Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND ALLGEMEIN - Im Dienste ihrer Majestät
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Britische Gewerkschaften:
IM (ARBEITS-)DIENSTE IHRER MAJESTÄT
"Das einzige, was ich von der Gewerkschaft erwarte, ist, daß sie
sich ihrer nationalen Aufgabe, die Produktivität zu steigern, be-
wußt wird." (Margaret Thatcher)
Die Gewerkschaft hat ein nützliches Anhängsel nationaler Wirt-
schaftskraft zu sein diesen kategorischen Imperativ aus dem No-
tenbüchlein des demokratischen Politikers trägt die englische
Premierministerin als Kampfansage vor. Ohne den geringsten sozi-
alpartnerschaftlichen Schnörkel weist sie jeden, wie auch immer
gearteten Anspruch der Gewerkschaft zurück, verlangt umgekehrt
von ihr, sie solle die Krise dadurch beseitigen, daß sie sie bis
zum letzten ausbadet.
Eine Forderung darf die Arbeit schon stellen, nämlich bedingungs-
los vom Kapital benutzt zu werden. "Sanierung der Wirtschaft",
aber ohne Aussicht auf Besserung der Lage der arbeitenden Klasse,
im Gegenteil - dies ist die durch T a t e n vorgebrachte Bot-
schaft. Arbeitslose m ü s s e n sein, die Wirtschaftspolitik
w i l l sie, also werden sie auch zunehmen. Für Großbritannien
charakteristische Formen des gewerkschaftlichen Widerstands wer-
den v e r b o t e n und notfalls mit Gewalt unterdrückt.
Krise ist Staatsprogramm, für dessen Durchführung einerseits die
Schädigung der Wirtschaft unumgänglich, langfristig aber segens-
reich sei, wofür andererseits die Verheißung von Arbeitsplätzen
absolut nicht in Frage kommt. Aufgabe der Gewerkschaften ist es
nicht, mit dem Arbeitsplatzgedanken hausieren zu gehen, sondern
Unternehmen zu sanieren; bislang ist die Arbeiterklasse überhaupt
d e r störende Faktor gewesen: Erstens in ihrer Existenz, denn
es gibt zu viele Arbeiter und sie sind zu faul (gewesen), zwei-
tens haben ihre Kampfmaßnahmen in der Vergangenheit zum Ruin des
nationalen Wohls geführt. Die Produktion von Arbeitslosen ist
also unerläßlich zur Gesundung der Wirtschaft und breit ausge-
malte Elendsschilderungen sowie Hiobsbotschaften über künftige
Arbeitslosenzahlen taugen als Belege für die Richtigkeit und
"Glaubwürdigkeit" der Regierungspolitik.
Ungerührt beruft sich Mrs. Thatcher bei jedem Angriff darauf, daß
sie doch nun schon drei Jahre Härte zeige, daß "also" die tägli-
chen Härten f ü r s i e sprächen. Der von ihr eingeschlagene
Kurs samt seiner negativen Wirkungen ist Beweis nur für eins: daß
er fortgeführt werden muß. Je tiefer und schwerer die Krise, um
so nachdrücklicher die tautologische Botschaft, daß man da
"durch" muß - und daß nur die Krisenbejaher auch die fähigen Kri-
senbewältiger sind. So etwas beeindruckt auf Dauer noch den letz-
ten kritischen Begutachter, so daß schließlich ein liberales
Blatt wie der "Guardian" nicht umhin kommt festzustellen:
"Die Arbeitslosigkeit ist kein Thema mehr."
Die garantierte Existenz von 3 Millionen Arbeitslosen (und mehr)
beseitigt das demokratische Problematisieren; hier handelt es
sich um wirtschaftliche Notwendigkeiten, auf die man sich beruft,
nicht jedoch sie anzweifelt.
Wie es sich für eine anständige demokratische Opposition gehört,
ist die Labour Party mit den Schicksalsfragen der Nation, so wie
sie die Regierung aufgemacht hat, einverstanden und erlaubt sich
auf Basis dessen den Angriff, ob denn die Regierung des richtigen
Umgangs mit der Krise fähig sei. Von der Regierung bekommt sie zu
hören, gerade die Labour-Versäumnisse der früheren Regierungspe-
rioden - die Verfallserscheinungen der Wirtschaft tatenlos be-
guckt, schlimmer noch: durch Duldung des gewerkschaftlichen Über-
muts erst richtig hervorgebracht zu haben - hätten den jetzigen
Notzustand notwendig gemacht, und eben so hätte Labour sich
selbst disqualifiziert, was die Behebung des Notzustands angeht.
"Legt man die üblichen Maßstäbe an, müßte sich Margaret Thatcher
in ernsthaften politischen Schwierigkeiten befinden. Die Arbeits-
losigkeit hat sich bei 14% eingependelt und Fachleute prophezeien
weiteren Anstieg. Sowohl die Wirtschaft wie auch die Gewerkschaf-
ten verlangen dringend mehr öffentliche Ausgaben, zur Schaffung
von Arbeitsplätzen. Investition und Produktion stagnieren. Aber
anläßlich der Parlamentseröffnung letzte Woche schwor Thatcher,
denselben knallharten Monetarismus weiterzuverfolgen. Der hat sie
zu dem gemacht, was sie heute ist - eine überraschend populäre
Staatschefin." (Newsweek, 11/82)
Die Kampfansage der "überraschend populären Staatschefin" hat das
britische Arbeitsvolk vor eine düstere Alternative gestellt:
Elend oder Elend! Entweder Unterwerfung unter die "Sanierungs"-
maßnahmen, bedingungslose Brauchbarkeit und "Förderung der
Produktivität", darin fest eingeschlossen die A u s s i c h t
auf Entlassung und ständige Senkung des Reproduktionsniveaus -
oder sofortige Entlassung. In ihren eigenen Betrieben hat die
Regierung vorexerziert, daß die geringste Unbotmäßigkeit mit
Schließung zu beantworten ist, weil "Sanierung" dann ja per
definitionem unmöglich sei - und sie hat in ihrer Gesetzgebung zu
den gewerkschaftlichen Rechten den uneinsichtigen Elementen die
Rechnung aufgemacht, daß sie die Illusion eines Spielraums zur
Abwehr der schlimmsten Auswirkungen mit Schädigung der eh sehr
schmalen Streikkasse, sogar mit Gefängnis bezahlen müssen.
In "ernsthafte politische Schwierigkeiten" kommt Mrs. Thatcher
deshalb nicht, weil Arbeiter und Gewerkschaften i h r e Alter-
native: den A u f s t a n d, nicht ins Auge gefaßt haben - im
Gegenteil dem Regierungskurs seine grundsätzliche Berechtigung
nicht bestreiten. Daran läßt sich freilich die Frage anschließen,
ob die staatlichen Ziele nicht mit den falschen Mitteln verfolgt
würden: Die Gewerkschaften treten mit Mrs. Thatcher in eine
w i r t s c h a f t s p o l i t i s c h e Diskussion ein:
"...Politik der Gewerkschaftsbewegung zielt darauf ab, die Wirt-
schaft des 'Vereinigten Königreichs' zu stärken."
das heißt
"die Regierung zu befähigen, ein industrielles und wirtschaftli-
ches Gesundungsprogramm durchzuführen." (TUC-Broschüre)
Und d a r i n erlauben sie sich um so schärfere Töne, je arro-
ganter und der eigenen Gewalt bewußt die Tories abweichende Vor-
schläge zurückweisen.
"Wir wollen Rekrutierung, nicht Reduzierung!"
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Den zutiefst nationalistischen Gedanken, ob die Regierung nicht
aus einem blühenden Großbritannien eine industrielle Wüste,
"wasteland", verfertige, haben kürzlich wieder die Bergarbeiter
kämpferisch vorgetragen. 30% Lohnerhöhung und Verbot weiterer Mi-
nenschließungen wollten sie unter Führerschaft des radikalen Buh-
mannes Arthur Scargill im Streik durchsetzen, um dann in der
Urabstimmung allen Kampfmaßnahmen abzuschwören: Die von der Re-
gierung angebotenen 8,5% wurden akzeptiert wie auch die Mittei-
lung, daß weitere Schließungen anstehen. Das groteske Mißverhält-
nis zwischen Forderung und Durchsetzung verrät, daß es auf die
Forderung im Sinne einer Sicherung oder gar Verbesserung des
Bergarbeiterlebens von vornherein nicht ankam. Vielmehr hatte
sich die Forderung, gerade in ihrer Radikalität dem nationalen
Wohl auf eine für die Bergarbeiter typische Manier unterstellt:
30% sollten herauskommen können, wenn sich die Regierung zur Auf-
nahme eines neuen E n e r g i e p r o g r a m m s entschließen
würde, und der ganze Vorwurf bestand darin, daß mit den nationa-
len Ressourcen leichtfertig umgegangen werde. In Erinnerung an
ihre erfolgreichen Streiks Anfang der 70er Jahre, wo sich das na-
tionale Energieprogramm tatsächlich auf die Kohle stützen wollte,
pochten die Bergarbeiter darauf, daß ihre "Rekrutierung" doch
wohl unmöglich gegen staatliche Absichten verstoßen könne. Sehr
konsequent forderten die Miners also auch sofort einen
I m p o r t s t o p für ausländische Energie; das "Problem", daß
die englische Regierung ihre Energie-Überlegungen mittlerweile
auf das Nordsee-Öl stützt - ein Gedanke, den die Bergarbeiter ja
durchaus anerkennen wollen - wollten sie durch eine "ausgewogene
Verteilung" nationaler Schaffensenergie gelöst wissen:
"Die Miners sind bereit, gegen die Regierung in den Krieg zu zie-
hen."
Die ganze Radikalität eines Arthur Scargill besteht also darin,
sich als wirtschaftspolitischer Kontrapart der Regierung aufzu-
spielen und dafür seine Gewerkschaft v o r z u z e i g e n.
Seine Basis hält das für sehr berechtigt, wählt ihn deswegen auch
regelmäßig und weiß säuberlich zu trennen zwischen der Demonstra-
tion berechtigter Anliegen und tatsächlicher Durchsetzung über
die Selbstdarstellung nationaler Bedeutsamkeit hinaus können sie
noch den "Genuß" mit nach Hause nehmen, daß sie im V e r-
g l e i c h der Einzelgewerkschaften mal wieder Eindruck gemacht
haben. Die spezielle Borniertheit englischer Gewerkschafts-
organisation - miteinander konkurrierende berufsständische
Einzelgewerkschaften, deren zentrales Anliegen die Aufrechterhal-
tung einer Skala der Gerechtigkeit ist, nämlich die genaue Beach-
tung der "gerechten" Lohn d i f f e r e n z e n - hat sich ange-
sichts dessen, daß nun die Regierung die Löhne vorschreibt und
ständig nach unten drückt, zu einem neuen "Höhepunkt" vorgearbei-
tet: Im Dachverband TUC machen Gewerkschaftsführer Punkte gegen-
einander in der (radikalen) Demonstration sehr nationalbewußter
und verantwortlicher Wirtschaftsalternativen, wobei die Wendung
gegen das Ausland zum festen Repertoire gehört:
- "Selektive Einfuhrkontrollen"
- "Kontrollen der Auslandsinvestitionen"
- Behinderungen bei der Entladung importierter Autos
- Kurzstreik gegen hohe Stahleinfuhren. Die Basis darf sich den
sehr immateriellen Lohn abholen, daß ihre Stimme gehört wurde,
und der TUC selber repräsentiert so nur noch, daß - alle
W i r k u n g e n staatlicher Wirtschaftspolitik u n t e r-
s t e l l t - Opposition gegen "wasteland" in der Arbeiterklasse
existiert, diese also die schofele Behandlung durch die Regierung
nicht verdiene:
"Sie ist unmoralisch, weil sie die Egoistischen und Egozentri-
schen stärkt gegen die Ehrlichen und Anständigen. Sie beseitigt
die grundlegende Freiheit des Rechts auf Arbeit. Sie funktioniert
nicht, weil unsere Industrie langsam vor die Hunde geht und alle
Mittel zur Heilung unserer Wirtschaft zu Asche werden."
"Die Gewerkschaften haben dazu beigetragen, die Industrie zu er-
neuern, haben geforderte Einigungen mitgemacht und haben bei Re-
gierungsforderungen und den Kontrakten mitgezogen. Jetzt werden
diese Gewerkschaften nicht konsultiert." (Sirs, Sprecher der
Stahlarbeiter)
E r t r a g e n wird sie schon.
"Die militanten Lokführer sind unbeliebt"
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Die Solidarität der Einzelgewerkschaften miteinander - früher in
Form von Sympathiestreiks und ähnlichem durchgeführt, und zwar
aus der Einsicht, daß für die Austragung der Konkurrenz unterein-
ander die sich wechselseitig absichernde M ö g l i c h k e i t
des Kampfes überhaupt gegen staatliche Beschränkung aufrecht er-
halten werden muß (mit dem TUC das Koordinations- und Diskussi-
onsforum für diesen instrumentellen Gebrauch der Solidarität) -,
verläuft heutzutage umgekehrt, nämlich als Solidarität der Ge-
werkschaften mit den wirtschaftspolitischen Zielen des TUC. Das
Drängen einzelner Gewerkschaften, ihren "Besitzstand" zu wahren
bzw. weitere Zumutungen der Regierung sich nicht gefallen zu las-
sen, wird nun von der Spitze zurückgewiesen. Dafür taugt gerade
die Berufung auf die von der Regierung gesetzten Fakten des
Elends, wenn nämlich die angeblich zwangsläufig folgende Arbeits-
losigkeit zum Argument gegen gewerkschaftlichen "Egoismus" ge-
macht wird. Der Versuch, eigene Arbeitsplätze zu sichern oder
lohnender zu gestalten, ist ein Angriff auf sämtliche Ar-
beitsplätze der Nation:
"Dieser Streik macht unsere Mitglieder arbeitslos, weil die von
ihnen abgebaute Kohle nicht abtransportiert werden kann."
Dies die Antwort der radikalen Bergarbeitergewerkschaft (!) auf
den Streik der Lokführer (ASLEF). Wie sehr hat da das Regierungs-
programm gezogen! Die Erfüllung des eigenen nationalen
D i e n s t e s ist die allererste Voraussetzung, oder umge-
kehrt: Arbeitsverweigerung gefährdet die gewerkschaftliche Exi-
stenz schlechthin. Auf ihre Art entdeckt die Gewerkschaft Volks-
schädlinge in ihren eigenen Reihen, wenn sie nämlich das Solida-
ritätsprinzip einfach umkehrt. In einer angeblichen Kettenreak-
tion zwingt "egoistisches" Verhalten der eigenen Organisation al-
len anderen Verluste auf. Völlig verschwunden ist da, daß - wenn
überhaupt - die Regierung für eine solche Wirkung s o r g t.
Nur durch Wohlverhalten bleibt die Möglichkeit offen, daß Ar-
beitslosigkeit und Elend vielleicht doch nicht mit der ihnen ei-
genen unerbittlichen Notwendigkeit eintreten.
Basis"realismus" und wirtschaftliche Vernunft der Gewerkschafts-
spitze haben in den letzten 2 Jahren einträchtig zusammengewirkt,
sämtlichen Versuchen auf gewerkschaftstraditionelle Weise der Re-
gierung ökonomischen Widerstand entgegenzusetzen - ausgehend mal
von einzelnen Gewerkschaftsführern, mal von Belegschaften und
shop stewards -, ihre Undurchführbarkeit vor Augen zu führen. Und
das bis hin zu dem Punkt, daß eine Gewerkschaft (NUR) - "Es wird
keinen Gewinner in diesem Streik geben" - gegen die andere
(ASLEF) als S t r e i k b r e c h e r antrat.
"Wir mußten den Streik abbrechen, weil uns die Unterstützung des
TUC fehlte." (ASLEF-Sprecher)
"Schwestern mag jeder"
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Die Gewerkschaftsgeschichte der letzten 2 Jahre ist eine der
fortdauernden Unterwerfung unter die ökonomischen Tatbestände des
"Thatcherismus":
- Man schließt in fast allen Bereichen mit einer kräftigen Lohn-
senkung ab: 6%-Abschluß, Inflationsrate von 8%; Gebührenerhöhun-
gen im Versicherungs- und Verkehrswesen, Streichungen im Gesund-
heitsbereich usw.
Glanzstück dabei sind die Annahme eines zweijährigen Tarifabkom-
mens mit Lohnerhöhungen von jeweils 5,6% bei British Leyland und
ein 3-jähriger Tarifvertrag über jeweils 7% bei der Großbrauerei
Scotish and Newcastle.
Was hier dem Kapital zugestanden wird - die vertraglich verlän-
gerte Freiheit, die Ausbeutung innerhalb dieses Zeitraums belie-
big zu verschärfen - wird ergänzt um die recht unverschämte Lüge
und Hoffnung zugleich, daß das Regierungsprogramm - mal anders
betrachtet - bei entsprechender Anpassung der Gewerkschaft sich
nur zum eigenen Vorteil auswirken könne:
"Verhandlungen über Langzeitverträge werden sich bei einer Regie-
rung lohnen, die sich einer strikten Geldmengenrestriktion ver-
schrieben hat und die Inflationsrate niederhalten will, koste es,
was es wolle." (Mr. Dixon, Gewerkschaftssprecher der Groß-
brauereien)
Da wird die Ideologie von der Lohn-Preis-Spirale insofern prak-
tisch ernst genommen, als ein Lohnverzicht sich hinterrücks der
Früchte der (anti-gewerkschaftlichen) Geldpolitik bemächtigen
werde. Mit dem "koste es, was es wolle" wird hier der Regierung
Härte gerade zum Auftrag gemacht, will sie die gewerkschaftliche
"Berechnung" nicht enttäuschen.
- Intensivierung (Mehrschichtbetrieb) und Rationalisierung werden
als Mittel zur Rettung des Betriebs, z.B. der "Existenz der Bahn"
ausdrücklich begrüßt.
- dem Feind wird von vornherein mit der angeblichen Unfähigkeit
die Unwilligkeit zum entschlossenen Kampf bekundet:
"Ein Generalstreik wäre die letzte Waffe, die die Gewerkschaften
in wenigen Tagen zum Bankrott führen würde." (ein Sprecher der
Gesundheitsgewerkschaft COHSE)
Am 8. November macht der TUC schließlich doch einen Generalstreik
zugunsten der Beschäftigten im Nationalen Gesundheitssystem (NHS)
- bloß daß von diesem Streik überhaupt nichts zu vernehmen war,
viel aber vom großen "day of action". Die Abteilung "Sparen im
(angeblich aufgeblähten) Gesundheitswesen" ist ja auch nicht ge-
rade neu, der Skandal liegt für die Gewerkschaft freilich woan-
ders.
Erstens verhandelt sie die Lohnvorschläge der Regierung nicht als
das, was sie sind, nämlich ein massiver Angriff auf die Lebensbe-
dingungen der dort Beschäftigten, sondern als Angriff auf ein na-
tionales Heiligtum. Daß die Regierung schon einen Haufen Strei-
chungen und Kürzungen durchgeführt hat, interessiert erst dann -
und zwar als Beleg -, wo Mrs. Thatcher öffentlich die Überlegung
anstellt, ob das staatliche Gesundheitssystem nicht überhaupt
durch ein System der privaten Versicherung zu ersetzen sei.
Die Gewerkschaft interessiert also nicht, was dieses System
tatsächlich für die Arbeiter leistet, sondern daß es dies über-
haupt g i b t: nämlich als Monument gewerkschaftlichen Erfolgs
in Zusammenarbeit mit der Labour Party.
Deswegen besteht der Skandal zweitens nicht darin, daß die Kran-
kenschwestern immer weniger verdienen, sondern daß der moralische
Anspruch der opferwilligsten Seelchen der Nation mit Füßen getre-
ten wird. Von "Everybody loves a nurse!" können sich diese über-
haupt nichts kaufen, stattdessen soll man sich an ihrem sehr
zweifelhaften Dienst für die Volksgesundheit ein Vorbild nehmen
bzw. sich zu der eigentümlichen Solidarität bequemen, daß eine
Schlechterstellung der Hebammen doch "uns allen" schadet:
"Die Schlechterstellung im NUS schlägt auf jeden Briten zurück."
Dieser klassenneutrale Zusammenschluß wird dafür erlogen, um
drittens die Glaubwürdigkeit der Gewerkschaft, die sich doch um
die Nation sorge, zu untermauern, weswegen auch peinlichst darauf
geachtet wird, daß der Streik nicht zu Schädigungen führt - der
Wirtschaft nämlich:
"Die Gewerkschaften haben das Unmögliche erreicht. Sie haben in
den Krankenhäusern für fast ein viertel Jahr ein wachsendes Chaos
verursacht und haben dennoch nicht die öffentliche Sympathie ver-
loren." (Guardian)
Kein Wunder, wenn die einzigen, die Schwierigkeiten mit dem
"Chaos" hatten, die Krankenschwestern selbst waren, die neben al-
lem Streik sich darum kümmern durften, daß ja keine einzige Ab-
teilung des Arbeitsvolkreparierens ausfiel.
Viertens und letztens war der "day of action" also keine Kampfak-
tion gegen..., sondern eine einzige große Demonstration dessen,
daß ein gutes und gerechtes England ohne die Gewerkschaften sich
nicht denken läßt.
"Würden Sie jemanden dafür einsperren, daß er Krankenschwestern
unterstützt?" (Das Transparent)
wirft die nun wirklich nicht unwichtige Frage nach den gewerk-
schaftlichen Rechten bzw. ihrer Einschränkungen nicht deswegen
auf, um auf ihre Unverzichtbarkeit als ökonomische W a f f e zu
pochen. Dieselben Gewerkschaftsführer, die das Mittel
"Sympathiestreik" außer Mode haben kommen lassen, benutzten den
sympathieträchtigen Hintergrund opferwilliger Krankenschwestern
vielmehr dazu - den kleinen Kunstgriff eingeschlossen, den "day
of action" flugs zu einem Streik zu ernennen -, das unverbrüchli-
che R e c h t der Gewerkschaft auf diese Kampfmaßnahme zu be-
teuern. Ein Recht, das sie einerseits nicht anzuwenden gedenkt,
für das sie sich andererseits jetzt aber sehr theatralisch sogar
einsperren lassen wollte. Die Regierung wußte, daß sie bei einer
so ausschließlich m o r a l i s c h e n Veranstaltung, die sich
in der Forderung nach A n e r k e n n u n g der Gewerkschaft
o h n e daraus folgende praktische Rücksichtnahme erschöpfte,
sich durch Anwendung ihrer gesetzlichen Sanktionen nur ins
(moralische) Unrecht gesetzt hätte - und ließ es wohlweislich
bleiben. Verbale Radikalität hält sie leicht aus.
"Schluß mit den Querelen"
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Die Entwicklung zur ökonomisch machtlos gemachten, selbst dazu
stehenden, dafür aber um so wuchtigeren moralischen Wirtschafts-
kraft, hat dem TUC ein Glaubwürdigkeitsproblem eigener Art be-
schert. Die Gewerkschaftspolitik richtet sich auf die Öffentlich-
keit, der ein Alternativ-Programm zur Rettung der britischen
Wirtschaft vorzustellen ist. Träger eines solchen Programms kann
nur die Alternative zur Verwaltung des Staatswohls sein - die La-
bour Party. Um deren W a h l e r f o l g hat sich ein briti-
scher Arbeiter heutzutage also in erster Linie zu bekümmern - un-
ter dem Diktat der staatlich veranstalteten Not hat er als
W ä h l e r seinen Materialismus ganz und gar der Glaubwürdig-
keit seiner eigenen Partei unterzuordnen. Der TUC als T e i l
der p o l i t i s c h e n Opposition hat also in den eigenen
Reihen dafür zu sorgen, daß radikale Elemente, die sich nicht un-
ter den Nationalradikalismus à la Scargill subsumieren lassen,
zum Schweigen gebracht werden (wobei sich übrigens letzterer sehr
hervortut):
"Die Gewetkschaften sind bereit, diese drei Millionen für den
Wahlfonds aufzubringen, verlangen aber Gegenleistungen, so etwa
die Beendigung der innerparteilichen Querelen, den Ausschluß der
linksextremen Gruppe aus der Partei, die Stärkung des Flügels der
'Gemäßigten' im Parteivorstand." (Die Quelle, 10/82)
Die "linksextreme Gruppe" in der Labour Party besteht ja aus Ge-
werkschaftsmitgliedern, die nun in dem Solidaritätsauftrag des
TUC für die Durchschlagskraft der Partei zur Raison gebracht wer-
den. Rausschmiß tut dafür gar nicht not, vielmehr sollen sie ihre
treuen Dienste - die sie noch in jedem Wahlkampf erbracht haben!
- ab so fort ohne das Zugeständnis der abweichenden Meinungsäuße-
rung ableisten.
So hat sich eine letzte Eigentümlichkeit der britischen Gewerk-
schaften in der P o l i t i s i e r u n g aus der Welt ge-
schafft: Die Labour Party, früher der politische Arm der Gewerk-
schaften zur Sicherung und Verbesserung gewerkschaftlicher Kampf-
bedingungen, darf nun endlich den historisch überholten Wider-
spruch abstreifen, sich zumindest formell auf eine getrennt von
ihr existierende und auch auf Distanz achtende Unterstützungsor-
ganisation beziehen zu müssen. Das ewige Hin und Her zwischen
Parteivolk und Parlamentsfraktion/Regierung - die noch allemal
die von ihr für notwendig erachtete Politik zugunsten des Wirt-
schaftswachstums durchgezogen hat, sich dann aber auch auf den
Parteitagen bittere Klagen hat anhören und einen Tony Benn als
leibhaftige Darstellung des besseren Wollens in ihren Kabinetts-
reihen hat ertragen müssen - löst sich unter dem Anstoß der Ge-
werkschaft dahin auf, daß das Gewerkschafts/Parteimitglied nur
noch ein Ziel zu kennen hat: die Macht im S t a a t e. Und dies
gänzlich getrennt von seinen individuellen Lebensumständen, die
ihm früher hin und wieder immerhin noch so erinnerlich waren, daß
man die grad' nicht dem Staat überantworten darf.
Diesen Krisengewinn wird sich die politische Herrschaft - wer es
auch sei - so schnell nicht mehr nehmen lassen.
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