Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND ALLGEMEIN - Im Dienste ihrer Majestät
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Der Papst in England
FILLED WITH THE HOLY SPIRIT
"Die päpstliche Flotte dampfte gestern nördlich Englands, bombar-
dierte die Zweifler mit Glauben und die Widersacher mit der Liebe
Gottes." (Guardian)
Alles war prächtig vorbereitet: Ein anglikanisch-katholisches
Pfaffenteam war in zehnjähriger theologischer Kleinarbeit zu dem
Ergebnis gelangt, daß die (durch den berüchtigten Frauenver-
schleiß eines Heinrich VIII. anno 1570 heraufbeschworene) Tren-
nung ihrer Kirchen heute bei weitem durch die Gemeinsamkeit der
organisierten Moralpflege ihrer demokratisierten Schäflein über-
troffen wird. Der Papst Wojtyla erhielt in Wachs den ihm zuste-
henden Platz bei Madame Tussaud, Soutane und Papstmobil standen
kugelsicher, Flughafen-Rollfelder und jede Menge Kleinkinder zum
Abknutschen bereit. Pastor Paisley, der extra aus Irland an-
gereist war, um dem Papst mit dem aparten Titel eines
"vorsitzenden Bischofs der Synagoge des Satans" und einem - für
ihn ganz untypischen - Eierwerftrupp seine Reverenz zu erweisen,
sollte sich Sicherheitskräften gegenübergestellt sehen, wie sie -
"historisch einmalig" in Anzahl und Auftreten - nicht einmal
Prinz Charles und Lady Di zum Hochzeiten für sich beanspruchten.
Und während noch nicht ganz feststand, ob die arbeitslosen, aber
katholischen Elendsquartierler von Liverpool sich die eingefor-
derten zwölf Mark pro Kopf zur Deckung der Papstreisekosten aus
den Rippen schneiden können, schickten einstweilen die tiefgläu-
bigen Polenengländer schon eine Abgesandte mit der durchweg pa-
storalen Grußbotschaft los:
"Wir kämpfen mit Ihnen für ein freies Polen, sie können sich auf
uns verlassen!"
The Pope konnte also kommen und auch auf seiner zwölften Ausland-
stournee ins protestantische Großbritannien vor ausverkauften
Stadien Zeugnis von der vielgerühmten "Ausstrahlungskraft" geben,
die die Herrschaften seiner Gastländer so schätzen, weil sie ihre
Untertanen zu wahren Fangemeinden in der Tugend des selbstgerech-
ten Mitmachens zusammenschweißt. Ein herzliches Treffen mit der
eisernen Lady in Downing Street, bei dem sich weltliche und
kirchliche Macht ihre überragende Rolle für ein gedeihliches Mit-
einander versichern, hätte also zu den traditionellen Höhepunkten
der päpstlichen Tour gehört - wenn nicht Frau Thatcher unglückli-
cherweise gerade zu diesem Zeitpunkt mit Kriegführen beschäftigt
gewesen wäre.
Nun wäre es abwegig, ausgerechnet dem Kirchenführer Wojtyla zu
unterstellen, er hätte je die Gewalt von Staaten, mit der sie
sehr zielstrebig nach innen und außen Opfer einfordern und schaf-
fen, zum Argument für die Unappetitlichkeit eines Bruderkusses
mit den verantwortlichen Politikern gemacht. (Außer selbstver-
ständlich in der päpstlichen Heimat Polen, wo solche Zärtlichkei-
ten als Judaskuß verurteilt würden.) Der Not und Gewalt, wie sie
von den Herren dieser Welt ausgehen, gewinnt ein Glaubenshüter
wie er noch allemal die positive Perspektive einer vom Herrgott
höchstpersönlich installierten Bewährungsprobe für seine Herde
ab:
"No evil is more powerful than the infinite Mercy of god" lautete
dementsprechend sein Trost für die Liverpooler Arbeitslosen, die
jetzt wenigstens von höchster römisch-katholischer Stelle wissen,
daß ihre von Staat und Kapital planmäßig betriebene Verelendung
ein Dreck ist angesichts der von jeder materiellen Knappheit
freien göttlichen Gnade. Justament als die Premierministerin das
Leben ihrer Young people für die nationale Ehre des Empire einer
kriegerischen Verwendung zuführte, verkündete dieser Pope in Co-
ventry (einer Stadt, die gernde "um ihr Patenschiff trauerte"):
"My dear young people, the world today needs you, for it needs
men and women, who are filled with Holy Spirit."
Während die siegreichen englischen Truppen - filled with holy na-
tional spirit - auf den Malvinen "nach erbitterten Kämpfen" 1400
Argentinier als Kriegsgefangene nahmen, goß der Vertreter Christi
auf Erden seine schleimige Güte über einheimische Häftlinge in
Manchester aus; indem er die Härte, mit der sie die Staatsgewalt
zu spüren bekommen, begrüßte und mit Sinn versah:
"Bringing greetings to all prisoners in Britain, the Pope remin-
ded them that Christ offered each one of them forgiveness and new
hope." (The Times, 1.6.)
Und während nicht nur konservative Abgeordnete die "ruthless de-
termination" ihrer Staatschefin feierten, mit der sie den Argen-
tiniern mittels eines überzeugenden Verlustverhältnisses an Men-
schenleben und Material ihr Friedensangebot unterbreitete, ver-
kündete der Papst auf dem heiligen Rasen von Wembley die dazu
passende Moral:
"I believe in all mankind. I believe in the unique dignity of hu-
man being. I believe that each individual has a value that can
never be ignored or taken away."
Es kann wohl nicht wahr sein, daß dieses Kirchenoberhaupt, das so
skrupellos jede Sauerei der Subjekte der weltlichen Macht als
dankenswertes Material begreift, um den Herrn Jesus durch sich
einen Sinn dazu predigen zu lassen; daß dieser Wojtyla, dem die
nationalistischen Tugenden des Sterbens und Sterbenlassens zur
rechten Zeit schon auch gefallen: "It was the polish pilots, who
saved England during the war" (Speks-Airport, vor polnischen Ein-
wanderern); daß dieser Papst also ausgerechnet wegen der Tatsache
des Krieges seine Aufwartung bei der Oberbefehlshaberin absagte
und seine Englandreise in Frage stellte.
Ein "Disput im Südatlantik"
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Es war schon gekonnt; wie der vatikanische Pole - ansonsten so
beliebt für seine Forschheit, wenn's darum geht, seine östlichen
Landsleute mit den westlichen Herrschaftsidealen gegen ihre Re-
gierung aufzuhetzen - anhand eines Waffenganges zwischen Staaten
der westlichen Hemisphäre sich friedenspolitisch "neutrali-
sierte". Da war von einem "Disput im Südatlantik" die Rede und
seine Heiligkeit zelebrierte ausgewogen mit den Führern seiner
vaterländisch aufgegeilten Christenheit aus beiden Lagern eine
"Friedensmesse", bei der er sich die Einsicht eingeben ließ, "er
könne von einer Reise nicht zurücktreten, die so wichtig für die
Ökumene sei." In gleichlautenden Telegrammen an Margaret Thatcher
und Leopoldo Galtieri äußerte der Papst "seine Besorgnis über die
schweren Verluste an Menschenleben" und fand sowohl beim General
wie der Lady (die sich extra für die von ihr veranlaßte
Leichenproduktion ein schwarzes Kostüm angeschafft hatte) breite
Zustimmung. Nur in seiner etwas kurzsichtigen Lehrmeinung:
"Nichts ist mit dem Frieden verloren, alles jedoch mit dem Krieg"
korrigierte die Staatsführerin den Glaubensmann: Erstens ist der
Frieden dann nichts wert, wenn er keiner nach den Prinzipien der
westlichen Freiheit ist - was sie dem Papst geschickt mit einem
Fingerzeig auf die leider noch immer verabsäumte endgültige Be-
freiung seines Heimatlandes nahebrachte:
"Die Welt hat in diesem Jahrhundert zu oft die tragischen Konse-
quenzen des Versäumnisses gesehen, die Prinzipien von Gerechtig-
keit, zivilisierten Werten und internationalem Recht zu verteidi-
gen. Wir suchen den Frieden in Freiheit und nicht auf Kosten der
Freiheit."
Zweitens ist mit dem Krieg nichts verloren, wenn man ihn gewinnt.
Eine Tatsache, die Frau Thatcher dem Herrn Wojtyla in der Praxis
zu beweisen versprach.
Damit waren die Felder der gegenseitigen Kompetenzen abgesteckt.
"Daß der Papst und Frau Thatcher sich... aus dem Weg gehen wer-
den, liegt im beiderseitigen Interesse. Der Papst muß, über die
Betonung des reinen 'Hirtenbesuches' hinaus einige Distanz wahren
und Frau Thatcher hat diesen Preis für das Kommen gerne gezahlt.
Worüber sollten beide auch reden?" (Süddeutsche Zeitung, 27.5.)
Alle anfänglichen Bedenken, der Papst schaffe mit seiner Reise in
ein Land, das sich im Krieg befindet, einen fürs eigene Ansehen
bedenklichen "Präzedenzfall", widerlegte derselbe nicht nur, in-
dem er gleich auch noch der schwer gebeutelten argentinischen Na-
tion seinen geistlichen Beistand anbot; auch die Art, wie er sich
anhand der Gewalt zum obersten Friedensapostel profilierte,
strafte alle kleinkrämerischen Krittler an einem möglichen An-
schein von Differenzen zwischen staatlicher und moralischer In-
stanz Lügen. Mit Warnungen des folgenden Kalibers:
"Unsere Welt ist durch Krieg und Gewalt entstellt, die Ruinen der
alten Kathedrale von Coventry erinnern an die Zerstörungskapazi-
tät unserer Gesellschaft.",
die partout kein reales Kriegssubjekt, dafür aber in einem kaput-
ten Katholentempel ein wunderbares Kriegerdenkmal entdecken,
störte er weder die englische Regierung beim Einsatz, noch die
NATO beim Ausbau der ihnen zu Gebote stehenden militärischen
"Vernichtungskapazitäten". Sie alle
"...sind dem Papst nicht besonders gram. Denn sie billigen ihm
zu, daß er zunächst seine Pflicht erfüllt, wenn er für den Frie-
den und eine gewaltlose Lösung der menschlichen Auseinanderset-
zungen eintritt." (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.6.)
Und wie nicht nur die Übernahme von päpstlichen Friedenssprüchen
("Laßt uns Steine beim Aufbau eines Domes des Friedens sein.")
durch den Chef der westlichen Kriegsallianz zeigt, erfüllte der
Pope diese seine Pflicht vortrefflich. Wo zuerst noch die kriti-
sche Befürchtung laut wurde, christlicher Idealismus könnte durch
"fatale Realitäten" in seiner herrschaftsdienlichen Wirkkraft
Schaden nehmen:
"Verkannte nun dieser Papst die Gefahr, der Falkland-Kanonendon-
ner könne die Glocken britischer Kathedralen übertönen - selbst
wenn die Salutschüsse aus dem Empfangsprotokoll gestrichen wür-
den?" (Die Zeit, 28.5.)
da bewies Wojtyla, daß ein gestandener Christenführer erst so
richtig bei "Kanonendonner" zur Geltung kommt. Der Umstand, daß
er sich bei seinem "Hirtenbesuch" in England die Schlagzeilen der
Titelblätter mit der euphorischen Kriegsberichterstattung teilen
mußte, war keine Mißlichkeit, die gezeigt hätte, "wie sehr seine
Worte zur Zeit auf steinigen Boden fallen"; vielmehr verstand es
der Papst, den Boden, den ihm die englischen Herrschaften mittels
eines Krieges bereitet hatten, fruchtbar zu machen, indem er die
letzte Konsequenz der staatsbürgerlichen Unterwürfigkeit, den
Einsatz des eigenen Lebens, zum Prüfstein der Tapferkeit des
Christenmenschen erklärte:
"Laßt euch bei eurem Blick auf die erschütterte Welt nicht in eu-
rem Vertrauen in Jesus erschüttern. Noch nicht einmal durch die
Gefahr eines Atomkrieges. Erinnert euch an diese Werte, seid tap-
fer: 'Ich habe die Welt erobert'."
Kein Wunder, daß dieser Papst von den maßgeblichen Politikern des
westlichen Kriegsbündnisses und ihrer schreibenden Mafia einhel-
lig zum obersten Führer der Friedensbewegung ernannt wurde. Zumal
Johannes Paul bei seiner Friedensmission zweifellos das Augenmaß
besitzt, das ein Vorgänger sich schon wünschte:
"Es ist zu wünschen, daß die Verherrlichung des Friedensideals
nicht die Feigheit jener begünstige, die sich fürchten, ihr Leben
im Dienst ihres Landes einzusetzen." (Paul VI.)
Jetzt war der Papst auch in Argentinien; hat dort den Boden ge-
küßt, den General Galtieri herzlich begrüßt, seine Friedenshymne
runtergeleiert und auch den Schafen dort Mut gemacht. So haben
die Katholen Englands und Argentiniens wenigstens eine Sicher-
heit: Wenn sie tapfer sind und fallen, kommen sie in den Himmel,
während es im Großen Krieg noch längst nicht vor Gott ausgemacht
ist, ob den tapferen Soldaten des Ostens dieses Glück zuteil
wird.
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