Quelle: Archiv MG - EUROPA EG - Vom Euro-Imperialismus
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Keine Einigung über Bequerel-Grenzwerte
DIE EG STRAHLT UNEINHEITLICH
Die Außenminister der 12 EG-Staaten haben sich letzte Woche in
Luxemburg nicht darüber verständigen können, wieviel Radioaktivi-
tät im Futter ein durchschnittlicher europäischer Bürger minde-
stens aushalten muß, bzw. wieviel man ihm höchstens und auf ein-
mal zumuten darf.
"Grenzwerte"...
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sind nämlich von vornherein nicht als S c h u t z für die Leute
vor einer Schädigung durch krankmachende Substunzen geeignet.
Dazu käme man nicht auf die Festlegung eines erlaubten M a ß e s
d e s S c h a d e n s, sondern auf eine Verhinderung des Drecks
überhaupt. Nun denkt bekanntlich keine einzige Regierung in der
EG daran, die "friedliche Nutzung der Kernenergie" sein zu las-
sen. Die immer wieder bekanntgemachte krebsfördernde Wirkung von
industriellen Produktionsabläufen mit jeder Menge Giftstoffen
führt ja auch nicht dazu, "unserer Wirtschaft" irgend etwas zu
verbieten; z.B. das Hantieren mit Asbest, solange sie es
"unbedingt" braucht und ein Ersatz "volks- und betriebswirt-
schaftlich" unvertretbar ist.
Die Ermittlung eines Grenzwerts einer Substanz, der
H ö c h s t m e n g e, unterhalb derer sie für nicht schädlich
angesehen wird, unterstellt die Praxis und das dringende Inter-
esse, das Zeug in möglichst großer Menge unter die Leute zu brin-
gen. Mit Wissenschaft hat die Festlegung eines Grenzwertes nur
insofern etwas zu tun, als Wissenschaftler den Politikern Argu-
mente liefern für eine p o l i t i s c h e
E n t s c h e i d u n g. Der Grenzwert bedeutet nämlich alles
andere als eine Garantie, daß Gift in solchen Dosierungen ver-
träglich wäre. Er legt vielmehr mit den Mitteln von Statistik und
Wahrscheinlichkeitsrechnungen einen Durchschnitt fest, mit dem
P o l i t i k e r leben können. Für die Betroffenen gilt der
Volksspruch vom Guten, der's aushält.
Es kommt dabei nämlich nicht auf die Gesundheit des einzelnen Ar-
beiters oder Verbrauchers an, sondern auf die
V o l k s g e s u n d h e i t. Dabei handelt es sich um eine po-
litische Rechnung, bei der Arbeitsfähigkeit durch Kosten fürs Ge-
sundheitswesen geteilt und mit der Sterblichkeitsrate multipli-
ziert wird. Bei der radioaktiven Strahlung in den Lebensmitteln
kann der Grenzwert schon deshalb sehr hoch angesetzt werden, weil
es sich hier um ein Gift handelt, bei dem die Schädigung als
L a n g z e i t w i r k u n g eintritt und das Ableben wegen
Krebs in vielen Fällen mit der "normalen mittleren Lebenserwar-
tung" zusammen- oder zumindest nicht auffallend auseinanderfällt.
Deshalb hält die Bonner Staatsministerin Adam-Schwaetzer (FDP)
die Grenzwertfestlegung vor allem für "p o l i t i s c h be-
deutsam", und der Umweltminister Töpfer (CDU) bedauert die
"g e s e t z l i c h e U n s i c h e r h e i t" die jetzt ein-
getreten sei. Keiner wirft den EG-Partnern, denen die noch gel-
tenden Grenzwerte zu niedrig und die vorgeschlagenen unannehmbar
erscheinen, vor, sie würden v o r s ä t z l i c h Leben und Ge-
sundheit der EG-Bevölkerung aufs Spiel setzen.
Statt dessen versichert die Bundesregierung ihrem Volk, hierzu-
lande würde jetzt im Alleingang "verantwortungsbewußt gehandelt".
...und Staatsgrenzen
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So wird ein Punkt daraus für die Bonner Herren. Minister Töpfer
"sieht sich in seiner Ansicht bestätigt, daß es richtig gewesen
ist, durch rechtzeitige Vorbereitung und Verabschiedung einer An-
schlußverordnung sicherzustellen, daß von November an nur solche
Lebensmittel in der Bundesrepublik verkauft werden dürfen, die
der Kontrolle nach den strengeren deutschen Grenzwerten unterlie-
gen."
Die EG-Konkurrenten tun der BRD-Regierung den politischen Gefal-
len, ihren Grenzwerten jetzt den Ruf einer "strengeren Regelung"
einzubringen. Dabei kann man sich offensichtlich auf das kurze
Gedächtnis einer Bevölkerung verlassen, die kurz nach Tschernobyl
keine Milch und keine Butter mehr haben wollte, weil man ihr al-
lenthalben expertenmäßig sagte, 600 Becquerel seien viel zu hoch.
Jetzt, wo das A u s l a n d noch höhere Werte zuläßt, brüstet
sich die Bundesrepublik als Strahlenschutzoase. Selbstverständ-
lich in den Grenzen der Politik, die nach wie vor in und mit der
EG gemacht wird: Es wird keine Einfuhrbeschränkungen für Lebens-
mittel aus anderen EG-Staaten geben, wie sie damals für a l l e
I m p o r t e aus den Oststaaten verhängt worden sind.
"Stichproben" an den Grenzen soll es geben, die allerdings "wegen
mangelnder Personalkapazität" nicht "wesentlich verstärkt" werden
können. Wie ja überhaupt ein V e r b o t höherer Schädigngs-
werte nichts v e r h i n d e r t, sondern bloß zeigt, was ein
freier Handel alles an den Kunden bringen will.
Außerdem weist die Bundesregierung jetzt bereits vorsorglich dar-
auf hin, daß sie ihre Grenzwerte nur bedingt durchsetzen kann,
weil dagegen als "unerlaubte Handelsschranke" vor dem Europäi-
schen Gerichtshof geklagt werden kann. Die Strahlenbelastung der
Lebensmittel wird auf diese Weise zu einem interessanten
K o n k u r r e n z m i t t e l a u f d e m e u r o p ä i-
s c h e n A g r a r m a r k t: Portugal hat sich auf die Seite
der Bundesrepublik geschlagen, weil es nach Tschernobyl dort
nicht geregnet hat; Frankreich rechnet mit seiner sehr hohen
"natürlichen Radioaktivität", für die 68 AKWs sorgen, ganz ohne
Tschernobyl, und gibt sich daher optimistisch, was die Be-
lastbarkeit des menschlichen Organismus mit Radioaktivität be-
trifft; Großbritannien ist eigentlich überhaupt gegen Grenzwerte
bei Nahrungsmitteln, Dänemark und Holland wollen die schärfsten
Restriktionen, womöglich noch mit einer Bestrahlungskennzeich-
nungspflicht auf den Produkten, weil man dort glaubt, damit bes-
ser als andere zurechtzukommen, usw.
Und die BRD? Hierzu Töpfer bereits im September:
Die Strahlendosis für die Bevölkerung in der Bundesrepublik ist
nach dem Anstieg durch den Reaktorunfall von Tschernobyl jetzt
wieder auf das Niveau der natürlichen Belastung gesunken."
Abgesehen von den Schwammerln, Wild und Süßwasserfisch, wo regel-
mäßig bei Proben von V e r k a u f s w a r e dreistellige Be-
querelzahlen gemessen werden, wird der amtlich festgesetzte
Grenzwert nicht mehr überschritten. Für die Vergiftung sind also
wieder allein die n a t i o n a l e n S t r a h l u n g s-
q u e l l e n zuständig, und die gehen in Ordnung. So wirkt der
bundesdeutsche Alleingang in Sachen Grenzwerte wie eine
regierungsamtliche Werbung für "Lebensmittel aus Deutschland" mit
garantiert "natürlicher Belastung".
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