Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND ALLGEMEIN - Im Dienste ihrer Majestät
zurück
Großbritannien
DAS ENDE DER ENGLISCHEN KRANKHEIT
Klassenkampf wird heute auch in Großbritannien offensichtlich nur
noch von oben geführt: Als bundesdeutsche Zeitungen den Beginn
des Streiks im staatlichen Automobilkonzern British Leyland mel-
deten, war er schon wieder beendet - mit dem Angebot des Unter-
nehmens als Abschluß. Grassierten früher Zahlen über streikbe-
dingte Produktionsausfälle als "englische Krankheit" zwecks De-
monstration der Lüge, ausgerechnet der Kampf gegen Kapital und
Staat bringe proletarisches Elend hervor, so goutiert man heute
hämisch, daß britische Arbeiter aufgrund ihres
"selbstverschuldeten" Elends nicht mal mehr gegen die
"notwendigen Grausamkeiten" von Regierung und Industrie kämpfen
"können".
Wenn es auch idiotisch ist, das Elend zum G r u n d dafür zu
erklären, daß es nicht abgeschafft wird - eine B e d i n g u n g
dafür, daß die britischen Arbeiter sich ihm fügen, ist die seit
Jahren planmäßig und seit Thatcher auch ohne Zurschaustellung ei-
nes sozialen Gewissens betriebene Verelendung der arbeitenden
Klasse durchaus.
Klassenkampf von oben
---------------------
Daß die Ausbeutung der Arbeiter das Mittel der Gesundung der bri-
tischen Nation ist, wird frank und frei verkündet; die konserva-
tive Regierung propagiert die massiven Lohnsenkungen gar nicht
mehr als notwendige Opfer für späteren Wohlstand (so Labour mit
Social Contract), sondern erklärt die "Beseitigung überzogener
Lohnansprüche" zum langfristigen Ziel ihrer Wirtschaftspolitik.
Aufregung über die ständig steigenden Arbeitslosenzahlen gibt es
nur auf Gewerkschafts- und Labourparteitagen, während die Tory-
Regierung mit der wöchentlichen Veröffentlichung nicht nur kein
Problem hat, sondern die Ausstellungen massiv befördert und mit
laufenden Prognosen über weitere Entlassungsabsichten den Ar-
beitskampf effektiv gegen die Gewerkschaften führt. So hat der
Staat bei British Leyland seit 1977 2,3 Mrd. Pfund investiert mit
dem Ergebnis, daß der "Personalstand um etwa 40% auf 124000"
(Süddeutsche Zeitung) gesenkt und die Produktivität um 40% ge-
steigert worden ist. (Der SZ scheint deshalb die "Staatshilfe
nicht völlig sinnlos" gewesen zu sein.) Die ständige Drohung mit
Entlassung durch laufende Stillegungen hat die Kampfbereitschaft
der Levlandarbeiter so gedämpft, daß der Firma nicht mehr wie
früher 25% der Produktion, sondern nur noch 1,5% ausgefallen
sind. Als im letzten Disput die Gewerkschaften das 3,8%-Lohnsen-
kungsangebot (bei 12% Inflation) mit einer 17,5%-Forderung kon-
terten, drohten Management und Regierung ("Wir mischen uns nicht
ein; wir stehen voll hinter dem Management" - Thatcher) kurzer-
hand mit der Entlassung der restlichen Belegschaft. Daß jedoch
mit dem nach eintägigem Streik ausgehandelten Ergebnis weiter
recht einseitig an der Lohnleistungsschraube gedreht wird (3,8%
mehr Lohn plus ein garantiertes Minimum der P r o d u k t i-
v i t ä t s zulagen von wöchentlich 3,75 Pfund), liegt - wie auch
die sofortige Ankündigung der Entlassung einiger tausend
Leylandarbeiter zeigt - nicht bloß an der entschlossenen
Kampfbereitschaft des Klassenfeindes.
Kampf um den Job
----------------
Denn die Kampfbereitschaft, die britische Proleten früher an den
Tag legten und die ihnen wegen der Rücksichtslosigkeit gegen das
Kapital bei hiesigen Linken den Ruf revolutionärer Entschlossen-
heit eingebracht hatte, hatte nicht einfach die Erleichterung und
Verbesserung des Arbeiterlebens zum Ziel. Die gewerkschaftliche
Organisierung nach Berufsständen ist formeller Ausdruck der Fi-
xierung englischer Proleten auf ihren Beruf, den das Kapital ih-
nen zugeteilt hat, als Mittel ihrer Existenz so sehr, daß sie
auch dann an ihm noch als ihnen zustehende Existenzform festhal-
ten, wenn er ihnen nur noch Almosen beschert, wie dem "Heizer auf
der E-Lok", der bis zur Verrentung als unbeschäftigter Heizer
mitfahren "durfte", ohne jedoch aus seiner überflüssigen Tätig-
keit je einen weiteren Penny herausschlagen zu können. Mit der
beständigen Rechtfertigung jeder Forderung aus der jeweiligen be-
rufsbornierten Besonderheit im Vergleich zu anderen maßen sich
die Arbeiter am Bedarf des Kapitals und machten sich so zum be-
wußtlosen Mittel der Herstellung der jeweils aktuellen Hierarchie
der Berufe. Außer vielen Streiktagen, wenig oder gar kein Streik-
geld, aber viel Stolz auf die Bedeutung des eigenen Berufs (als
Bergarbeiter, Feuerwehrmann, Müllarbeiter), die einem in der
Hetzkampagne der Bourgeoisie gegen die Streikschäden so schön vor
Augen geführt wurde, hat die britische Streiklust den Arbeitern
nicht viel eingebracht, weil die Benutzung der Gewerkschaft als
Mittel der Konkurrenz der Proleten untereinander etwas anderes
ist als ihr effektiver Einsatz gegen das Kapital für mehr Ar-
beitslohn. Schlimmer: Wo das Proletariat sich so von den Tätig-
keiten abhängig macht, die das Kapital schafft, verändert und be-
seitigt, schaut es dumm aus der Wäsche, wenn wie in England zum
Generalangriff auf "überholte Strukturen" geblasen wird und ganze
Berufs- und Industriezweige überflüssig gemacht werden. Während
in Zeiten des kapitalistischen Aufschwungs unter der Parole des
gerechten Lohns auch mal ein paar Pfund mehr heraussprangen, wid-
met sich der berufsbornierte Kampf in Zeiten der gezielten Ar-
beitslosigkeit weniger der Stellung des Berufs im Vergleich zu
den anderen - er konzentriert sich ganz und gar auf die Erhaltung
des Berufs überhaupt, den man nicht durch Kampfmaßnahmen gefähr-
den will. Das gilt für den einzelnen Arbeiter, der im Falle der
Arbeitslosigkeit mit 43% seines Einkommens auskommen muß, wenn er
verheiratet ist (dem Ledigen bleiben gerade 30% oder maximal 616
DM pro Monat), ebenso wie für ganze Belegschaften, die den Ver-
trauensleuten (shop stewards) die Gefolgschaft verweigern (im
Leyland-Streik haben die einzelnen Belegschaften den "Kompromiß"
angenommen, den die shop stewards nicht akzeptieren wollten).
Auch die zweite Sorte britischer Arbeitskämpfe unterliegt dieser
konjunkturellen Dämpfung. Die Konkurrenz der Einzelgewerkschaften
war früher immer dann aufgehoben worden, wenn es galt, die Grund-
lage dieser Konkurrenz zu erhalten; für das Recht einer Gewerk-
schaft auf ihren closed shop etwa sind früher wochenlange Solida-
ritätsstreiks geführt worden. 1980 endete der Streik der in der
staatlichen Stahlindustrie beschäftigten Arbeiter in einer Nie-
derlage, weil der Appell, die Beschäftigten der privaten Stahl-
werke und die Hafenarbeiter, die ausländischen Stahl löschen,
möchten die Ausgleichslieferungen verweigern, auf taube Ohren
stieß. Auf der Grundlage der Berufsgewerkschaften wird in Zeiten
der Arbeitslosigkeit der Kampf um die Erhaltung des Arbeitsplat-
zes mit der Kalkulation geführt, daß der Kampf für den Arbeits-
platz der anderen den eigenen gefährden könnte, weshalb die Un-
terlassung von Solidaritätsaktionen als geeignetes "Kampfmittel"
erscheint, womit die Entscheidung über die rationelle Vernichtung
von Arbeitsplätzen ganz der Kalkulation des Kapitals überlassen
bleibt, welches davon kräftig Gebrauch macht und die Arbeit für
die Hinterbliebenen schwungvoll vermehrt. Denjenigen, die ihren
Arbeitsplatz gar nicht mehr als Kampfmittel einsetzen können,
weil sie keinen mehr haben, verschaffen Gewerkschaftsdachverband
(TUC) und Labourpartei Bewegung, indem sie sie zu einem
"Volksmarsch für Arbeitsplätze" von Liverpool nach London organi-
sieren, wo sie der Öffentlichkeit demonstrieren dürfen, wieviele
kräftige Hände an der Rettung Großbritanniens gehindert werden.
Staatliche Bereicherung
-----------------------
Die Regierung zeigt sich von solchen Märschen wenig beeindruckt.
Sie sieht sich allenfalls in ihrem Bemühen bestätigt, neben den
Unternehmern auch den Arbeitslosen "zusätzliche finanzielle An-
reize zur Jobsuche zu verschaffen" (Thatcher). Die Leistungen für
Arbeitslose, die die "Süddeutsche Zeitung" zu einem Vergleich mit
1936 veranlassen -
"Diät für den typischen Arbeitslosen...: Tee, Brot und Margarine
oder mit Bratfett gebratenes Brot zum Frühstück, Hackfleisch,
Reis und Wurzelgemüse zum Mittag und Brot, Käse und Kakao zum
Abendbrot. Der elektrische Heizofen durfte... nur zwei Stunden
pro Tag angeschaltet werden. Und selbst die Flucht ins wärmere
Kino war dem Arbeitslosen nur einmal alle 6 Wochen vergönnt." -,
sollen 1982 weiter gesenkt werden. Nichtsdestotrotz bleiben die
Kosten für die Arbeitslosen ein staatliches Argument, auch allen
anderen kräftig in die Tasche zu greifen. Schließlich "rechnet"
man für 1983 mit 3,5 Mio. Arbeitslosen. Das neue "Sparprogramm"
des Schatzkanzlers zeichnet sich deshalb dadurch aus, daß es die
in Großbritannien bisher aus den Steuern der Arbeiter finanzier-
ten Ausgaben für soziale und medizinische Versorgung radikal zu-
sammenstreicht und den Proleten empfiehlt, sich staatlich, privat
oder gewerkschaftlich zu versichern. Die Steuern, die den Prole-
ten bisher im Namen ihrer Gesundheit - abgeknöpft wurden, stehen
so zur freien Verfügung. (Hierzulande läuft das unter dem Titel -
"Ersatz" der "kostenlosen" Versorgung durch ein "System der Ver-
sicherung nach kontinentalem Vorbild" - auch ein Eingeständnis!)
Auf der Ausgabenseite gibt es zwei Sorten, die sich schon rein
rechnerisch unterscheiden: Die Anpassung von Arbeitslosengeldern,
Renten usw. an die Inflationsrate wird ausgesetzt (d.h. Rentner
und Arbeitslose haben sich an die Inflationsrate anzupassen) -
die Kreditgrenze der Staatsbetriebe und die Verteidigungsausgaben
werden in r e a l e n (d.h. der Inflation anzupassenden) fixen
Größen angegeben.
Verrechtung des Arbeitskampfes
------------------------------
Dieser trostlosen materiellen Basis verpaßt die Regierung den
entsprechenden rechtlichen Überbau, nicht weil sie deren Bedro-
hung seitens der Betroffenen fürchten müßte, sondern weil sie die
Gelegenheit wahrnimmt, ein altes Kampfprogramm der Konservativen
unter günstigen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen endlich
in die Tat umzusetzen. Noch in den siebziger Jahren hatten die
Gewerkschaften die Regierung Heath zu Fall gebracht, weil sie Ar-
beitsgesetze einbrachte, die heute in verschärfter Form durchge-
setzt werden und die Disziplinierung des britischen Proletariats
formell zum Abschluß bringen. So definiert der Employment Act von
1980 die Legalität von Kampfmaßnahmen und erklärt damit eine
ganze Reihe davon für r e c h t s w i d r i g: Er verpflichtet
die britischen Gewerkschaften auf ihre Beschränktheit, indem er
ihnen verbietet, mit der Ausdehnung von Streikaktionen auf andere
Abteilungen oder Unternehmen (secondary picketing) und durch
Solidaritätsstreik (sympathy actions) das Kapital an
empfindlicher Stelle zu treffen. Um die verbleibenden Streiks in
die Schranken sehr breiter Unzufriedenheit zu verweisen, entdeckt
der Arbeitsminister Tebbit die geheime Urabstimmung der
Gewerkschaftsmitglieder als demokratische Waffe zur Begrenzung
von Kampfmaßnahmen, weil er darauf spekuliert, daß die Proleten -
getrennt von ihrer Gewerkschaft - mäßigend auf die
Gewerkschaftsführer wirken. Dieses Recht ergänzt er durch das
Recht, die Abstimmung vom Staat finanzieren zu lassen. Damit
davon auch der rechte Gebrauch gemacht wird, erlaubt er den
Unternehmern, Streikende pauschal zu entlassen. Für die
Überwachung der ordnungsgemäßen Abwicklung der so beschränkten
Tarifauseinandersetzungen werden die Gewerkschaften
verantwortlich gemacht, indem ihre Immunität beseitigt und die
finanzielle Haftung der Gewerkschaftskasse für Folgen illegaler
Streikaktionen eingeführt wird. Begleitet wird diese Festlegung
auf die berufsbeschränkte Organisation von der Aushöhlung der ihr
entsprechenden Organisationsformen: Die schrittweise Beseitigung
der 'union-only contracts' (kommerzielle Verträge, die die
Klausel beinhalten, daß nur Gewerkschaftsmitglieder bei der
Ausführung beschäftigt werden dürfen); und die Einschränkung der
closed shops (nur Mitglieder bestimmter Gewerkschaften dürfen in
einem bestimmten Betrieb oder einer Abteilung beschäftigt werden)
durch die Einführung periodischer Abstimmungen über die Auf-
rechterhaltung oder Neueinführung solcher 'shops' soll gewerk-
schaftliche Fesseln für Profit und Produktivität beseitigen, die
z.B. darin bestehen, daß die Unternehmensleitung über Veränderun-
gen in den Arbeitsbedingungen mit den shop stewards verhandeln
muß, deren Macht umso größer ist, je mehr gewerkschaftlich orga-
nisierte Mitglieder sie hinter sich haben.
Politik statt Lohn
------------------
Die Arbeitsteilung der britischen Gewerkschaften - die Einzelge-
werkschaften betreiben den ökonomischen Kampf, der Dachverband
(TUC) kümmert sich in enger Zusammenarbeit mit der Labourpartei
um "politische Bedingungen" - bringt es mit sich, daß mit dem
Niedergang der Einzelgewerkschaften (1 Mio. Austritte in den
letzten Jahren immer öfter muß der damit verbundene Beitragsrück-
gang als jämmerliche Legitimation für die Zurückhaltung bei Ar-
beitskämpfen herhalten: statt Streikgelder zahlen die Unions lie-
ber ein "Komitee der Gewerkschaften für einen Sieg der Labourpar-
tei"!) die Bedeutung des Zentralverbands wächst, zunächst einfach
deshalb, weil er inzwischen das "lauteste" Organ des britischen
Proletariats ist, wo es ansonsten recht ruhig geworden ist. Sein
im wesentlichen unverändertes Programm erhält allein schon dar-
über mehr Gewicht, daß ein gewerkschaftlicher Kampf auf betrieb-
licher Ebene kaum noch - auf keinen Fall in altbekannter engli-
scher Rücksichtslosigkeit - stattfindet. Befriedigt fragt die
"Times":
"Haben die rauhen, aber gesunden Winde des Thatcherismus bei den
Gewerkschaften einen willkommenen Anfall von Vernünftigkeit aus-
gelöst?"
Diesen relativen Bedeutungszuwachs nutzen TUC-Funktionäre wie Len
Murray, um sich als "Stimme der Vernunft" in betriebliche Kon-
flikte einzumischen und sich als Streikdämpfer zu bewähren. Es
waren TUC-Vertreter, die gegen die shop stewards für den Abbruch
des Leyland-Streiks agitierten: Das Angebot sei besser als
nichts, ein längerer Streik brächte auch nicht mehr. Und über-
haupt: Ein Abbruch des Streiks ermögliche neue Beziehungen mit
dem Management (das immerhin zum vierten Mal hintereinander einen
"Sieg ", d.h. erhebliche Lohnkostensenkungen verbuchte, wie die
"Times" triumphierend kommentierte). Und auf Anerkennung durch
Kapital und Staat kommt es dem TUC an. Deshalb bringt er sich bei
jeder Gelegenheit als wahrer Retter der britischen Industrie ein,
der an seiner nationalen Aufgabe nicht durch "hartnäckige" und
"destruktive" Manager und eine falsche Regierung behindert werden
möchte:
"Das BL-Management muß nun die Chance ergreifen, die ihm geboten
wurde, das Vertrauen der Arbeiterschaft wieder aufzubauen, ohne
das der Betrieb nie Erfolg haben wird." (Len Murray, Präsident
des TUC)
Die fehlenden Kämpfe gegen die ökonomischen und politischen An-
griffe von Staat und Kapital kompensierten die Unions auf ihrem
Gewerkschaftskongreß durch markige Sprüche und Beschlüsse gegen
die Wirtschafts- und Gewerkschaftspolitik der Tory-Regierung, die
mit ihren Arbeitsgesetzen "ein funktionierendes System der Tarif-
partner" zerstöre und mit Arbeitslosigkeit und Lebensstandardsen-
kung ausgerechnet Großbritanniens Größe ruiniere, um deretwillen
Margaret Thatcher die Briten zum Schuften und Darben anhält.
Nicht gegen die Politik, sondern gegen die Regierung wendet sich
der TUC, weil er sich von einer Labour-Regierung mehr Berücksich-
tigung in einer "konzertierten Aktion" verspricht. Unter dem TOP
"Lohn, Ökonomie" verabschiedete der TUC einen Antrag, der "die
Bedeutung einer Strategie anerkannte, die auf Partnerschaft zwi-
schen Regierung, Industrie und Gewerkschaften basiert."
Dabei war es wohl die Erfahnng, daß solcherart "soziale Verträge"
mit der eigenen (weil Labour-)Regierung den Proleten nur
Lohn r e s t r i k t i o n e n bringen, die die Delegierten ver-
anlaßte, am selben Tag auch noch Lohnrestriktionsabsprachen zu-
rückzuweisen. Aber solche Absprachen haben sich auch früher mit
dem Ideal vereinbaren lassen, daß sie wenigstens in der Zukunft
der Lohntüte wohl täten. Einer Regierung, die Tag für Tag die un-
genützten Arbeitskräfte theoretisch und praktisch gegen die sich
unmittelbar nützlich Machenden zum Einsatz bringt und beider Ko-
sten laufend senkt, machen die "nationalen Offiziere der Arbei-
terbewegung" den Vorwurf sie vernachlässige die - Ressourcen der
Nation, und verweisen auf die Fähigkeit und Willigkeit der von
ihnen Vertretenen, die man nur mit den Millionen des Nordseeöls
verbinden müsse, um Großbritannien wieder zu dem zu machen, was
es war. Das Vorhaben, das Nordseeöl zu privatisieren, wertet der
TUC deshalb auch als "Verbrechen gegen die Lebensinteressen der
Nation"; schließlich möchte er noch viel mehr staatliche Unter-
nehmungen, deren Manager den Proleten die Lohnsenkungsangebote
wenigstens nicht wie "King Edwards" von BL als "Take-it-or-leave-
it-Diktat " servieren, weil sie unter der Labourfuchtel stehen.
Zum Zweck der Demonstration der Souveränität der Arbeiterbewegung
haben dann auch die TUC-Vertreter, die den allgemeinen Leyland-
Streik beendet haben, den vierwöchigen "Teepausenstreik" im Ley-
landwerk von Longbridge kräftig unterstützt, mit dem Ergebnis,
daß die Nachtschicht von 38 auf 39 Stunden erhöht, die Bandge-
schwindigkeit gesteigert, die Pausen für Bandarbeiter um 5 1/2
Minuten, die der übrigen Arbeiter (7000) um 12 Minuten gekürzt
wurden. Für die G e w e r k s c h a f t ein annehmbares Ergeb-
nis: Immerhin sollten ursprünglich a l l e 12 Minuten weniger
Tee trinken? Die Proleten haben zwei Stunden gebuht und gepfif-
fen. Aber da sie die Gewerkschaftsunterhändler gewähren ließen,
bleibt ihnen nur die "Bitterkeit", daß ein "Streik, der seinen
Ausgangspunkt in Arbeitszeitverkürzungsbestrebungen hatte, für
einige Arbeiter das Gegenteil gebracht hat." (Guardian)
(Eine ausführliche Analyse der englischen Gewerkschaften enthält
die MSZ Nr. 22 / 24. April 1978)
***
"Noch größerer Mangel herrschte unter den untersuchten städti-
schen Arbeiterkategorien. Sie sind so schlecht genährt, daß viele
Fälle grausamer und gesundheitsruinierender Entbehrung vorkommen
müssen." (Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, S. 685)
"Kinder müssen aus Geldmangel der Eltern regelmäßig Mahlzeiten
auslassen. In vielen Fällen können Kinder nicht zur Schule gehen,
weil sie nichts anzuziehen haben." (The Times, "Living from hand
to mouth", Oktober 1981)
"Der Pauperismus bildet das Invalidenhaus der aktiven Arbeiterar-
mee und das tote Gewicht der industriellen Reservearmee. Er ge-
hört zu den faux frais der kapitialistischen Produktion, die das
Kapital jedoch großenteils von sich auf die Schultern der Arbei-
terklasse zu wälzen weiß." (Karl Marx, op. cit., S. 673)
***
Anschauliche Drohungen
----------------------
In der BRD darf ein hängebackiger Bundesarbeitsanstaltspräsident
Woche für Woche in mehreren Programmen die Zahlen zur
"Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt" verlesen, um so in wissen-
schaftlich-statistischer Sachlichkeit zum Ausdruck zu bringen,
daß Aus- und Einstellungen von Proleten zum ganz normalen Ge-
schäftsgang einer Marktwirtschaft gehören, leicht modifiziert von
saisonalen, sektoralen und personalen Schwankungen. Im englischen
Fernsehen tritt eine Dame ebenfalls wöchentlich vor eine große
Karte des Königsreichs und deutet mit einem Stock genau auf die
Stelle, wo es wieder einige hundert oder tausend erwischt hat.
Der Geschäftsort der Firma fängt dann an zu blinken. Am Ende der
Vorstellung blinkt's dann auf der ganzen Insel, als hätten über-
all Jobkillergranaten eingeschlagen und jeder Zuschauer kann so
richtig zufrieden sein, daß er noch einen Job hat, wo die "Axt"
der Arbeitslosigkeit doch um ihn herum "eingeschlagen" hat, wie
die Times sich in ihren Stillegungsstatistiken auszudrücken
pflegt:
"Where the axe has already fallen... Still to come"
Unter den beiden Rubriken werden dann minutiös Daten, Orte und
Jobs registriert, die da abgehackt worden sind und noch werden.
Als ob ein blind wütendes Schicksal, das jeden treffen kann, über
Gottes auserwählter Nation wüten würde!
zurück