Quelle: Archiv MG - EUROPA EG - Vom Euro-Imperialismus


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       Das sozialistische Lager
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       I. Der Geburtsfehler: nationaler Kommunismus
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       "Das Prinzip  des sozialistischen  Internationalismus wurde durch
       Marx und  Engels wissenschaftlich  begründet und  in der Klassen-
       kampflosung zusammengefaßt:  'Proletarier aller Länder, vereinigt
       euch!'"
       "Im Sozialismus  erwachen die  Nationen zu neuem schöneren Leben,
       erreichen sie  Vollendung... Die  nationalen Unterschiede verrin-
       gern sich  immer mehr,  bis sich  die Nation als Entwicklungsform
       der bürgerlichen Gesellschaft endgültig überlebt und nur noch die
       universelle  kommunistische   Gesellschaft  existiert...   'Volle
       Gleichberechtigung der  Nationen; Selbstbestimmungsrecht  der Na-
       tionen; Verschmelzung  der Arbeiter aller Nationen...' (Lenin 20,
       460)..." ("Sozialistischer  Internationalismus", "Nation", Philo-
       sophisches Wörterbuch, Klaus Buhr, Berlin 1969)
       
       Der Ostblock  ist eine  Gründung der  Sowjetunion. Ihre militäri-
       schen Erfolge  im Kriegsbündnis  gegen Hitler  hat die  Regierung
       Stalin als  Gelegenheit betrachtet, in Osteuropa und auf dem Bal-
       kan befreundete  Staaten einzurichten.  Eine Annexion  hat  nicht
       stattgefunden, auch  wenn dieses  Verbrechen von  alten und neuen
       Feinden den  Russen immer  wieder  zur  Last  gelegt  wird.  Eine
       "Verschmelzung der  Arbeiter aller  Nationen" fand  nicht  statt,
       wohl aber  Staatsgründungen, die  den überkommenen  Nationalismen
       Tribut zollten. Entstanden sind nationale Souveräne, mit Grenzen,
       Pässen für  das Volk  und einer Miliz, vor der sich auch marodie-
       rende russische  Soldaten zu  verantworten haben.  Insofern wurde
       den Machern in den "Satellitenstaaten" ein Befreiungsprogramm ih-
       rer Nation aufoktroyiert.
       Die Linie,  nach der  in den  wiederbelebten Nationen regiert und
       aufgebaut werden  sollte, bereitete  denen im Kreml kein Kopfzer-
       brechen. An  die Herrschaft  der  befreundeten  Nationen  sollten
       "fortschrittliche Kräfte"  kommen, und  zwar in  einem  möglichst
       breiten Bündnis.  Für diese aus historischen Erfahrungen abgelei-
       tete Notwendigkeit  ließen sich in den Völkern genügend Vertreter
       finden, die  das neue Staatsleben in die Hand nahmen. Die Gegner-
       schaft, auf die das neue Staatsprogramm hier und dort traf, hielt
       sich in Grenzen, da die Gemüter noch ziemlich von den Erfahrungen
       des antifaschistischen  Kampfes okkupiert  waren. Die  Wiederher-
       stellung der Nation, die Sammlung ihrer Kräfte hielt auch mancher
       bürgerliche Nationalist  für das  Gebot der  Stunde, und die Rote
       Armee genoß  allemal ein  höheres Ansehen  als die Kollaborateure
       aus den Tagen des Krieges.
       Andererseits stand  für die mit einem neuen Staatswesen bedachten
       Nationalisten damit  noch lange  nicht fest, daß für ihre Politik
       nun das feste Bündnis mit der Sowjetunion in allen möglichen Fra-
       gen als  oberster Leitfaden  zu gelten  hatte. Darauf aber kam es
       dem Kreml  schon ein  bißchen an, zumal die westlichen Alliierten
       eine Truman-Doktrin  erfunden hatten.  Die dem ehemaligen Kriegs-
       partner zugestandene  Einflußsphäre (kranke  Männer in  Jalta von
       Stalin über  den Löffel balbiert) wurde offiziell zur weltpoliti-
       schen Streitfrage  erklärt, als weltpolitisches Unrecht definiert
       sowie als  unerträgliche "kommunistische Expansion" gegeißelt. Um
       da nichts  anbrennen zu lassen, um den lizenzierten Nationalismus
       am Weg in die andere Einflußsphäre zu hindern, steckte Moskau die
       Grenzen der gewünschten nationalen Betätigung etwas enger ab. Die
       nationalen kommunistischen  Parteien, denen  von sich  aus an der
       Nachahmung des  sowjetischen Vorbilds  und am  Schulterschluß mit
       Lenins Erben etwas gelegen war, bekamen den Zuschlag. So ist dann
       doch etwas  mehr daraus geworden als ein paar neue Nationalhymnen
       und Fahnen  und Parlamente.  Die Umwälzung  der Eigentumsverhält-
       nisse, die Veränderung der Produktionsweise fand auch noch statt.
       Die seitdem  anhaltende Empörung  der bürgerlichen  Welt: die So-
       wjetunion hätte  den anderen Völkern mit Gewalt ihr System aufge-
       zwungen, ist  ein bißchen  verlogen. Über Produktionsverhältnisse
       ist noch  nie per  Volksabstimmung entschieden worden. Daß dieser
       Sachverhalt in der westlichen Einflußzone weniger auffällt, liegt
       nur daran,  daß die  westliche Siegermacht  mit ihrer  Gewalt die
       Fortsetzung der alten Produktionsweise zu etwas geänderten Bedin-
       gungen verfügt hat. Wenn die Masse der Westdeutschen nach 45 wie-
       der als  Proleten in die Fabriken einrücken durften, war das auch
       nicht deren freie Entscheidung; sie mußten sich bloß - anders als
       ihre osteuropäischen  Kollegen -  nicht groß umgewöhnen. Wenn der
       Sozialismus durch  die Rote  Armee und nicht durch die revolutio-
       näre Arbeiterklasse  auf die  Tagesordnung gesetzt  wurde, so ist
       das auch  keine Schande. Warum sollten sich auch die Arbeiter und
       Bauern nicht  für eine Politik gewinnen lassen, die ihnen bessere
       Lebensverhältnisse garantiert?  Zu kritisieren  ist vielmehr, daß
       das im  Osten eingeführte ökonomische System  d a s  gar nicht so
       einfach leistet. Nicht zuletzt wegen des tiefen Respekts, den die
       Revisionisten vor  dem Recht  der Völker  auf eine echt nationale
       Herrschaft hegen.
       Als Gelegenheit, die Proletarier, wenn schon nicht aller, so doch
       einiger Länder zu vereinigen, scheinen die russischen Kommunisten
       ihre Machtposition  nach dem  Krieg nicht aufgefaßt zu haben. Der
       Dienst von  Arbeitern an "ihrer Nation" ist ihnen so unbedenklich
       erschienen, daß  sie ihn  gleich mehrfach zur feiernswerten neuen
       Lebensgrundlage erhoben.  Sie haben  den dazu gewonnenen Nationen
       die Übernahme  des "sowjetischen  Modells" als   d e n   Weg  zum
       Fortschritt offeriert.  Damit erben die neuinstallierten kommuni-
       stischen Regierungen einerseits den ganzen politischen Unfug, den
       der bürgerliche Nationalismuis so mit sich bringt, Gebietsansprü-
       che und  sonstige Gehässigkeiten mit eingeschlossen. Andererseits
       wird mit  ihnen, in  Gestalt der  nationalen kommunistischen Par-
       teien ein  völlig neuartiger  Nationalismus in  die Welt gesetzt:
       nämlich die  zweifelnde Begutachtung  des "sowjetischen Modells",
       ob und  wie es den Interessen Polens, Jugoslawiens oder Rumäniens
       gerecht wird.  Der Erfolg der "revisionistischen Wirtschaftsweise
       im Land   s o l l  identisch sein mit der bestmöglichen Bedienung
       der Interessen des jeweiligen Volks - und damit ist die nationale
       Überprüfung fällig  von seiten unbefriedigter Interessen im Volk,
       bei denen sich die KPs immer vor die Frage gestellt sehen, ob sie
       sie anerkennen oder bekämpfen wollen, und von seiten der Parteien
       selbst, die sich ja als das Werkzeug ihrer Nation verstehen.
       Siebenfacher nationaler  Kommunismus -  dieser leibhaftige Wider-
       spruch macht die Schönheiten des östlichen Staatenbündnisses aus.
       Ganz im  Gegensatz zu  der Bilderwelt, in der sich der imperiali-
       stische Ärger  über den  verhinderten Zugriff auf diese Ökonomien
       austobt  -   "captive  nations",   "eiserner  Vorhang",  "Block",
       "Gleichschaltung" etc. etc. etc. -, mit der Gründung von revisio-
       nistischen Nationalstaaten  sind "nationale  Wege" nicht   v e r-
       sondern   g e boten; und der Streit über deren Zuträglichkeit für
       den Erfolg des Bündnisses ist auf Dauer institutionalisiert.
       
       II. Ein Wirtschaftsbündnis zur "gegenseitigen Hilfe" -
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       Wahrheit und Lüge
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       "Die sozialistischen  Staaten, die  sich von  den Prinzipien  der
       völligen Gleichberechtigung,  des gegenseitigen  Vorteils und der
       kameradschaftlichen gegenseitigen  Hilfe leiten  lassen, vervoll-
       kommnen allseitig  die wirtschaftliche, politische und kulturelle
       Zusammenarbeit, was sowohl den Interessen eines jeden sozialisti-
       schen Landes  als auch  denen des gesamten sozialistischen Lagers
       entspricht." (Erklärung  der Beratung von Vertretern der kommuni-
       stischen und Arbeiter-Parteien, 1960)
       
       Das Programm  des RGW  tut so, als hätte man die in der bürgerli-
       chen Außenhandelstheorie  niedergelegten Ideale  wahrgemacht, daß
       Wirtschaftsbeziehungen zwischen  Nationen nur  allseitigen Nutzen
       und nirgendwo  einen Schaden  hinterlassen. Sicher - eine Konkur-
       renz um  Kapitalerfolge, die  sich bei der einen im Gegensatz zur
       anderen Nation  niederschlagen, findet nicht statt; auch die han-
       dels- und währungspolitischen Druckmittel, die dem Privateigentum
       je nach  Herkunft und  Wirkungssphäre zur Schranke oder zur Hilfe
       gereichen,   sind    ja   mit   der   Systemänderung   entfallen.
       "Zusammenarbeit" findet  aber auch  nicht einfach  statt. Der RGW
       praktiziert eben  keine gemeinsame Planung, die über die Entwick-
       lung der Produktivkräfte, die zweckmäßigste Festlegung von Stand-
       orten und  Ausnutzung geographischer  Besonderheiten entscheidet.
       Das Bündnis  stellt gar  nicht die Addition sämtlicher nationaler
       Produktivkräfte zum  allseitigen Vorteil  dar - sondern die Tren-
       nung in   n a t i o n a l   b i l a n z i e r t e   Produktionen,
       bei der die staatlichen Repräsentanten erst einmal auf den natio-
       nalen Vorteil achten, wenn sie vom gegenseitigen reden.
       Der revisionistische  Einsatz der "Ware-Geld-Beziehung", der sich
       die Leistungen  des Geldes  als  d e n  Hebel der sozialistischen
       Produktionsweise zunutze  machen will,  setzt diesen Maßstab auch
       nach außen  in Kraft  und eröffnet  damit sehr nationale Interes-
       sensgegensätze. Die  vorwiegend agrarische  Benutzung eines Land-
       strichs   ist   eben   nur   dann   identisch   mit   "arm"   und
       "unterentwickelt", wenn  sie national  bilanziert wird  - o h n e
       nationale Berechnung sind solche Unterschiede reine Transportfra-
       gen. Wenn  sich dieser  Landstrich aber als ökonomische Grundlage
       eines Staatswesens,  einer Nation  bewähren muß,  wenn sich diese
       Nation also  mit Gemüselieferung  eine Industrie  verdienen  muß,
       dann ist der Streit um den nationalen Vorteil programmiert.
       Auf ihre vertrackte Weise wissen die Ostblock-Ökonomen das sogar:
       Wenn   das    Gebot   der    Entwicklung   der    Produktivkräfte
       u n b e d i n g t  gilt, wenn nämlich aus politischen Gründen die
       Produktion eines  Landes aufgebaut  oder unterstützt  werden muß,
       setzen sie  ihr Rechnungswesen  außer Kraft  und leisten schlicht
       und einfach  Hilfe, überlassen  unentgeltlich Lizenzen,  schicken
       Maschinen und  Spezialisten. In der Aufbauphase war das der Fall,
       gegenüber den sozialistischen "Entwicklungsländern" Kuba, Vietnam
       und Mongolei; auch in Krisenfällen wie in Polen geschieht das im-
       mer noch. Und daß der Sozialismus mit seiner "kameradschaftlichen
       gegenseitigen Hilfe" einiges an Entwicklung zustandegebracht hat,
       was die  Länder, wären  sie dem  freien Westen zugefallen, garan-
       tiert nie  gesehen hätten,  ist kaum  zu leugnen. Aber der Aufbau
       von Industrien  zur allseitigen Versorgung mit nützlichem und er-
       freulichem Kram  ist nicht  der maßgebliche Zweck in diesem Bünd-
       nis, und  die "gegenseitige  Hilfe" nicht  der Normalfall. Dieser
       edle Name  sagt ja  schon, daß auf seiten der hilfeleistenden Na-
       tion die  Rechnung  g i l t,  nach der da ein Abtreten, Wegschen-
       ken von Reichtum ein nationales Minus stattfindet.
       
       Der problematische gegenseitige Vorteil -
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       die Suche nach dem gerechten Preis
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       Der Zusammenarbeit können die Hebelökonomien einerseits sehr viel
       abgewinnen, insofern  die jeweils  anderen allerhand produzieren,
       was sie  brauchen können  und selber nicht zustandebringen. Ande-
       rerseits aber  k o s t e t  das, die Beschaffung hat ihren Preis,
       der genau  genommen keine  Geldsumme, sondern  ein  Problem  dar-
       stellt: Man  muß nämlich  selber etwas aus dem Fundus der eigenen
       "nationalen Entwicklung" dafür abtreten. Intern ist jedes Produkt
       als Beitrag  zur nationalen Ökonomie verbucht; die sozialistische
       Ware schafft  sozialistisches  Reineinkommen,  bildet  Fonds  und
       schafft dem  Staat finanzielle Dispositionsfreiheit, erfüllt also
       innerhalb  einer  realsozialistischen    N a t i o n a l-Ökonomie
       manche Dienste  für das alles müßte, wird sie per Außenhandel ab-
       getreten, die bezogene Ware eigentlich  E r s a t z  leisten:
       
       "Vom Standpunkt der internationalen Ware-Geld-Beziehungen muß der
       Verrechnungspreis unbedingt  alle gesellschaftlichen Aufgaben der
       erweiterten Reproduktion  eines bestimmten Erzeugnisses innerhalb
       eines Landes  möglichst vollständig  und richtig wiedergeben. Die
       einzelnen Elemente dieser Aufwendungen wären:
       1. Lohnaufwand  einschließlich der Leistungen aus gesellschaftli-
       chen Konsumtionsfonds;  (= die  per  Staatshaushalt  verausgabten
       Mittel zur Reproduktion der Arbeitskraft)
       2. Ersatz der verbrauchten Arbeitsgegenstände und Arbeitsmittel;
       3. Mittel  für die  Erweiterung der betreffenden Produktion sowie
       für die Schaffung von Reservefonds;
       4. Aufwendungen  für Verteidigungszwecke,  Verwaltung und  andere
       Aufgaben, die  nur aus dem in der materiellen Produktion geschaf-
       fenen Mehrprodukt gedeckt werden können."
       (O. Bogomolow,  Theorie und  Methodologie der internationalen so-
       zialistischen Arbeitsteilung, Berlin 1969, S. 133)
       
       Kaum entschließen  sich die sozialistischen Nationen zu einer Ar-
       beitsteilung, verfallen sie auf die Gesetze des Schachers. Und da
       sie einerseits  mitbekommen haben, daß der realexistente Schacher
       zwischen den  Nationen, die  sich darauf  verstehen, manches  Un-
       gleichgewicht und  eine erhebliche  Scheidung  zwischen  arm  und
       reich hervorbringt,  sinnen sie darauf, den Schacher ganz gerecht
       zu gestalten.  Hilfe bei  diesem Vorhaben  erwarten sie  sich von
       Marx, allerdings abzüglich der kleinen Nebensache, daß dieser die
       Bewegung von  Werten im  Kapitalismus erläutert hat. Die Idee des
       gerechten Tauschs,  die in den vier Punkten der zitierten Ersatz-
       liste aufgemacht  wird, ist  nämlich kein Vergleich zwischen Wer-
       ten, sondern zwischen nationalen Unkosten. So wenig im Kapitalis-
       mus diese Unkosten den Maßstab für die internationalen Tauschver-
       hältnisse abgeben,  so absurd  ist es, sie im Sozialismus zur Be-
       dingung von Arbeitsteilung zu machen. Was ist denn schlimm daran,
       wenn mit der Überführung von ein paar Tonnen landwirtschaftlicher
       Produkte ins sozialistische Ausland die jeweilige Empfängernation
       nicht für  den Ersatz  der verbrauchten Mistgbeln und Mähdrescher
       geradesteht? Umgekehrt:  Wie stellt  sich denn ein sozialisischer
       Außenandelstheoretiker eine  Warenlieferung vor,  die einem  Han-
       delspartner seine  Aufwendungen für  Verteidigungszwecke  gerecht
       entgilt? Was  schadet überhaupt  dem sozialistischen  Aufbau hier
       und dort  ein "Ungleichgewicht"  in der grenzüberschreitenden Be-
       lieferung mit Produkten?
       Eine Versorgung  mit dem,  was andernorts  fehlt  oder  nicht  so
       schnell günstig  produziert werden  kann, scheint in der Vorstel-
       lungswelt sozialistischer  Weltmarkttheoretiker gar nicht zu exi-
       stieren. Als Nationalisten wissen sie "mein" und "dein" strikt zu
       unterscheiden; sie kalkulieren als Nationen wie Privateigentümer,
       also wie die Figuren, denen sie in ihren Systemen kein Recht mehr
       zubilligen. Die großartige Idee der "wechselseitigen Hilfe" fängt
       gleich mit  dem Verdacht  an, es  könne manchmal  zu viel in eine
       Richtung gehen  - und  der Anspruch  auf Entschädigung beschränkt
       von vornherein den Willen zur Arbeitsteilung.
       Als müßten  sozialistische Länder  die Stundenzetteltheorie  zwi-
       schen den  Nationen ihres  Lagers wahrmachen,  bemühen sich  ihre
       Theoretiker und  Planer um  den Vergleich  ihres Aufwands.  Damit
       verlangen sie  nach nichts  anderem als nach einem abstrakten Maß
       des Reichtums,  über den die eine Nation garantiert  a n s t e l-
       l e   der anderen  verfügen können muß; und der Gesichtspunkt des
       Nutzens der  Arbeit wie  der Produkte  ist  ersteinmal  gründlich
       verlassen. Dieselben  Leute, die  am Wert,  wie es  ihn  auf  dem
       kapitalistischen Weltmarkt  gibt, und  an seinen Wirkungen lauter
       Ungerechtigkeiten entdecken,  wollen ihm  bei sich  die Rolle des
       Gerechtigkeitsstifters  zuschreiben.   Dabei  fällt  ihnen  nicht
       einmal auf, daß die Idee einer konsequenten Schadensvermeidung in
       den "internationalen Ware-Geld-Beziehungen" nur der negative Aus-
       druck für ein banales positives Interesse ist: Der Handel mit den
       anderen soll  durch seine Bemessungsgrundlage, durch den soziali-
       stischen Verrechnungspreis  das Mittel  für die  e i g e n e  na-
       tionale erweiterte Reproduktion sein.
       Angesichts dieser  gewaltigen Aufgabe, dem kompletten Fortschritt
       der Nation  mindestens soviel  zu nützen  wie ihm  entzogen wird,
       hilft es  nicht nur wenig, sondern bereitet geradezu das Problem,
       daß die  fremden Waren  ihre nationalen Preise haben. Die Meister
       der Ware-Geld-Beziehung  wissen nur  zu gut,  daß ihre Preise gar
       nicht Wertausdruck,  sondern Produkt nationaler Bewertungen sind.
       Die staatliche  Preisfestlegung -  im Inneren  der Hebel  - zieht
       sich grenzüberschreitend  den Verdacht  auf Willkür  zu, entpuppt
       sich als untauglicher Maßstab für den beiderseitigen Vorteil.
       
       "Im Rahmen  einer nationalen Wirtschaft bleibt der Staat Eigentü-
       mer der  Produkte... und  kann planmäßig  preisliche Proportionen
       des Warenaustauschs  mittels einer  bestimmten Preispolitik regu-
       lieren. Damit  hat der Staat die Möglichkeit, Gewinne oder Verlu-
       ste der einzelnen Zweige oder Wirtschaftseinheiten auszugleichen.
       Der Akt des Warenaustauschs auf dem sozialistischen Weltmarkt hat
       einen anderen Charakter... Mögliche Gewinne und Verluste sind ir-
       reversibel... eine  Verletzung der Proportionen des internationa-
       len Austauschs  beeinflußt unmittelbar die Größe des Nationalein-
       kommens des gegebenen Landes...
       Es zeigt  sich mit  ausreichender Deutlichkeit daß der Äquivalen-
       tentausch auf  dem sozialistischen  Weltmarkt gewährleistet  sein
       muß. Eine  solche Aufgabe zu realisieren ist eine ganz schwierige
       Aufgabe." (Autorenkollektiv/Parteihochschule  beim ZK  der KPdSU,
       Politische Ökonomie Bd. 4, S. 300/1)
       
       So freuen  sich die  Parteitheoretiker ganz  unbefangen über  die
       herrliche Preishoheit, mit der sich so schön planmäßig regulieren
       läßt -  u n d   entdecken im auswärtigen Gütertausch ebenso unbe-
       fangen das  ärgerliche Problem, daß da ein staatlicher Eigentümer
       dem  anderen   dessen  "planmäßige  Regulierung"  wahrhaftig  mit
       "Verlusten" bezahlen  könnte. So bringen diese proletarischen In-
       ternationalisten einen Streit völlig neuen Typs zustande: Die Zu-
       sammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil soll gerade nicht die Ver-
       teilung von  Vor- und  Nachteilen darstellen,  tut es aber. Damit
       steht das  Problem einer   g e r e c h t e n  Preisgestaltung an,
       d.h. die   S u c h e   n a c h  M e t h o d e n  zur Entscheidung
       des Streits,  zur Preis f i n d u n g  zwecks Garantie des gegen-
       seitigen Vorteils.  Eine schöne Aufgabe, die etliche Generationen
       von Wissenschaftlern beschäftigt hat.
       Für klare Verhältnisse wäre eine Angleichung der Preisbildungsme-
       thoden erwünscht:
       
       "Eigene Preisbasis  im RGW:  System von  Vertragspreisen, das von
       den im Maßstab des RGW vorhandenen Aufwendungen (Inlandspreisen )
       ausgehen soll. Die 9. Tagung des RGW empfahl 1958 das Studium der
       möglichen Wege  des Übergangs  auf eine  e.P. ..."  (RGW-Lexikon,
       herg. v. Manfred Engert, Heinz Stephan, Leipzig 1981 )
       
       "Zur Bestimmung  einer eigenen Preisbasis gehört auch, die in den
       einzelnen Ländern  übliche Methodologie  zur Berechnung der Indu-
       strieabgabepreise einander  anzunähern sowie Methoden zur Umrech-
       nung der  Warenpreise in  eine einheitliche  Währung  auszuarbei-
       ten..." (Politische Ökonomie, S. 133)
       
       Bloß, genau das geht nicht:
       
       "Die Ergebnisse  der mehrjährigen  theoretischen und. praktischen
       Arbeit zeigten,  daß es  allgemeine und zeitlich begrenzt gültige
       Einwände gegen  die Schaffung  einer e.P.  im dargestellten Sinne
       gibt. Sie  würde nicht  ausreichend den  wissenschaftlich-techni-
       schen Fortschritt, hohe Arbeitsproduktivität und niedrige Selbst-
       kosten stimulieren  und eine  bestimmte Isolierung des RGW-Markts
       herbeiführen. Hinzu  kommen Probleme,  die sich  infolge spezifi-
       scher wirtschafts-  und sozialpolitischer Zielstellungen der Bil-
       dung der  Inlandspreise ergeben  und die die Vergleichbarkeit der
       Inlandspreise verschiedener  RGW-Mitglieder  erschweren  würden."
       (RGW-Lexikon, "Eigene Preisbasis")
       
       Es geht eben nicht, weil es keiner der Beteiligten  w i l l:  Was
       da die  "Vergleichbarkeit erschwert", ist ja immerhin der Einsatz
       der nationalen  Souveränität für  die Bewertung  von Arbeiten und
       Produkten im Innern des Staates:
       
       "...spezielle Bildungsprinzipien für Selbstkosten... Aufwendungen
       für geologische  Erkundungen, für Forschungsarbeiten, für die An-
       eignung der neuen Technik... verschiedene Systeme der Lohnberech-
       nung... Unterschiede  in den Abschreibungssätzen und in der Hand-
       habung, wie der Transportaufwand in den Preis einbezogen wird..."
       (Politische Ökonomie, S. 304)
       
       Und schließlich gibt es auch noch "wesentliche Differenzen im Ni-
       veau der  Arbeitsproduktivität" (a.a.O.  ), so  daß  die  größere
       "nationale Arbeit" - werttheoretisch:
       
       "nach internationalen  Normen eine  geringere Bewertung erfahren"
       müßte (Politische Ökonomie, S. 301).
       
       Denn sonst  würde ja  - hebelökonomisch  nicht  genügend  "stimu-
       liert". Umgekehrt  aber darf  - von  wegen "gegenseitige Vorteil"
       auch nicht einfach geringer bewertet werden...
       In dieser  Kalamität ist man dann ausgerechnet auf die Preise des
       feindlichen Lagers als praktisches Auskunftsmittel verfallen. Den
       Vorteil  besitzen   die  Weltmarktpreise  zweifelsohne,  daß  sie
       o b j e k t i v   und nicht  durch  sozialistische  Willkür  ver-
       pfuscht sind:
       
       "... daß die Weltmarktpreise wichtige - für die RGW-Mitgliedslän-
       der relevante  = internationale Entwicklungstendenzen des wissen-
       schaftlich-technischen Fortschritts,  der Gebrauchswertparameter,
       der Produktivität und der Kosten. widerspiegeln..." (RGW-Lexikon:
       "RGW-Preissystem")
       
       Da bedauern  die realen Sozialisten regelrecht, daß sie den Kapi-
       talismus abgeschafft  haben. Andererseits  aber haben  die  Welt-
       marktpreise in  all ihrer  vorbildlichen Widerspiegelei den Nach-
       teil, daß  sie schwanken.  Und einen solchen Maßstab, der immerzu
       mit den  Austauschrelationen die nationale Planung durcheinander-
       bringt, kann man auch wieder nicht gebrauchen:
       
       "Entsprechend der  Methodik der RGW-Preisbildung gelten als Welt-
       marktpreise die Hauptwarenmarktpreise. Die Preise der Hauptwaren-
       märkte werden  mit Hilfe von Dokumentationen ermittelt. Die doku-
       mentierten Preise  sind hinsichtlich  ihrer Beweiskraft und ihres
       Repräsentationsgrades zu  analysieren. Die  Hauptwarenmarktpreise
       werden vom  schädlichen Einfluß  der  Konjunkturschwankungen  und
       Preismanipulationen der  kapitalistischen Märkte bereinigt... Das
       wird im  wesentlichen dadurch  erreicht, daß  als Basis nicht die
       Preise eines zufälligen Zeitraums, sondern die durchschnittlichen
       Weltmarktpreise einer  Basisperiode Verwendung finden (... gegen-
       wärtig 5 Jahre)..." (a.a.O.)
       
       Ein schöner  Ertrag der  östlichen Kapitalismuskritik: Da hat man
       sich das Geld als Hebel der sozial denkenden Staatsmacht auserko-
       ren und  muß feststellen,  daß es im grenzüberschreitenden Güter-
       tausch seine Hebeldienste versagt. Das Verfahren, einen staatlich
       gesetzten, objektiv  wirksamen Maßstab der Reichtumsproduktion in
       Anschlag zu  bringen, gerät  beim  grenzüberschreitenden  Verkehr
       zwischen den  staatlichen Eigentümern  in den Verdacht, ungerecht
       zu sein. Da entwickeln sie das Bedürfnis nach einem "echten Geld"
       als Maßstab  der Preise,  nach objektiven  Preisen und nehmen Zu-
       flucht bei dem System, das sie doch gerade so herrlich überwunden
       haben wollten.  Bloß eben  wieder als  Krücke für ihr System, sie
       verlangen nämlich  nach reichlich  unkapitalistischen  Leistungen
       des Geldes:  nach einem  Maßstab für  "stabile, langfristig plan-
       bare" Preise.  "Objektiv" soll  es zugehen,  aber nicht mit einem
       Preis, der  von der  Konkurrenz bestimmt wird und schwankt, nicht
       mit einem Geld, das von der Konkurrenz gehandelt wird und im Kurs
       steigt oder fällt. Gesucht wird nach Preisen, die die von der ka-
       pitalistischen Konkurrenz  bewerkstelligten "Revolutionen" wider-
       spiegeln und  der sozialistischen Planung ihre Verläßlichkeit ga-
       rantieren sollen.
       Insofern ist  mit der Orientierung an Weltmarktpreisen die Metho-
       denfrage doch  auch nie zufriedenstellend gelöst, zumal die Welt-
       marktpreise ihren  sozialistischen Verehrern  auch selten den Ge-
       fallen erweisen,  mitzuteilen, wieweit  sie  durch  "Spekulation"
       oder "Preismanipulation"  verunreinigt  sind.  Phasen  steigender
       oder sinkender  Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt stellen gewohnte
       Austauschverhältnisse im  RGW in Frage - wegen des großen Anteils
       am Außenhandel  machen sich  da vor  allem die Energieexporte der
       Sowjetunion geltend,  den "Ölkrisen" getreulich hinterherhinkend,
       mal als  "Verlust" der  Partner, mal  als  der  der  Sowjetunion.
       Gleichzeitig wirft das notwendigerweise lauter Gerechtigkeitsfra-
       gen auf.  Die nationale  Vorteilsrechnung  s o l l  ja im Bündnis
       auf ihre Kosten kommen und feilscht um ihre preispolitische Aner-
       kennung: Vorzugsweise  für Unterentwickelte,  besondere Erschlie-
       ßungskosten für  unverzichtbare Rohstoffe...  Und umgekehrt, wenn
       schon die  Weltmarktpreise als Orientierungshilfe fungieren, müs-
       sen sich  auch die  Güter fragen  lassen, ob  sie denn auch welt-
       marktsmäßig sind, worüber dann weniger der Weltmarkt als die ver-
       hältnismäßige Unverzichtbarkeit der Gebrauchswerte für die natio-
       nale Reproduktion  entscheidet: Es gibt "harte" und"weiche" Waren
       - eine genuine Ostblockerfindung.
       So   b l e i b t   aber, auch wenn man sich auf Bewertungen geei-
       nigt hat  - gerade  weil man sich darüber einigen muß -, der Vor-
       teil ein problematischer. Der Verdacht auf mögliche Verluste, auf
       mögliche Übervorteilung  begleitet die  allseitig harmonische Zu-
       sammenarbeit. In diesem Bündnis, das seine Leistungen für die Ar-
       beiterklasse unbedingt  national organisieren und national bilan-
       zieren will,  bleibt die  Beziffer b a r k e i t   von  Außenhan-
       delserfolgen als  Problem auf Dauer erhalten; daß Exportieren ein
       Erfolg sein  kann, ist  für sie untereinander ein sachfremder Ge-
       sichtspunkt.
       
       Der zweifelhafte Nutzen von Überschüssen -
       ------------------------------------------
       das Bedürfnis nach Geld als Kaufmittel
       --------------------------------------
       
       Wo die  Zusammenarbeit als  schwierige Bemessung äquivalenter Gü-
       termengen stattfindet,  gilt das Interesse an ausgeglichenen Han-
       delsbilanzen und wird zugleich als Hindernis bemerkt. Der beider-
       seitige Vorteil  wird auf die Wirtschaftskraft des jeweils schwä-
       cheren Partners  begrenzt; Handelsüberschüsse  sind, wie die ent-
       sprechenden Defizite  auch wieder ein  P r o b l e m.  Daher gibt
       es im  RGW, solange  wie es  ihn gibt,  das Bedürfnis  nach einem
       mehrseitigen Ausgleich  der Handelsbilanzen  und nach  einem Geld
       zur mehrseitigen  Verrechnung. Das Bedürfnis hat den transferable
       Rubel zustandegebracht - als Resultat ständiger Rechenoperationen
       mit Hilfe  von Warenkörben, die durch den  V e r g l e i c h  der
       nationalen Kaufkraft  der  Gelder  Kurse  untereinander  und  zum
       transferablen Rubel   a u s r e c h n e n   -   u n d  die Klage,
       daß er zur Lösung des Problems wenig taugt.
       
       "Ein mehrseitiges Verrechnungssystem hat gegenüber einem zweisei-
       tigen den  Vorteil, daß  ein passiver  Saldo mit einem Land durch
       einen aktiven  Saldo mit  einem dritten  Land ausgeglichen werden
       kann, was die Möglichkeiten des gegenseitigen Warenaustauschs er-
       weitert.. Verrechnungseinheit  ist der  transferable  Rubel...  "
       (RGW-Lexikon: "Verrechnungssystem  der Mitgliedsländer  des  RGW,
       internationales")
       
       Die Möglichkeit findet bloß nicht statt:
       
       "Obgleich  das  internationale  Verrechnungssystem  banktechnisch
       alle Voraussetzungen  für eine mehrseitige Verrechnung und Bilan-
       zierung der  Zahlungen bietet,  wird zum  gegenwärtigen Zeitpunkt
       der größte  Teil der  Zahlungen  noch  zweiseitig  bilanziert..."
       (a.a.O)
       
       Denn, sich einen Handelsüberschuß gegenüber einem Zweiten von ei-
       nem Dritten  entgelten zu  lassen, wirft schon wieder die schwie-
       rige Frage nach der Äquivalenz auf:
       
       "Ein Überschuß, den das Land A gegenüber dem Land B hätte und nun
       zum Einkauf  im Land  C benützen möchte, könnte wegen ungünstiger
       Preise weniger  wert sein."  (Gunther Kohlmey, Vergesellschaftung
       und Integration im Sozialismus, Berlin 1973, S. 179)
       
       Und außerdem macht sich da die Tatsache störend bemerkbar, daß es
       sich bei  Land A,  B und  C um  revisionistische Planwirtschaften
       handelt, in  denen über  das nationale  Gesamtprodukt in stabilen
       Handelsverträgen längst verfügt ist:
       
       "Auch bietet  das gegenwärtige Verfahren der zweiseitigen Planko-
       ordinierungen, Außenhandelsabkommen  und  Jahresprotokolle  nicht
       genügend Spielraum für die multilaterale Verwendung von Salden im
       Verrechnungsverkehr. Ebenso  gibt es Grenzen in der innerstaatli-
       chen Planung und Bilanzierung. Bei der jetzigen Handhabung fehlen
       in den meisten Ländern oft die Möglichkeiten, im Laufe eines Jah-
       res Umdispositionen  in der  Produktion, im  Bezug und Absatz von
       Ware zu  Ware und  von Land zu Land vorzunehmen, wie sie sich aus
       einer Erweiterung der multilateralen Verrechnung ergeben könnte."
       (a.a.O)
       
       Der transferable Rubel bleibt daher auf die bescheidene Rolle ei-
       ner Erscheinungsform unausgeglichener Handelsbilanzen beschränkt:
       
       "Der t.R.  existiert nur  in der Form von Buchgeld auf den Konten
       der internationalen Banken der Mitgliedsländer des RGW...
       Der t.R.  wird generell  im Ergebnis  des Exports  von Waren oder
       Leistungen emittiert,  wenn der  Importeur nicht über ein ausrei-
       chendes Guthaben  zur Bezahlung  verfügt." (RGW-Lexikon:  "Rubel,
       transferabler" ) '
       
       Wo das  realsozialistische Warenprodukt  intern verplant  ist und
       aufgrund der  dauerhaften Schwierigkeiten in der Bemeisterung der
       "wissenschaftlich-technischen Revolution"  nur ausnahmsweise ein-
       fach überschüssige  Waren zur Verfügung stehen, kann man auch von
       einem sozialistischen  Weltgeld schwerlich  verlangen, daß es als
       internationales Kaufmittel  fungiert. Das mindert dann allerdings
       die Beliebtheit  eines solchen  Weltgelds beträchtlich,  weil man
       mit ihm nichts anstellen kann:
       
       "Es hat  keinen Sinn, wenn ein Land im mehrseitigen Verrechnungs-
       verkehr Überschüsse  hat und  es mit diesen nichts anfangen kann,
       wenn sie  also einfrieren, da sie keinen Anspruch auf Gold, freie
       Devisen oder  Welthandelswaren darstellen." (Gunther Kohlmey, Der
       demokratische Weltmarkt, Berlin 1955, S. 86/7)
       
       Aber eben das garantiert immerhin die Stabilität dieses Geldes:
       
       "Durch die  Bindung der Emission des t.R. an den Export von Waren
       und Leistungen...  ist die Warendeckung und damit auch die Stabi-
       lität des t.R. stets gewährleistet." (RGW-Lexikon)
       
       Daß die Reformdenker im RGW immer wieder und zur Zeit wieder ein-
       mal die  Frage der  Kovertibilität ihrer Währungen aufwerfen, ist
       zwar konsequent, aber auch reichlich verrückt. Wenn man schon das
       Privateigentum und  die Privatmacht  des Geldes  abgeschafft hat,
       sollte man  sich auch  nicht darüber  beschweren, daß ein solcher
       nationaler Hebel  in der  anderen Nation nicht den beliebigen Zu-
       griff auf  Ware garantiert.  Eine fehlende Eigenschaft des Geldes
       ist das  jedenfalls nicht,  auch wenn die Hebeltheoretiker das so
       sehen mögen  und das  x-te Studienprogramm  in Auftrag geben, wie
       man an  ihrem Geld drehen kann, damit es sich als Hilfsmittel für
       einen flüssigen Gütertausch besser bewährt.
       
       Die "sozialistische Integration" -
       ----------------------------------
       national kalkulierte Kooperation statt Arbeitsteilung
       -----------------------------------------------------
       
       Im Außenhandel blamiert sich der proletarische Internationalismus
       gründlich an den nationalen Schranken, die die realsozialistische
       Produktionsweise der  vorteilhaften Zusammenarbeit entgegensetzt.
       Da gesteht  man sich  auch schon  einmal selbstkritisch den Unfug
       eines sozialistischen  Bündnisses ein,  das keine zweckmäßige Ar-
       beitsteilung institutionalisiert  hat. Großspurig  verkündet  man
       den Vorzug  des eigenen  Systems im  Unterschied zum anarchischen
       Kapitalismus:
       
       "Die planmäßige internationale Arbeitsteilung trägt bei zur maxi-
       malen Ausnützung  der Vorzüge  des neuen  Wirtschaftssystems, zur
       Herstellung richtiger  Proportionen in  der Volkswirtschaft jeden
       Landes, zur  rationellen Standortverteilung  der Produktivkräfte,
       zur effektiven Ausnutzung der Arbeitskräfte- und Materialressour-
       cen im  sozialistischen Weltsystem..."  (Politische Ökonomie,  S.
       319)
       
       Und ein  paar Seiten  weiter bzw.  auf jeder RGW-Tagung folgt das
       Eingeständnis, daß  dieses schöne  Ideal wegen  andersartiger Be-
       rechnungen eines bleibt:
       
       "Ein gewisses Bestreben, möglichst viel verschiedene Produktions-
       arten in  den eigenen  Ländern zu schaffen, führte in einer Reihe
       von Zweigen  zum Entstehen  von Betrieben  mit  Kleinserienferti-
       gung... In  der DDR  werden zum  Beispiel 92% der Weltnomenklatur
       der Maschinenbauproduktion  hergestellt; in der CSSR sind es etwa
       70%; ein  Fünftel der  in der  CSSR produzierten  Maschinen  wird
       durch Einzelfertigung,  etwa zwei  Fünftel in Einzelserien herge-
       stellt..." (Politische Ökonomie, S. 331)
       
       Allseits begehrte  Güter, von denen immer zu wenig für den Handel
       zur Verfügung  stehen, gegenüber  Ramsch, den  keiner haben will;
       Parallelproduktionen auf  kleiner Stufenleiter, die die nationale
       Verfügbarkeit des  Produkts garantieren,  aber unproduktiv sind -
       an derlei  Resultaten wird  immer wieder  konstatiert, daß  keine
       "planmäßige internationale  Arbeitsteilung" stattfindet.  Und das
       Bündnis, in  dem schon immer der gemeinsame Fortschritt der Zweck
       aller Beteiligten  sein soll,  faßt immer  wieder eigens  den Be-
       schluß zur  Gemeinsamkeit: selbstverständlich nicht zur gemeinsa-
       men Planung,  sondern dazu,  daß sich  die nationalen  Interessen
       besser   miteinander    absprechen   sollten.    Es   gilt    das
       "Interessiertheitsprinzip"; mitmachen  muß niemand, die nationale
       Planung wird  mit Verträgen  über Kooperation und Spezialisierung
       k o m b i n i e r t -  soweit das  die sozialistischen  Souveräne
       für lohnend befinden.
       Schließlich soll eben doch nicht bloß füreinander produziert wer-
       den:
       
       "Die Plankoordinierung  bedeutet die Organisation der wirtschaft-
       lichen Zusammenarbeit  der Länder  bereits im Stadium der Produk-
       tion... Bei  der Koordinierung... muß auch das notwendige Gleich-
       gewicht der Zahlungsbilanzen der sozialistischen Länder gesichert
       werden." (Politische Ökonomie, S. 317/8)
       
       - sondern das unter Respekt vor der nationalen  B i l a n z.
       So stellt sich wieder die Preisfrage und zwar bezogen auf die Zu-
       kunft; ganze  Wissenschaftlerstäbe werden  auf die  Aufgabe ange-
       setzt,  mit   "Weltmarktspreisprognosen"  den   voraussichtlichen
       "Nutzeffekt" einer  arbeitsteiligen Einrichtung der Produktion zu
       "errechnen" -  kein Wunder,  daß sich  die dann wie eine national
       zweifelhafte "Festlegung"  von nationalen  Produktivkräften  aus-
       nimmt:
       
       "Dafür ist...  Voraussetzung, daß  die Partner einigermaßen genau
       wissen, welche  Veränderungen durch  Spezialisierungsabreden her-
       vorgerufen werden, handelt es sich doch um Festlegungen für viele
       Jahre. Bisher gab es diese Übersicht unter anderem deshalb nicht,
       weil die  wissenschaftlichen Instrumente und die Planungsmethoden
       fehlten, um  die Nutzeffekte  einigermaßen genau zu ermitteln..."
       (Gunther Kohlmey,  Nationale Produktivität, dynamische Produktio-
       nen, internationale Arbeitsteilung, Berlin 1965, S. 79)
       
       Von seiten  der entwickelten  RGW-Länder tritt  der kräftige Ver-
       dacht auf,  die weniger  entwickelten wollten einem rentable Pro-
       duktionen entziehen:
       
       "Die CSSR  spiele die Rolle des guten Onkels, der jedem helfe und
       so nicht  nur die Zeche bezahle, sondern von undankbaren Verwand-
       ten noch  ausgenützt werde." (Radio Prag, am 25.10.1965, über Ge-
       rüchte bezüglich  von Produktionsveränderungen, Rolf C. Ribi, Das
       Comecon, Zürich, St. Gallen 1970, S. 289)
       
       Die weniger  entwickelten Länder äußern spiegelverkehrt denselben
       Verdacht, daß  ihnen  weniger  zukunftsträchtige  Produktionspro-
       gramme angedreht  werden sollen. Und angesichts des zweifelhaften
       Nutzens geraten die Beschlüsse zur arbeitsteiligen Belieferung in
       den Verdacht,  belastende Abhängigkeiten zu stiften. Beweise lie-
       fern die Tücken der Hebelökonomie genug, die naturgemäß immer auf
       Seiten der Partner, als deren Unzuverlässigkeit, moniert werden:
       
       "Es bestehen gewissermaßen nur moralische Verpflichtungen und An-
       sprüche... Das hat in der Praxis zu erheblichen materiellen Schä-
       den geführt. Zum Beispiel stellt ein Partner eine Produktion ein,
       weil sich  ein oder  mehrere Partner in internationalen Speziali-
       sierungsabkommen verpflichtet  hatten, die betreffende Produktion
       zu übernehmen  bzw. zu  erweitern. Später  wurden von den anderen
       die Konzeptionen geändert; sie lieferten also nicht, weil sie die
       erforderlichen Investitionsmittel  nicht  bereitgestellt  hatten.
       Oder aber  der ursprüngliche  Produzent stellte  seine Produktion
       nicht ein,  nahm also  international  spezialisierte  Erzeugnisse
       nicht ab.  Oder es  kam vor,  daß die spezialisierten Lieferungen
       nicht den  vereinbarten Terminen,  Qualitäten,  Sortimenten  usw.
       entsprachen..." (Kohlmey, a.a.O)
       
       So  bleibt  dem  östlichen  Bündnis  die  Klage  über  "Autarkie-
       tendenzen" erhalten;  anstelle einer  gemeinsamen Planung pflegen
       die  beteiligten   Souveräne  das   Ideal  verläßlicher   Kompen-
       sationsgeschäfte - und plagen sich dauerhaft mit der Sorge um de-
       ren Sicherstellung, was den geldlichen "Nutzeffekt" und die sach-
       lichen Qualitäten betrifft.
       
       Der RGW handelt mit dem Westen -
       --------------------------------
       allseitiger Schaden und brüderliche Hilfe
       -----------------------------------------
       
       "Die Existenz des sozialistischen Weltsystems ist überaus wichtig
       für den  Charakter der  gesamten ökonomischen Entwicklung der so-
       zialistischen Länder,  für die  Herausbildung der Struktur volks-
       wirtschaftlicher Komplexe. Kein sozialistisches Land muß als Teil
       der sozialistischen  Gemeinschaft allein,  nur auf sich gestellt,
       die technisch-ökonomische  Unabhängigkeit  vom  Kapitalismus  si-
       chern. Diese  Aufgabe würde  die Kräfte  der meisten Länder über-
       steigen. Durch die vereinten Kräfte aller sozialistischen Staaten
       wird die ökonomische Unabhängigkeit von der kapitalistischen Welt
       gewahrt." (Politische Ökonomie, S. 293)
       
       Im Unterschied  zur gelegentlichen Erinnerung daran, daß zwischen
       dem kapitalistischen  und dem sozialistischen Lager ein Gegensatz
       besteht, den die NATO-Staaten auch immer wieder einmal ökonomisch
       austragen, haben sich die sozialistischen Staaten eine Sichtweise
       zugelegt, in  der die  Furcht vor "Anschlägen des Weltimperialis-
       mus" und  das Bemühen  um  Unabhängigkeit  (Politische  Ökonomie,
       a.a.O.) gänzlich zugunsten von höchst eindeutigen Komplimenten an
       das feindliche  Lager verschwunden  ist. Die  Erfahrungen mit dem
       eigenen System  haben sie allesamt nicht klüger, sondern empfäng-
       lich für die Vorzüge des anderen gemacht. Wo das nationale Inter-
       esse im  eigenen Bündnis regelmäßig zu kurz kommt, immer schlecht
       bedient wird,  summieren sich die schlechten Erfahrungen zu einem
       Pauschalurteil, das  am kapitalistischen  Weltmarkt all  das ent-
       deckt, was das eigene Bündnis nicht zu bieten hat: Ware und Geld.
       Es gibt  alle benötigten Güter in der notwendigen Quantität, Qua-
       lität, Frist,  und sie sind käuflich. So werden die Vertreter der
       revolutionären Arbeiterklasse zu Bewunderern des kapitalistischen
       Weltmarkts, erklären  ihr System  regelrecht für  rückständig und
       unterentwickelt und betonen ihren heftigen Willen, den Nutzen ei-
       ner "internationalen  Arbeitsteilung" in  ihr System  einzubauen.
       Gemessen an  den Schranken, den der Inner-RGW-Handel den nationa-
       len Rechnungen  entgegensetzt, nimmt sich der westliche Markt wie
       ein einziges  Kompensationsangebot aus und wird als das benützt -
       ein Fehler,  den alle  Beteiligten inzwischen  zu spüren bekommen
       haben.
       Das Bedürfnis,  sich da  alle Element  der nationalen erweiterten
       Reproduktion zu besorgen, die das eigene Bündnis nicht oder nicht
       genügend zur  Verfügung stellt, trifft auf eine kleine Bedingung:
       Man muß  dafür bezahlen.  Es muß  also für den Export dorthin für
       Devisen produziert  werden. Und  dieselben Staaten,  die bei  der
       Produktion füreinander  den Entzug national notwendiger Güter und
       den nationalen  Nutzeffekt kleinlich berechnen, lassen beim Abzug
       von Gütern  für den  Westexport oder  bei der Einrichtung von Ex-
       portindustrien alle  Skrupel fallen.  Immerhin besitzen diese Ex-
       porte den  unbestreitbaren Vorteil,  daß sie    w i r k l i c h e
       Kaufkraft sichern  und das in doppeltem Sinn: Man erhält die pas-
       senden Güter,  und die  Erlöse in westlichem Geld garantieren das
       R e c h t  zu kaufen.
       Je mehr  die sozialistische  Staatenwelt sich  diesen Vorteil zu-
       nutze macht,  um so  mehr Gelegenheit bekommt sie zu Vorhaltungen
       untereinander. Wo  jede Nation  kalkuliert, welche Güter sie loh-
       nender auf westlichen Märkten absetzen kann, wird die Unterschei-
       dung von "harten" und "weichen" Waren auf dem Ostmarkt die Regel;
       der gegenseitige  Vorteil leidet  unter der  Kontingentierung von
       Waren zugunsten des Westhandels. Die UdSSR beschwert sich auf der
       einen Seite, "daß die sowjetischen Energie- und Rohstofflieferun-
       gen in  die übrigen  RGW-Länder von  diesen nicht hinreichend mit
       technisch hochwertigen  Fertigprodukten  vergütet  würden"  (FAZ,
       11.11.86). Auf der anderen Seite kürzt sie zugunsten der Devisen-
       beschaffung Energielieferungen  an ihre  Partner und trägt so das
       Ihre zu deren Devisensorgen bei, wenn die sich zuschüssige Liefe-
       rungen auf dem Weltmarkt besorgen müssen.
       Der interne  Handel wird  zur Erpressung  von Devisen ausgenützt:
       Außerplanmäßige Lieferungen,  insbesondere von Rohstoffen und Le-
       bensmitteln, werden  zunehmend nur  noch gegen Zahlung in westli-
       chem Geld  vereinbart. Und  die Forderung, Überschüsse grundsätz-
       lich in  Devisen zu entgelten, wird regelmäßig in die RGW-Reform-
       Debatten eingebracht, scheitert aber ebenso regelmäßig daran, daß
       d i e   Sorge alle gemeinsam haben: zu wenig Devisen, gemessen an
       ihren Kaufbedürfnissen  und ihrem  Schuldendienst. Als Ersatz für
       den transferablen  Rubel wären Devisen zwar allerseits erwünscht,
       aber niemand will sie dafür hergeben.
       Schließlich sorgt  der Handel  mit dem Westen auch dafür, daß der
       Vorzug des  sozialistischen Handels,  seine "stabile, langfristig
       planbare" Natur  ziemlich in  Mitleidenschaft gezogen wird: Unter
       dem Zwang  zum Export  wird die  "Liefer- und  Vertragsdisziplin"
       ganz anders  erschüttert als durch die notorischen Mängel der He-
       belökonomie. Mit  dem Zwang,  den Weltmarkt zu bedienen, sind die
       sozialistischen Staaten  nun mit  dessen Preisbewegungen konfron-
       tiert, ohne  viel für die "Reinigung" von dessen spekulativen und
       sonstigen manipulativen Einflüssen unternehmen zu können.
       Darüber wird allerdings gerade der RGW immer unersetzlicher, aber
       eben nicht  als der überlegene "sozialistische Weltmarkt", wie er
       in früheren Zeiten gefeiert wurde, sondern schlicht als Lückenbü-
       ßer für  die schädlichen  Wirkungen des Westhandels. Die Gelegen-
       heit zu  devisenfreien Kompensationsgeschäften  wird immer unver-
       zichtbarer. Gerade  die westhandelsfreundlichsten Nationen, deren
       Drang und  Unabhängigkeit sie früher im Westen so beliebt gemacht
       hat, denken  gar nicht daran, aus diesem Bündnis jemals auszutre-
       ten. Polen ist ein Zuschußbetrieb auf Dauer, dessen Schulden zwar
       auch in  transferablem Rubel  bilanziert, mit Sicherheit aber nie
       bezahlt werden.  So leistet die Sowjetunion reinste wirtschaftli-
       che "Hilfe" und trägt mit ihren Spezialisten, Ersatzteillieferun-
       gen und  Rohstoffen dazu bei, daß Polen weiterhin mit Billigstex-
       porten in den Westen um seine Glaubwürdigkeit als guter Schuldner
       konkurriert.
       
                                     ***
       
       Die hoffnungsvolle  Parole, die  mit der Gründung des sozialisti-
       schen Lagers  ausgegeben wurde,  daß alle Nationen gemeinsam eine
       Angleichung in  der Entwicklung der Produktivkräfte und einem ge-
       waltigen Fortschritt  zustandebringen, bis  sich schließlich  die
       Nation überlebt und nur noch eine kommunistische Gesellschaft üb-
       rig bleibt,  hat sich  also nicht  ganz bewahrheitet.  Mit seiner
       durch die  nationale Vorteilskalkulation  gebremsten  Kooperation
       hat das  sozialistische Lager  neben einigem  an Entwicklung auch
       eine gründliche  Hierarchisierung in  Arme und Reiche zustandege-
       bracht. Es  hat das  allseitige und national unterschiedliche In-
       teresse am  Westhandel gefördert und laboriert nun an dessen Wir-
       kungen. Die  Konkurrenz der  Systeme ist darüber als berechtigter
       Anspruch   i m   Ostblock institutionalisiert:  Als der Anspruch,
       das Bündnis  als Hilfs- oder Kompensationsmittel für den Westhan-
       del zu  benützen und als Inspiration für reformpolitische Bedürf-
       nisse. Wenn  in Polen  die sogenannte Wirtschaftsreform eine ein-
       zige Beschwörung  des risikofreudigen,  ideenreichen Unternehmer-
       tums darstellt und die Partei "zentralistische Planung" als ihren
       größten Fehler  hinstellt, wenn  in Ungarn  "Weltmarktpreise" als
       Inbegriff ökonomischer  Effizienz gehandelt werden, an denen sich
       die Betriebe  messen sollen, wozu sie im Inneren die Freiheit zum
       Schröpfen erhalten,  sind das  keine Erfolgsrezepte zur Sanierung
       einer sozialistischen  Ökonomie, wie  sie selbst und ihre westli-
       chen Betreuer behaupten. Sondern ideologische Bankrotterklärungen
       sozialistischer Parteien,  die weder die Schranken der revisioni-
       stischen Planwirtschaft  begriffen haben  noch, warum  diese  den
       Handel mit dem Westen so schlecht verträgt. Statt dessen erklären
       diese Sozialisten inzwischen rundheraus, daß das westliche System
       bzw., was  sie dafür  halten, letztlich  doch das überlegene, das
       bessere ist.  Und auch  ein "konservativer" Staat wie die DDR hat
       die Zweckbestimmung  eines Sozialismus  schon ein bißchen umdefi-
       niert,  wenn  er  seine  Werktätigen  mehr  mit  dem  Stolz  aufs
       "Weltniveau" der eigenen Produkte als mit deren praktischem Genuß
       bedient.
       
       III. Die politische Einheit im sozialistischen Lager
       ----------------------------------------------------
       
       Nach westlicher Einsicht stellt der Ost"block" nicht nur ein Völ-
       ker- sondern auch ein Staatengefängnis dar; der Zwang zur Linien-
       treue erlaubt  den "Satelliten" keine echte Souveränität; bei je-
       dem Schritt,  den sie  unternehmen, müssen sich ein Honecker oder
       Kadar zuvor  die Genehmigung im Kreml abholen. Das gilt als unum-
       stößliche Wahrheit,  weil der  freie Westen  der Sowjetunion  ein
       Recht auf Verbündete nicht zugesteht. Und die einschlägigen Dumm-
       heiten blamieren sich auch nicht daran, daß bei Bedarf das genaue
       Gegenteil behauptet wird. Seitdem der Westen Geschmack an der Pe-
       restroika gefunden hat, wird die DDR vormals angeblich der treue-
       ste Lakai  - unaufhörlich beschimpft, daß sie die sowjetische Li-
       nie nicht  kopiert. Und  wenn die neueste Fortschreibung der KSZE
       an der rumänischen Position zu scheitern droht, wird direkt ange-
       fragt, ob  denn da  die Breschnew-Doktrin nicht zur Anwendung ge-
       bracht werden kann.
       Gegen das  Gerücht, daß eine doktrinäre Ideologie und die Hegemo-
       nie der Sowjetunion die osteuropäischen Staaten auf eine einheit-
       liche Linie  zwingen, sprechen  alleine schon die zahlreichen na-
       tionalen Abweichungen.  Und die sind auch nicht der Beweis dafür,
       daß die  Unterdrückung von Nationen letztlich doch nicht gelingen
       kann. Mit  der Einrichtung  realsozialistischer  N a t i o n a l-
       staaten ist  die nationale  Beschlußfassung    a n e r k a n n t,
       und die  politische Einheit  des Lagers  besteht in einem denkbar
       minimalen  Konsens:   nämlich  darin,  daß  die  revisionistische
       Produktionsweise  gilt,   jedes  Land  damit  einen  Beitrag  zum
       Fortschritt des Bündnisses leistet und die Partei als politischer
       Garant sich im Inneren keiner politischen Konkurrenz aussetzt.
       Diese formelle Einheitlichkeit gilt im sozialistischen Lager; sie
       hat aber  keineswegs verhindert,  daß lauter "nationale Wege" und
       politische Divergenzen  aufgetreten sind  - eben  in Gestalt  der
       Parteien, die ja schließlich regieren. Daß sich Fraktionen in der
       Partei, oder  auch die Partei als ganze, nationale Modifikationen
       der revisionistischen  Wirtschafts- oder Herrschaftsmethoden ein-
       fallen lassen  oder außenpolitische  Differenzen zur  Sowjetunion
       aufmachen, ist nicht zu vermeiden, wenn das "System", wie es sich
       die KPdSU  mit ihren  "schöpferischen Erfahrungen" zusammengebaut
       hat, am nationalen Opportunismus der anderen KPs gemessen und für
       deren Bedürfnisse eines nationalen Aufstiegs zurechtinterpretiert
       wird.
       Politische Divergenzen hat es genug gegeben, ohne daß die berüch-
       tigte Block-Disziplin  durchgesetzt worden  wäre. Der Paradefall,
       der rumänische Conducator, ist ein wunderschönes Beispiel für die
       Konjunkturen,  die  die  westliche  Instrumentalisierung  solcher
       Standpunkte mit  sich bringt.  Die westliche Hetzpresse, die sich
       Ceausescu zur  Zeit zu  dem  Buhmann  Europas  zurechtstilisiert,
       sollte sich einmal ihre Lobeshymnen aus den 70er Jahren zu Gemüte
       führen. Derselbe  Mann, dessen  originelle Ideen  zur Agrarreform
       zur Zeit als das denkbar finsterste Verbrechen - Mord an Dörfern!
       denunziert werden,  war damals sämtlichen Führern der freien Welt
       Staatsbesuche in  Glanz und  Gloria wert:  Als  B e l o h n u n g
       einer nationalen  Linie, die  die Versuche,  im RGW ein Stück ge-
       meinsame Planung  und Arbeitsteilung  durchzusetzen, als  Angriff
       auf die  Ansprüche der  rumänischen Nation  begriffen und erfolg-
       reich torpediert  hat. Genau die Politik einer Industrialisierung
       um jeden  Preis, die  heute geradezu als Menschenrechtsverbrechen
       gehandelt wird, ist damals vom Westen mit allen Mitteln gefördert
       worden, eben  weil sie  das östliche Wirtschaftsbündnis durch den
       partiellen Entzug  geschädigt hat und weil ihr oberster Repräsen-
       tant seinem  Bündnis in  außenpolitischen Fragen  immer wieder in
       den Rücken  gefallen ist: Als Schacher für Wirtschaftsbeziehungen
       mit der BRD wie in der Berlinfrage, zur Betonung seiner unabhäni-
       gen Drittweltpolitik,  wegen der Rumänien im Sechs-Tage-Krieg die
       diplomatischen Beziehungen  zu Israel  im Unterschied  zum  Block
       nicht abgebrochen  hat, und zuletzt noch während des INF-Streits,
       in dem  der rumänische Chef die westlichen Losungen von einer so-
       wjetischen "Vor"-  und westlichen  "Nach"rüstung nachgebetet hat.
       Damit hat  er sich in seinem Bündnis zwar unbeliebt gemacht, aber
       mehr als  diplomatische Zurechtweisungen sind nicht erfolgt. Ähn-
       liche Eskapaden eines NATO-Mitglieds ohne härtere Pressionen sind
       völlig undenkbar.  Der RGW ist nun einmal seiner ökonomischen Na-
       tur nach nicht für politische Erpressungen tauglich. Die Koopera-
       tionsabkommen, die  Rumänien als Knebelung seiner Wirtschaftsent-
       wicklung verdächtigt  hat, haben eben ohne rumänische Beteiligung
       stattgefunden.  Die   zusätzlichen  Ölkontingente,  die  die  So-
       wjetunion nicht  liefern wollte, hat sich Rumänien beim Schah von
       Persien besorgt  und damit  die Schulden akkumuliert, wegen derer
       der Kampf  für die  rumänische Unabhänigkeit  heute als  Kampf um
       Schuldenabbau stattfindet.  Das empört  die  früheren  westlichen
       Sponsoren als eine unpassende Definition von Unabhängigkeit.
       Von wegen  "monolithischer Block": Im sozialistischen Lager haben
       sich regelrecht  nationale Taktiken  entwickelt, sich  mit  Bünd-
       nistreue in  einigen Fragen  Alleingänge in  anderen abzusichern.
       Die ungarische  Partei hat  sich in der Außenpolitik immer an die
       Linie der  Sowjetunion gehalten  und im  Innern die Auflösung der
       realsozialistischen Produktionsweise am weitesten vorangetrieben.
       Der Standpunkt,  daß eigentlich  nur das  Kapital  ein  lohnender
       Wirtschaftspartner ist,  gilt längst  im angeblich  so  menschen-
       freundlichen Gulaschkommunismus,  und die Zerstörung des revisio-
       nistischen Sozialstaats ist mit den Fortschritten des Westhandels
       und den  davon inspirierten  Reformen entsprechend weit gediehen.
       In solchen  Fragen agiert die Sowjetunion überhaupt nicht als der
       ideologische Aufpasser,  als der  sie immer gehandelt worden ist.
       Während Gorbatschow  auf seinem  Antrittsbesuch in  Rumänien  für
       Ostblockverhältnisse ziemlich  häßliche Bemerkungen  darüber  ge-
       macht hat,  daß der  rumänische Sozialismus  dem rumänischen Volk
       nicht besonders  zuträglich ist,  hat er  so etwas in Ungarn erst
       gar nicht  zur Kenntnis genommen, obwohl sich ungarische Armutse-
       xistenzen mit  rumänischen leicht  vergleichen können.  Wegen der
       ökonomischen Leistungen,  die Ungarn immerhin seinem Bündnis bei-
       steuert, sind die Partner, allen voran die Sowjetunion, so undog-
       matissch, einfach  zu übersehen  daß die  innenpolitischen  Fort-
       schritte der  Partei mit  Marxismus-Leninismus  überhaupt  nichts
       mehr, sondern  nur noch  mit der  Kopie vermeintlicher westlicher
       Erfolgsrezepte zu tun haben.
       Die DDR hat sich mit ihren Wirtschaftsleistungen fürs Bündnis und
       mit ihrer  Unterstützung der  sowjetischen Außenpolitik das Recht
       auf lauter deutschlandpolitische Sondergeschäfte und Sonderbezie-
       hungen eröffnet.  Immerhin gilt sie "nicht" als "Ausland im Sinne
       der EG-Bestimmungen" und dient dem westdeutschen Kapital fast wie
       eine monopolisierte  Geschäftssphäre. Daß sie darüber zu so etwas
       wie einer  sozialistischen Exportnation geworden ist, schätzt das
       sozialistische Lager  offensichtlich auch als nützlichen Beitrag.
       So kann  es sich  die DDR  erlauben, zu  Zeiten, in denen die So-
       wjetunion der "nach"rüstenden BRD eine "Eiszeit" ankündigt, unge-
       rührt deutschlandpolitische Fortschritte auszuhandeln.
       Die  Ideologie   der  Ostblockparteien,   daß  im   Sinne   ihrer
       "wissenschaftlichen Weltanschauung"  jeder politische Schritt auf
       seine Übereinstimmung  mit lauter objektiven Gesetzen des gesell-
       schaftlichen Fortschritts  und kommunistischer  Prinzipienfestig-
       keit hin  überprüft wird,  steht eben auch nur in den Büchern und
       die liest  keiner mehr.  Und  auch  die  Führungsmacht,  die  So-
       wjetunion, scheint  vollauf damit  zufrieden zu  sein, wenn  ihre
       Partner  ihren  wirtschaftlichen  Beitrag  zum  Bündnis  und  bei
       passender  Gelegenheit   diplomatische  Unterstützung  leisten  -
       darunter sind  alle Experimente und Alleingänge erlaubt, so wenig
       sie auch  zu den  unerschütterlichen  Weisheiten  des  ML  passen
       mögen, wie z.B. das intime Gekungel von Arbeiterpartei und Kirche
       in Polen.
       Selbstverständlich   w i r d   jede nationale  Linie von der Füh-
       rungsmacht und  den anderen Partnern begutachtet und bei Gelegen-
       heit auch kritisch kommentiert. Allerdings eben auch nur nach dem
       Gesichtspunkt, wie weit eine besondere nationale Politik noch als
       Beitrag zum  Bündnis angesehen werden kann oder nicht. Und dieses
       Kriterium ist  notwendigerweise weit  gefaßt: Denn die Maßnahmen,
       die eine nationale KP jeweils für sich für erforderlich hält, sei
       es zur inneren Absicherung ihrer Stabilität, sei es zur Beschleu-
       nigung ihres  ökonomischen Fortschritts, sollen  m i t  dem beab-
       sichtigten nationalen  Erfolg schließlich  auch immer dem Bündnis
       zugute kommen.  Die polnische  Beschwichtigung  des  rebellischen
       Proletariats mit  Kriegsrecht auf  der einen  und der Duldung von
       lauter un-sozialistischen  Standpunkten in der Öffentlichkeit auf
       der anderen  Seite mag  anderen Parteien durchaus suspekt vorkom-
       men. Als  Methode, die polnische Krise zu bewältigen, wird es je-
       doch abgesegnet.
       Eine eindeutige Grenze für nationale Abweichung gibt es: Ein Aus-
       tritt aus  dem Bündnis  ist nicht  gestattet. Als der Kurswechsel
       der KPdSU,  die Entstalinisierung,  in den  50er Jahren  in allen
       Bruderparteien Unsicherheiten  gestiftet und in Ungarn die offene
       Konkurrenz zweier  Parteilinien hervorgerufen hat, die von Anhän-
       gern des  alten Systems  als  Gelegenheit  begriffen  wurde,  die
       Volksdemokratie zu  stürzen, als  der Vertreter  der einen Linie,
       Nagy, versuchte, die außer Kontrolle geratenen Teile des Volks zu
       beschwichtigen mit  dem Versprechen, aus dem Bündnis auszutreten,
       hat die  Rote Armee  für eindeutige Verhältnisse gesorgt. Ebenso,
       als im  Prager Frühling  der Verdacht aufkam, die CSSR, einer der
       wirtschaftlich wichtigsten  Staaten im Bündnis und Frontstaat ge-
       genüber der  NATO wollte  sich dem  westlichen Lager annähern und
       von seinen Bündnisverpflichtungen lossagen.
       Seitdem gilt die sogenannte Breschnew-Doktrin als eine Ungeheuer-
       lichkeit, ein  völkerrechtliches Verbrechen sondergleichen. Dabei
       handelt es sich nur um eine Feststellung, die im NATO-Bündnis die
       allergrößte Selbstverständlichkeit  darstellt; nämlich daß es ein
       Bündnisinteresse   g i b t,  das im Zweifelsfall gegen ein natio-
       nales durchgesetzt wird:
       
       "Wenn innere  und äußere  dem Sozialismus  feindliche Kräfte  die
       Entwicklung eines  sozialistischen Landes  zu wenden und auf eine
       Wiederherstellung der kapitalistischen Zustände zu drängen versu-
       chen, wenn  also eine ernste Gefahr für die Sicherheit der ganzen
       sozialistischen Gemeinschaft  entsteht - dann wird dies nicht nur
       zu einem ernsten Problem für das Volk dieses Landes, sondern auch
       zu einem  gemeinsamen Problem, zum Gegenstand der Sorge aller so-
       zialistischen Länder." (Prawda 12.11.68)
       
       Es ist  ja nicht  so, als ob im westlichen Bündnis keine dauernde
       Begutachtung der  Linientreue anderer  Staaten stattfinden würde.
       Wenn da überhaupt jemals politische Standpunkte aufkommen, die in
       die Nähe der Systemfrage geraten, ist Einmischung total angesagt.
       Dementsprechend ist  die Offiziersrevolution in Portugal einmütig
       betreut und von allen sozialismusverdächtigen Elementen gereinigt
       worden; und die KPI ist in Italien einfach nicht regierungsfähig,
       da kann sie sozialdemokratischer denken als die SPD. Und auch un-
       terhalb solcher politischer Fragen ist Einmischung in die souver-
       äne Politik  anderer im  westlichen Bündnis  nicht die  Ausnahme,
       sondern die Regel.
       Gerade zwischen  i m p e r i a l i s t i s c h e n  Nationen, de-
       ren Erfolg  durch die Konkurrenz in der wechselseitigen Benützung
       und der  Benützung Dritter  hergestellt wird,  gibt es so gut wie
       keine interne  Frage, die  nicht die Bündnispartner etwas angeht,
       die nicht  irgendein Interesse  eines anderen berührt. Allerdings
       verfügen imperialistische  Nationen mit ihrer Geschäftskonkurrenz
       auch über  andere Erpressungsmittel,  so daß  die dauernde Einmi-
       schung gar  nicht als Gewaltakt einer Nation gegen eine andere in
       Erscheinung tritt.
       Insofern ist  es schon  eine besonders  gelungene Idee des Feind-
       bilds, aus  den genau  zwei militärischen Operationen zur Wieder-
       herstellung der  Bündnistreue im  Ostblock zu  deduzieren, daß 1.
       dieses Bündnis  n u r  durch die Gewalt der Roten Armee zusammen-
       gehalten wird  und 2.  jeder Staat, wenn er nur dürfte, sofort in
       den Westen überlaufen würde. Würde das nur ein bißchen zutreffen,
       wäre die Rote Armee reichlich überfordert gewesen und es gäbe den
       Ostblock schon längst nicht mehr.
       Schließlich gibt  es   d a s  Interesse gar nicht, das die Feind-
       bildpflege den "Satelliten" immer wieder unterstellt. Warum soll-
       ten auch  die realsozialistischen  Staaten,  deren  Kalkulations-
       grundlage durch  den Pakt  mit der  Sowjetunion gesichert ist und
       die bei  allen Beschwerden über den mangelnden Ertrag des RGW auf
       dessen Leistungen  für die  nationale Ökonomie  nicht  verzichten
       wollen, einen   A u s t r i t t   aus diesem Bündnis ernsthaft in
       Erwägung ziehen?  Auf   d e r  Grundlage suchen sie sich vielmehr
       Nischen und Extravorteile, gehen Sonderbeziehungen ein, kalkulie-
       ren eben   n a t i o n a l.  Mit Fortschritten in Richtung Kommu-
       nismus hat  das nichts  zu tun;  einige sozialistische  Errungen-
       schaften in  der Lebensführung  der Massen,  die schon Gewohnheit
       waren, werden  darüber ruiniert;  das mittlerweile  allgemein er-
       laubte Geschäft mit dem Klassenfeind hat seine ökonomischen Schä-
       den in  den Planwirtschaften  und ein Stück Zersetzung der Hebel-
       ökonomien angerichtet - aber eine Auflösung des Bündnisses  a u s
       s i c h   heraus, aus dem Interesse seiner Mitmacher ist deswegen
       noch lange  nicht angesagt.  Diese Prognose  des Westblocks  gilt
       zwar seit  45, hat aber außer ihrer Parteilichkeit nichts auf ih-
       rer Seite.
       
       IV. Die Warschauer Vertrags-Organisation
       ----------------------------------------
       
       In den  kommunistischen Parteiprogrammen ist die Verausgabung von
       Reichtum für sämtliche Erfordernisse einer flexible response, für
       Atomraketen und  Weltraumtechnik nicht  enthalten. Auch  wenn die
       westliche Hetze  "Aggressivität" und  "Expansionismus"  des  Ost-
       blocks zum  Dogma erhoben  hat - Kommunisten sind gemeinhin nicht
       dafür bekannt,  daß ihre  Interessen vorrangig  auf militärischem
       Gebiet liegen.  Und wenn  die Staatschefs  von der Gründungsphase
       des Ostblocks  bis heute,  von der Periode, in der die Parole vom
       "Überholen" ausgegeben  wurde, bis  zur heutigen  Kritik  an  der
       "Stagnationsperiode" immerzu mit ihrer Etappenbestimmung in Rich-
       tung auf  einen vollständigen  Kommunismus und mit der schöpferi-
       schen Lösung  ihres Widerspruchs von Produktivkräften und Produk-
       tionsverhältnissen beschäftigt  sind, läßt  sich dem auch entneh-
       men, daß  sich ihr  Programm erst einmal nicht über die militäri-
       sche Schlagkraft ihres Staats definiert.
       Die Vorstellung,  wenn die  Kriegsschäden beseitigt wären, könnte
       man einen  gemeinsamen und  gewaltigen sozialistischen Aufbau ins
       Werk setzen  und den "faulenden" Kapitalismus an der ökonomischen
       und sozialen  Front übertrumpfen, mußten sich die volksdemokrati-
       schen Regierungen  aber bald  abgewöhnen. Die  Last einer Kriegs-
       wirtschaft, eines  dauernden Abzugs  von Reichtum  für  Rüstungs-
       zwecke ist ihnen geblieben bzw. im Verhältnis zu den von der NATO
       vorgegebenen Dimensionen gewachsen.
       Geplant war  in Sachen  Militär etwas anderes, nämlich der Aufbau
       zuverlässiger Armeen  als Stütze  für die  sozialistische Staats-
       macht, als  der "bewaffnete  Arm der  Revolution". Bis heute wird
       diese Tradition  mit Betriebskampfgruppen  und  Volksmilizen  ge-
       pflegt, die es nur noch in den seltensten Fällen mit dem Klassen-
       feind zu  tun bekommen,  stattdessen bei Popkonzerten, nationali-
       stischen Unruhen  oder polnischen Streiks zum Einsatz kommen. Die
       regulären Armeen stehen für die äußere Garantie der Volksdemokra-
       tien ein und unterhalten bilaterale Verteidigungsverträge mit der
       Sowjetunion.
       Daß sie  zusätzlich zu  dieser Funktion in eine gesamteuropäische
       Kriegsstrategie eingeplant sind, dafür trainieren und ansehnliche
       Teile der Staatshaushalte beanspruchen, folgt nicht aus dem Grün-
       dungsprogramm des  sozialistischen Lagers, sondern stellt die Re-
       aktion auf  die europäische  Front dar,  zu der die USA die NATO-
       Staaten vereinigt haben! Der Warschauer Vertrag, das formelle Ge-
       genstück zur  NATO, ist  abgeschlossen worden,  als alle Versuche
       der  Sowjetunion,   die  Bildung   des  gegnerischen   Blocks  zu
       v e r h i n d e r n -  vor allem: "die deutsche Frage offenzuhal-
       ten" -,  gescheitert waren.  1949 wurde  die NATO gegründet, 1954
       die BRD aufgenommen; 1955 wurde der Warschauer Pakt abgeschlossen
       und 1956  die DDR  Mitglied. Die  Weltkrieg-II-Generäle  der  So-
       wjetunion mußten die Strategie des Atomkriegs lernen, sich darauf
       einstellen, die  europäische Herausforderung durch eine NATO aus-
       zurechnen, und die Bündnisarmeen in ihre Funktionen einweisen.
       Die Warschauer-Pakt-Staaten kennen nur einen Kriegsgrund, das ist
       der Anspruch  des militärisch  vereinigten Westens  auf die Herr-
       schaft in  Europa und  seine entsprechende Kampfansage an die So-
       wjetunion. Diese  Kampfansage, obwohl  an die Adresse der Sowjet-
       macht gerichtet, bedroht die Staatswesen, mit denen die zur Macht
       gelangten sozialistischen  Parteien ihr Land aus dem Herrschafts-
       bereich der  bürgerlichen Welt ausgegliedert haben, in ihrer Exi-
       stenz. Die Herren der neuen Arbeiter-und-Bauern-Staaten brauchten
       daher gar  keine besonderen nationalen Rechnungen anzustellen, um
       in der  Frage ihrer  militärischen  Existenzsicherung  auf  jeden
       "Sonderweg" außerhalb  des sowjetischen Verteidigungsbedürfnisses
       zu verzichten.  In das haben sie sich eingeordnet, ohne damit ir-
       gendein weitergehendes Interesse als das an ihrer Selbsterhaltung
       zu verfolgen  - und weiter geht auch das sowjetische Interesse an
       einem eigenen  europäischen Militärbündnis  nicht. Denn so wie es
       zwar ideologisch, aber keine Verstellung ist, wenn die NATO-Part-
       ner in ihrer Gründungsurkunde ihren Friedenswunsch unter den Vor-
       behalt stellen,  daß die  "Herrschaft des Rechts" - des von ihnen
       vertretenen nämlich  - unangefochten  gilt, also ein Programm zur
       B e r e i n i g u n g   d e r  W e l t l a g e  verkünden, so ist
       es gleichfalls  keine Verstellung,  wenn die Sowjetunion und ihre
       "Satelliten" dieses  Programm  mit  dem  unbedingten  Willen  zur
       "Sicherung des  Friedens", unideologisch ausgedrückt: zur Selbst-
       behauptung und  S i c h e r u n g  d e s  S t a t u s  q u o  be-
       antworten.
       Mit ihrem  Kriegspakt verfolgen  weder die Führungsmacht noch die
       kleineren Partner  des Warschauer  Vertrages ein - alternatives -
       imperialistisches Programm, um dessen Auslegung im jeweiligen na-
       tionalen Interesse  alsdann der Streit losgehen könnte und müßte.
       Weder hat  sich der  "Ostblock" einem gemeinschaftlichen Revisio-
       nismus von der Art des westlichen Willens zur "Wiedervereinigung"
       Europas und der Welt... - verschrieben, noch gibt es die dazu ge-
       hörigen nationalen Bemühungen, das Bündnis für besondere Weltver-
       änderungsanliegen zu  funktionalisieren -  die DDR hat sich keine
       "Wiedervereinigung" in  ihr Grundgesetz geschrieben, und genauso-
       wenig beanspruchen  Ungarn und die CSSR einen gerechten Anteil an
       Österreich oder  den Österreichern,  Bulgarien  makedonische  Be-
       stände in Jugoslawien oder Griechenland, Polen seine alten Ostge-
       biete. Streitfälle dieser Art, soweit es sie gegeben hat, hat die
       Sowjetunion verboten - typisch totalitär, hat sie solchem kriegs-
       trächtigen nationalen  Ehrgeiz, ohne  den Nationalisten nie recht
       glücklich sind, in ihrem Kriegspakt keinerlei Rechte gewährt. Da-
       mit hat sie auch die Konkurrenz der Beteiligten um ihre besondere
       nationale Geltung  im Bündnis  gar nicht  erst aufkommen  lassen.
       Entsprechend schlicht sieht dessen militärische Struktur aus: Die
       Sowjetunion plant  den Kriegsfall,  dem sie sich in Europa gegen-
       über sieht,  als totale  Abwehr und  Gegenschlag, bereitet so den
       Weltkrieg vor; und ihre Führungsstäbe weisen den assoziierten Ar-
       meen die Teilaufgaben zu, die sie zu übernehmen haben.
       
       Ein langweilig undemokratisches Militärbündnis
       ----------------------------------------------
       
       Bei der  Rollenverteilung ist  es im  Warschauer Pakt  bis  heute
       geblieben. Die  Bruderstaaten stellen Teilstreitkräfte, garantie-
       ren eine  bestimmte konventionelle  Truppenstärke und  räumen der
       Sowjetunion das Recht auf Operationsfreiheit in ihrem Territorium
       ein (mit Ausnahme Rumäniens, das sich damit im Westen früher ein-
       mal äußerst  beliebt gemacht  hat, aber,  strategisch betrachtet,
       leider auch  ziemlich zu  vergessen  ist).  Die  Sowjetunion  be-
       schließt, welche  Rüstungsfortschritte fällig  sind, und  stattet
       die anderen  Armeen mit allen wichtigen Waffen aus, je nach deren
       strategischer Funktion und auch nach politischen Konjunkturen, in
       Abhängigkeit von der Beurteilung ihrer Zuverlässigkeit. Die ande-
       ren Staaten  betreiben eine  Rüstungsproduktion für  die Grundbe-
       dürfnisse des Militärs bzw. führen Spezialaufträge aus.
       Eine Konkurrenz  in Rüstungsfragen  ist überhaupt  gar nicht erst
       aufgekommen, und die sozialistischen Massen brauchen sich darüber
       wirklich nicht den Kopf zu zerbrechen, welcher Leo der beste ist.
       Weder hat  es die  Sowjetunion jemals  in Erwägung  gezogen, ihre
       Partner auf die Eigenproduktion von Panzern, Kampfflugzeugen oder
       U-Booten zu verpflichten, noch gilt dieser Sektor in der nationa-
       len Rechnung  der anderen  als erstrebenswerte  Branche  -  "High
       tech! "  -, die  unbedingt erobert  werden muß. Die Ausgaben fürs
       Militär sind reine Unkosten, bloßer Abzug vom realsozialistischen
       Nationaleinkommen, und lohnen sich weder für eine damit zu gewin-
       nende nationale  Bedeutung noch für auswärtige Geschäftserfolge -
       der Waffenhandel,  den der Ostblock betreibt, hat sich wegen sei-
       ner politischen  Zweckbestimmung kaum  jemals rein auf den Stand-
       punkt des  Geschäftserfolgs stellen  können. "Kunden"  wie  Kuba,
       Vietnam, Angola, Syrien, Nicaragua, Afghanistan, Äthiopien zeich-
       nen sich nicht gerade durch Zahlungsfähigkeit aus.
       Genauso unbekannt  sind dem östlichen Militärbündnis die beleben-
       den NATO-Debatten  um "Abkoppelung"  oder "Risiko- und Lastenver-
       teilung". Würden  z.B. die  Frontstaaten DDR  und CSSR nur einmal
       den Standpunkt einnehmen, den die BRD laufend als ihr gutes Recht
       beansprucht, und  das nationale  Verteidigungsbedürfnis, getrennt
       vom Bündnis,  gegen den  Feind aufrechnen;  würde man dort einmal
       den nationalen Rüstungsbedarf nach der Methode der BRD anmelden -
       das eigene  militärische Gewicht  so erhöhen, sich strategisch so
       wertvoll und so unverzichtbar machen, daß ein Recht auf strategi-
       sche Mitbestimmung  daraus folgt  -: dann wäre die Hölle los, und
       zwar nicht  drüben, sondern hier. Es ist sehr bezeichnend für die
       berechnende Sichtweise des Feindbilds, daß sie am anderen Bündnis
       in   a l l e n   Fragen die  Unterdrückung der "Satelliten" durch
       die Sowjetunion feststellt - nur in der Frage  n i c h t,  an der
       sich in der Freien Welt die ganze Freiheit einer Nation letztlich
       entscheidet, nämlich bei der Freiheit, nationale Verteidigungsbe-
       dürfnisse -  also Kriegsgründe  - und  Rüstungsnotwendigkeiten zu
       definieren. Daß die Sowjetunion ihre Verbündeten militärisch kurz
       hält und  ihnen keine,  denen der  westlichen  "Satelliten"  ver-
       gleichbaren Militärapparate  gönnt, das ist ihr noch nie zum Vor-
       wurf gemacht worden.
       Dieser Zustand hat ja auch durchaus seine praktischen Bequemlich-
       keiten. Die  Nationale Volksarmee  der DDR,  die tschechische und
       polnische Armee  werden von  den konventionellen NATO-Kräften als
       Teilaufgaben eingeplant.  Zusätzlich wird mal das Gerücht von ei-
       nem extremen  preußischen bzw. polnischen Militarismus gepflegt -
       wenn die  Schlechtigkeit des  Systems Thema  ist - oder die nette
       Idee verbreitet,  daß die  im Ernstfall ohnehin überlaufen - wenn
       die ideelle Vereinnahmung der "Unterdrückten" ausgemalt wird.
       Besondere    Militärstrategien    oder    Rüstungsvorhaben    der
       "Satelliten" muß die NATO jedenfalls weder ideologisch noch prak-
       tisch berücksichtigen,  weil es sie nicht gibt. Daß ein Honecker,
       Husak oder  Jaruzelski die  Strategie ihres  Pakts vom nationalen
       Interesse aus  überprüfen, etwa  das Thema "Kriegsschauplatz DDR"
       aufwerfen und  daraus einen  besonderen Rüstungsbedarf  ableiten,
       ist in  ihrem Kriegsbündnis  nicht üblich.  Außer dem gemeinsamen
       Kriegsfall kennen  die beteiligten  Staaten keine  Funktion ihres
       Militärs. Für  den Fall  leisten sie ihren militärischen Beitrag,
       der nur  vor dem  Hintergrund der sowjetischen Atommacht und bloß
       als Beitrag zur Schlagkraft der Roten Armee zählt.
       
       Null atomare Souveränität - viel Friedenspolitik
       ------------------------------------------------
       
       Im Unterschied  zur westlichen Schutzmacht hat die Sowjetunion in
       ihrem Lager  ihr Atomwaffen m o n o p o l   aufrechterhalten. Sie
       hat jahrelang  mit den  USA um die atomare Bewaffnung der Bundes-
       wehr gestritten und die amerikanische Entscheidung, den Deutschen
       atomare "Gefechtsfeldwaffen"  abzüglich eines letzten Sicherungs-
       schlüssels in  die Hand  zu geben, nicht mit der atomaren Bewaff-
       nung ihrer  Frontstaaten beantwortet;  sie hat  die Existenz  von
       noch zwei unabhängigen Atommächten in der NATO nicht damit gekon-
       tert, ihren  Verbündeten diese  Technologie zugänglich zu machen.
       Friedenspolitik oder  Diktatur? Auch  in der  Frage hat  die  So-
       wjetunion niemals  für die  erste Antwort  Komplimente  geerntet,
       noch Tadel für die zweite.
       Umgekehrt haben  die Bündnispartner  der Sowjetunion auch nie das
       Recht auf  eine atomare  Rüstung angemeldet  oder "Raketenlücken"
       auf ihrem  Territorium entdeckt  - nach der alten "Nach"rüstungs-
       logik eines  Helmut Schmidt  wäre das  in sämtlichen  Warschauer-
       Pakt-Staaten längst  überfällig. Während  die NATO-Partner  unter
       dem atomaren  Schutzschirm der  USA immer  auch    l e i d e n  -
       nämlich daran,  daß sie  in ihren  nationalen Ambitionen  von den
       strategischen       F ä h i g k e i t e n       und   der   Atom-
       kriegsbereitschaft ihrer Führungsmacht abhängig  b l e i b e n -,
       gibt es  im östlichen  Bündnis Unzufriedenheiten  aller Art, bloß
       nie mit  der strategischen  Rollenverteilung und der atomaren Ga-
       rantie der  Sowjetunion. Der Grund dafür ist einfach: Die Partner
       sind -  genauso wie  die Sowjetunion - z u f r i e d e n  mit dem
       durchs Militär garantierten status quo; sie setzen gerade nicht -
       auf eine  irgendwann fällige   E n t s c h e i d u n g   der glo-
       balen "Machtfrage",  sondern darauf,  eine solche Entscheidung zu
       verhindern.
       Das hat  allerdings auch  seine Folgen.  Während die  Sowjetunion
       nicht nur  mit den  USA, sondern auch noch mit deren europäischen
       Vorposten um  Rüsrungsfrage rechten  muß, denen also die entspre-
       chende diplomatische  Anerkennung zollt,  Sondererpressungen  und
       Sonderangebote für  Europa-West aufmacht  und die Zusatzbedrohung
       durch dessen  Militarismus kalkulieren muß, kennen die NATO-Staa-
       ten ausschließlich die Sowjetunion als Verhandlungspartner im rü-
       stungsdiplomatischen Geschäft.  Die Briefe, die Honecker regelmä-
       ßig mit den peinlichsten Anspielungen auf ein gesamtdeutsches In-
       teresse nach  Bonn abschickt, um für gemeinsame Abrüstungsinitia-
       tiven zu  werben, werden im Kanzleramt ebenso regelmäßig als gut-
       gemeinte, aber größenwahnsinnige und unpassende Einmischung abge-
       legt. Die ach so friedliebende und verständigungsbereite BRD ver-
       handelt ernstlich  nur mit  Nationen, die sich als Atommächte rü-
       stungs- und  sonstigen diplomatischen  Respekt verschafft haben -
       ganz als  würde die  europäische Kriegsfrage die DDR  n i c h t s
       angehen, nur  weil sie  darin eine  verhältnismäßig viel beschei-
       denere Rolle  spielt. Forderungen  oder Anliegen  der osteuropäi-
       schen Mitmacher  werden nur dann im Ost-West-Verhältnis ernsthaft
       zum Verhandlungsgegenstand, wenn entweder die Sowjetunion der Sa-
       che ihr Gewicht verleiht und ein Anliegen des gesamten Bündnisses
       daraus macht  - wie  z.B. in der Frage einer Anerkennung der DDR,
       die flau  genug ausgefallen  ist - oder wenn es der Westen selbst
       für günstig hält, nämlich Ansatzpunkte für besondere Erpressungen
       zu schaffen,  dadurch Abweichungen  zu fördern  und womöglich den
       feindlichen Block ein wenig zu spalten.
       Daß die  Warschauer-Pakt-Staaten mit  Ausnahme der Sowjetunion im
       rüstungsdiplomatischen Schacher  nichts zu  bestellen haben,  hat
       sie allerdings  auch nicht  mit ihrer  beschränkten militärischen
       Rolle unzufrieden  werden lassen.  Weil sie  die Sache nun einmal
       ganz anders  sehen, gilt eher das Gegenteil: Weil erst einmal Zu-
       friedenheit herrscht mit dem status quo, den man erreicht hat und
       den die  Sowjetunion garantiert,  betrachten die "Satelliten" die
       Kriegsfrage mit einer ganz eigentümlichen  D i s t a n z.  Gerade
       in Phasen rüstungsdiplomatischer Verstimmung zwischen Sowjetunion
       und NATO ist z.B. das Bedürfnis nach einem Mehr an  l o k a l e r
       Entspannung und das Gerücht von der besonders wertvollen Frieden-
       spolitik der  "Kleinen" aufgekommen. Wenn schon die Führungsmacht
       ihr Militär tatsächlich bloß zum Zweck der Abschreckung aufstellt
       und der  Rüstungsdiplomatie allen Ernstes die Aufgabe zuschreibt,
       den Frieden  zu sichern, dann kann bei den Partnern durchaus auch
       die Frage  aufkommen, ob  der eine  oder  andere  Rüstungsschritt
       wirklich sein  muß. Und wenn schon die Sowjetunion - wie zur Zeit
       - die  verrückte Selbstkritik ventiliert, ob nicht  s i e  in der
       Vergangenheit womöglich  die Lage  unnötig verschärft hätte, dann
       können sich  die "Kleinen"  noch nachträglich dafür ins Recht ge-
       setzt fühlen,  wenn sie  wegen ihrer geschäftlichen und sonstigen
       Interessen schon einmal auf Distanz zu den rüstungsdiplomatischen
       Verhandlungspositionen ihrer Schutzmacht gegangen sind.
       Das bedeutet  allerdings nicht,  daß sie in praktischen Rüstungs-
       fragen etwas unterlassen würden oder sogar aus ihrem Bündnis aus-
       treten wollten - dazu gibt es weder einen Grund noch irgendwelche
       besseren Angebote.  In ein  paar Fällen erinnert zudem der Revan-
       chismus der BRD zuverlässig an den Ernst der Lage. Aber die ideo-
       logische Wehrbereitschaft geht ziemlich verloren. In der nationa-
       len Abwandlung der sowjetischen Friedensidiotie leistet jeder so-
       zialistische Staat  seinen - nationalen - Beitrag zur ostblocküb-
       lichen Volksverdummung, die einen Gegensatz zum Imperialismus von
       östlicher Seite  aus für  zunehmend überholt  und überflüssig er-
       klärt.

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