dann ist
das besonders ungehörig, weil die doch ansonsten immer gegen "die
Bosse" sein wollen. Mit der Wahl dieses Mannes zum Präsidenten
der Bergarbeitergewerkschaft kann es deshalb nicht mit rechten
Dingen zugegangen sein: "Er hat sich zum Präsidenten wählen
l a s s e n" und das auch noch "auf Lebenszeit". Gewerkschafts-
statuten als ein einziger Beweis für die Machtgier dieses Mannes.
Gipfel der Manipulation: Laut Polizeiberichten hat Scargill durch
seine Anwesenheit und die Verletzung durch einen Polizeischild
die Stimmung angeheizt. Darum werden Scargill und die NUM als
"König Arthur und seine Truppen" bezeichnet und mit diesem Titel
nicht geehrt, selbst wenn die "Süddeutsche Zeitung" weder gegen
Könige noch gegen Truppen etwas hat.
Die "Neue Züricher" hat es auf den Begriff gebracht, daß Arbeiter
gegen eine demokratische Regierung aufzuhetzen nichts mit Führung
zu tun haben kann, sondern nur mit "Demagogie", dem heutigen
Fremdwort für die falsche, also Volks v e r führung. Sie hat
Scargill offiziell den Titel aberkannt: "Anheizer wohl, Führer
kaum."
Polnisches Volk - englische Extremisten
---------------------------------------
Daß Lech Walesa ein ganzes Volk hinter sich hat, der quasi gebo-
rene und fleischgewordene Ausdruck des Volkswillens ist, davon
legt die bürgerliche Presse fast täglich frommes Zeugnis ab. Wenn
das Volk diesem seinem erklärten Willen nicht täglich Ausdruck
gibt - z.B. indem religiöse Fanatiker durch die Aufstellung ka-
tholisch-kultischer Fetische auf den Gefühlen von Kommunisten
herumtrampeln -, dann weiß doch jeder: e i g e n t l i c h täte
es tagaus tagein nichts lieber, wenn nur die böse Staatsgewalt
nicht wäre. Wenn 70% Wahlberechtigte ihr Votum für die Staats-
macht abgeben, dann berichtet man ehrfürchtig Walesas Rechen-
kunststück, wonach das System damit eine Schlappe erlitten habe.
Kurz: Jeder Furz, den Lech von sich gibt, wird mit einem gewalti-
gen Echo präsentiert und zum Symbol des Volks(un)willens aufge-
blasen.
Daß Arthur Scargill mit seiner "linksradikalen Mafia" alleine
steht, obwohl 80% der britischen Gruben nicht mehr fördern, ist
kein Wunder, für dessen Erklärung ein bürgerlicher Ideologe sich
anstrengen müßte. Die Einigkeit im Glauben, daß Streiks im Westen
- längere zumal - des Teufels sind, ist solide Grundlage eintöni-
ger Hetzereien: Erstens sind die Bergarbeiter nicht Großbritan-
nien. Zweitens sind die Bergarbeiter nicht die Gewerkschaft.
Drittens ist Scargill nicht die Gewerkschaft. Also ist Scargill
ein Feind von allen dreien. Wenn er trotzdem nicht außer Landes
gejagt wird, sondern landauf landab für den Streik agitiert, ohne
mit Eiern beworfen zu werden, und der Streik nun schon bald ein
halbes Jahr dauert, dann hat er die streikenden Bergarbeiter -
die man unter der Hand einfach zu Arschlöchern erklärt - ganz
einfach gezwungen: mit Gewalt und zündenden Reden - Dinge, für
die man in Polen offene Bewunderung zeigt. Mit 3000 Linksaktivi-
sten zieht er von Pütt zu Pütt und hindert Hunderttausende von
arbeitswilligen Bergarbeitern an der Arbeit in zig Bergwerken.
Die Gewalt entdeckt das parteiliche Auge da nicht in Lastwagen,
die Streikposten um- und totfahren, nicht im Polizeiaufgebot und
nicht in knüppelnden Polizisten, sondern bei "johlenden Streikpo-
sten", die Fäuste recken und Steine gegen Fahrzeuge und gerüstete
Polizisten werfen. Jeder bornierte Streikbrecher, der, die
Staatsgewalt im Rücken, an "3000 höhenden Streikposten" vorbei-
geht, um sein "Recht auf Arbeit" geltend zu machen, wird fotogra-
fiert und als Held abgebildet. Fast jede Woche liefert die Presse
diesen Beweis der Arbeitswilligkeit der Mehrheit.
Wenn Arthur Scargill am Grab eines Streikpostens durchaus feier-
lich gelobt, man müsse nun erst recht weiterkämpfen - dann ist
der Mann in der Grube keinesfalls ein Opfer der Staatsgewalt.
Eher schon ist er ein tragisches Opfer recht verworrener Um-
stände, von denen nur eins feststeht: Scargill hat sie heraufbe-
schworen. Und jetzt nützt er die "verständliche" Verbitterung der
Kumpels aus, um die Stimmung anzuheizen, damit die Kampfbereit-
schaft "künstlich" erzeugt wird.
Wenn ein Lech Walesa sich in Polen mit polizeilich gesuchten Sy-
stemgegnern trifft, dann trifft er keine Terroristen, sondern zu
Unrecht verfolgte Freiheitskämpfer. Das Treffen ist kein Rechts-
bruch, sondern ein Beweis seines Mutes und seiner Entschlossen-
heit, sich für die natürlichen Freiheitsrechte der Polen einzu-
setzen.
Nobelpreiswürdiger Charakter - gewissenloser Fanatiker
------------------------------------------------------
Mit den Taten der beiden haben weder Lob noch Hetze etwas zu tun.
Walesa und Scargill werden in die allgegenwärtige 'Systemfrage'
eingeordnet. Darum gilt es umso mehr, den Charakter der jeweili-
gen Person auszumalen. Für Scargill bedient sich die liberale
Presse des ganzen Katalogs rassistischer Charakterologie: Sein
Haar ist rot und dünn, seine Stimme fistelt, quäkt, überschlägt
sich, schreit, sein Gesicht ist blaß, sein Ausdruck kalt. Er ist
eitel, unbeherrscht, machtbesessen und karrieresüchtig - nicht
zuletzt, weil er viermal sichere Listenplätze fürs Parlament ab-
gelehnt hat. Wenn Scargill sich auch noch zum Christentum be-
kennt, wird ihm das höchstens als üble Masche reingewürgt. Kurz:
Hier wird ein Untermensch mit der Ambition zum Herrenmenschen
präsentiert.
Der Lech dagegen wird mit allen Eigenschaften ausgestattet, die
ein bürgerlicher Mensch liebenswert findet: Ordentlich verheira-
tet, hat er dem Staat, der das gar nicht verdient, sieben Kinder
geheckt. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit stellt er seine
Frömmelei zur Schau, küßt Bischofsringe und läßt sich segnen. Er
sucht nach politischen Vorbildern im Westen, vergleicht sich mit
Reagan ("ein Mann wie ich") und lobt Margret Thatcher
("einsichtige und tapfere Frau"), verabscheut den Kommunismus,
ist glühender Patriot und bei aller Feindschaft zur Regierung re-
alitätsbewußt immer zu Kompromissen bereit. Kurz: der Inbegriff
des Volkstribuns in einer polnischen Westdependance.
*
Und so einen Mann hat Scargill gewagt zu kritisieren. Damit ist
ja wohl endgültig alles klar!
***
Bild Kommentar
--------------
"Rüge vom Kollegen Walesa
Englands Bergarbeiterführer Scargill verheizt Kumpel in einem
irrsinnigen Streik: Zechen, in denen es keine Kohle mehr gibt,
sollen nicht geschlossen werden! Blut fließt, Fäuste fliegen.
Scargill terrorisiert die Mehrheit der Arbeitswilligen. Er will
Maggie Thatcher stürzen.
Jetzt hat Polens Walesa ihm die Leviten gelesen:
Arbeiter sollen zwar kämpfen, aber mit gesundem Menschenverstand
- nicht mit Zerstörungswut. Walesa über Maggie: 'Mit einer so
einsichtigen und tapferen Frau wird England schon eine Lösung für
den Streik finden.'"
Der Senf dieses polnischen Arbeitskampfexperten hat gerade noch
gefehlt!
Soll man das etwa als Klarstellung betrachten, daß Walesa das
Vorgehen der polnischen Regierung gegen die von der "Solidarität"
angezettelten Streiks zu schlapp fand?
Wünscht er den Polen statt einem General Jaruselski, der gerade
eine Amnestie für "Solidaritäts"-Mitglieder unterschrieben hat,
"tapfere Führer" vom Kaliber der eisernen Lady an den Hals?
Hätte er es vorgezogen, wenn die Streiks in Polen nach englischer
Manier zusammengeschlagen worden wären?
Nein, so hat der gute Lech das nicht gemeint. Er hat bloß nichts
Besseres zu tun, als sein abgrundtiefes Mißfallen über englische
Bergarbeiter auszudrücken, die einen Arbeitskampf führen, der et-
was mit ihren materiellen Interessen zu tun hat - obwohl sie doch
schon in der Freiheit leben. "Gesunder Menschenverstand" heißt
nämlich, sich im Namen der heiligen Mutter Gottes für ein katho-
lisches Staatsrettungsprogramm stark zu machen.
Ein gefundenes Fressen für die Bild-Zeitung - ein richtiger,
echter Arbeiterführer, den sie bei Bedarf immer mal wieder zitie-
ren kann als Kronzeugen für die Botschaft, die ihr so sehr am
Herzen liegt: Arbeiter im freien Westen haben zu parieren und
keine Forderungen zu stellen. Alles andere ist "Zerstörungswut"
und wird auf Anordnung "einsichtiger" Politiker zu Recht nieder-
geknüppelt. Ganz anders im Ostblock - da gehört sich gestreikt,
für die Freiheit!
Bundesdeutscher Geiferer
------------------------
"...rothaariges Bleichgesicht mit Megaphon... dröhnte eine quä-
kende Stimme auf den brodelnden Menschenpulk hernieder, um im
hämmernden Stakkato dann das Versprechen hinterherzuschicken: ...
Choräle mit Treuegelöbnissen wurden angestimmt auf den Herrn der
Stimme, Arthur Scargill, ... Der militante Marxist wurde von der
Garde seiner Gläubigen wie ein Messias gefeiert: 'Arthur Scargill
wandelt auf dem Wasser', gröhlte die Masse, ... 'König Arthur'
... mit seinem radikalen Konfrontationskurs ... blassen Erschei-
nungsbild und verklemmten Auftreten ... Käsig, unscheinbar, mit
dandyhafter Frisur und kalt wie ein Fisch, gibt Scargill wenig
her für eine Heroengestalt, Seine Fernsehinterviews, zu denen er
stets piekfein herausgeputzt erscheint, sind Übungen in ideologi-
schen Klischees und Wiederholungen von Slogans, vorgetragen in
einer eigentümlich gestelzten Sprache, die selbst der schrillsten
Fanfare noch die Worte 'mit Respekt' voransetzt, was indes kei-
neswegs begütigend wirkt, sondern eher einen Effekt der Häme hin-
terläßt. ... erinnert er indes mehr an den Webstuhl-Rebellen, der
einfach nicht hinnehmen will, daß veränderte Zeitläufe seiner
Branche modernisierte Produktionsmethoden aufzwingen. Gewiß ist
Scargill ein orthodoxer Sozialist, vielleicht auch ein Marxist-
Leninist. ... Scargill mit grimmiger Drohgebärde ... autokrati-
scher Führer ... unter Mißachtung sämtlicher demokratischer
Spielregeln seinen radikalen Kurs durchpeitschen zu wollen ... Um
die Solidarität zu erzwingen ... schäumt 'König Arthur' ...
'König Arthurs' Kreuzzug ... Bergarbeiter-Boß ... predigte in der
Albert-Hall der Methodisten-Kirche den 'totalen Streik'. Die
roten Garden seiner Knappen jauchzten: 'Here we go'. ... 'König
Arthurs' linke Sturmtruppen im blutigen Clinch mit Heeren von Po-
lizei vor brennenden Straßenbarrieren, vergitterte Busse, die Ar-
beitswillige nur unter einem Geschoßhagel von Ziegelsteinen und
Flaschen transportieren können...
harte Linke ... ließ die Premierministerin vorsichtshalber ein
Programm von Notstandsmaßnahmen ausarbeiten ... Einsatz von Sol-
daten zum Schutz der wirtschaftlichen Lebenslinien befassen ...
radikale Bergarbeiter-Boß ... von Scargills linker Mafia angeord-
net und ohne Mitgliederbefragung mit Brachialmethoden gegen den
fortdauernden Widerstand regionaler Gewerkschaftsgliederungen na-
tional ausgeweitet worden ... militanten linken Flügel ... Sy-
stemveränderer Scargill ... (Olaf Ihlau in der Süddeutschen Zei-
tung vom 16., 16.7., 1.8.84)
zurück