Quelle: Archiv MG - EUROPA EG - Vom Euro-Imperialismus
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Die "Krise" der Stahlindustrie
EUROPÄISCHES STAHLMANAGEMENT
Wiewohl man im Kapitalismus noch nie etwas von einem Weltmaschi-
nenbedarf oder Welthifibedarf gehört hat - wohlwissend, daß der
"Bedarf" nach kapitalistisch produzierten Waren von der zahlungs-
kräftigen Nachfrage abhängt, um die auch nicht etwa "die Welt",
sondern Kapitalisten aller Herren Länder konkurrieren -, auf ei-
nigen Gebieten gibt's ein derartiges Gebilde schon: Der Welt-
stahlbedarf etwa belief sich im Jahre 1979 auf 740 Mio to, genau
aufgeschlüsselt nach Tonnen-Produktion und Tonnen-Verbrauch noch
jeder Nation der Welt. Auf diese Weise erfährt man, daß kein po-
litischer Souverän, ob er nun in der BRD hockt oder in Japan, ob
in Peru oder Nordkorea, auf dieses "Gut" verzichten will.
Daß nationale Stahlindustrien "allesamt nicht sterblich sind"
(Handelsblatt), hat seinen Grund darin, daß diejenigen, die welt-
weit für die Erzielung von Gewinnen verantwortlich sind - Kapita-
listen, Staatsmanager - auf die Verfügung über unerläßliche
B e d i n g u n g e n ihres Geschäftes angewiesen sind. Stahl
gehört dazu, stellt er doch den unverzichtbaren und in großem Um-
fang gebrauchten "Grundstoff" für jede nationale Akkumulation
dar. Er ist in großem Maßstab i n d u s t r i e l l hergestell-
ter Rohstoff, dessen Fertigung sich nicht beliebig den Konjunk-
turschwankungen anpassen kann, von denen diese Branche immer un-
mittelbar betroffen wird. Weil die Akkumulation von sicherer Ver-
sorgung abhängt, ohne daß die Kapazitäten sprunghaft vermehrbar
sind, sind "Überkapazitäten" hier die Regel, wie auch das Bestre-
ben a l l e r, diese "Überkapazitäten" per Export loszuwerden
bzw. möglichst lohnend zu gestalten.
Die Vorstellung vom "Weltstahlbedarf" gibt es also deswegen, weil
ein jeder Staat seine Kapazitäten mit der immer nicht ausreichen-
den Nachfrage vergleicht und auf eine "eigentlich" nötige Senkung
der Kapazitäten kommt - die die anderen zu leisten hätten bzw.
die man nicht einseitig betreiben kann. Der "Weltstahlbedarf" ist
eine erst im nachhinein errechnete Größe, also eine Mahnung. Zum
Eingreifen sieht sich der Staat allerdings erst dann veranlaßt,
wenn die ganz normale Konkurrenz der Stahlbetriebe dazu führt,
daß wesentliche Stahl-"Kapazitäten" wegen nicht mehr vorhandener
Rentabilität wegfallen würden. Dann schützt und subventioniert er
seine Industriellen, stellt also klar, daß 1. freie Konkurrenz
der Kapitale hier tatsächlich "ruinös" werden würde, was er aber
nicht dulden kann, weil er 2. an der Fortführung d i e s e s
Geschäfts ein besonderes Interesse hat, wobei er selbstredend
seine Maßnahmen so ergreift, daß sich auch weiterhin ein
G e s c h ä f t damit machen läßt.
So zeichnet sich die Weltmarktkonkurrenz mit der Ware Stahl durch
ein ausgeklügeltes System von Selbstbeschränkungsabkommen,
Schutzzöllen etc. aus. Die japanischen Stahlfabrikanten tun ihrer
eigenen = nationalen Pflicht genüge, indem sie, begleitet von
zahlreichen Dumping-Klagen, beinahe die Hälfte ihres Zeugs expor-
tieren; die Amis haben ein Mindestpreissystem entwickelt, das die
Einfuhren von der Kapazitätsauslastung der US-Steel abhängig
macht und damit den japanischen und EG-Export in engen Grenzen
hält - und die EG, die hat eine "Gemeinschaftsindustrie" aufge-
macht.
Wie eine Gemeinschaftsindustrie funktioniert
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Das Ziel der EG-Politik
"besteht darin, der Gemeinschaftsindustrie einerseits die ihrem
Binnenmarkt und ihren Exportmöglichkeiten e n t s p r e-
c h e n d e D i m e n s i o n und andererseits die dazu nötige
W e t t b e w e r b s f ä h i g k e i t wiederzugeben und so die
Arbeitsplätze in der Stahlindustrie zu erhalten und die
s i c h e r e V e r s o r g u n g der verarbeitenden Industrie
zu gewährleisten...
Zu dieser Stunde werden in Brüssel, Tokio und in Washington mit
rund 20 Ländern zähe Verhandlungen geführt, die dem gemeinschaft-
lichen Stahlmarkt die Atempause geben sollen, die er zu seiner
Neustrukturierung benötigt." (EG-Bulletin, 1/78)
Das "einerseits-andererseits" ist witzig. Hatte doch gerade jede
nationale Stahlindustrie die "ihrem Binnenmarkt und ihren Export-
möglichkeiten entsprechende Dimension" inne, womit offensichtlich
alle beteiligten Staaten gerade u n z u f r i e d e n waren,
weswegen sie darauf abzielten, Wettbewerbsfähigkeit herzustellen
bzw. zu verbessern. Und dabei handelt es sich keineswegs um eine
der jeweiligen Nation eigentlich zustehende, unfairerweise entzo-
gene und darum "wiederzugebende"! Eines allerdings kann man die-
ser amtlichen Verlautbarung entnehmen: Zur Gewährleistung der
"sicheren Versorgung der arbeitenden Industrie" gilt es für die
einzelnen Staaten, sich g e m e i n s a m günstigere Bedingun-
gen der Konkurrenz zu verschaffen. Die hier kundgetanen gemeinsa-
men Weltmarktsambitionen machen deutlich, daß "gemeinschaftliches
Handeln" keineswegs ein frommer Wunsch von nationalen Europa-
Idealisten zu bleiben braucht. Der Standpunkt der EG-Kommission,
daß sich gegenüber dem Rest der Welt eine verbesserte Rentabili-
tät d e r europäischen Stahlindustrie hergestellt gehört, zeigt
auf, um was es beim EG-Stahlmarkt und seiner "Neustrukturierung"
geht:
- I n n e r h a l b der Gemeinschaft soll die Konkurrenz der
einzelnen Stahlkapitalisten so stattfinden, daß sie
- n a c h a u ß e n als einvernehmliches Vorgehen gegen Dritte
taugt ("zähe Verhandlungen mit 20 Ländern" = koordinierter Pro-
tektionismus nach außen), und zwar wohlgemerkt,
- als Mittel der je e i g e n e n Stärkung der beteiligten EG-
Partner.
Soviel ist damit schon klar: Sämtliche Formen der Stahlregelungen
innerhalb der EG haben keineswegs den vielbeschworenen K o m-
p r o m i ß charakter; schließlich ist es die K o n k u r-
r e n z der vereinigten Stahlindustriellen Europas, die hier als
gemeinschaftliche Wirtschaftspolitik abläuft.
Gemeinschaftliches Vorgehen 1. Teil
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So hat denn die Entfaltung der Konkurrenz der Stahlunternehmen in
der Montanunion ("Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl")
durch die Aufhebung nationaler Konkurrenzbeschränkungen (Abbau
von Binnenzöllen usw.) zu deren Ergänzung durch Subventionsmaß-
nahmen der um den Bestand ihrer nationalen Grundstoffindustrie
besorgten Staaten geführt; d.h. einen ständigen Streit im Namen
der gemeinsamen Sache um die Berechtigung von einseitigen Schutz-
maßnahmen auf Regierungsebene, nationale und multinationale Kar-
tellbildungen und Fusionen auf Unternehmensebene sowie einige
Eingriffe der EG-Gremien nach sich gezogen.
Dem jetzigen Stahlplan der Kommission vorausgegangen war ein Kar-
tell der zwölf größten europäischen Stahlunternehmen (vereinbart
für den Zeitraum 1976-81): EUROFER. Festgelegt wurde dabei die
Aufteilung der Lieferungen von Massenstählen ins In- und EG-Aus-
land unter den einzelnen Unternehmungen, was man der Kontrolle
der Kommission unterstellte - mit Vertragsstrafen für schwarz ge-
lieferten Stahl. Mit diesem Lieferquotensystem ist also ein Kar-
tell derjenigen Kapitale entstanden, die die Größe ihres Kapitals
als Waffe im Konkurrenzkampf einzusetzen hätten; sie wollten mit
der Festschreibung der Konkurrenz um Marktanteile auf dem jeweils
erreichten Stand dem Preiskrieg entgegenwirken, der 1975 im Ge-
folge der Überakkumulation auch in der Sphäre Stahl eingetreten
war. Mit der Terminierung wurde auch gleich klargestellt, daß
dies ein Bündnis war, mit dem sich die beteiligten Kapitalisten
eine bessere Kalkulationsbasis für umfassende Rationalisierungs-
maßnahmen zu schaffen gedachten. Befördert und vertraglich abge-
sichert wurde dieses Kartell durch die EG-Regierungen, weil ein
jeder darauf aus war, s e i n nationales Stahlkapital wieder
lohnend zu gestalten.
In den Jahren danach lief folgendes ab:
"Endlich, wie überall in der großen Industrie, spielt auch hier
der moralische Verschleiß seine Rolle... Man muß auf das Material
eine Depretiation von 25% des Marktpreises rechnen, selbst wenn
keine Depretiation des Gebrauchswerts stattfindet. ... Es zwingt
der Konkurrenzkampf, namentlich bei entscheidenden Umwälzungen,
die alten Arbeitsmittel vor ihrem natürlichen Lebensende durch
die neuen zu ersetzen. Es sind hauptsächlich Katastrophen, Kri-
sen, die solche vorzeitige Erneuerung der Betriebsgeräte erzwin-
gen." (Karl Marx, Kapital II, S. 170/171)
Das Problem des moralischen Verschleisses (= "technisches Veral-
ten" aus Konkurrenzgründen) spielt in der Stahlindustrie darum
eine überragende Rolle, weil der Anteil des fixen Kapitals
(Anlagen, Gebäude etc.) überproportional hoch ist, dieses Kapital
sich nur sehr langfristig "amortisiert". Der Zwang zu größtmögli-
cher Produktivität, die Umwälzung der technischen Grundlage, ist
hier wie überall vorhanden, führt freilich zu ganz anderen Massen
noch nicht umgeschlagenen ("amortisierten"), aber schon nicht
mehr den jeweils neuesten Stand der Profitabilität repräsentie-
renden Kapitals. Daraus ergibt sich ein weiteres Argument für die
"Überkapazitäten": Große Teile der Betriebsanlagen müssen still-
gelegt werden, weil mit ihnen nur unter schlechteren Bedingungen
als beim Konkurrenten produziert werden kann. Das "Muß" relati-
viert sich am Interesse der beteiligten Staaten: Sie sind einer-
seits die "Katastrophe", indem sie nämlich die nationalen Stahl-
industrien geregelt gegeneinander antreten und sie wechselseitig
die Wirkungen der so eröffneten Konkurrenz spüren lassen - ande-
rerseits handelt es sich aber auch um einen g e r e g e l t e n
Vorgang, worin sich die im gemeinsamen Interesse eröffnete Kon-
kurrenz eben im Namen dieses Interesses in ihren
W i r k u n g e n nicht ungehemmt entfalten kann. Das Spektrum
der Maßnahmen bewegt sich zwischen bedingungsloser Aufrechterhal-
tung/Bezuschussung der "Überkapazitäten" (der Staat zahlt den
nicht länger auf dem Markt realisierbaren Profit) und ungeschütz-
tem Draufgehenlassen; es fällt in die Freiheit der Staaten, wel-
chen goldenen Mittelweg sie auswählen. Die Freiheit ist freilich
erstens der Notwendigkeit verpflichtet, die Konkurrenzfähigkeit
des eigenen Kapitals zu befördern, zweitens hat sie sich auch
nach denen zu richten, die sie aus eigenem Vorteil zu Partnern
erklärt hat:
- Die bundesdeutsche Stahlindustrie hat sich das europäische
Ideal des Erfolgs jeder nationalen Stahlindustrie am nachhaltig-
sten zu Herzen genommen und die Brüsseler Forderung des Abbaus
unrentabel gewordener Kapazitäten sorgfältig erfüllt. In der BRD
sind laut IG Metall seit 1975 50.000 Arbeiter im Stahlbereich
wegrationalisiert worden, was "der deutschen Stahlindustrie im
Vergleich zu den weniger intensiven Modernisierungsbemühungen an-
derer EG-Staaten natürliche (!!) Wettbewerbsvorteile einbringt."
(Süddeutsche Zeitung)
- Das mit dem "weniger intensiv" bei den anderen Staaten ist
schwer gelogen: In England und Frankreich etwa wurden durch radi-
kale Maßnahmen (British Stell/Longwy) den deutschen Verhältnissen
vergleichbare Kapitalgrößenordnungen und damit günstige
V o r a u s s e t z u n g e n für kostensenkende Maßnahmen ge-
schaffen. An Massenentlassungen wie in der BRD hat es dabei auch
nicht gefehlt - doch haben sich diese im Gegensatz zu hier nicht
als gelungenes Mittel der R a t i o n a l i s i e r u n g er-
wiesen, sondern sind Ausdruck einer weiterexistierenden
A b s a t z k r i s e. (Näheres hierzu in der nächsten MSZ:
Frankreich und England.)
Der Rationalisierungsvorsprung der BRD, also das Gelingen des na-
tionalen Vorhabens von Staat, Kapital und Gewerkschaft, den tech-
nischen Fortschritt als Mittel des Kapitals einzusetzen und damit
den gestiegenen Arbeitsaufwand einer geringeren Anzahl von Arbei-
tern anzuvertrauen, hat zu neuen Verlaufsformen des Streits zwi-
schen den EG-Staaten und zum Auffliegen des EUROFER-Kartells ge-
führt:
Gemeinschaftliches Vorgehen 2. Teil
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Erfolgreiche Rationalisierung heißt: Sie taugt als Mittel der
A u s w e i t u n g des Geschäfts; die Liefer b e s c h r ä n-
k u n g e n und die damit einhergehenden festgelegten Marktan-
teile waren mithin von da ab für die deutschen Stahlmultis
unmittelbare Hemmnisse ihrer Expansion. Die durch den Verkauf von
mehr und billigeren Produkten zu erzielenden Gewinnsteigerungen
ließen alsbald die KLÖCKNER-Werke in Bremen ihren für die EG
vertraglich festgelegten Output von monatlich 100.000 Tonnen
Stahl auf 170.000 Tonnen steigen und damit das Kapitalbündnis
brechen; die anderen folgten nach: THYSSEN z.B. eroberte sich mit
gesenkten Preisen für Betonstahl neue Marktanteile in der EG und
auch außerhalb. Dabei ist die Verlaufsform solch eines
Bündnisbruches interessant: Zunächst wendet sich nämlich die
produktivere Unternehmung an die schwächeren mit dem Angebot,
ihnen Lieferquotenanteile abzukaufen, wobei die Beträge von ca.
100 DM/t einiges über die Unterschiede aussagen. Diese wechsel-
seitige Nutznießung ist natürlich beschränkt, ergibt sich doch
daraus konsequent die schließliche Abtretung von Marktanteilen,
was mit dem Lieferquotensystem ja gerade verhindert werden
sollte. An einem bestimmten Punkt weigert sich also der
solchermaßen "bezuschußte" Konzern, weiterhin die Vorteile seiner
Unterlegenheit wahrzunehmen - und "zwingt" somit den Überlegenen
zum Preiskrieg.
Während die öffentliche Meinung hierzulande nun plötzlich eine
"Subventionitis", eine "Leistungsfeindlichkeit der Stahlklit-
schen" in den anderen Staaten erblickte (so als hätte der Staat
h i e r nicht jahrelang Gelder in die Rationalisierung seiner
Stahlklitschen gepumpt), nur weil das Kartell jetzt n i c h t
m e h r so recht taugte, ging dies Kriterium des nationalen
Erfolgs in den Partnerländern entsprechend andersherum zu Werke:
Der "Preiskrieg der Deutschen" - ansonsten das allernormalste
Mittel der Konkurrenz - wurde nun zu einer "Gefährdung" gleich
der ganzen "europäischen Zukunft". Was den Regierungen der
anderen EG-Länder nicht paßte, waren die mit der gestärkten
deutschen Konkurrenz zum Vorschein kommenden Resultate der
"Gemeinschaftsindustrie": Der Maßstab der E G-Produktivität ist
durch das Wirken des B R D-Stahlkapitals gesetzt; dieses konnte
zu Preisen anbieten, die bei der ausländischen Konkurrenz nicht
einmal die Kosten deckten, weswegen die dortigen Wirtschaftspoli-
tiker jede Tonne Stahl zu bezuschussen hatten.
Auf dieser Grundlage spielte sich dann den halben Sommer über der
Streit zwischen den Nationen ab.
Der neue Stahlkrisenplan der EG
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Die englischen und französischen Politiker forderten die Anwen-
dung des Art. 58 des Montanunion-Vertrags (die Verhängung von
Zwangsproduktionsquoten bei "offensichtlicher Krise"), um über
die Beschränkung der BRD-Konkurrenz ihre eigenen Rationalisie-
rungspläne doch noch lohnend werden zu lassen.
Die Fortschreibung des Kartells war das Interesse der bundesdeut-
schen Stahlunternehmer; mit ihrem "Preiskrieg" hatten sie zu er-
kennen gegeben, daß dies mit ordentlich erweiterten Quoten zu ge-
schehen habe. Gegen die Anwendung des Art. 58 polemisierten sie
allerdings heftig, hindern sie doch die Zwangsquoten bei der Pro-
duktion bestimmter Stahlsorten daran, ihren durch Rationalisie-
rung errungenen Preisvorteil in eine Erweiterung ihres Anteils
auf dem EG-Markt umzusetzen und macht ihnen außerdem durch Fest-
legung und Kontrolle der produzierten Menge die Ausweitung ihres
Welthandels in einigen (!) Sorten vorläufig unmöglich. Die deut-
sche Öffentlichkeit (samt ihrer gewerkschaftlichen und linken
Fraktion) hatte fortan nichts anderes zu tun, als die Art und
Weise peinlich zu kopieren, wie die kleine radikale Minderheit
der Stahlkapitalisten ihre K a l k u l a t i o n und ihren Wil-
len, den Zwang der Konkurrenz frei zu handhaben, zu besprechen
beliebte ("deutsches Privatkapital gegen den vereinigten (!) eu-
ropäischen Steuerzahler" usw. usf.).
Das erzielte Verhandlungsergebnis schließlich belegt, wie sehr
jeder (den es angeht!) um des eigenen Vorteils willen die Gemein-
schaftsindustrie will und sich doch keiner bedingungslos auf so-
was einläßt: Der Art. 58 wurde eingeführt und der "liberale Graf"
Lambsdorff hat sein Veto nicht gegen diesen "Protektionismus"
eingelegt! Im Streit um die Quotenregelung (bei dem nicht einmal
die Unverschämtheit auffiel, daß der Propagandist erfolgreicher
deutscher Arbeitsplatzvernichtung sich als der
Oberarbeitsplatzerhalter aufspielte: "Lambsdorff hat für die
deutsche Seite um jeden Arbeitsplatz gefochten"!) war Lambsdorff
zunächst für eine Neuauflage des Kartells EUROFER, drohte mit dem
Veto gegen Art. 58, um auszuloten, wieweit die anderen Partner
erpreßbar sind, konnte dann die Produktionsquoten zugunsten der
deutschen Stahlindustrie verändern, die Festlegung von Mindest-
preisen verhindern und für einige besonders gewinnträchtige
Stahlsorten Ausnahmen von der Quotenregelung durchsetzen.
Ergebnis unterm Strich: Die Betreibung des eigenen Erfolgs im
Rahmen des Gemeinschaftserfolgs der EG ließ Lambsdorff natürlich
nicht daran denken, über die Ablehnung eines neu aufgelegten eu-
ropäischen Stahlmanagements den großen Knatsch in der EG herauf-
zubeschwören. So verlangt er seinem Stahlkapital zwar zwischen-
zeitlich eine Verringerung seiner Vorteile ab; beim Aushandeln
möglichst günstiger Konditionen für sie konnte er dafür gleich
wieder ihre ganze Stärke ins Feld führen.
Der BRD-Standpunkt 'Wir lassen uns diese Sache durchaus was ko-
sten' hat seine Verlängerung in den amtlichen Mitteilungen, daß
sich das "Prinzip der Opfergleichheit" gewahrt gehört; die Vor-
würfe an die Adresse der ausländischen Stahlkonzerne und Regie-
rungen wegen ihrer "Unfähigkeit in Sachen Sanierung" begleiteten
die praktisch kundgetane Absicht,
"im kommenden Jahr in der Frage des Kapazitäts- und des Subventi-
onsabbaus aktiv zu werden und sich nicht auf das Ruhekissen der
Nichtanpassung zu legen." (Regierungssprecher Grünewald),
woraus zweierlei folgt:
E r s t e n s heißt die gemeinsame Aktion aller ("Anpassung")
eben nichts anderes, als daß der geltende Maßstab des Sich-loh-
nens von der Nation festgelegt wird, die am rentabelsten zu pro-
duzieren vermag; deren Fortschritte in Sachen Ausbeutung veran-
lassen zweitens die auswärtigen Regierungen, ihren Rationalisie-
rungsplänen noch mehr Nachdruck zu verleihen und über einen Teil
der (staatseigenen) Kapazitäten das Urteil zu fällen, daß sich
ihre Subventioniening nicht mehr lohnt.
Indem also die (nicht nur in der Sphäre Stahl) Nr. 1 in der EG
auf M o d i f i k a t i o n e n auswärtiger Innen- und Wirt-
schaftspolitik dringt, macht sie den anderen deren eigenes lang-
fristiges Interesse klar, was für jene vielleicht nicht sehr ge-
mütlich, aber unabweisbar ist - soviel zu dem jeweiligen nationa-
listischen Gewinsel von Abhängigkeit, Einseitigkeit und ähnlichen
blöden Sprüchen.
Kapital '81 - ein Beispiel
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Ganz richtig ist das neue System auf Mitte nächsten Jahres termi-
niert, ist es doch seiner eigenen Logik nach eine Aufforderung,
es im Ausnützen zu unterlaufen. Neue Verhandlungen können da
nicht ausbleiben. In ihrem Lamento teilen die hiesigen Stahlindu-
striellen mit, wie sie unter der neu gesetzten Konkurrenzbedin-
gung, die Q u o t e als Mittel der Konkurrenz einzusetzen, ih-
ren Schnitt zu machen gedenken. HOESCH/ESTEL z.B. (zur Vorge-
schichte siehe MSZ Nr. 2/80: "Kapital '80 - ein Beispiel", S. 34)
hat vor, aus den Beschränkungen des Art 58 einen entscheidenden
Rationalisierungsimpuls zu beziehen
"Dank der von Brüssel laut Art. 58 verordneten Produktionsdrosse-
lung um etwa 18% wird es jetzt aber Flüssigstahl im Sonderangebot
geben, wie es ein intimer Kenner der europäischen Stahlindustrie
ausdrückte. Damit könnte Hoesch die Möglichkeit erwachsen, statt
selbst zu bauen, bis auf weiteres z.B. bei Krupp in Duisburg-
Rheinhausen sehr billig einzukaufen, denn dort soll es freiste-
hende Kapazitäten geben bzw. sie wären verhältnismäßig billig zu
beschaffen." (Süddeutsche Zeitung)
HOESCH/ESTEL spart sich also vorläufig den Aufbau neuer Werke,
weil durch das kleine Nebenkartell Krupp/Hoesch die Beschaffung
von Rohstahl für den gewinnträchtigen Weiterverarbeitungsbereich
billiger bewerkstelligt werden kann. Also noch ein Erfolg des ge-
standenen Arbeitervertreters Lambsdorff in Brüssel: Die Politik
der Arbeitsplatzvernichtung hat in Dortmund erneut einige Tausend
Arbeitsplätze "erhalten"!
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Deutsche Stahlhändler für europäischen Stahlinismus
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Wie b e d i n g t ein Kapitalist sich als Vaterländer aufspielt
(da sollte sich manch anderer ein Beispiel nehmen!), konnte man
am Standpunkt des deutschen Stahl h a n d e l s zur Auseinander-
setzung um den Art. 58 studieren. Während die deutsche Öffent-
lichkeit das Thema wälzte: Wie bewältigt die deutsche
Stahl h e r s t e l l u n g und -v e r a r b e i t u n g ihre
Probleme mit dem nicht mehr umstandlos nützlichen Kartell EUROFER
- und da fielen so häßliche Worte wie "EG-Zwangsprogramm zur Un-
terstützung militanter Gewerkschaften" -, plädierte der H a n-
d e l für dieses "Zwangsprogramm", weil er sich aus steigenden
Preisen einen Extraprofit versprach. So, und wer die ganze Zeit
geglaubt hat, was die Presse zum Stahlprogramm geschrieben hat,
der soll jetzt auch gefälligst glauben, daß die deutschen
Stahlhandelskapitalisten "militante Gewerkschaften" in England
und Frankreich mindestens unterstützen, wenn nicht gar finanzie-
ren!
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Stahl-Runde
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Die Kapitalistenverbände nützten die Gunst der Stunde - wochen-
lang wälzte der deutsche Staatsbürger i h r e Stahlprobleme -,
um gleich die Tarifrunde 81 einzuläuten. So hatten sie schon am
Tag nach den Brüsseler Vereinbarungen "ausgerechnet", daß die
dort erreichte Verringerung ihrer Vorteile "mindestens 8.000-
12.000 Arbeitsplätze zusätzlich gefährdet". Die Ideologie, daß
niedrige Löhne Arbeitsplätze sichern, wollten sie diesmal erst
gar nicht in die Welt setzen. Sie verwandelten sie gleich in eine
Drohung: eine "Lohnpause" von einem halben Jahr braucht's, sonst
schmeißen wir noch m e h r raus!
Und was fällt der IG Metall zur eingeläuteten M i n u s-Runde
ein: Ihr fiele es durch die staatlicherseits verfügte Beschrän-
kung des Erfolgs der Kapitalisten, der schließlich nur durch ihre
tatkräftige Mitarbeit (bei der Durchsetzung von Rationalisierun-
gen und Entlassungen) zustandegekommen sei, in der Tarifrunde
schwerer, dem "Kostenargument" (niedrige Kosten = niedrige Löhne)
bei ihren Mitgliedern Geltung zu verschaffen!
S o können die deutschen Stahlwerker weiterhin zu den europäi-
schen Erfolgen der deutschen Stahlindustrie beitragen. Unklar ist
bloß noch, ob etliche von ihnen künftig wegen oder trotz der Quo-
tenfestlegung entlassen werden oder einfach deswegen, weil die
deutsche Stahlindustrie ihren "zweiten Platz in der Weltrangli-
ste" (so R. Judith von der IG Metall nicht ohne Stolz) weiter be-
hauptet.
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Die Tatsache:
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Hoesch putzt 10.000 Arbeitsplätze weg und baut kein neues Stahl-
werk.
Das Stadttheater:
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Dortmund macht am 28.11. für zwei Stunden mobil. Die Inszenierung
des Protestes mit dem Titel "Stahlwerk bauen - Arbeitsplätze si-
chern für Dortmund und das östliche Ruhrgebiet" begann damit, daß
Betriebsrat und Gewerkschaften beschlossen, das, was sie schon
lange wußten, nämlich daß kein neues Stahlwerk gebaut wird, als
W o r t b r u c h der Firma anzuprangern; also das sichere Wis-
sen darüber, daß nicht nur 4.200 Arbeiter entlassen werden, son-
dern mehrere Tausend mehr, zum Anlaß zu nehmen, eine sogenannte
kämpferische Aktion anzuzetteln. Diese richtet sich nicht gegen
die Entlassungen - die sind (mit)beschlossene Sache -, sondern
dagegen, daß die Firma angeblich ihr Versprechen nicht gehalten
habe. Deshalb wird in den Betrieben nichts getan, die Entlassun-
gen zu verhindern, sondern ganz Dortmund wird auf die Bühne gebe-
ten, um für Dortmunds Stahlbasis zu kämpfen.
Die Beteiligten:
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(gemäß Regieanweisung alle mit einem Helm der Stahlkocher auf dem
Kopf)
1. Ministerpräsident R a u (SPD):
"Die Landesregierung wird jede v e r n ü n f t i g e Sache, die
den Arbeitnehmern l a n g f r i s t i g nützt, unterstützen."
Damit hat er auch schon seinen Part gespielt, als Politiker seine
Anteilnahme an den Sorgen der Stahlarbeiter zu d e m o n-
s t r i e r e n und ansonsten den "vernünftigen", "langfri-
stigen" betrieblichen Gesichtspunkten der Hoesch AG das Wort zu
reden. Obwohl nichts Gegenteiliges zu befürchten war, rief er
vorsichtshalber noch zu "Ruhe und Besonnenheit" auf.
2. Arbeits- und Sozialminister F a r t h m a n n (SPD), der
schon vor einigen Wochen beteuert hatte:
"Ich habe mich 15 Jahre für die Erhaltung der Arbeitsplätze ein-
gesetzt. Wenn Du mir einen sagst, der das besser könnte, dann
trete ich jetzt und hier ab."
Er ist nicht abgetreten, also muß es ja wohl stimmen.
3. Dortmund OB S a m t l e b e (SPD) rief aus:
"Schafft endlich Klarheit, damit wieder Vertrauen herrscht in
dieser Stadt!"
Weil Hoesch schon längst K l a r h e i t geschaffen hatte - zu
was steht denn die Firma schließlich "in ständigem Kontakt mit
den Dortmunder Politikern" -, wollte der OB damit gesagt haben,
daß die Arbeiter auch zukünftig i h m v e r t r a u e n
können. Und wenn auch kein Stahlwerk gebaut wird, die Parole
"Stahlwerk jetzt" hat Samtlebe gleich umgewandelt in
"Kernkraftwerk jetzt", denn billigen Strom brauchts unbedingt für
"die Region", und - na klar - Arbeitsplätze schafft das auch
wieder, langfristig!
4. R. J u d i t h (IG Metall), der noch vor einigen Wochen ge-
meinsam mit den Unternehmern mit den "exzellenten Rationalisie-
rungserfolgen" der deutschen Stahlindustrie hausieren ging,
spielte den Part des Oberkalkulierers für den Hoesch-Konzern, wo-
mit er den Kalkulierern mangelnde Kompetenz nachsagen wollte:
"Ein Unternehmen wie Hoesch kann auf eine eigene Stahlbasis nicht
verzichten. Es ist ein sträflicher Leichtsinn (!), sich völlig
von den Zulieferern abhängig zu machen."
5. Hoesch-Vorstandsvorsitzender R o h w e d d e r (SPD) war
zwar bei der Aufführung nicht direkt dabei, dafür aber schon vier
Tage vorher bei Rau, Farthmann und Samtlebe und hat ihnen für die
Öffentlichkeit mitgeteilt, daß die "Angst der Leute verständlich"
sei, aber seine Firma schon mit "Hochdruck an einem Konzept" ar-
beitet, das, wie gehabt, mit 10.000 Entlassungen langfristig Ar-
beitsplätze sichere. Schließlich konnte er sich gar als eigentli-
cher Drahtzieher des Stadttheaters vorkommen, e r hatte ja den
öffentlichen Dialog angezettelt - und seither wurde seine Kalku-
lation unter dem Titel: "Wie bewältigt Hoesch s e i n e Pro-
bleme?" BRD-weit besprochen. Der Erfolg gibt ihm recht: Die ganze
Aktion richtet sich n i c h t g e g e n die Vorhaben von
Hoesch, sondern ist einzig und allein die Begleitmusik zur Ab-
wicklung der Rationalisierungsmaßnahmen.
6. Neben Betriebsräten, Gewerkschaften und SPD-Politikern, die
ihr arbeiter- und bürgerfreundliches Image pflegten, bekundeten
auch noch "hohe kirchliche Würdenträger" ihre "Solidarität mit
der Region" (unter ihnen ein gewisser Imam Ismail Zengin, seines
Zeichens als Erster Moslem der Islamischen Gemeinde Dortmund auf
der Bühne) und stellten den Theaterdonner in Form heftigen Gloc-
kenläutens. Da konnten die Werkssirenen nicht anders - sie mußten
mitheulen.
70.000 Statisten
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(gemäß Regieanweisung mit schwarz-rot-goldenen Fahnen ausstaf-
fiert)
Sie hatten nichts Besseres zu tun, als sich zur K u l i s s e
des kommunalen Straßentheaters zu machen, während Hoesch seine
Rationalisierungsmaßnahmen durchzieht.
Nach Abschluß des Theaters ist der Protest zu Ende. Die konstruk-
tivste Kritik kam von einem der Akteure selbst: "Die Menschen im
Revier können auch noch härter kämpfen!" (Samtlebe)
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Bresciani vor der Schließung?
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"Wenn die EG-Kommission nicht noch eine Änderung der Produkti-
onsquoten beschließt, riskieren die italienischen Kleinstahlwerke
im Dezember ihre Betriebsschließung. Wie aus Kreisen des Mailän-
der Verbandes der italienischen Kleinstahlwerke verlautet, haben
die meisten Branchenunternehmen im Raum Brescia, die sogenannten
'Bresciani', in den Monaten Oktober und November bereits die für
das ganze letzte Quartal 1980 festgesetzte Quote ausgeschöpft.
Theoretisch müßten sie daher jetzt für die Dauer eines Monats die
Produktion einstellen." (Süddeutsche Zeitung vom 28.11.80)
Bild ansehen
Stahlkocher der EG
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