Quelle: Archiv MG - EUROPA ENGLAND ALLGEMEIN - Im Dienste ihrer Majestät
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EIN AUSSICHTSLOSER KAMPF?
Während Scargill verkündet, die Streiks hätten "einen Klassen-
kampf gegen die Herrschenden in Großbritannien entfesselt", be-
treibt die andere Seite ihre Hetze recht gelassen weiter. Mehr
Gewicht als die Beschwörung des Schadens für Englands Gesundung
hat die stereotyp wiederholte Prognostizierung der Niederlage der
Gewerkschaften:
"Mr. Scargill scheint einer weiteren schmählichen Niederlage ent-
gegenzusteuern." (Guardian)
"Die Bergarbeitergewerkschaft kann den Streik nicht 'gewinnen',
selbst wenn es ihr gelingt, diejenigen ihrer Mitglieder, die ar-
beiten wollen, an der Arbeit zu hindern." (Financial Times)
Für den Nachweis der Richtigkeit dieser Einschätzung werden Koh-
lenhalden (in Tonnen) gegen Gewerkschaftsgelder (in Pfund), Poli-
zeieinheiten gegen Arbeiter abgewogen. Leider ist die Sicherheit
des Feindes nicht bloße Taktik.
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Die Verweigerung der Urabstimmung verdankte sich nämlich der be-
gründeten Sorge, eine Abstimmung in der gesamten Kohleindustrie
zu verlieren. Dreimal innerhalb der letzten zwei Jahre hat die
"Basis" Scargills Kampfaufrufe zurückgewiesen. Mit der Eröffnung
der Streiks in den radikalen Bezirken und ihrer Ausdehnung auf
die Arbeitswilligen wollte Scargill dem Mangel an Kampfbereit-
schaft abhelfen. Mit der ganz offenen Spekulation darauf, daß der
Einsatz von Polizeiknüppeln gegen Kumpelköpfe solidaritätsför-
dernd wirke. Es spricht nicht für die arbeitswilligen Bergarbei-
ter, daß erst eingelochte, verletzte und ein toter Streikposten
den Höhepunkt der Stillegungen bewirkte (drei Viertel der Pütts).
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Mit der Solidarität derer, die nicht unmittelbar betroffen sind,
ist es nämlich nicht weit her. Auch in England gibt es nämlich
Arbeiter, die ihr Heil lieber in der Arbeit suchen, weil ihre
Entlassung nicht ansteht. Solche Arbeiter betätigen sich als
Streikbrecher.
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Diesen kommt eine Gewerkschaftsstrategie entgegen, die sich den
Kampf um Arbeitsplätze auf die Fahnen schreibt. Wenn Scargill
verkündet, "Stillegungen sind kein Verhandlungsthema!", liest die
Öffentlichkeit darin nur die Verweigerung, nicht aber das Ange-
bot, über manches andere zu reden. Wer von Staat und Kapital doch
wieder Arbeit verlangt, will eben doch nicht mit den Sitten der
Lohnarbeit brechen, welche diese Instanzen verordnen. Solange die
Lohnarbeit unbestrittene Grundlage gewerkschaftlichen Kampfes
bleibt, hat er immer wieder mit Leuten zu kämpfen, die sich lie-
ber auf die Angebote des "Arbeitsmarktes" verlassen wollen.
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Um der Arbeitsplätze willen haben die Bergarbeiter schon jah-
relang Rationalisierungen, Entlassungen und Lohnsenkungen akzep-
tiert und so fleißig die Halden geschaffen, die ihnen jetzt den
Kampf so schwer machen. Die erfolgreiche Sanierung der Gruben
macht immer weitere Arbeiter überflüssig.
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Die Gewerkschaft hat dagegen offenbar nichts unternommen,
schließlich ging es ihr ja auch um Arbeitsplätze - um britische
Arbeitsplätze. Dem Programm der Sanierung der britischen Kohlein-
dustrie hat Scargill sein eigenes, "arbeiterfreundliches" entge-
gengestellt. Verschwendung von Ressourcen und mangelhafte staat-
liche Unterstützung im Vergleich zur BRD z.B. hat er der Regie-
rung vorgeworfen und ausgerechnet, daß britische Kohle eigentlich
weltweit am billigsten ausgebuddelt wird.
Für die Forderung: "Der einzige Grund für eine Zechenstillegung
ist der, daß keine Kohle mehr drin ist." - hat er den offiziellen
Segen der Kirche gekriegt. Wer Import von Billigkohle für einen
"Anschlag auf die britische Arbeiterklasse" hält, kämpft verkehrt
um die Interessen von A r b e i t e r n, weil er sie durch kor-
rekte b r i t i s c h e W i r t s c h a f t s p o l i t i k
erfüllt haben will. Und die ist ohne den Fleiß und die Billigkeit
der Arbeit nicht zu haben. Von der 23%-Lohn-Forderung ist be-
zeichnenderweise seit Streikbeginn nicht mehr die Rede. Für den
Lohnkampf war der Streik ja auch gar nicht gedacht, dafür sollte
es schon die Weigerung, Überstunden zu leisten, tun: Der Kampf
begann erst mit der Ankündigung der Stillegungen. Weil der Kampf
darauf abzielt, das Heil der Arbeiter durch die Berichtigung der
n a t i o n a l e n L i n i e zu erzwingen, ist auch der Radi-
kalismus für die Bergleute nur von begrenztem Nutzen. Was hilft
es, die Tory-Regierung "in die Knie zu zwingen", um sich dann von
einer Labour-Regierung von den nationalen Notwendigkeiten
"überzeugen" zu lassen. Und Scargill macht kein Geheimnis daraus,
daß er mit seinem alternativen Konzept zur Sanierung der briti-
schen Wirtschaft gegen die konservative Regierung konkurriert;
der p a r l a m e n t a r i s c h e W e c h s e l ist sein
Kampfprogramm. Im Gegensatz zu früher lassen sich britische Pro-
leten d a f ü r nicht mehr zum Kampf einfach abkommandieren.
Schließlich haben sie auch mit Labour ihre Erfahrungen gemacht.
So bringt auch in Großbritannien staatsbürgerlicher "Realismus"
den Kampf von Arbeitern um seinen Erfolg.
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