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       Internationale Heimatkunde: Großbritannien
       

IMMER NOCH EIN PFUNDS-STAAT

BE BRITISH! BUY BRITISH! DIE BRITISH! Mutterland des Kapitalismus und der Demokratie. Heute, nach einer Reihe gewonnener Kriege, weltpolitisch ein untergeordneter Vor- zugspartner der USA; in der Organisation des weltweiten und einer einheimischen Sphäre der Kapitalakkumulation einer von drei euro- päischen Konkurrenten mit Sondervor- wie -nachteilen; und allemal nach wie vor ein Muster demokratischer Umgangsformen in der Politik -------------------------------------------------- In Großbritannien stürzen Minister über die öffentliche Empörung, die um das Bekanntwerden gleichgeschlechtlicher Liebschaften oder die Enthüllungen abgelegter Konkubinen inszeniert wird - Kulti- vierte Respektlosigkeit bezeugen Sendungen des offiziellen quasi- staatlichen Fernsehens, in denen alle wichtigen Führerfiguren der Nation karikiert und durch den Kakao gezogen werden. So etwas be- eindruckt bundesdeutsche Meinungsmacher genauso tief wie der Streik, den BBC-Journalisten gegen den per Sendeverbot geltend gemachten Verdacht angezettelt haben, ein Interview mit einem ra- dikalen nordirischen Oppositionspolitiker wäre in anderer als un- endlich konstruktiver Absicht angefertigt worden. Denn das müssen selbst die reaktionärsten und fortschrittlichsten Säcke aus dem ordentlichsten Land Europas den Briten lassen: Die demokratische Reife des Volkes leidet unter solcher Liberalität überhaupt nicht. Als neulich Krieg angesagt wurde, und zwar ein regulärer Waffen- gang gegen einen anderen Staat und nicht bloß, wie schon so oft und in Nordirland dauernd, ein quasi-polizeiliches Eingreifen in "bürgerkriegsähnliche Zustände", - dieses aufregende Erlebnis ha- ben die Briten der 80er Jahre ihren demokratisch kultivierten Zeitgenossen voraus! -, da standen Öffentlichkeit und Publikum wie ein Mann hinter dem Regierungsbeschluß, die in Frage ge- stellte Ehre der Nation mit Blut wieder reinzuwaschen. Eine um- ständliche Einstimmung auf Kriegsbereitschaft, Argumente womög- lich, inwiefern die Falkland-Inseln dem walisischen Kumpel oder der Londoner Sekretärin nicht egal sein dürften, hat es nicht ge- braucht, um die demokratisch selbstbewußte Dienstbereitschaft des britischen Volkes für einen kostspieligen Feldzug in Dienst zu nehmen. Schon gar nicht mehr, als der erfolgreich beendet war. "Typisch britisch" an dieser Affäre war im wesentlichen die Tra- dition, die da im Handumdrehen mit dem Kriegsbeschluß des Kabi- netts auf breitester Front wieder praktisch "lebendig" wurde. Die patriotische Begeisterung erbaute sich an dem Vorstellungsbild von Großbritannien als weltweit unschlagbarer Seemacht; das ent- sprechend großzügiger bemessene Äquivalent zum großdeutschen "von der Maas bis an die Memel": 'Great-Britannia rules the waves'... hat gleich allen eingeleuchtet. Da hat sich endlich einmal wieder ausgezahlt, daß ohnehin, auch in friedlichen Zeiten, ein leibhaf- tiges Königshaus und der ganze darum herum gruppierte viktoriani- sche Zirkus den Glanz imperialistischer Erfolge aufrechterhalten, die die heutige Politik praktisch gar nicht vorzuweisen, auch längst überflüssig gemacht hat. Zwar ist die Queen nicht mehr Kaiserin von Indien und Herrin über britisch beherrschte Welt- meere samt Küsten und Hinterländer. Nominell ist sie aber noch erbliches Staatsoberhaupt von Australien, Kanada und verstreuten Erdenwinkeln. Und selbst wenn das in Vergessenheit gerät, steht doch ihr sich fortzeugendes Familienleben für einen höheren, na- turwüchsig geschichtlichen Rechtstitel britischer Macht auf uni- verselle Reichweite. Auf den kann die tatsächliche Politik sich vor Gott und ihrem Volk berufen, auch wenn sie ihn gar nicht mehr mit der früheren imperialistischen Überlegenheit ausfüllt. Mit historischem Selbstgefühl ist der britische Bürger gut bedient. Schon damit lohnen sich die Unkosten und kostspieligen Präroga- tive der Krone, über die "linke" Labour-Abgeordnete sich von Zeit zu Zeit beschweren; nicht um sie abzuschaffen, sondern um ihre alternative Tradition eines egalitären "Klassenkampfes" gegen die nichtsnutzige "Upper class" lebendig zu erhalten. Auch in dieser Hinsicht: als "Stein des Anstoßes" und denkbar harmloses Objekt für "revolutionäre Gesinnung", ist die Königsfamilie nicht wegzu- denken aus der demokratischen Hygiene Großbritanniens. Der breiteren Öffentlichkeit bietet sie im übrigen ganz von selbst den Stoff, den die Gesellschaftskolumnisten anderer Natio- nen sich erst schaffen müßten. Den Stoff nämlich für eine auf An- hieb plausible Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig; zwischen Leuten, auf die es ankommt, und solchen, die ihnen dabei zusehen; zwischen liebenswerten Schwächen, durch die die wichti- gen Leute so schön menschlich werden, und einer Menschlichkeit, mit der sie ihrer ausgezeichneten Wichtigkeit nicht gerecht wer- den; zwischen berechtigten Ansprüchen des unwichtigen Publikums auf gelungene Repräsentation dessen, wobei es gar nichts zu mel- den hat, und verbotener Respektlosigkeit. So veranschaulicht das Königshaus das komplizierte Weltbild, auf das ein demokratisch anerkanntes Menschenmaterial ein gutes Recht hat. Gewissermaßen die Natur selbst mit ihren Gesetzmäßigkeiten der Fortpflanzung und der rechtlich einwandfreien Erbfolge, nicht bloß ein schnöder Wahlakt, beglaubigt dem britischen Bürger, daß seine feine Ge- sellschaft eine Elite ist und sich an den Maßstäben einer Herren- rasse messen lassen muß, die er frei anlegen darf. Die anderen, von der Öffentlichkeit demokratisch erschaffenen Inbegriffe na- tionaler Größe leiden keineswegs unter einer Konkurrenz des Kö- nigshauses und seines Adels. Im Gegenteil: Bis hin zu den Beatles und nationalen Fußballhelden lassen sie sich gerne von ihrer Mon- archin auszeichnen und adeln. Politik "im Namen der Krone" ---------------------------- machen seit dem 2. Weltkrieg abwechselnd die zwei großen Parteien - dank Mehrheitswahlrecht ohne die Konkurrenz und Mehrheitsbe- schafferfunktion dritter Parteien, also auch ohne die spezielle Kunst der Koalitionsintrige, mit der die bundesdeutschen Politi- ker ihr Volk unterhalten. Die "C o n s e r v a t i v e a n d U n i o n i s t P a r t y" kommt dabei traditionell ohne Programm aus. Statt dessen verfügt sie mit ihrer jahrhundertealten Tradition über das Selbstbewußt- sein, der "Club" zu sein, "dessen Führer zum Regieren Englands geboren sind" - so wie das erlauchte Hofgesindel zum Repräsentie- ren, die Kapitalbesitzer zum Wirtschaften, die Arbeiter zum Ge- horchen und der britische Soldat zum Siegen. Der Rassismus der demokratischen Elite gibt für die Entscheidungsfragen des Regie- rungsalltags allemal die nötigen ethischen Leitlinien her, zumal die Partei sich sicher ist: Eine Politik, die sich als Sicherung oder, je nachdem, als Wiederherstellung der gottgewollten Gesell- schaftsordnung empfiehlt, honoriert 'der Wähler' nur, wenn sie mit entsprechender demonstrativer Härte und Sturheit durchgezogen wird. Die Kontroversen innerhalb der Partei bewegen sich zwischen den Vorwürfen "Führungsschwäche" - damit hat Frau Thatcher sich gegen ihren Vorgänger Heath durchgesetzt -, "herrische Führung" mehr als diese Stilfrage entdecken zu kurz gekommene Parteitypen nicht an ihrer Chefin zum Kritisieren - und wiederum "Waschlappen" - mit diesem Kompliment hat die Chefin sich einiger nicht genügend folgsamer Gefolgsleute im Kabinett entledigt. Beendet werden sie auf den feierlichen Parteitagen stilecht mit einem gemeinsam gegrölten "He's a jolly good fellow" auch wenn der "He" eine Sie ist. Die "L a b o u r - P a r t y", ihrem Selbstverständnis nach ebenso aufs Opponieren abonniert wie die "Tories" aufs Regieren, selbst wenn sie selbst an der Macht ist, beschwört schon in ihrem Namen den proletarischen Klassenstandpunkt als ihre Geschäfts- grundlage. Entsprechend ist sie nicht nur gegründet worden, näm- lich als politischer Ausschuß der Gewerkschaftsbewegung, sondern noch immer organisiert: Die große Masse der Parteigenossen gehört ihr nicht individuell, sondern vermittels der Kollektivmit- gliedschaft ganzer Gewerkschaften an. Die damit gleich mit insti- tutionalisierte Konkurrenz der Parteiflügel betätigt sich mit Vorliebe auf den mehr turbulent gestalteten Parteitagen in hefti- gen Programmdebatten, an denen sich bis vor kurzem sogar die letzten selbsterklärten Trotzkisten Europas beteiligen durften. Als gemeinsame Parteiphilosophie bekennen dabei alle Flügel den Glauben an das Ideal geplanter Wirtschaft im Dienst des werktäti- gen Volkes; und der Parteiführung, die dabei schon immer ans Re- gierungsgeschäft denkt, werden gerne - wenn die nächsten Wahlen nicht allzu nahe sind - mit furchtbar radikalen Resolutionen saf- tige Niederlagen bereitet. Abgewählt wird sie deswegen aber noch lange nicht, auch wenn ihre "Schattenminister" gleich anschlie- ßend ihren festen Willen bekunden, sich an solchen Unfug natürlich nicht zu halten - das ist ein genauso fester Posten im parteiinternen Meinungsstreit und Flügelkampf. Zum Abschluß fassen sich sowieso alle Parteitagsdelegierten an den Händen und singen Hymnen auf die Solidarität, mit der sie ihre Wählerschaft gewinnen wollen. Beide Parteien haben d a s s e l b e politische Anliegen als das nationale Grund- und Hauptproblem der Nachkriegszeit defi- niert; und jede trägt zu dessen Abwicklung ihr jeweiliges unver- wechselbares Bestes bei. Es heißt kurz und eindeutig: "getting back to a leading industrial and commercial role in the world". Eine führende Industriemacht und die Führungsmacht des Welthan- dels und auf dem Weltfinanzmarkt ist Großbritannien ja in der Tat noch vor einem halben Jahrhundert gewesen. Und es läßt weder die proletarischen noch die elitären Patrioten ruhen, daß ihre Nation diese Rolle verloren hat: Durch den Krieg und seine immensen Ko- sten ist der siegreiche Inselstaat zum Schuldner der USA gewor- den; seine Goldreserven sowie viel Eigentum im Ausland hat er an den großen Bruder abtreten müssen, und sein Pfund Sterling und seine auswärtige Kaufkraft hat er mit dem Abkommen von Bretton Woods über den Internationalen Währungsfonds vom Dollar und ame- rikanischen Krediten abhängig gemacht. Statt sich am besiegten Feind schadlos halten oder ihn wenigstens dauerhaft ruinieren zu dürfen, wurde das Land mit dem "Wunder" konfrontiert, daß der auf bequeme Weise entschuldete, von den USA ganz neu kreditierte westdeutsche Rechtsnachfolger des besiegten Reiches eine Kapital- akkumulation vor allem im industriellen Sektor zustandebrachte, die bald zur überlegenen Konkurrenz wurde. Dies umsomehr, als Großbritannien einen gewaltigen Reichtum dafür verausgabte, seine politische Führungsrolle rund um den indischen Ozean und auf dem afrikanischen Kontinent militärisch zu behaupten - Unkosten, die der besiegten Konkurrenz sogar verboten waren. Insofern ist das "getting b a c k" allerdings auch nicht in dem Sinn ernst gemeint, als könnte und sollte ein status quo ante restauriert werden. Die lebendige imperialistische Tradition ist mehr der Ehrentitel für das Programm, aus Großbritanniens unwi- derruflichem Abschied von der Weltmacht eine n e u e K o n- k u r r e n z c h a n c e zu machen. "Mixed economy": Mit Verstaatlichungen den Kapitalismus sanieren ---------------------------------------------------------------- Nachdem Churchills konservatives Kabinett der nationalen Einheit die militärische Rettung der Nation erfolgreich durchgezogen hatte, durften 1945 die linken Wahlsieger die anstehenden Reform- aufgaben definieren. Sie taten dies mit einem Bekenntnis zur Gleichheit von "national" und "sozial", wie die besiegten Natio- nalsozialisten es für ihr deutsches Reich auch kaum schöner ge- konnt hätten: "Wir sind entschlossen, unser sozialistisches Programm, unser Programm der Nationalisierung durchzuführen. Nationalisierungen sind ein wesentlicher Bestandteil der geplanten Wirtschaft, die wir dabei sind in diesem Land einzuführen... sollen helfen, Voll- beschäftigung, ökonomische Prosperität und Gerechtigkeit für alle voranzutreiben..., sind die Grundlage unseres sozialistischen Prinzips, die Wohlfahrt der Nation vor die irgendeiner Partikula- rität zu setzen." (Attlee) Das war den Labour-Politikern also klar, daß der Übergang zur Friedenswirtschaft nicht dem partikularen Eigennutz der industri- ellen Kapitalisten überlassen bleiben durfte. In den "Grund- industrien" Kohle, Eisen, Stahl, Strom, Gas, Transport schien ihnen das private Gewinnstreben kein taugliches Mittel zu sein, die "Wohlfahrt der Nation" sicherzustellen. Eine Kritik an der Ausbeutung lag dieser Vorstellung nicht zugrunde; eher schon der Verdacht, die erforderliche Umstellung der Produktion könnte dem engagierten Privateigentum unmöglich genügend Geschäftschancen bieten, um in dessen privater Initiative sachgerecht abgewickelt zu werden. Dementsprechend haben die neugeschaffenen staatlichen Behörden für die nationalisierten Industriezweige das Kriterium der Rentabilität nie aufgegeben, sondern auf Staatskosten suspendiert und die massive Entwertung abgewickelt, die für die Wiederherstellung ordentlicher Geschäftschancen in diesen Branche tatsächlich erforderlich geworden ist. Daß sich in einigen Berei- chen über Jahrzehnte hin kein konkurrenzfähiges Ergebnis erzielen ließ, ganze Geschäftszweige auf nationaler Basis beinahe aufgege- ben worden, andere dauerhafte Subventionsempfänger geworden sind, ist höchstens in dem einen Sinn auf ein notorisches Mißgeschick staatlicher Manager zurückzuführen: Die ausländische, vor allem deutsche und japanische Konkurrenz war vielleicht brutaler, viel- leicht finanzkräftiger, auf jeden Fall erfolgreicher in Sachen 'Rationalisierung'. Für die notwendigen Kapitalentwertungen haben die "planwirt- schaftlichen" Nationalisierungen die kapitalistischen Eigentümer jedenfalls im voraus entschädigt; das ist der andere Effekt der "sozialistischen" Wirtschaftspolitik, die von der Labour-Party eingeleitet und von ihrer rechten Konkurrenz nur dort "marktwirtschaftlich" korrigiert worden ist, wo es für private Anleger wieder unvermeidlich gut zu verdienen gab. (Sehr anschau- lich der Fall der Stahlindustrie: Sie wurde von Labour erst spät nationalisiert, von den Konservativen reprivatisiert, dann von Labour gerade rechtzeitig vor der europäischen Stahlkrise erneut vom Staat übernommen, der damit bis heute ein Verlustgeschäft macht.) Das unverhofft flüssig gewordene kapitalistische Privateigentum hat sich vorwiegend den Sphären der nationalen wie vor allem in- ternationalen Finanzgeschäfte zugewandt und mit dafür gesorgt, daß "die City" ihre Position als Weltmacht auf dem Markt für Wäh- rungen und Kreditpapiere aller Art tatsächlich nie verloren hat. Vom Kursverfall des Pfund, den es selbst durch immer neue Speku- lationsgeschäfte auf aussichtsreichere Währungen vor allem zu Zeiten von Labour-Regierungen allemal mit befördert hat, war das Londoner Finanzkapital nie übermäßig betroffen; es hat sich er- folgreich genug vom englischen Pfund getrennt, sich auf Kre- dittransaktionen in Dollar und anderen Währungen, außerhalb der gesetzlichen Schranken für die Freizügigkeit des national unifor- mierten Geldkapitals, verlegt und den "Eurodollar-Markt", das weltweite Geschäft mit Dollar-Millionen und -Milliarden jenseits aller nationalen Devisenbeschaffung, mit aufgezogen und in Schwung gebracht. Da ist das "getting back to a leading role in the world" auf der neuen Basis des Weltgeldes Dollar prächtig ge- lungen. Dieser Erfolg der britischen Finanz-"Aristokratie" verträgt sich durchaus mit den so gerne - im Ausland schadenfroh, im Inland zweckpessimistisch - angeführten Symptomen einer "strukturellen Schwäche" der britischen Nationalökonomie: "mangelhaften" Inve- stitions- und industriellen Wachstumsraten. Denn abgesehen davon, daß diese Quoten allenfalls im Konkurrenzvergleich mit anderen Nationen "Mängel" offenbaren, haben auch sie ihre Kehrseite: Wenn die bürgerlichen Statistiker für Großbritanniens Wirtschaft das "bedenkliche", ziemlich singuläre Datum errechnen, daß der Pro- zentanteil der Bruttoinlandsinvestitionen am Bruttosozialprodukt niedriger liegt als der der Bruttoinlandsersparnis - für eine ex- pandierende Industrienation gehört es sich andersherum! -, so ge- ben sie damit immerhin einen Hinweis auf den ziemlich einzigarti- gen Umfang weltweiten britischen Finanzengagements. Im übrigen bedeuten Mißerfolge mancher Industriebranchen in der internationalen Konkurrenz und die Stillegung von Zechen, Werften und sogar Autofabriken noch lange nicht den bisweilen beschwore- nen Abschied der Nation vom Status eines Industrielandes. Am klarsten zeigt das das britische Geschäft ausgerechnet mit dem Rohstoff, der Großbritannien zeitweise den ironischen Ruf eines Nordsee-Scheichtums eingetragen hat: Das national geförderte Öl ist nicht bloß ein Verkaufsschlager, der die Außenhandelsbilanz verbessert, sondern ein im Lande selbst verwendetes Produktions- mittel, das dem industriellen Kapital von der Regierung leicht zu steuernde Kostenvorteile in der internationalen Konkurrenz ein- bringt. Wenn Großbritannien außerdem vom gesammelten Sachverstand der Weltpresse neuerdings für die Entwicklung "postindustrieller Zukunftstechnologien" gelobt wird, so ist die Bezeichnung der Sa- che zwar eine krude Ideologie. Der Befund ist aber, daß einiges Kapital seinen Akkumulationsprozeß in neuen industriellen Produk- tionszweigen vollführt und diesem Engagement von der Geschäfts- welt gute Chancen zugeschrieben werden. Was schließlich die - verstaatlichten - "Krisenbranchen" selbst betrifft, so geht deren Krise nicht einfach auf Konkurrenz- und "Absatzprobleme" für Kohle und Stahl und Schiffe zurück, sondern auf den Beschluß der konservativen Regierung, den Staat von den Unkosten für die Auf- rechterhaltung dieser Industrien zu entlasten. Die Entwertung des hier angelegten produktiven Kapitals durch Stillegungen soll die letzte sein und nur noch Betriebe übriglassen, die den Konkur- renzkampf innerhalb der EG rentabel durchstehen: eine zweifellos folgerichtige Vollendung der Nationalisierungspolitik des Labour- Nachkriegskabinetts. Bleibt die überdurchschnittlich hohe britische Arbeitslosenquote, die nach der modernen volkswirtschaftlichen Ideologie vom Ar- beitsplatz als Wohlstandseinheit das ärgste und dauerhafteste Manko der ganzen Nationalökonomie darstellt. Logischerweise waren und sind es wiederum die nationalisierten Unternehmen, die sich im Zuge der organisierten Kapitalentwertung um einen dauernden Nachschub an überflüssig gemachten Lohnarbeitern gekümmert haben: In der verstaatlichten Stahlindustrie gab es 1980 um 72% weniger Beschäftigte als nach dem Krieg, bei British Leyland 51%, in den Werften 44%, bei Rolls Royce 39%; in den Kohlebergwerken 1984, also noch vor der jüngsten Schließungs- und Entlassungswelle, die der Bergarbeiterstreik nicht verhindert hat, fast 75%. Und zwei- fellos sind es auch die gut 3 Millionen Arbeitslosen, die mit ih- rer Armut Großbritannien auf Platz 25 in der Statistik des Natio- nalprodukts pro Einwohner bringen. Damit ist aber auch schon ge- sagt, daß dieser fiktive Listenplatz über das, was in der kapita- listischen Staatenwelt tatsächlich zählt: Masse und Vermehrungs- rate des für Staat und Kapital verfügbaren Reichtums, noch gar nichts Eindeutiges aussagt. Die kapitalistische Weltwährung lau- tet eben nicht auf Arbeitsplätze, noch nicht einmal auf schlechte. Und noch ein anderer Hinweis läßt sich dem staatlich organisier- ten Anwachsen einer kopfstarken Arbeitslosenmasse entnehmen. Auf den objektiven Grund dafür nämlich, daß die Reformatoren des bri- tischen Nachkriegskapitalismus aus der Labour-Party ihren "Sozialismus" gezielter Nationalisierungen von Anfang an ergänzt haben um die Schaffung eines modernen Sozialstaats. Sozialistische Wohlfahrtspolitik: Verarmung in Staatsregie ---------------------------------------------------------- Propagiert hat die Labour-Party ihr "wohlfahrtsstaatliches" Re- formprogramm mit dem entlarvenden, aber unter Patrioten populären Argument, nach dem Kriegseinsatz der Massen und ihren Leiden für die Rettung des Staates sei nun doch auch die Obrigkeit zu einer praktischen Anerkennung des bewiesenen Opferwillens ihres Volkes verpflichtet und dürfte Kranke und Krüppel, Witwen und Waisen, Alte und Arbeitslose nicht wie früher ihrem Schicksal bzw. einer nur punktuell eingreifenden Mildtätigkeit überlassen. Ein Ver- sprechen, die Gründe für massenhafte Armut und Fürsorgebedürftig- keit zu beseitigen, ist das nicht; vielmehr die sachgerechte Vor- bereitung von Friedenszeiten, in denen die staatlich organisier- ten Opfer nicht weniger, deswegen aber nur um so gerechter be- treut werden sollten. Mit Mitteln, für die die arbeitende Klasse selbst nach gesetzlichen Regeln aufzukommen hatte. In den Modalitäten ihres "Wohlfahrts-" Systems haben die Nach- kriegs-Sozialisten einige ihrer egalitären Ideale praktisch wer- den lassen. Die V o l k s g e s u n d h e i t wurde vollständig verstaat- licht. Verabreicht wurde sie ursprünglich kostenlos - eingedenk der an der Front eingerissenen gleichmacherischen Gewohnheiten -, finanziert aus Steuergeldern. Gerechterweise wurden diese in steigendem Maß über die Löhne eingetrieben: Dem durchschnittlich verdienenden Familienvater mit Frau und zwei Kindern wurden 1955 noch 3,3%, 1975 25% Einkommensteuer berechnet. Die entsprechende Summe macht auch schon den wesentlichen Unterschied zwischen den britischen Niedriglöhnen von früher und heute aus. Natürlich ist auch für den britischen Sozialstaat andererseits das Steueraufkommen für ein kostenloses Gesundheitswesen zu schade. Seine Inanspruchnahme wurde daher mit Gebühren belegt; außerdem nutzt jede Regierung ihre direkte Zuständigkeit für den Gesamtpreis der Volksgesundheit und legt ihn per Haushaltsgesetz jährlich im voraus fest. Angepaßt werden die Leistungen ans vor- gegebene Geld und die Patienten an die Leistungen - eine gute Ge- schäftsgrundlage für ein neues privates Krankenversicherungs- und -versorgungsgewerbe. Die regierenden Konservativen sind einstwei- len unentschieden, ob sie letzteres als Sieg der Marktwirtschaft fördern oder das alte System als Gegenstand britischen National- stolzes festhalten sollen. Die Bewältigung der protetarischen Be- dürftigkeit wurde unter dem Titel "Versicherung" als staatlich organisiertes Zwangssparen geregelt; die gesetzlich verordnete Umverteilung des individuell verdienten Lohns über das gesamte Arbeiterleben, des insgesamt verdienten Lohns über die gesamte Arbeiterklasse löste die mildtätigen Zuwendungen im Fall nachge- wiesenen Elends ab. Unterschiede im erzielten Arbeitslohn machen sich zwar im prozentual errechneten Beitrag geltend, sollten bei den Auszahlungen aber keine Rolle spielen: Jährlich werden die Summen festgelegt, mit denen Arbeitslose, Rentner, Witwen usw. mit ihrem jeweiligen Familienanhang auszukommen haben - Summen ungefähr bei der Hälfte des statistischen Durchschnittseinkom- mens, mit Abschlägen bei nicht voll erfüllten Beitragsvorausset- zungen. Die vielgepriesene Abschaffung des früher für alle "Sozialleistungen" vorgeschriebenen Bedürftigkeitsnachweises - der Lohnarbeiter wurde damit, so die "wohlfahrtsstaatliche" Er- folgsmeldung, zum Bürger mit sozialen Rechtsansprüchen aufgewer- tet! - war nur folgerichtig; denn mit dem "Versicherungs"-System wird Bedürftigkeit nicht mehr bloß von Staats wegen definiert, sondern nach festen Regeln geschaffen. Zu ca. 11 Millionen offi- ziell Armen bekennt sich die britische Elendsstatistik: immerhin ein Fünftel der Bevölkerung. Den Einfall, hier von "neuer Armut" zu reden, hatte deswegen niemand: Elend gehört seit jeher zum "British Way of Life". Für diese Gruppe wurde ein System sachbe- zogener Nothilfe neu eröffnet - das selbstverständlich wieder mit Bedürftigkeitsnachweis. Die anderen vier Fünftel tun alles, um auf die staatlich zugesagte Versicherungsleistung ja nicht ange- wiesen zu sein. Betriebliche Zusatzrenten - die man allerdings im Kündigungsfall verliert - sowie eine einkommensbezogene staatli- che Zusatzrente bieten die nötigen "Chancen" für Leute, die für freiwilliges Sparen kein Geld übrig haben. Die zusätzliche staat- liche Altersversicherung wurde bezeichnenderweise von der letzten Labour-Regierung zu einem Zeitpunkt geschaffen, als die ersten Rentnergenerationen mit voll erfüllter Anwartschaft, also hun- dertprozentigen Pensionsansprüchen anrückten und prompt die "Versicherung", die dem Fiskus bis dahin mehr Geld eingebracht als abgefordert hatte, in eine "Krise" stürzten. Programmgemäß brachte die neue Rente erst einmal zusätzliche Einnahmen für die "Treasury" - und ist von den Konservativen zur Abschaffung vorge- sehen, rechtzeitig bevor wieder die lästigen Auszahlungen fällig werden... Insgesamt ergänzt so der britische "Wohlfahrtsstaat" das demokra- tische Sozialversicherungswesen um den gar nicht überraschenden empirischen Nachweis, daß die Verwirklichung egalitärer Ideale bei der Durchsetzung des sozialstaatlichen Zwangs, den für loh- nende Arbeit gezahlten Lohn über die gesamte Lebenszeit der davon abhängigen proletarischen Familie zu strecken, sowie bei der Ver- abreichung des nötigen Quantums Gesundheit die "Unterschiede zwi- schen arm und reich" keineswegs aufhebt, nicht einmal verringert. Sie s c h e i d e t vielmehr wirkungsvoll zwischen denen, die den sozialstaatlichen Zwang zum Überleben brauchen, und den Glücklichen, die nicht darauf angewiesen sind, sich also über "ungerechte Gleichmacherei" ärgern können. Organisierte Solidarität: Gewerkschaftlicher Konkurrenzkampf ------------------------------------------------------------ und proletarischer Nationalstolz -------------------------------- Den Umgang der Betroffenen mit Arbeit und Lohn regeln auch in Großbritannien die Gewerkschaften. In der 'Welt der Arbeit' pflegen zahlreiche mehr oder weniger traditionsreiche "Trade Unions" das "Klassenbewußtsein" als reichlich bornierten Berufsstolz, den "Klassenkampf" als Konkur- renzkampf um die Behauptung des jeweils organisierten "Standes" in der Hierarchie der Berufe. Der Streit darum, welcher Arbeiter welche Arbeit machen darf, nimmt regelmäßig seinen Anlaß aus der fortschreitenden Vereinfachung der Arbeit, mit der das Kapital sich von jedem individuellen beruflichen Geschick freizumachen sucht und längst auch im traditionsbewußten Großbritannien alt- ehrwürdige Berufsstände abgeschafft hat. Es ist also ein Abwehr- kampf, der alle vom Kapital in Mitleidenschaft gezogenen materi- ellen Interessen in den reaktionären Idealismus von der unveräu- ßerlichen Menschenwürde des gelernten Handwerks übersetzt und mehr auf anerkannte Unterscheidungen und Vorrechte als auf mehr Lohn und weniger Leistung zielt und der konsequenterweise allemal erst dann anfängt, wenn sogar an dieser Front im Grunde alles zu spät ist. Um so heftiger wird er von der zuständigen Gewerkschaft geführt, die ja oft zu Recht ihre eigene Existenz auf dem Spiel stehen sieht. Die erzielten Störungen des Arbeitslebens sind be- trächtlich; doch zu irgendeinem lohnenden Ergebnis hat es nie ge- langt. Inzwischen haben so ziemlich alle bedeutenden Berufsgrup- pen - von den Druckern bis zu den Gesundheitsbediensteten, von den Dockern bis zu den Stahlwerkern und von den unterschiedlich- sten Rubriken von Transportarbeitern bis zuletzt zu den Bergleu- ten "ihren" großen Streik gehabt und ihre große Niederlage erlit- ten. Die der Kumpel ist so gründlich ausgefallen, daß Kirche und konservative Parlamentarier ihnen in einem wohlwollenden Nachruf den Fehler ihres Kampfes als höchst lobenswerte Gesinnung ange- rechnet haben: "Die Bergarbeiter sind nicht vom Sozialismus dazu beflügelt wor- den, ein Jahr lang im Streik auszuharren, sondern von Wertvor- stellungen, die der konservativen Partei teuer sind, nämlich von der Liebe zur Heimatgemeinde, zu den dörflichen Wurzeln und von der Abneigung vor allen Neuerungen." (Peregrine Worsthorne im Sunday Telegraph) Ex-Premier Macmillan bemühte gar zum Lob des "Mutes und des Durchhaltevermögens" der Bergarbeiter die "Leistung dieser Männer in zwei Weltkriegen". Das hatten sie nun davon, daß sie ihren Streik nicht bloß unter den Parolen, sondern mit den Zielen "Save our communities" und "Defend our industry" geführt und gegen die von Labour geschaffene nationale Kohlebehörde verloren hatten. Ihre Niederlagen "bewältigen" die britischen Gewerkschaften seit den 60er Jahren in zunehmendem Maße mit dem Übergang vom Konkur- renz- und Überlebenskampf proletarischer Berufsstände zu einer Politik des Vertretungsmonopols ganzer Betriebsbelegschaften, des "closed shop" die andere Variante des bornierten Einsatzes für eingebildete Spezialvorteile und -interessen einer Sonderabtei- lung Lohnarbeiter gegen andere. Gewerkschaftliche "shop stewards" mauscheln dort mit den Betriebsleitungen, wie man es von den bun- desdeutschen Betriebsräten kennt. Kein Wunder, daß die Unterneh- mer gar nicht für die Initiative der Konservativen sind, dieses System als "unerträgliche Einschränkung" der proletarischen Ver- tragsfreiheit zu verbieten. In einer Hinsicht haben die auf kollektives Konkurrieren festge- legten Arbeitervereine eine Klasseneinheit hingekriegt: In der proletarischen Konkurrenz mischt die organisierte Arbeiterklasse als Labour-Party mit. Das ist allerdings auch schon der ganze In- halt des so vereinheitlichten Klasseninteresses: m i t z u- t u n. So hat sich die Gewohnheit eingespielt, daß die Gewerkschaften sich von konservativen Premiers zu genau dem "zwingen" lassen - zur Unterschrift unter Lohnsenkungen etwa oder zur Zustimmung zu großen Entlassungsaktionen -, was sie mit einer Labour-Regierung ganz harmonisch abwickeln z.B. Lohnverzicht un- ter dem Titel "social contract" -; umgekehrt überläßt Labour es den Konservativen, Strafgesetze gegen Störungen der nationalen Wirtschaft durch Streikaktionen durchzudrücken. Die proletarische "Basis" sieht sich durch jeden Labour-Erfolg in ihrem Bewußtsein bestätigt, die eigentlich patriotische Klasse der Nation zu sein - im Gegensatz zu den nichtsnutzigen Faulenzern der "upper class". Ansonsten betätigt sich dieser Stolz traditionell in einer lokal-patriotischen Kultur aus Fußball, Brieftauben, Gewerkschaftsvereinen und Stammlokal, die noch das ödeste Arbeiterviertel zur Heimat verklärt. Das Ende des Empire: Kein Abschied von der Weltmacht ---------------------------------------------------- Das nationale Nachkriegsprogramm des "getting back to a leading role..." ist von allen britischen Regierungen immer auch als Auf- trag verstanden und wahrgenommen worden, dem unwiderruflich in Auflösung begriffenen Imperialismus der einstigen Weltmacht Nr. 1 neue Chancen zu verschaffen. Die generelle Methode dafür war durch die spezielle angloamerikanische Kriegsallianz vorgezeich- net: Der Rückzug Großbritanniens vom direkten Zugriff auf ein Viertel des Globus war als Arbeitsteilung mit der neuen Nummer 1 zu gestalten. Die Schwierigkeit dabei bis heute: als nützlichster Helfershelfer und eindeutiger Vorzugspartner der USA auf deren Entscheidungen maßgeblichen Einfluß zu behalten. Die britische Lösung umfaßt als ersten und wichtigsten Bestand- teil die einzigartige Atomrüstungskumpanei mit den USA. Sie be- gann im Weltkrieg mit dem Beschluß, die Atomwaffe gemeinsam zu bauen; nach der amerikanischen Aufkündigung dieser Kooperation nach Kriegsende - demokratietechnisch abgewickelt über die Empö- rung des Kongresses, daß der Präsident so weitreichende Geheimab- kommen geschlossen habe -, nach dem Beschluß der Labour-Regie- rung, das Ding selbst herzustellen zu Churchills Überraschung und Freude ließen die regierenden "Pazifisten" da alle "moralischen Skrupel" fahren! -, und nachdem die Sowjets sich ihrerseits die Bombe beschafft und die strategische Überlegenheit der USA ent- scheidend relativiert hatten, bequemte sich die amerikanische Re- gierung wieder dazu, ihren britischen Partner in nationaler Sou- veränität an ihren Aufrüstungserfolgen teilhaben zu lassen. Seit- her plagt Großbritannien die Sorge, ob die Nation sich ihr Ge- wicht als Atommacht nicht mit zu großer Abhängigkeit von den USA erkauft; ob sie andererseits gewichtig genug ist, um für die USA wirklich unentbehrlich, von den letzten strategischen Entschei- dungen also nicht ausgeschlossen zu sein. Ob die jeweils neuesten Errungenschaften eher gut sind, weil sie die gemeinsame Überle- genheit in Sachen Weltmacht stärken, oder eher bedenklich, weil sie die bestehende nationale Atommacht relativieren - dies die Kontroversen vor allem bezüglich Reagans 'SDI'. Als einziger Re- gierungschef der Welt kommandiert der britische Premier die neue- sten Atomraketen-U-Boote amerikanischer Bauart in eigener Regie; das ist immerhin etwas. Militärisch unentbehrlich will Großbritannien ebenso für die nicht-atomaren Bestandteile der Vorwärts-Strategie der NATO sein und bleiben, die die erste Labour-Regierung der Nachkriegszeit ja mit gegründet hat. Das läßt die Nation sich eine Rheinarmee und eine Flotte mit dem Auftrag kosten, die Nachschubwege über den östlichen Atlantik und den Ärmelkanal zu sichern. Für den impe- rialistischen Geschmack des Publikums, das dieses Engagement zu selbstlos finden könnte, erklärt das "Verteidigungsweißbuch 1984" dazu: "Es ist eine wohlüberlegte Strategie, der Bedrohung so weit wie möglich von unseren Küsten entfernt zu begegnen." So bleibt wenigstens in der Propaganda die diplomatische Tradi- tion lebendig, als Seemacht fremde Kontroversen durch dosierte Eingriffe dem eigenen globalen Sicherheitsbedürfnis dienstbar zu machen. Daß die Sowjetunion der Feind ist, versteht sich bei alledem von selbst. Sie hat der britischen Zuständigkeit für die Nachkriegs- ordnung Osteuropas Schranken gesetzt; sie hat jede Unabhängig- keitsbewegung gegen den britischen Kolonialismus und jeden auf Emanzipation bedachten neuen Nationalstaat unterstützt - die Nie- derlage im Suez-Krieg bleibt unvergessen! -; überhaupt stört sie mit ihren diplomatischen Beziehungen, ihrer Flotte und ihrem Waf- fenhandel in einer Staatenwelt, die noch jede britische Regierung als Betätigungsfeld westlicher Freiheit in Anspruch nimmt - um so mehr, seit es nicht mehr die eigenen Besatzungstruppen sind, die der Freiheit Geltung verschaffen. Die prinzipielle Sowjetfeind- schaft bedarf daher in Großbritannien genauso wenig einer Ablei- tung wie in den USA. Zur britischen Führungsrolle in der Weltpolitik gehört allerdings ebenso, daß die Militärmacht in ihrer strategischen Kumpanei mit den USA und in ihrer NATO-Funktion nicht aufgeht. Das Zeitalter der Kanonenboote und Kolonialtruppen hat Großbritannien selbst mit beenden helfen; mit einer ganzen Serie von Kriegen und Inter- ventionen nach dem Weltkriegsende zwischen Griechenland und Indo- nesien, die zur imperialistischen Ordnung der modernen Staaten- welt und zur 'Kooperationsbereitschaft' ihrer Regierungen viel beigetragen haben. So ist es vom erreichten Standpunkt aus einer- seits reichlich überholt, wenn der britische Botschafter in der BRD, Sir J. Bullard, seinem deutschen Publikum "Bürde und Würde" seiner Nation so vorstellt: "In all den kleinen Gebieten in der Karibik, im Atlantik, im Pa- zifik und sonstwo, bürgen die britische Fahne am Mast und der britische Gouverneur mit seiner tropischen Uniform dafür, daß Großbritannien sie letzten Endes gegen innere Subversion und äu- ßere Angriffe verteidigen wird." Andererseits handelt es sich bei dieser verlogenen Idylle um mehr als die ideologische Erinnerung an die einstige, unwiederbring- lich verflossene weltweite Pax britannica. Mit ihrer Anwendung auf den Fall Grenada erweist sich der britische Diplomat voll auf der Höhe der Erfordernisse einer westlichen Vorkriegs-Weltord- nung: "Wenn eine relativ kleine militärische Anstrengung ausreicht, sei es nun in Form amerikanischer Marineinfanteristen, eines briti- schen Kanonenboots oder kanadischer Polizisten, um zu verhindern, daß ein kleines Land unter irgendeine Form sowjetischen Einflus- ses gerät, ist es dann nicht richtig, diese Anstrengung zu unter- nehmen? Und wenn man in dieser Richtung weiterdenkt, ist es nicht klüger, die Intervention des Westens prophylaktisch durchzufüh- ren, statt in Form einer Reaktion, womit ich meine, von vorneher- ein zu verhindern, daß es zum Schlimmsten kommt, statt abzuwar- ten, bis es passiert ist, und es dann rückgängig machen zu wol- len?" (Bullard) Bei dem Fortschritt zu einem Kolonialismus neuen Typs, der sich keineswegs auf Miniatur-Inseln beschränkt, will Großbritannien nicht zu spät kommen und in ganz eigener Machtvollkommenheit eine "leading role" spielen, die es sich durch keine noch so aufstre- bende Militärmacht der "3. Liga" nehmen oder schmälern läßt. Die- ses britische Recht wurde auf den Falklands verteidigt; dafür leistet die Nation sich die relativ wie absolut höchsten Militär- ausgaben aller europäischen NATO-Länder - im Jahr 1980 4,6% des Bruttosozialprodukts (zum Vergleich: BRD 2,7%, Frankreich 2,8%; alles nach denselben ideologischen Kriterien). Das nötige imperialistische Sendungsbewußtsein besitzt sie so- wieso. zurück