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Internationale Heimatkunde: Irland
MIT BOMBEN UND GEBETEN FÜR DIE NATIONALE SOUVERÄNITÄT
Kaum führt die hochoffizielle Pflege noch der letzten nationalen
Idiotie in der Sowjetunion dazu, daß sowjetische Bürger aufeinan-
der einschlagen, weil sie verschiedenen Volksstämmen angehören,
reibt man sich hierzulande die Hände von wegen der Unverwüstlich-
keit des Nationalgefühls, das sogar die infame Verfolgung durch
Förderung überlebt. Da muß man sich dann tagelang alle zwei Stun-
den die Szene des weinenden Vaters auf dem armenischen Friedhof
ansehen von wegen dem Leid, das der Osten über die Menschen
bringt - trotz Glasnost, Gorbatschow und Perestroika. An die
Schlächterei, die seit Jahrzehnten vor der eigenen Haustür statt-
findet, hat man sich dagegen gar nicht mal gewöhnen müssen, weil
man dem britischen Ordnungswillen, mit dem Terrorismus aufzuräu-
men, sehr grundsätzlich mit Verständnis begegnet. Andererseits
können auch Bombenleger in Ost und West mit der Billigung ihrer
Motive rechnen, wenn sie aus patriotischer Gesinnung heraus han-
deln, solange sie ihrem tödlichen Geschäft nicht gerade im eige-
nen Land nachgehen und sich nicht mit Kalaschnikows statt Arma-
lite-Gewehren ausstatten. Die IRA wird diesen wenig anspruchs-
vollen Kriterien gerecht.
I. Grundlage: Der britische Hoheitsanspruch
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"A Cuba off Britain's western shore"
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Kuba war noch gar nicht das, als was es heute gilt, da betrach-
tete und behandelte das große Britannien die kleine Insel vor
seiner Küste schon so, als wäre sie das eine Bedrohung der natio-
nalen Sicherheit Großbritanniens, der man nicht den Hauch einer
Chance lassen darf. Old Dev (Eamon de Valera), der "Vater des
Irischen Freistaats", hat dann in den 20er Jahren den Vergleich
erfunden. Die Zucker- und Tabakinsel, die sich die USA nicht
lange zuvor aus spanischer Herrschaft befreit hatten, war ihm als
Vorbild für seinen Staat gerade recht. Offensichtlich spekulierte
er darauf, Irland als eine Großbritannien vorgelagerte Milch-
schüssel zu organisieren. Fidel Castro erst hat die irische zu
einer britischen Parole werden lassen. Ein Problem hat Großbri-
tannien dabei mit Irland nie gehabt. Es hat die Insel von jeher
zu einer Frage der eigenen Sicherheit erklärt, ohne daß sie das
je gewesen wäre. Und deshalb ist es das Pech der Iren, nicht bloß
eine "große grüne Schüssel" im Atlantischen Ozean zu sein, son-
dern als "natürliche Bedrohung" für die Nachbarinsel definiert
worden zu sein: Irland also als "vorgelagertes" Sprungbrett gar
nicht realer, sondern bloß vorgestellter Invasionen: Eben deshalb
haben die Invasionen in umgekehrter Richtung stattgefunden. Und
dabei wußte schon Elisabeth I., daß eine Unterwerfung ohne Gewalt
nicht zu haben ist:
"Der Wille eines barbarischen Landes muß erst durch einen Krieg
gebrochen werden, bevor er für gutes Regieren taugt."
Etwas anderes als Unterwerfung unter die Regie britischer Hoheit
ist nie der Zweck der jahrhundertelangen britischen Gewaltmaßnah-
men gewesen. Eine andere Benutzung der Insel war zu keiner Zeit
beabsichtigt, weder der Iren noch ihres Landes. Die brutalen Ent-
eignungen (1741 gehören nur noch 7% des Landes katholischen Iren)
und die drakonischen Strafgesetze (penal laws) dienten weniger
der Bereicherung der immigrierten Schotten und Engländer als der
Befreiung der Bevölkerung dieses britischen Sicherheitsrisikos
von allen Mitteln, die dem Zweck der Installation des politischen
Willens Großbritanniens in Form einer importierten Herrscherkaste
irgendwie hinderlich sein konnten.
Viel mehr als ihren Glauben haben die Engländer ihren Nachbarn
nicht gelassen. Und auch den nicht, weil ihnen die
"sprichwörtlich irische Religiosität" bei ihren Reformationsver-
suchen in die Quere gekommen wäre. Ihren eigenen Untertanen haben
sie den Katholizismus ja auch nicht mit Predigten ausgetrieben.
Der Zweck der englischen Strafmaßnahmen in Irland war aber gar
nicht die Missionierung Falschgläubiger, sondern die Diskriminie-
rung und Enteignung der störenden Bevölkerung. Auf die Gleichung
von Loyalität und Protestantismus haben die Engländer nämlich nur
bei ihren Statthaltern wert gelegt. Weil es eh nur auf die Unter-
scheidung zwischen englischen Verwaltern der Insel und ihrer stö-
renden Bevölkerung ankam und neben dem Besitz der Glaube - durch
den Besuch der verkehrten Kirche z.B. - diesen Unterschied äußer-
lich kenntlich machte, konnten die Iren ihren Glauben ruhig be-
halten. Für die besitz- und nutzlos gemachte, von Strafen be-
drohte Bevölkerung war die Beschäftigung mit dem Allerhöchsten
die adäquate Ideologie ihres Knechtdaseins, das sie sich so als
Gottes Fügung zurechtbeten konnten.
Als persönliches Inventar der zum britischen Hoheitsgebiet er-
klärten Insel sind die Iren nichts als störende Momente der Er-
richtung der britischen Herrschaft gewesen, weshalb tendenziell
die Entvölkerung Zweck der britischen Maßnahmen gewesen ist. Zwar
haben die Briten die Kartoffelseuche Mitte des letzten Jahrhun-
derts mit großer Sicherheit nicht in die Welt gesetzt; aber daß
die Massen wegen der Seuche verhungert wären, ist angesichts
übervoller Vorratsspeicher und hoher Exporte ebenso sicher erlo-
gen. Die E n t völkerung der Insel durch Hunger und die das 19.
und 20. Jahrhundert kennzeichnende massenhafte Auswanderung - so
daß in den USA heute etwa zehnmal soviel Iren leben wie in Irland
selbst - paßte ins Sicherheitskonzept Großbritanniens.
Sovereignty
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Wo Kontrolle einer Zone britischer Sicherheit oberster Zweck ist,
kommt Souveränität - im Sinne, wie sie für Großbritannien selbst-
verständlich ist - nicht in Frage; es sei denn: als von Großbri-
tannien kontrollierte Souveränität. Und dafür hatte die Politik
der Entvölkerung und Verarmung die Grundlage geschaffen. So sehr,
daß der irische Nationalismus im Ersten Weltkrieg seine Chance am
ehesten darin gegeben sah, recht tapfer an der Seite der Briten
zu kämpfen, in der Hoffnung auf den Lohn irischer Unabhängigkeit.
Eine so begründete irische Selbständigkeit konnte den Briten
nicht grundsätzlich unrecht sein, so daß sie dem irischen Befrei-
ungskampf gar nicht die gesamte Wucht ihrer Staatsmacht entgegen-
setzten, sondern mit der Unterstützung der Protestanten und der
verdeckten Entsendung der "Black and Tans" (Söldnern, die mit der
dieser Sorte inoffizieller Soldaten eigenen Rücksichtslosigkeit
und Brutalität für das notwendige Maß an Terror sorgten, das auf
einen Sieg gegen die Republikaner gar nicht berechnet war) die
Grenzen irischer Souveränität - im geographischen wie im politi-
schen Sinne - augenfällig und blutig demonstrierte.
Außerdem genügte dieser Einsatz immerhin, um den Traum von der
irischen Souveränität nur teilweise wahr werden zu lassen und mit
der Aufrechterhaltung der britischen Herrschaft in den nördlichen
Grafschaften für dauernde Präsenz auf der Insel zu sorgen. Die
frischgebackene Republik war so mit einem Dauerziel versehen, das
nur in Abhängigkeit von und in Verhandlungen mit den
"Unterdrückern der irischen Freiheit" zu verfolgen war.
Mit der Einrichtung der sechs Provinzen im Norden versorgte sich
der britische Staat darüber hinaus mit einem Rechtstitel, der bis
heute d i e Rechtfertigung des Kriegs darstellt, den die Briten
- mit mehr oder weniger Resonanz in der Weltöffentlichkeit - seit
Jahrzehnten führen - das Selbstbestimmungsrecht der britischen
Bürger in Nordirland:
"Solange das nordirische Parlament nicht anders entscheidet,
bleibt Nordirland Teil des United Kingdom." (Zit. nach: Manfred
P. Tieger, Irland, München 1984, S. 55)
Bei diesem Titel will niemandem auffallen, daß die beanspruchte
Zuständigkeit für die dortigen Leute sich nur daraus herleitet,
daß der Staat seine Verfügung über diese Figuren nicht aufgibt,
weil er sie als seine Bürger beansprucht und behandelt. Eine Tau-
tologie, für die nur eines spricht: die Gewalt, die sie durch-
setzt. An den Russen würde der menschenrechtlich geschulte, und
daher so parteiische, Verstand des Bürgers sofort bemerkt haben
wollen, daß er denen eine derartige Begründung für Armenien oder
Litauen nie und nimmer abkaufen könnte. Im Falle der befreundeten
Macht, die diese "Logik" gewaltsam praktiziert, kommen ihm die
Tränen, weshalb er nur an den M e n s c h e n im Protestanten
denken will, der sich ein Leben unter irisch-katholischer Herr-
schaft nicht vorstellen kann:
"Sie (die IRA) kämpft gegen die Protestanten des Nordens, die sie
gewinnen müßte, wenn ihr Kampf je Aussicht auf Erfolg haben
sollte. Der Aufruf an die Protestanten, sich doch endlich als
'Iren zu fühlen', ist zu wenig, um deren Abneigung gegen ein Auf-
gehen in ein wiedervereinigtes, mehrheitlich katholisches Irland
zu überwinden." (Süddeutsche Zeitung, 19.8.1986)
Die Praktizierung i h r e s Selbstbestimmungsrechts läßt die
Protestanten im Falle einer Verwirklichung eines vollständigen
irischen Freistaats nichts Gutes ahnen. Die Behandlung einer Min-
derheit, die zum volksfremden Bestandteil der Bevölkerung dekla-
riert wird, erscheint ihnen offensichtlich als das selbstver-
ständlichste von der Welt. Und das mit Recht. Denn wo allein die
Zustimmung zum Staat verlangt ist, ist Loyalität eben der ent-
scheidende Gesichtspunkt, der die Staatsbürger in gute und keine
einteilt und sie in Nordirland in "Loyalists" bzw. "Unionists"
einerseits und in "Papisten" andererseits sortiert. Dabei ist es
ja gar nicht der Bürger, der seine Haltung von der Religionszuge-
hörigkeit abhängig macht, der hat auch in Nordirland erst mal an-
dere Sorgen. Es ist - wie im Süden auch - der Staat, der die Re-
ligionszugehörigkeit zum Kriterium der Loyalität macht, seine Un-
tertanen dementsprechend sortiert und sich die Loyalität der
richtigen Christen sichert. Das beginnt bei der Vergabe von Ar-
beitsplätzen, von der ja immerhin die Existenz der Leute abhängt,
geht über die schulische Bildung, bis hin zur sehr absichtsvollen
Benachteiligung beim Stimmrecht. Lauter Maßnahmen, die nur auf
eines abzielen: die der Illoyalität verdächtigten Katholiken von
jedem Einfluß auf die Ausübung der Herrschaft fernzuhalten.
"No Surrender!"
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Der bei England verbliebene Teil Irlands stand von Anfang an un-
ter de Ausnahmerecht des Special Powers Act. Für Großbritannien
waren die protestantischen Iren Bannerträger der Souveränität des
Königsreichs über Irland. Und niemand verstand das so gut wie die
so geehrten: Der Union Jack dürfte in keinem Teil des britischen
Reichs je auffälliger vertreten gewesen sein als in den prote-
stantischen Bezirken Belfasts; Gehwege sind in den britischen
Farben gehalten, und zu den traditionellen Gedenkmärschen, die
auch auf der protestantischen Seite immer irgendein Gemetzel zum
Inhalt haben, schneidern sich die feistbigotten Herrenmenschen
Ulsters die britische Flagge um Wanst und Hut. Gleichzeitig sind
solche Umzüge fast immer eine Gelegenheit für die RUC (Royal Ul-
ster Constabulary, die paramilitärische Polizei Nordirlands) und
das britische Militär, ihrer Ordnungsaufgabe gerecht zu werden.
Diese religiös-politischen Prozessionen sind nämlich als Provoka-
tion der Katholen geplant, so daß Schlägereien ins Konzept pas-
sen; wenn die sich mal nicht provozieren lassen und in ihren Häu-
sern bleiben, dann holen sie sie zum Prügeln raus und zünden ih-
nen die Bude auch so an.
1972, nachdem die britische Armee in Derry in eine katholische
Kundgebung geballert und 13 Leute erschossen hat (Bloody Sunday),
haben die Konservativen für Rechtsstaatlichkeit gesorgt und den
administrativen SPA durch parlamentarisch verabschiedete Not-
standsgesetze (Emergency Provisions Act) ersetzt und 1974 um eine
umfangreiche Terroristengesetzgebung (PTA: Prevention of Terro-
rism Act) ergänzt so daß schon drei Personen auf der Straße eine
zu verhaftende Gefährdung der öffentlichen Ordnung darstellen
können. Und da man bei Terrorismusverdacht nie vorsichtig genug
sein kann, gelten für Terroristen die berühmten britischen
Rechtsgrundsätze mal leicht modifiziert. So ist im Falle schwerer
Straftaten ein Strafverfahren ohne Geschworene vorgesehen, um
"Einschüchterung von Geschworenen" und "parteiische Schuldsprü-
che" zu verhindern. Seit den 80ern ist die Kronzeugenregelung
("supergrass", "converted terrorists") sehr erfolgreich gewesen:
"Den 'Super Grass', den großen Petzern, verdankte die Polizei
1982 und 1983 über 30 Festnahmen und die Aushebung von 96 Waffen-
lagern." (Süddeutsche Zeitung, 29.10.86)
"Shoot to kill"
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Für die britischen Spezialeinheiten (SAS) ist Nordirland ein
ständig zur Verfügung stehendes Trainings- und Erprobungsgelände;
gezielt wird nicht auf Pappkameraden:
"Schon 1969 operierten SAS-Soldaten in Ulster, aber es dauerte
bis 1976, bis Harold Wilson ihre Anwesenheit bekanntgab... Die
SAS-Soldaten wurden ausgebildet, auf Terroristen zu schießen,
auch wenn diese sich offensichtlich ergaben." (Anthony Sampson,
The Changing Arratomy Of Britain", 1984 - unter der Überschrift
"Lizenz zum Töten in Friedenszeiten", S. 286)
Und geschossen wird scharf und seit jeher mit allem, was Ord-
nungskräfte ja auch hierzulande für harmlos und nützlich erachten
im Umgang mit Staatsgegnern: Der Bloody Sunday 1984 kostete in
West-Belfast Menschenleben - im Einsatz: Gummigeschosse und che-
mische Keule. Die zur Strecke gebrachten dürfen dann in schöner
Regelmäßigkeit antreten, um den Beweis der Notwendigkeit ihrer
Hinrichtung anzutreten, wie neulich anläßlich der drei von SAS-
Leuten niedergeschossenen IRA-Aktivisten in Gibraltar:
"Die Verluste hätten dreistellig ausfallen können. Zweifellos ist
damit ein schrecklicher terroristischer Anschlag verhindert wor-
den." (Innenminister Geoffrey Howe, The Guardian Weekly, 13.3.88)
Und die Opposition Ihrer Majestät beeilt sich am Triumph des
Rechtstaats teilzuhaben:
"George Robertson, der außenpolitische Sprecher der Labourparty,
beglückwünschte die Sicherheitskräfte und erklärte, daß der Vor-
fall zeige, welch 'zynische Gewalttätigkeiten die IRA seit Ennis-
killen rechtfertige'. Die einzige Lehre, die man daraus ziehen
könne, sei, daß man 'mit diesen Leutenfertig werden muß'." (The
Guardian Weekly, 13.3.88)
Eine Woche später kommen dann dem Exponenten der Linken in der
Labourparty, Eric Heffer, doch Bedenken: "Todesstrafe ohne Ver-
handlung", lautet sein Vorwurf an die Regierung, weil ihm und
seinem Kollegen Robertson die B e w e i s e fehlen dafür, daß
die Terroristen wirklich diesen "schrecklichen Anschlag" vorge-
habt haben, weshalb Robertson die Regierung mit kritischen Fragen
in Schwierigkeiten bringen will:
"Kann der Außenminister zusichern, daß die Erschossenen gewarnt
worden sind, bevor das Feuer eröffnet worden ist, und kann er sa-
gen, ob es irgendeine Untersuchung der Umstände der Schießerei
gibt?" (The Guardian Weekly, 20.3.1988)
Gerade weil klar geworden ist, daß die Erschossenen nicht an ei-
ner Warnung, sondern an den Kugeln der SAS gestorben sind, die ja
bloß deshalb so sicher und zahlreich ihre Ziele gefunden haben,
weil die Schützen nicht lange gefragt haben, ob die auserkorenen
Opfer Waffen tragen - am Ende hätten sie sie dann ja gar nicht,
weil erwiesenermaßen unbewaffnet, erschießen, sondern nur verhaf-
ten dürfen:
"Jene drei waren unbewaffnet. Sie hätten festgenommen werden müs-
sen. So haben Sie Märtyrer geschaffen." (Kevin McNamara, Labour,
nach: Süddeutsche Zeitung, 30.4./1.5.)
Weil also klar ist, daß die SAS die IRA-Männer tagelang beschat-
tet hat, um sie dann abzuknallen, möchte Herr Robertson von der
oppositionellen Arbeiterpartei eine "Untersuchung der Umstände"
durch den Herrn Außenminister einrichten lassen. Warum auch
sollte ausgerechnet in der Heimat des Parlamentarismus unbekannt
geblieben sein, daß Untersuchungsausschüsse nicht die Aufklärung
der inkriminierten Angelegenheit bezwecken, sondern den Nachweis
ihrer Unumgänglichkeit. Es braucht ja auch bloß rauszukommen, daß
die Terroristenjäger ihre Ziele gar nicht warnen k o n n t e n,
weil sie sonst Gefahr gelaufen wären, selbst erschossen zu werden
und das Bedürfnis des Oppositionspolitikers nach rechtsstaatlich
ordnungsgemäßer Terroristenhatz ist zufriedengestellt.
Einen anderen als den Ausnahmezustand hat es in Irland also nie
gegeben. Er ist dort die Normalität. Es gibt keine Familie, die
nicht von irgendeinem Mitglied erzählen kann, das zumindest halb
zu Tode geprügelt oder den Kugeln der Gegenseite nur um Haares-
breite entronnen ist. Schlägereien, Schikanen seitens der Bullen,
Schießereien, brennende Häuser gehören zum alltäglichen Erfah-
rungshorizont der nordirischen Jugend zumindest in den Zentren
der Auseinandersetzung, so daß schon Kinder den Kampf gegen die
andere Seite als eine Art Räuber- und Gendarm-Spiel praktizieren,
ohne fürchten zu müssen, für übertriebene Brutalität getadelt zu
werden. Im Gegenteil: Das Rechtsbewußtsein ist so ausgeprägt -
und viel gehört da ja nicht dazu -, daß die Gewalt selbst im
Spiel keine Grenzen kennt.
Für die uneingeschränkte Geltung britischen Rechts im nördlichen
Teil Irlands richtet Großbritannien nicht nur lauter Sonderge-
setze ein und läßt die Bevölkerung dort dafür zahlen und bluten;
Großbritannien läßt sich diesen Rechtsanspruch auch einiges ko-
sten:
"Die Wirtschaft Nordirlands wird nur noch durch Schecks aus Lon-
don vor dem Zusammenbruch bewahrt." (Manfred P. Tieger, Irland,
München 1984, S. 56)
Und die belaufen sich auf ca. 1 Mrd. Pfund pro Jahr...
II. Die Republik Irland: Kontrollierte Souveränität
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Hauptsache irisch!
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Sehr anspruchsvoll ist die republikanische Bewegung nicht gewe-
sen. Mit einer Beseitigung der Not hatte sie nicht etwa wenig Er-
folg, sie hatte sie gar nicht im Sinn, weil es ihr immer um Hö-
heres gegangen ist:
"Mindestens 800000 Menschen, etwa ein Viertel der Bevölkerung der
Republik, werden in Irland zu den Armen gerechnet. 400000 sind
'on the dole' d.h. abhängig von der Wohlfahrt, mit manchmal nur 3
Pfund in der Woche - bei weitem nicht genug für eine Familie mit
mehreren Kindern." (ebenda, S. 26)
Nicht mal für die katholische Minderheit in Ulster ist die Repu-
blik eine Alternative, zumindest nicht für die, die allen Grund
hätten, ihre Heimat zu verlassen, und zwar nicht nur wegen der
Bedrohung:
"Sie sind, wo sie eigentlich niemand mehr haben wollte, und blei-
ben trotz persönlicher Bedrohung zum größten Teil in ihrer Hei-
mat: Die etwa eine halbe Million zählende Minderheit der Katholi-
ken in Nordirland."
Ein paar Zeilen weiter dementiert der Autor begriffslos, daß es
nicht bloß die Verrücktheit der Heimatliebe ist, die die Iren in
Ulster hält. Er gibt zu erkennen, daß der negative Zusammenhang
mit dem Boden, auf dem man lebt, (die Unmöglichkeit, anderswo ein
besseres Auskommen zu finden) die ganze Grundlage der Heimatliebe
- und nicht nur der Iren - ist:
"Die wenigen, gut geschulten und beruflich Ausgebildeten emigrie-
ren, während die anderen, weniger qualifizierten, die Schlangen
der Arbeitslosengeld-Empfänger verlängern und das Nachwuchsreser-
voir für die IRA bilden." (ebenda, S. 60)
Daß sie sich mit der Errichtung des Freistaats zufrieden geben
wollten, dokumentierten die Gründerväter - alte IRA-Kämpfer -
schon im Verfassungs- und Rechtssystem, wo sie sich gar nicht die
Mühe gaben, einen Gegensatz zur alten Besatzungsmacht aufzuma-
chen:
"Verfassung ... basiert auf einer Mischung englischer und ameri-
kanischer Prinzipien ... Das Rechtswesen ist unabhängig und ent-
spricht im wesentlichen dem englischen Recht." (ebenda, S. 70)
Hauptsache, der ganze Krempel trägt die Unterschrift echter Iren.
Einen Unterschied gibt es allerdings: Den Umweg, sich per prole-
tarischer Empörung über kapitalistische Ausbeutung eine staats-
treue Opposition zuzulegen, haben die Iren sich gespart:
"Es gibt zwei große Parteien in Irland. Beide sind konservativ -
die eine etwas mehr als die andere ... Fianna Fail ('Soldaten des
Schicksals') und Fine Gael ('Familie der Iren') haben den glei-
chen Ursprung: Sinn Fein." (ebenda, S. 72)
Schon die Namenswahl verspricht nichts außer den nationalen
Zwangszusammenhang, wobei aus dem Zwang gar kein Geheimnis ge-
macht wird. Der Parteienstreit geht dann um ganz aparte Dinge.
Die Fine Gael will das Scheidungsverbot und das Gebot natürlicher
Familienplanung aus der Verfassung streichen, während Fianna Fail
beide drin behalten will. Auch sonst haben die republikanischen
Parteien keine Hemmungen, ihr Wahlvieh ohne Umschweife für dumm
zu verkaufen. So war der Wahlschlager von Fine Gael im Jahre
1981, "jeder Hausfrau 9,6 Pfund auszuzahlen, indem man den ent-
sprechenden Steuervorteil des arbeitenden Ehemannes kürzt"
(ebenda, S. 78). Die Iren ihrerseits geben sich auch lieber dem
Spiel und dem Suff hin als der Illusion, mit ihrer Stimme würde
mehr für sie herausspringen als eine Gelegenheit zum Wetten und
für ein paar Guiness mehr:
"Wahlen... sind wie Pferderennen... Getrunken wird auch hinterher
noch reichlich, sei es, um den Sieger zu feiern oder um die Erin-
nerung an den Verlierer zu begraben." (ebenda, S. 78)
Das typisch Irische daran ist wiederum, daß es die Briten genauso
machen und die Kollegen vom Kontinent auch nicht anders.
Souveränität per Staatsvertrag
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Die Gründung des Freistaats Eire 1922 beruht auf einem Vertrag
mit Großbritannien. Die Kämpfe der Iren gegen die britische Herr-
schaft hatten zwar nichts anderes als einen irischen Freistaat
zum Ziel, sein Grund waren sie nicht. Mit dem Vertrag verblieb
Irland im Commonwealth, und neben dem vertraglichen Verzicht auf
Ulster war die Verpflichtung des irischen Premierministers, dem
britischen König den Treueeid zu leisten, bleibender Stachel im
Fleisch des irischen Nationalstolzes. Daß der Freistaat nicht an-
ders als in Übereinkunft mit den Unterdrückern zu haben war, ist
der Mehrzahl der irischen Nationalisten immer klar gewesen. Die
Kämpfe nach dem Ersten Weltkrieg hatten ihre hauptsächliche
Grundlage in der Enttäuschung darüber, daß Großbritannien die Be-
reitschaft der Iren, "sich zu Zehntausenden in die Armee
ein(zu)schreiben und für England (zu) kämpfen" (ebenda, S.48),
nicht mit der Realisierung irischer Selbstverwaltung entlohnt
hatte. Wo jedoch Dienstbarkeit für eine andere Souveränität das
Mittel der Souveränität sein soll, kommt auch nichts anderes her-
aus als eine dienstbare Souveränität. Und deren Einrichtung ist
allemal Sache dessen, der sie gewährt.
Staatssprachen sind Englisch und Irisch, welches von 97% der Be-
völkerung gar nicht verwendet wird, weil kaum ein Fünftel der Na-
tion die Nationalsprache, die doch sonst einen entscheidenden
identitätsstiftenden Beitrag zur nationalen Einheit leisten soll,
halbwegs beherrscht. Die Engländer haben in diesem Fall gar nicht
mal nur Gewalt anvenden müssen; die bloße Not genügte, den armen
Iren das Erlernen der fremden und das Vergessen der ursprüngli-
chen Sprache als materielles Interesse geboten erscheinen zu las-
sen:
"Als eine weitere Folge der Hungersnot (von 1848) hielten Eltern
ihre Kinder an, Englisch zu lernen, damit sie eine Chance zur
Auswanderung hatten. Gälisch als Hauptsprache verschwand von da
an in Irland." (ebenda S. 46)
Deshalb braucht es heute einigen "künstlichen" Aufwand, um die
"natürliche" Muttersprache der Iren überhaupt am Leben zu erhal-
ten:
"Viel Grün und viel Harfe, die Nationalfarbe und das Nationalsym-
bol, und der Erhalt der irisch-gälischen Sprache sind ebenfalls
Ausdruck der Bemühungen um die nationale Identität, vor allem im
Gegensatz zu England." (ebenda, S. 18)
So reflektiert die verordnete Zweisprachigkeit sowohl den staat-
lichen Materialismus der Dienstbarkeit gegenüber Großbritannien
wie auch den nationalen Idealismus der Souveränität.
Diesem Widerspruch verdankt sich die irische Politik - und sie
besteht in kaum etwas anderem; während des Zweiten Weltkriegs
wahrte es - im Gegensatz zu Ulster - "strikte Neutralität",
konnte sich jedoch dem englischen Drängen, seine Häfen für engli-
sche Kriegsschiffe zur Verfügung zu stellen, nicht verweigern.
Die Verfassung von 1949 erhebt A n s p r u c h auf das briti-
sche Nordirland, und gerade deshalb ist es irische Außenpolitik
allemal gewesen, auf M i t s p r a c h e in Nordirland zu drän-
gen.
Der gemeinsame Feind
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Seit dem Abkommen von Hillsborough (1985) sind Vertreter der Re-
publik in einem "Ständigen Sekretariat" mit Sitz in Belfast ver-
treten, wo über Sicherheitsfragen, Verbot der Sinn Fein, Maßnah-
men der Polizei von Nord- und Südirland gegen die IRA usw. bera-
ten wird. Daß solche Zugeständnisse im wesentlichen darin beste-
hen, daß die Republik in der Terroristenbekämpfung englischem
Beistands- und Hilfeersuchen nachkommt, ist indes kein Wider-
spruch. Schließlich torpedieren die IRA-Kämpfer aus irischer
Staatssicht das Bemühen, über ein Arrangement mit Großbritannien
das Verfassungsziel zu erreichen. Die IRA ist deshalb nicht nur
im Norden, sondern auch im Süden verboten. Als Margaret Thatcher
die hungerstreikenden IRA-Häftlinge souverän verhungern ließ, um
keine Schwäche zu zeigen im "Kampf gegen den Terrorismus", an-
statt ihrem Verlangen, als Kriegsgefangene anerkannt zu werden,
nachzugeben, hätte sie sich - wenn das nicht unter ihrer Würde
gewesen wäre - glatt auf die IRA-Politik der Irischen Republik
berufen können:
"Die Regierung des Freistaates geht (im Jahre 1922!) unnachgiebig
und mit größerer Härte als selbst die Engländer gegen die ehema-
ligen Kampfgenossen vor: 1300 Republikaner kommen ins Gefängnis,
77 werden exekutiert, und wer einen Hungerstreik beginnt, den
läßt man sterben." (ebenda, S. 50)
Auf den gescheiterten Versuch, die Eiserne Lady in Brighton mit
einer gewaltigen Bombe auf ihre Bruchfestigkeit zu testen, rea-
gierte der irische Premier nicht anders als Frau Thatcher selbst:
"Das Volk ist sich völlig im klaren darüber, daß die IRA Gesetz-
lose und Fremde auf diesen Inseln sind... Ereignisse dieser Art
demonstrieren, daß es einen gemeinsamen Feind gibt - den Terrori-
sten - unser aller Feind. " (Irland-Premier Fitzgerald in: World
and Press, 11/84)
Der Erfolg der Zusammenarbeit in Polizei- und Justizangelegenhei-
ten - "Wenn wir ihre Hilfe wollen, dann kriegen wir sie auch!"
(Ein RUC-Offizier) -: das Aufbringen von waffenschmuggelnden
Frachtern, das Durchsuchen von 50.000 Häusern in Irland durch
irische Sicherheitskräfte und die Auslieferung von Terroristen an
England, noch bevor die USA sich zu diesem Schritt bequemen lie-
ßen.
Auch ansonsten hält die Republik mit der britischen Politik
Schritt. Mit Großbritannien stellten sie ihren ersten, vergebli-
chen Antrag auf Aufnahme in die EG, mit Großbritannien sind sie
dann 1975 eingetreten; ein Schritt, der sie 1979 durch den Ein-
tritt in das EWS immerhin aus der Währungsunion mit dem briti-
schen Pfund befreite, das bis dahin auch in Irland gültiges Zah-
lungsmittel und mit dem irischen Pfund gekoppelt war. Neben
"Irisch Moos" und "Irischer Frühling" ist irische Butter aus
Milch von irischen Klee futternden glücklichen Kühen zum Export-
schlager geworden. Besonders seit Tschnernobyl, weil bundesdeut-
sche Gesundheitstanten sich offensichtlich lieber von nichtrussi-
scher Radioaktivität, mit der die Irische See von den Briten
gründlich belastet wird, bestrahlen lassen. Einen genuin irischen
Beitrag zur Europäischen Gemeinschaft haben die Iren auch schon
geleistet: Sie wollen dem europäischen Milchsee zu Leibe rücken -
als trinkfeste Naturen haben sie ein Verfahren entwickelt, die
Milch zu 85%igem Alkohol zu destillieren. Die Weigerung, in die
NATO einzutreten, hält die Republik sich als ideelles Pfand der
Wiedervereinigung, nicht ohne die feste Verbundenheit mit dem We-
sten dauernd zu betonen.
III. Die IRA: Trotz Terror - Sinn fein!
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Für Gott und Vaterland
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"IRA-Männer waren immer Kriminelle und Helden, Mörder und Märty-
rer zugleich. Sie wollten schließlich nichts anderes als die Po-
litiker in Dublin: Die Befreiung der Insel von englischer Herr-
schaft und die Vereinigung des Südens mit dem Norden... Irische
Regierungen haben IRA Männer gejagt, gehenkt, erschossen und ein-
gesperrt. Aber wenn diese tot waren, konnten auch die Regierungen
nicht umhin, sich von der Vaterlandsliebe und dem Mut dieser Män-
ner zu verbeugen." (Süddeutsche Zeitung, 19.8.1986)
Ein sehr verräterisches Nichtumhinkönnen! Entlarvt es doch alle
"Verurteilung des Terrors" als eine sehr relative Angelegenheit,
alle "Trauer um die Opfer" als Meuchelei und alles Gerede von
"tragischer Verwicklung" als sehr prinzipielles Einverständnis
mit den als Notwendigkeiten akzeptierten Zwecken der herrschenden
Politik in Nordirland. Ob ein Bombenattentat vom "Mut dieser Män-
ner" zeugt oder nichts anderes als ein "feiger und hinterhältiger
Anschlag" ist; ob jemand, der mit Bomben, Granaten und Gewehren
Leute ins Jenseits befördert, ein "krimineller Mörder" oder ein
"Held und Märtyrer" ist, darüber entscheidet allein, ob der atte-
stierende Beobachter befindet, daß der Täter all das aus Vater-
landsliebe bzw. für eine ordnungsgemäße, sprich: befreundete Re-
gierung getan hat, oder ob er ihm eben diese Vaterlandsliebe ab-
spricht. Bei den "Todeskommandos Gadafis" käme wohl außerhalb Li-
byens keiner auf die Idee, dem Täter Vaterlandsliebe und Überein-
stimmung mit der Regierung in Tripolis auch noch zugute zu hal-
ten. Im Falle der IRA jedoch hält sich außerhalb Großbritanniens
die Abscheu in Grenzen und die Süddeutsche Zeitung etwa will,
wenn sie in ihrer Terrorismus-Reihe die IRA bespricht, nichts ge-
gen den Nationalismus und die Religion dieses Vereins gesagt ha-
ben. Diese famosen Beweggründe will sie schon gleich gar nicht
als Grund für deren Terror behauptet haben, wenn sie ihren Arti-
kel folgendermaßen überschreibt:
"Der fanatische Nationalismus der IRA
Sonntags in die Kirche -
wochentags zum Bomben
'Im Namen Irlands morden sie, aber im Namen Gottes verurteilen
sie den Schwangerschaftsabbruch'"
(Süddeutsche Zeitung, 19.8.1986)
Das Bomben soll sich wohl aus dem "Fanatismus" erklären und im
Gegensatz zum Kirchgang stehen, wo doch der bombende Ire die Hei-
lige Jungfrau bzw. den heiligen St. Patrick, der ganz speziell
für die irische Sache verantwortlich zeichnet, um nichts Gerin-
geres als um Fürbitte beim Höchsten für ein gutes Gelingen an-
fleht. Und zwischen Briten umlegen und Abtreibung verurteilen,
sieht ein Ire genauso wenig einen Widerspruch wie ein deutscher
Pfaffe, der der Helden der zwei Kriege gedenkt. Und es ist auch
keiner. Ein Schwangerschaftsabbruch ist immerhin Mord an ungebo-
renem irischen Leben. Und zu Helden sollen sich ja die Nichtabge-
triebenen noch allemal mausern. Daß die IRA und ihre politische
Organisation, die Sinn Fein, nie etwas anderes als die Befreiung
Irlands getrieben hat, verrät schon der Name dieser Organisation.
Sinn Fein heißt "Wir selbst allein" - und das auf original gä-
lisch. Damit die, gegen die's geht, das auch verstehen, haben die
Iren den Spruch auch übersetzt: "Brits out!" Die irische Unabhän-
gigkeitserklärung macht deutlich, daß mit ihr die kämpfenden Iren
sich nichts als eben die Unabhängigkeit ihres Staates versprochen
haben:
"Unter Berufung auf dieses Grundrecht (das Recht auf nationale
Freiheit und Selbstbestimmung), für das wir vor den Augen der
ganzen Welt wieder einmal die Waffen sprechen lassen, erklären
wir hiermit die irische Republik zum souveränen unabhängigen
Staat; und wir geben unser Leben und das unserer Waffenbrüder hin
für die Verteidigung seiner Freiheit, Wohlfahrt und steigende An-
erkennung unter allen Nationen... In dieser heiligsten Stunde muß
die irische Nation sich des großartigen Schicksals, für das sie
bestimmt ist, würdig erweisen - durch ihre Tapferkeit, Disziplin
und durch die Bereitschaft ihrer Kinder, sich für das Allgemein-
wohl aufzuopfern." (Aus der Unabhängigkeitserklärung von 1922)
Freiheit kann hier bestimmt nicht mit der Vorstellung verwechselt
werden, daß da ein Subjekt frei s e i n e Zwecke setzen könne,
da von denen mit der Verpfändung des Lebens ja recht total Ab-
stand genommen wird. Es geht von vornherein um die Einrichtung
eines bürgerlichen Staats, für d e s s e n Wohlfahrt und Aner-
kennung die Bürger da zu sein haben.
"Fanatismus" ist darum auch nicht die Übertreibung des Nationa-
lismus, sondern seine notwendige Konsequenz. Nur die vollständige
Hingabe an diesen abstrakten, weil von allen individuellen Ziel-
setzungen losgelösten und ihnen entgegenstehenden Zweck schafft
den tapferen Soldaten wie auch den IRA-Kämpfer, der auf eigenes
ebensowenig wie auf fremdes Leben Rücksicht nimmt, sondern beide
als Einsatz für den Sieg der Freiheit - seines Staates nämlich -
in die Waagschale wirft.
Die IRA betreibt nämlich ein Wiedervereinigungsprogramm von un-
ten, dem j e d e r Materialismus fremd ist. Nicht nur derer,
die es verfolgen, oder derjenigen, für die es - idealiter zumin-
dest - verfolgt wird. Es fehlt diesem Programm sogar der
p o l i t i s c h e Materialismus, der auf den Erfolg dieses
Programms setzt:
"Wir führen hier in einer Kolonie einen nationalen Befreiungs-
kampf... Wir unterstützen die IRA politisch, denn am Ende wird
der Erfolg unseres Freiheitskampfes von dem militärischen Druck
abhängen, welchen die IRA auf die britische Kolonialmacht aus-
zuüben vermag... Wir schaffen es nicht, die Briten aus dem Land
zu werfen, aber London weiß auch, daß es die IRA nicht besiegen
kann... Wir kämpfen mit dem Stimmzettel in der einen und dem Ar-
malite-Gewehr in der anderen Hand." (Gerry Adams, Präsident von
Sinn Fein, der politischen Organisation der IRA, Süddeutsche Zei-
tung, 19.8.1986)
"Die Organisation muß akzeptieren, daß es nach 65 Jahren republi-
kanischen Kampfes nicht gelungen ist, die Mehrheit der irischen
Bevölkerung von der Bedeutung der republikanischen Bewegung zu
überzeugen " (Gerry Adams, Süddeutsche Zeitung, 4.11.1986)
Zu diesem Realismus der Erfolglosigkeit gehört der religiöse Ei-
fer dieser Bewegung. In der Religion erhält ihr Kampf zumindest
die höhere Weihe und den Sinn, die die Realität ihm verwehrt.
Darum "bombt die IRA sonntags nie", und weil sie das tut und so
ihren Herrn ehrt, klagt so mancher irische Pfaffe, der die Gewalt
der IRA verurteilt, beim Begräbnis eines abgeschossenen Kämpfers
das perfide Albion an, das einem Iren (= Katholiken) keine Ge-
rechtigkeit zuteil werden läßt.
Bomben ins Weltgewissen
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Die sehr einseitige Abhängigkeit des Schicksals Nordirlands ist
den Freiheitskämpfern so selbstverständlich, daß sie ihren Kampf
(ähnlich wie die Politiker in Dublin ihre Politik) von vornherein
ins Verhältnis setzen zur "Kolonialmacht", gegen die er sich
richtet. Daß die nationale Selbstregierung nicht auf militäri-
schem Weg erreicht werden kann, ist jedem IRA-Kämpfer klar. Die
militärische Aktion hat keinen anderen Zweck, als dem Anspruch
auf Anerkennung voller irischer Selbständigkeit gewaltsam Nach-
druck zu verleihen.
Eine militärische Strategie verfolgt die IRA nämlich nicht. Das
hieße ja glatt, sie hätte eine Vorstellung davon, wie sie mit ih-
ren 300 Aktiven und 3000-5000 aktiven Sympathisanten die Briten
aus dem Lande vertreiben könnte, die ihrerseits ihre Truppen-
stärke nach Maßgabe der Schwierigkeiten, die die RUC mit der Ord-
nung in Nordirland hat, kalkuliert. Das, was die IRA Strategie
nennt, besteht allein darin zu b e w e i s e n, daß es sie und
damit den irischen Widerstand noch g i b t: "Wir halten Irland
in den Schlagzeilen der Welt", verkündet sie in ihrem Statement
zu einem ihrer letzten Anschläge und wertet ihn als
"Prestigegewinn" (Süddeutsche Zeitung, 8.3.1988)
Dieser Existenzbeweis besteht zum einen darin, daß man den Namen
der IRA an irischen Mauern häufiger liest als Parolen, die verra-
ten, was sie will, welche jedoch auch nicht mehr sagen: "Ireland
unfree shall never be at peace". Das heißt auch: Immer dann, wenn
es wieder einen erwischt hat, beim Begräbnis uniformiert und be-
waffnet, dem Kameraden mit militärischem Salut die letzte Ehre zu
erweisen, so daß der Tote selbst Beweis der Existenz des Kampfes
wie auch Ansporn zu seiner Fortführung ist. Auch der Hungerstreik
der 10 inhaftierten IRA-ler im Jahre 1981, den die britische Pre-
mierministerin bis zum bitteren Ende der Gefangenen durchgestan-
den hat, ging um die Anerkennung als Kriegsgefangene durch den
Feind, der den ehrenhaften Kampf einfach als Terrorismus wertet
und behandelt.
Und schließlich die "legitimen Ziele" des Kampfes, der sich eben
auf Attentate gegen Repräsentanten Großbritanniens beschränkt.
Dabei gilt, je höher der Rang, desto größer die Beweiskraft für
die Stärke der IRA. Den Spitzenplatz nimmt dabei wohl die Verewi-
gung des letzten indischen Vizekönigs und Hobbyfischers Mountbat-
ten durch eine in einer Hummerreuse plazierte Bombe ein. Auch der
mißglückte Bombenanschlag auf die im Hotel in Brighton versammelt
schlafende konservative Parteiführung, war der IRA ein Beweis da-
für, daß Frau Thatcher oft Glück haben, die IRA dagegen nur ein-
mal treffen müsse. Im übrigen jedoch hat der erfolgreiche Kampf
der Gegenseite (Aufrüstung von RUC, Entsendung der shoot-to-kill-
SAS, die Kronzeugenregelung und weitere Erleichterungen der
Rechtsfindung) dazu geführt, daß die IRA laufend Aktivisten ver-
loren hat und an die nicht bloß legitimen, sondern auch imposan-
ten Ziele immer schwerer ranzukommen ist.
Deshalb hat die IRA einerseits die "legitimen Ziele" ausgedehnt,
andererseits in den letzten Jahren ihren Kampf ins Ausland ver-
legt. Zu den erlaubten Zielen gehören mittlerweile neben den po-
litischen und militärischen Repräsentanten des britischen Impe-
rialismus auch Iren, die selbige mit Milch oder Brot beliefern:
"Jeder Ire ist zu einem 'legitimen Ziel' von Rache- und Vergel-
tungsakten erklärt worden, der dem 'Feind' hilft, der britischen
Armee und der Polizei in Nordirland. 'Bedauerlich, daß es so sein
muß, aber so ist das nun mal mit Kollaborateuren im Krieg', sagt
Gerry Adams lakonisch dazu." (Süddeutsche Zeitung, 19.8.1986)
Bullits Or Ballots?
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Der Fortschritt, der sich bei diesem Kampf, der nichts anderes
als den Beweis seiner Existenz zum Inhalt hat, immer wieder ein-
stellt, ist der Streit darüber, ob er dem Ziel, durch eben diesen
Beweis dem Feind ein Stück Anerkennung abzutrotzen, noch nützt.
Ein Streit, der in dem Maße zunimmt, in dem der Kampf der
"Treuen" einerseits aussichtsloser, die Chance der "Verräter" auf
ein Zipfelchen Verhandlungskompromiß wahrscheinlicher ist. Die
Geschichte des irischen Freiheitskampfes ist daher eine Ge-
schichte der Spaltungen, ein erbitterter Streit, darum, was vor-
zuziehen sei: Stimmzettel oder Gewehr oder beides, ein dauerndes
Hin und Her von Treue und Verrat:
"Nach dem Vertragsschluß mit London spaltete sich die IRA, begann
der radikale Flügel sofort einen Bürgerkrieg, der bis 1923 dau-
erte... Nach der Niederlage der Militanten war Ruhe bis 1939. Die
Rest-IRA meuterte gegen ihren eigenen Nationalhelden de Valera,
der als Präsident eine vorsichtige Politik gegenüber Großbritan-
nien betrieb." 1 964 wollte Cathal Goulding, nach dem Scheitern
der "Operation Ernte" (einer Bombenphase) in den 50er Jahren, die
"IRA zur Vorhut einer sozialistischen Revolution machen, den sek-
tiererischen Gegensatz zwischen Katholiken und Protestanten auf-
heben sowie die Arbeiter beider Konfessionen im Kampf für die Er-
richtung einer irischen 'Bauern- und Arbeiterrepublik' vereinen.
Er suchte die politische statt der terroristischen Aktion... Wäh-
rend die marxistische Official IRA zur Bedeutungslosigkeit herab-
sank und in einer neuen Abspaltung am linken Rand die aus
höchstens 15 Mann bestehende INLA (Irish National Liberation
Army) entstand, entwickelten sich die Provisionals allmählich zu
der aktiven Organisation, die sie heute sind. Gerry Adams ver-
sucht nun politische und die terroristischen Aktionen miteinander
zu vereinbaren." (Süddeutsche Zeitung, 19.8.1986)
Was hier begriffslos in einem Wust von Militanz, Radikalismus,
Sektiererei, Sozialismus, Marxismus, Terrorismus und Politik da-
herkommt, ist ein Streit von Fanatikern einer Nation, von deren
Souveränität sich keine Macht der Welt etwas verspricht, die es
ihr - wie Israel - erlauben würde, das Sicherheitsinteresse der
Supermacht als eigenes nationales Interesse zu exerzieren. Darum
ist der irische Nationalismus auch zum Mißerfolg verdammt und
richtet sich darauf ein, daß er seinen Kampf als den aussichtslo-
sen, der er ist, führt o d e r sich kompromittiert mit der
Macht, die ihm im Wege steht, um so die kontrollierte Souveräni-
tät zu erreichen, die Großbritarinien ins Konzept paßt. Genau
s o stehen beide Seiten als Verräter der Sache da, die beide ra-
dikal vertreten. Über der Frage, ob die irische Unabhängigkeit
als Sieg von (immerhin drei Viertel) Irland (wenn auch im Common-
wealth) festzuhalten und zu feiern oder als Verrat am ganzen Ir-
land zu bekämpfen sei, entbrannte gar kein Streit, sondern ein
erbitterter Bürgerkrieg, der die Abspaltung Fianna Fails von Sinn
Fein wie auch das Verbot der IRA zur Folge hatte.
Seit 1977 gibt's den Streit um die Auslegung des Mottos "In der
einen Hand den Stimmzettel, in der andern das Maschinengewehr",
weil die IRA selbst ihr politisches Standbein in Form der Sinn
Fein in die Welt gesetzt hatte, welche sich 1985 bei den Kommu-
nalwahlen beteiligte und 11,8% der Stimmen einheimste (= ein
Drittel der katholischen Stimmen). Der Grund für diesen Wahler-
folg besteht weniger darin, daß damit die Katholiken zu einem
großen Prozentsatz hinter der IRA stünden, sondern darin, daß die
Politiker von Sinn Fein sich als wahre Verwalter kommunaler Ange-
legenheiten in den Slums bewähren, weil sich sonst eh niemand
darum kümmert. Auch nicht die Polizei, die in den "No-go-areas"
nicht einmal die Leistung für Eigentümer wahrnimmt, ihr Eigentum
vor dem Zugriff der Masse von Habenichtsen zu bewahren. Für die
IRA d i e Gelegenheit, sich als wahre, weil irische Ordnungs-
macht zu produzieren, so daß sie neben der Fähigkeit zur militä-
rischen Gewalt auch noch die zur richterlichen demonstriert:
"Die Jungen wachsen auf in Anarchie; jugendliche Autodiebe, joy
riders, die einen Wagen zum Vergnügen knacken und zuschanden fah-
ren, fürchten nicht die Polizei. Ihre Autorität ist die IRA, die
auf brutale Weise eine Art Ordnungsdienst in jenen Straßen ver-
sieht, die von der Staatsmacht nicht wirklich kontrolliert wer-
den... No-go-areas..." (Süddeutsche Zeitung, 23.3.1988)
"Immer mehr Unternehmer und Geschäftsleute geben deshalb der For-
derung der IRA nach, Verträge mit Armee oder Polizei zu kündi-
gen... 'Touts and hoods will be shot', heißt eine Losung der IRA:
Verräter und Kriminelle werden erschossen. In leichteren Fällen
begnügt sich die IRA-Selbstjustiz mit dem 'knee capping', der
Verstümmelung der Opfer durch einen Schuß ins Knie. "
(Süddeutsche Zeitung, 19.8.1986)
Insoweit ergänzen sich die militärische und die politische Orga-
nisation durchaus. Der Unterschied besteht allerdings darin, daß
die IRA autonom-irisch Gewalt ausübt und in den no-go-areas auf
ihrem Gewaltmonopol besteht, während Sinn Fein sich der Einrich-
tungen des Feindes bedient. Dabei ist diese Trennung nicht mal
mehr korrekt, da die Spaltung quer durch beide Abteilungen der
zusammengehörenden Organisation - bis hinein in die Knäste -
geht. Der gegenwärtige Stand: Sowohl in Sinn Fein als auch in der
IRA gibt es heute drei Standpunkte: 1. Bullits, 2. Ballots, 3.
Bullits and Ballots!
Daneben gibt es natürlich - um der gemeinsamen Sache willen -
jede Menge Vermittlungsversuche, die genau daran scheitern, daß
einmal bullit und einmal ballot als Verrat an der Sache inkrimi-
niert wird.
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