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Stahlstreik in England
DER ÜBERHOLTE KLASSENKAMPF
Daß auch in England, dem Land der gleichnamigen Krankheit, noch
Wunder geschehen, hielt der aufgeklärte Zeitgenosse aus Deutsch-
land für ausgeschlossen - bis eine Eiserne Lady daherkam und Zei-
chen setzte. Bei allem Vorbehalt gegen dieselben - so gehört
Durchwursteln zu England, w e i l Modell zu Deutschland (wo kä-
men wir auch hin, wenn es davon mehrere gäbe), weshalb Konfronta-
tion die Macht der Gewerkschaft auf den Plan ruft, wodurch völlig
überflüssig soziale Unruhe entsteht, so daß das Land an den Rand
des Chaos und zuguterletzt die Lady zu einer 180%igen Kehrtwen-
dung ihrer Politik getrieben wird - muß man ihr den Erfolg im
Stahlstreik doch irgendwie lassen. Da hat sie doch glatt den Ge-
werkschaften eine Schlappe verpaßt und auf äußerst wundersame
Weise, nämlich durch eine Politik des "N i c h t-Handelns" -
auch "Raushalten" genannt -, den längsten Streik der Nachkriegs-
geschichte zu ihren Gunsten entschieden.
Brav hat sie ihre Sache gemacht, die Lady die von Wirtschaft nix
versteht und von der Sprache und der Kunst des diplomatischen
Kompromisses in Sachen EG-Haushalt und so auch nichts -, wenn-
gleich es eigentlich doch ein deutscher Erfolg war, weil sie von
Kanzler Schmidt mehr hält als umgekehrt:
I h r Verdienst: "die Erwartungen der Arbeiter herunterzuschrau-
ben", wurde bewerkstelligt durch die taktische Meisterleistung,
nicht wie anno 71 im Porzellanladen der Industrial Relations her-
umzutrampeln, so daß der eigentliche Erfolge in der Zerstörung
der seit damals existierenden Legende besteht:
"eine Regierung kann überleben, wenn sie die totale Herausforde-
rung durch eine der größeren Gewerkschaften annimmt." (The Times)
Immerhin an letzterem ist was dran, wenn man "überleben" mit
"gestärkt hervorgehen aus" übersetzt.
Darf man der Katze den Stock geben?
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Der Erfolg, den Mrs. Thatcher jetzt für sich verbuchen kann, kam
also offensichtlich dadurch zustande, daß sie sich in ihrem Ur-
teil über die für England heilsame Politik nicht so sehr von
westdeutschen Magazinen als von Kanzler Schmidt persönlich leiten
ließ. Der muß ihr nämlich auf einem der letzten Gipfel geflüstert
haben, daß er nur eines unausstehlicher findet als "ihr makello-
ses Elizabeth-Arden-Gesicht" (Stern) und das ist eine Sorte Wirt-
schaftspolitik, die laufend die Verluste maroder Staatsbetriebe
subventioniert. Dies nicht, weil der Kanzler der Meinung gewesen
wäre, daß die Arbeiter von der Labour-Politik des "Durchwur-
stelns" sonderlich profitiert hätten. Aber schließlich hat man in
der Gemeinschaft doch nicht dem Protektionismus abgeschworen, um
ihn in einer Form wiederaufleben zu lassen, von der keine der
Vertragsseiten nichts hat. Wenn schon Subventionen, dann
bitteschön solche, die den britischen Markt auch für die anderen
Partner als lukrative Anlagesphäre interessant machen - an-
dernfalls man sich zu Gegenmaßnahmen genötigt sehen könnte wie
etwa einer noch stärkeren Subventionierung der deutschen Stahl-
branche, so daß die Engländer gleich dicht machen können. Und
weil das niemand will, teilt Mrs. Thatcher ihrem Volk mit, daß
die EG, in der P r o d u k t i v i t ä t zu d e r Waffe des
Erfolgs erklärt ist, sie mit der Aufgabe betraut habe, ganz Eng-
land vor eine schlichte Alternative zu stellen: entweder man
lasse sie die Ausbeutung so effektiv organisieren wie in Deutsch-
land oder man könne alle Erinnerungen an so rosige Zeiten wie die
50er Jahre, als England noch zu den zehn reichsten Nationen der
Welt zählte, Erinnerungen sein lassen, weil man sich langsam aber
sicher wenn schon keiner Bananenrepublik, so doch portugiesisch-
griechischen Zuständen anähnle.
So sagt sie das natürlich nicht. Aber daß man eine gewisse "Katze
töten", nämlich "den Arbeitern" tüchtig "den Stock geben" müsse,
rutscht ihr durchaus nicht einfach nur raus. Sie weiß, was die
Stunde geschlagen hat, weshalb sie zur Beseitigung des "der bri-
tischen Industrie feindlichen Investitionsklimas" einen Klassen-
kampf nach allen Regeln der Kunst führt.
Daß man dies in Deutschland als ü b e r h o l t e s Unterfangen
belächelt, zeigt, daß sich die Urteilskraft bei allem Kosmopoli-
tismus nur vom Standpunkt der eigenen Nation trüben läßt: Stolz
auf die rundum perfekte Erziehung des weniger gebildeten Teils
des deutschen Menschengeschlechts, kann man sich über Probleme
nur wundern, mit denen sich die Regierung eines zivilisierten
Landes auch im Jahre 1980 noch herumplagen muß. Um sich so wun-
dern zu können, muß man schon gewisse Fakten unter den Tisch bü-
geln:
- v e r a l t e t sollen die Probleme sein, von denen sich ge-
wisse Regierungen - man denke nur, daß sich die Briten erst mit
dem EG-Beitritt der Einsicht anbequemten, daß ihr Empire perdu
ist - noch vor ein paar Jahren nichts hätten träumen lassen, weil
sie erst heute vom Modell Deutschland mit seinem vorbildlich rei-
bungslos wachsenden Wirtschaftswachstum, für das sich die Prole-
ten abschuften, so richtig an die Wand gedrängt werden;
- und daß er ein P r o b l e m sei, der Klassenkampf, glauben
auch nur Intellektuelle, die in ihrer herrschaftsbeflissenen
Phantasie - denn Herrschaft ist ihnen über alle Ländergrenzen
hinweg sympathisch - den ausgewachsenen Staatsapparat, über den
die Dame gebietet, in eine drohend erhobene jämmerliche Fliegen-
patsche verwandeln.
Einige schmerzliche Wahrheiten über die Produktion
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Wenn sich die britischen Gewerkschaften ebenfalls leisten, die
Kampfansage der Regierungschefin als "überholten Klassenkampf"
"im Stile des 19. Jahrhunderts" zu verharmlosen, so ist dies ein
erster Hinweis, warum Mrs. Thatcher ihn gewonnen hat. Sie hat ihn
nämlich durchaus im Stil des 20. Jahrhunderts geführt. Wo linke
Chefdenker den Beweis anstellten, daß man in einer "post-indu-
striellen Gesellschaft" lebe, weshalb man "das Geschäft, so wie
es zu sein pflegte", nicht einfach so wiederherstellen könne
(Financial Guardian), hat sie ihren Landsleuten sehr einfach
klarmachen können, daß sie ihnen "nie Sonnenschein versprochen"
habe, sondern "der Himmel der freien Marktwirtschaft" (Stern),
nur um den Preis einiger "schmerzlicher Wahrheiten über die Pro-
duktion" zu haben sei:
"Jede Familie und jedes Unternehmen müssen derselben Wahrheit
schonungslos ins Auge sehen, nämlich daß Geld nicht unbegrenzt zu
haben ist."
Daß sie damit mehr die Familien gemeint hat, hat sie ihren
Schatzkanzler Howe dann so sagen lassen:
"Je eher die Verhandlungspartner Lohnsteigerungen (?) unter der
Inflationsrate akzeptieren, desto eher werden sich die Preisstei-
geruingen verlangsamen und die Arbeitslosenrate fallen."
Doch auch der hat sich nicht ganz korrekt ausgedrückt. Denn Kri-
senbewältigung auf Kosten der Arbeiter stand auch unter der La-
bour-Regierung auf der Tagesordnung. Mit dem feinen Unterschied
allerdings, daß die es - nur zu verständlich - nicht auf einen
prinzipiellen Kampf mit den Gewerkschaften anlegte:
- So schadeten die Streiks der g e g e n e i n a n d e r kon-
kurrierenden Gewerkschaften (deren jeweilige Untertruppen ganze
Betriebe lahmlegten) der Industrie, ohne daß die Arbeiter damit
einen anderen als einen g e r e c h t e n, nämlich einen an-
ständigen Lohn erzielten;
- so wurden nicht mehr konkurrenzfähige Betriebe verstaatlicht
und auch die unrentablen Staatsbetriebe ständig subventioniert,
weil Rationalisierungsmaßnahmen eine deutsche Umschreibung für
einen Tatbestand wie z.B. Entlassungen sind, gegen den man sich
in England der Gewerkschaften bediente.
Und so kommt es nicht von ungefähr, daß sich Mrs. Thatcher heute
in einer ungleich günstigeren Ausgangsposition für ein Kräftemes-
sen mit der Gewerkschaft befindet als die konservative Regierung
1971, die an der Industrial-Relations-Gesetzgebung scheiterte:
Aus der Erfahrung Jahr um Jahr geführter Streiks, die die Lebens-
bedingungen verschlechterten, zogen nicht wenige Arbeiter den
deutschen Schluß, daß Streiken sich nicht lohne, wenn sie nicht
gar sich selbst oder den angeblich zu rücksichtslosen Aktionen
der konkurrierenden Gewerkschaften in- und außerhalb des eigenen
Betriebs die Schuld an ihrer wenig rosigen Lage gaben und im Dar-
niederliegen der nationalen Ökonomie eine Schranke für die Besse-
rung ihrer Situation erblickten -, so daß sich Mrs. Thatcher als
ihr politisches Geschick anrechnen lassen kann, mit ihrer
"Strategie", "die Erwartungen der Leute zu verändern", nicht auf
Granit zu beißen, weil sie sich zu einem kritischen Verhältnis zu
ihren Gewerkschaften emporgearbeitet haben.
- Die Subventionierung der Verluste des staatlichen Sektors er-
wies sich immer offenkundiger als untaugliches Mittel, dem zuneh-
mend schlechteren Abschneiden des Staates gegenüber produktiveren
EG-Partnern zu begegnen. Ein Plus für die konservative regierung,
daß der Staat im internationalen Vergleich schlecht dasteht, was
sie weidlich dazu nutzt, die Gewerkschaften mit ihm zu erpressen
was die nicht etwa deshalb mitmachen, weil die Lady mit ihnen
zimperlicher oder taktisch raffinierter umspringt als dereinst
der nunmehr sich ganz der Musik verschrieben habende Edward
Heath.
Mehr Einsatzbereitschaft...
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Die Lady nutzt also die Gunst der Stunde, um die existente Armut
dem Kapital nützlich zu machen. Um die leidgeprüften britischen
Kapitalisten gnädig zu stimmen, ihren sanierungabedürften Betrieb
durch Rationalisierung zu sanieren und nicht den Laden einfach zu
schließen, bemüht sie sich um die Schaffung eines 'Klimas', das
die Anwendung der Belegschaft erst reizvoll macht. Weil
"das Management das Recht will, Arbeiter flexibler einzusetzen,
Personal abzubauen und gegebenenfalls (?) das Arbeitstempo zu be-
schleunigen, ohne dafür in jedem Fall die Zustimmung der allmäch-
tigen Shop Stewards einzuholen" (Südd. Zeitung), müssen Arbeiter
mit "Einsatzbereitschaft" her,
- die die Rechnung aufmachen, daß Streiks sich nicht lohnen,
- die hinnehmen, daß neben der weiteren Senkung des Lohns dessen
einer Teil zunehmend als "Produktivitätszulage", also nur dann
gezahlt wird wenn nicht gestreikt und schneller gearbeitet wurde,
- die sich zu Kurzarbeit, "vorübergehender Ausstellung" oder auch
schlicht Entlassung ohne Streik bereitfinden
- und die dem Bedürfnis nach ihrer verstärkten Mobilität aufge-
schlossen gegenüberstehen.
Zur Beschleunigung dieses "schmerzlichen Prozesses" hat sich die
Regierung aus dem Stahlstreik exemplarisch "rausgehalten". Damit
sie "das Gewicht zuungunsten der Gewerkschaft verschieben"
konnte, hat sie sie in die - der Stahlgewerkschaft gar nicht ge-
nehme - Konfrontation hineingezwungen, indem sie ihr Management
ein Lohnangebot von 2% - 17% unter der Inflationsrate - unter-
breiten ließ. Auch im weiteren mußte sie sich nicht zum Handeln
veranlaßt sehen, da sie schon vorher die Konditionen für die Ent-
wicklung des einen Kontrahenten zum seiner sozialen Verantwortung
bewußten Tarifpartner abgesteckt hatte. Mit der B e g r e n-
z u n g d e r S u b v e n t i o n e n demonstrierte sie ihre
Weigerung, "unökonomische Abschlüsse zu finanzieren" - womit
natürlich noch nichts über die Höhe des Abschlusses, aber schon
einiges über die ökonomische Vernunft verraten war, zu deren
Erfüllung die Regierung ihren Beitrag leistete, indem sie ihren
Geltungsbereich auf die Staatsbetriebe ausdehnte:
"Das Kabinett wich kein Jota von seiner mit Nachdruck vertretenen
Linie ab, daß öffentliche Subventionen nicht für Lohnerhöhungen
einer unnötig großen Belegschaft verwendet werden dürfen."
Der nachhilfebedürftige Partner hatte seinerseits die Einsicht zu
schlucken,
"daß das bereits offerierte Geld dazu da ist, gewisse Effektivie-
rungsmaßnahmen zu finanzieren",
was ihm mit der Preisgabe des Staatsgeheimnisses versüßt wurde,
wie aus einer begrenzten Summe Geldes für alle Beteiligten, vor
allem aber für die Arbeiter mehr zu machen ist:
"Durch zusätzliche produktivitätssteigernde Maßnahmen kann das
selbstfinanzierte Lohnangebot angehoben werden - z.B. durch Ent-
lassungen wider andere produktive Ausgaben."
So inszenierte Mrs. Thatcher mit dem Stahlstreik ein Lehrstück,
das nicht nur der unter den Labour-Regierungen zur Gewohnheit ge-
wordenen Subventionsregelung ein Ende bereiten sollte. Die Regie-
rung erklärte den nationalen Notstand und sich für dessen Über-
windung nur insofern zuständig, als sie den Arbeitern mit der nö-
tigen Unnachgiebigkeit bedeutete, daß es an ihnen sei, den Unter-
nehmern bei den anstehenden Rationalisierungen mehr Freiheiten zu
konzedieren, auf daß "harte Arbeit und Initiative" das Land in
zwei oder auch vier Jahren aus dem Tunnel führe. So
b e d i e n t e sie sich der Tatsache, daß jede Auseinanderset-
zung in den staatlichen Betrieben eine p o l i t i s c h e ist,
in der Weise, daß sie in einer politischen Offensive - gar nicht
überflüssige - soziale Unruhe sehr gezielt schürte. Mit der Ent-
scheidung, die durch den Streik dem staatlichen Stahlunternehmen
entstehenden Verluste nicht wie bisher durch erneute Zuschüsse
abzufangen, sondern voll auf die Arbeiter abzuwälzen, beförderte
sie nicht nur die Erziehung der Gewerkschaften zu Sozialpartnern,
die einen "selbst-finanzierten" Lohn austüfteln sollten, der sich
mit zunehmender Streikdauer immer schlechter für die Arbeiter ge-
staltete; sondern sie spielte ihnen damit auch die Verantwortung
zu, das Land im Chaos zu lassen bzw. dahinein zu stürzen, falls
sie sich nicht den von ihrer Nicht-Interventions-Politik gesetz-
ten Daten anbequemten.
...statt mangelnder Verantwortlichkeit
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Den Vorwurf mangelnder "Verantwortlichkeit" ließen die Gewerk-
schaften natürlich nicht auf sich sitzen: nicht nur schätzten sie
die Lage realistisch - "die Wirtschaft befindet sich im Augen-
blick in einer Depression" - und den Angriff auf die Arbeits- und
Lebensbedingungen der Arbeiter als unvermeidlich ein: denn
"Modernisierung bedeutet" nun einmal "Wechsel". Sondern sie gaben
ihn schleunigst zurück und erkannten in Mrs. Thatchers "unnötigen
und gefährlichen" Kampagnen die eigentliche Gefahr für England,
was zwar wenig überzeugungskräftig, aber doch deutlich genug die
Anmeldung ihres Wunsches war, die anstehenden Änderungen durch
"Mitsprache" mitverantworten zu wollen.
"Wir haben Mr. Prior immer wieder unsere Bereitschaft verdeut-
licht, mit ihm zu sprechen. Wir wollen immer noch mit der Regie-
rung sprechen."
Doch nicht einmal das wollte Mrs. Thatcher ihnen zugestehen. Sie
war der Meinung, daß bislang erst sie den richtigen Begriff von
Verantwortung habe, weshalb "das Gewicht zuungunsten der Gewerk-
schaftsmacht verschoben" werden müsse, und diese zu einem
"positiveren" Verständnis ihrer Aufgabe finden müßten, bevor sie
sie als "Partner" zu "respektieren" gewillt sei.
Der schmählichen Kränkung ihrer einst so geschätzten Macht begeg-
neten die Gewerkschaften, indem sie keinen Mißbrauch mit ihr
trieben und zur Abwehr des Generalangriffs auf die
A r b e i t e r k l a s s e den Generalstreik zu keinem Augen-
blick auch nur in Erwägung zogen. Vielmehr wollten sie in der Of-
fensive der Regierung nur einen Angriff auf die M a c h t der
Gewerkschaftsbewegung sehen, so daß sie aus der Defensive um die
A n e r k e n n u n g ihrer Macht als einzig vernünftige und für
die Beförderung des nationalen Heils ungemein nützlichen Instanz
rangen - womit sie Mrs. Thatcher entgegenkamen und die Entschei-
dung in ihrem Sinne beförderten.
So entdeckten sie auf Seiten der Regierung unlautere Motive:
"Schottland, Südwales, der Norden und Nordwesten sind von der Re-
gierung abgeschrieben, weil da keine Tory-Stimmen zu holen
sind.",
mangelnden ökonomischen Sachverstand:
"Durch die Anwendung von Milton Friedmans Theorie werden unsere
produktiven Industrien zerstört."
"Mr. Murray (TUC) klagte die Regierung an, die Nordseeeinnahmen
zu verschleudern."
und ungenügend ausgebildete soziale Fähigkeiten:
"Hört auf, euch um eure Verantwortlichkeit zu drücken... beginnt
zu reden, nicht nur mit dem TUC...",
wodurch sie den einst so "guten industrial relations" "Schaden"
antue und das Land in eine "Bananenrepublik" verwandle, die der
"Kolonialisierung" durch gieriges fremdländisches Kapital wehrlos
ausgeliefert sei. Mit der Klarstellung "Wir sind die wahren Pa-
trioten!" räumte man jedoch zugleich ein, daß es auch auf Gewerk-
schaftsseite noch einiges anzupacken gäbe:
"Mr. Murray, der zugestand, daß der TUC verpflichtet sei, sein
Haus in Ordnung zu bringen, sagte nachdrücklich: 'Aber auf unsere
Weise - nicht durch die Regierung!'"
Einseitige Kraftprobe
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Und so eröffnete die "kampfgestählteste", nämlich die Stahlge-
werkschaft (ISTC), den Stahlstreik mit Bedauern und der Beteue-
rung, ihn nicht angezettelt zu haben. Dazu die üblichen großen
Töne, der anderen Seite lässig gewachsen zu sein:
"Es wird ein kurzer und harter Streik werden." (Sirs, Führer der
ISTC),
so daß neben der wirtschaftlichen Vernunft die Macht der Gewerk-
schaft gehörig demonstriert war. Und wenn dann auf der einen
Seite gewisse Sanierungsmaßnahmen als fällig bezeichnet:
"Sirs zeigte Verständnis für das Beharren der British Steel Cor-
poration (BSC), daß ein Großteil der Lohnerhöhungen durch örtlich
differierende Produktivitätsverbesserungen hereingeholt werden
müsse",
auf der anderen Seite das Management als verantwortungslos
(während der Verhandlungen trieb es sich außer Landes rum) und
schlampig (die Planungen müßten einmal gründlich überprüft wer-
den) attackiert wurde, so war klar, daß hier nur von einer Seite
eine bedingungslose Kraftprobe angestellt wurde. Die sonst übli-
che Unterstützung durch andere Gewerkschaften unterblieb diesmal,
weil die Gewerkschaften der totalen Konfrontation von Seiten der
Regierung nicht ebenso frontal begegnen wollten und deshalb auch
keine Anstrengungen unternahmen, die Transportarbeiter und Docker
für einen Streik zu agitieren, dessen Scheitern die schon voraus-
sahen. Immerhin verkündete die nationale Dockergewerkschaft ihre
Solidarität mit den Stahlarbeitern, wobei sie ihren Streikbe-
schluß dummerweise nicht mehr in die Tat umsetzen konnte, weil
die Stahlgewerkschaft tags zuvor den Streik abgeblasen hatte. Der
Kalkulation, dem Ausnützen und Befördern der Spaltung der Stahl-
arbeiter von Seiten der Regierung und der Betriebe setzte die Ge-
werkschaft eher matte Geschütze entgegen:
- Die Weigerung der in einer privaten Stahlfabrik in Sheerness
beschäftigten und daher besser verdienenden Arbeiter, sich am
Streik zu beteiligen, die Material für eine europaweite Presse-
kampagne abgab, beantwortete sie mit dem Ausschluß der
"Rebellen". Der Stimmung unter den Stahlarbeitern trug sie
nichtsdestotrotz Rechnung, indem sie kurz darauf den Streik in
der Privatwirtschaft für beendet erklärte, womit die Einheit ein-
mal anders gestärkt war:
"Sirs sagte, daß es keinen Beweis dafür gäbe, daß die Beendigung
des Streiks im privaten Sektor die Position der Gewerkschaft
schwäche und die der Falken im Kabinett stärke. Da die Stahlar-
beiter der Privatindustrie nun wieder an der Arbeit seien, könne
die Gewerkschaft wieder Beiträge einziehen. Eine Abgabe der Mit-
glieder des privaten Sektors zur Unterstützung des britischen
Stahlstreiks sei noch nicht ausgeschlossen worden."
- Die von BSC durchgeführte Abstimmung, ob die Arbeiter eine Ab-
stimmung über die Beendigung des Stahlstreiks wünschten (a ballot
about a ballot), strafte sie mit Verachtung.
"Unsere Mitglieder sollen sie ignorieren."
Und als sich das Unternehmen mit dem Abstimmungsergebnis (69%
stimmten für eine Urabstimmung) der Gewerkschaft gegenüber ins
Recht gesetzt hatte, wurde dies von ihr als unzulängliche takti-
sche Maßnahme entlarvt:
"Ich glaube, daß jeder Arbeitgeber, der sich auf eine Politik der
Befragung seiuer Arbeitnehmer einläßt, ohne die Gewerkschaften an
der Befragung zu beteiligen, in der Tat sehr unklug ist."
Mit dem Einsetzen eines Schlichtungsausschusses demonstrierte die
Regierung dann, daß die Gewerkschaft ihre Reifeprüfung in Sachen
Partnerschaft noch nicht bestanden hatte:
"Drei Leute mit gutem Willen könnten aus der Situation etwas ma-
chen."
Das Ergebnis des Gremiums, das von der Gewerkschaft zunächst ab-
gelehnt worden war (was sie jedoch nicht daran hinderte, der Re-
gierung "unverantwortliches Handeln" vorzuwerfen, das "dem Land
hunderte Millionen Pfund gekostet" habe, weil sie nicht eher
schon "eine vernünftige Vermittlung im Stahlstreik ernannt"
habe), wurde von ihr als "ehrbares Unentschieden" akzeptiert,
nicht nur weil ein Labour-Abgeordneter die rettende Formel gefun-
den hatte:
"Das Ende des Streiks war unvermeidlich, nachdem Sirs das Schlüs-
selproblem bewältigt hatte, seine Verhandlungspartner davon zu
überzeugen, daß es weise sei, die von Lord Lever entworfene For-
mel zu akzeptieren."
Als dann der große Augenblick der Verkündigung des Ergebnisses
gekommen war, ließ sich Sirs nicht von der häßlichen Begleitmusik
stären (aufgebrachte Streikposten verdroschen Journalisten), son-
dern rechnete den Arbeitern vor, daß der Streik ein Opfer war:
"Er hob hervor, daß mit der Anhebung der Einkommen von 2 auf 11%
alle Streikenden den Beweis haben, daß die Arbeitsunterbrechung
das Opfer wert war.",
was sich gelohnt hat, wenn man sich wie Sirs aufs Hochrechnen
versteht und vor allem den "Stolz auf die Qualitäten, die im Ver-
lauf des Kampfes bei den Arbeitern zum Vorschein kamen", vor Au-
gen führt. Die Niederlage war also ein Erfolg, wenn man bedenkt,
daß "der Streikabschluß eine Kampfentscheidung bedeutet", nämlich
für den "nächsten, wichtigsten Kampf um die Entlassungen" - als
ob die Würfel nicht längst gefallen seien.
Der überholte Klassenkampf
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Das Ergebnis des Stahlstreiks für die Stahlarbeiter waren nämlich
runde 700 Pfund Schulden, so daß sie den "wohlpublizierten Argu-
menten", der Betrieb müsse nun "ums Überleben kämpfen" und die
bis Ende August geplanten 50.000 Entlassungen würden "durch
Streiks nur beschleunigt", aufgeschlossener, d.h. mit einem
"Kampf um die Jobs" gegenüberstehen. Die falsche Einsicht, daß
die Regierungspolitik nicht verhinderbar sei und nur die eine
Seite die Konditionen setzt, hat sich ziemlich breitgemacht, weil
so, wie die Gewerkschaft den Kampf geführt hat, ihn die Arbeiter
sich nicht leisten können. So verfallen sie nicht von ungefähr
auf den Gedanken, es sei vorteilhafter, nicht erst lange zu feil-
schen, und stellen die gewünschten Kalkulationen an: ein Job auch
unter den miesesten Bedingungen ist immer noch besser als keiner,
eine Entlassung mit Abfindung auf jeden Fall besser als ohne -
und ein Streik die sicherste Art und Weise, seine Schulden zu
vermehren. Und nicht nur das: der Streik hat bei den Arbeitern
die "Stimmung" verstärkt, sich g e g e n Anforderungen von Sei-
ten der Gewerkschaft zur Wehr zu setzen - sei es, da man Shop
Stewards für zu mächtig hält, sei es, daß man Streikaufrufe nicht
mehr befolgt. Der Verbreitung der Auffassung, daß man sich sein
Brot schon "verdienen", d.h gegen die anderen Arbeiter konkurrie-
ren müsse, wurde so durch den Stahlstreik ebenso nachgeholfen wie
jener, daß einem dabei die Gewerkschaft hinderlich sei, weshalb
Aktivitäten für den Erhalt oder die Stärkung der Gewerkschaften
von immer mehr Briten als überflüssig oder auch schädlich angese-
hen werden, wenn man nicht gar Aktionen gegen die Gewerkschaft
begrüßt oder unterstützt. So ist an dem Spruch,
"Die Arbeitslosigkeit bedeutet eine wirkliche Schwächung der Ge-
werkschaftsbewegung. Das ist der Grund, warum der TUC die totale
Konfrontation scheute."
nur soviel wahr, daß die Gewerkschaft durch ihre Kampfführung die
Arbeitslosigkeit zum Grund für die Arbeiter gemacht hat, sich das
Kämpfen zweimal zu überlegen, wenn die Regierung sie damit und
mit anderen für das Wachstum des Kapitals unabdingbaren Bedingun-
gen erpreßt.
Es findet also gegenwärtig in England nicht einfach eine der un-
umgänglichen und sattsam bekannten Auseinandersetzungen zwischen
Kapital und Arbeit statt, sondern - und das haben die Kommentato-
ren hierzulande ebenso wie die Beteiligten dort drüben sehr wohl
bemerkt - eine prinzipielle Auseinandersetzung um die nationalen
Bedingungen der Ausbeutung. So wie sie geführt wird, kann man
Margaret Thatcher nur gratulieren. Allerdings ist es nicht ihre
Leistung allein, sondern das gemeinsame Werk der Kapitalisten,
die sich endlich bessere Bedingungen für ihre immergleiche Kalku-
lation verschaffen wollen; der Gewerkschaft, die sich angesichts
der Erpressungen als TUC ihre Mitsprache, als konkurrierende Ein-
zelgewerkschaft ihre jeweilige Macht sichern und als Shop Ste-
wards ihr Gewerkschaftsmonopol im Betrieb erhalten wollen; und
einer Basis, die sich im Streit zwischen Streikbefürwortern und
-gegnern, Gewerkschaftsgetreuen und -enttäuschten mühsam zu dem
Standpunkt durchringt, daß der Kampf um die Erhaltung ihrer alten
Konkurrenzbedingungen vergeblich ist und man sich deshalb konkur-
rierend um die Ausnutzung der neuen bemühen müsse. Wer sich aber
immer noch über den ü b e r h o l t e n K l a s s e n k a m p f
dort drüben mokieren möchte, der hat natürlich auch weiterhin
recht: daß er überhaupt noch als prinzipieller Streit von
b e i d e n Seiten geführt wird, das gehört hier wirklich der
Vergangenheit an.
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