Quelle: Archiv MG - EUROPA DAENEMARK - Kapitalismus im hohen Norden


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       Dänemark und die NATO oder:
       

BEISPIELHAFTES FUNKTIONIEREN EINES KRIEGSBÜNDNISSES

Die Ereignisse, die jüngst im EG- und NATO-Land Dänemark zu Neu- wahlen geführt haben, tragen einerseits gewisse Züge einer Posse. Ihr Hintergrund ist andererseits todernst, und das ist ziemlich buchstäblich zu verstehen. Schließlich geht es dabei um die ato- maren Optionen des westlichen Kriegsbündnisses. Der Anlaß der ganzen Affäre ist Ausgeburt der demokratischen Par- teienkonkurrenz. Die Sozialdemokraten hatten den Einfall, auf ein bereits seit 30 Jahren für Dänemark bestehendes "Atomwaffen- verbot" für Friedenszeiten öffentlich hinzuweisen, von dem zuvor ebenfalls 30 Jahre lang niemand groß Notiz genommen hatte. Schon gar nicht die atomwaffenbestückten US-Kriegsschiffe, die dänische Häfen anlaufen - die USA weigern sich generell, irgendwem Auskunft über den Waffenmix auf ihrer Flotte zu erteilen. Nun hatte auch das parlamentarische "Linksbündnis" in Kopenhagen keineswegs vor, an diesem Zustand praktisch etwas zu ändern; der Vorschlag, mit dem die Sozis den dänischen Atom-pazifismus hin- reichend bedient sahen, lautete nicht etwa, die Schiffe der NATO- Verbündeten zu überprüfen und solche mit Atomwaffen zurückzuwei- sen, sondern den Kapitänen einlaufender Schiffe einen Brief mit dem Hinweis auf Dänemarks Unschuld in Atomdingen zu überreichen und es mit diesem rein s y m b o l i s c h e n Verweis auf die dänische Souveränität dann gut sein zu lassen. Als die Sozialde- mokraten mit diesem Antrag im Parlament durchkamen und damit der konservativen Minderheitsregierung eine Abstimmungsniederlage beibrachten, entschied deren Chef Schlüter sich zu der Kalkula- tion, mit einer betonten Pro-NATO-Linie etliche zusätzliche Pro- zente dänischen Stimmviehs auf seine Seite zu ziehen und damit die lästige Unbequemlichkeit zu beseitigen, als Regierung nicht auch die Mehrheit des Parlaments im Rücken zu haben. Also schrieb er Neuwahlen aus und konzentrierte den Wahlkampf auf die NATO- Frage. Genauer gesagt: auf die passende D a r s t e l l u n g des Staates Dänemark in der NATO; denn von den politisch Maßgeblichen in Kopenhagen hat niemand vor, der NATO den Rücken zu kehren. So sorgten denn auch die prompten Stellungnahmen der V o r- m ä c h t e des westlichen Kriegsbündnisses für den Hauptstoff des dänischen Wahlkampfs; und d i e s e Stellungnahmen sind das eigentlich Interessante an dieser Affäre. Das NATO-Bündnis hat bekanntlich ein überaus inniges Interesse an der Ostsee, die wegen ihrer Frontlage zu den Weltgegenden mit der allerhöchsten Waffendichte zählt, und am Ostsee- Zu- und Ausgang, den man im Ernstfall unbedingt für die Rote Flotte zusperren können möchte. Diese strategische Relevanz des Staates Dänemark heißt nun aber ganz und gar nicht, daß sich die NATO-Hauptmächte zu irgendeiner Rücksichtnahme auf eine auch bloß symbolisch geltend gemachte nationale Empfindlichkeit der dänischen Politik herbeilassen wollen. Im Gegenteil: die USA und Großbritannien nahmen die Idee mit dem höflichen dänischen Brief an Kriegsschiffkommandanten sogleich zum Anlaß für einen Konter von ganz p r i n z i- p i e l l e r Natur. Sie ließen die Dänen wissen, daß sie erstens als die Atommächte des Bündnisses sich in die Einsatzpläne ihrer Atomwaffen vom Bündnispartner Dänemark nichts dreinreden lassen, und daß zweitens die Dänen sich doch überlegen sollten, wo sie als Staat westlichen Zuschnitts blieben - ohne den "Schutz" des westlichen Kriegsbündnisses. Im Klartext: wer da von wem abhängig ist, wenn ein Staat minderer Kategorie mit einem "geostrategisch" interessanten Gelände sich mit Mächten in ein Bündnis begibt, deren I n t e r e s s e n und deren W a f f e n die weltweiten Kriegsschauplätze überhaupt erst de- finieren. Mit dieser Klarstellung waren auch die Fronten im dänischen Wah- kampf definiert. Das "Linksbündnis" ließ Plakate anschlagen, auf denen die Dänen gefragt wurden, ob sie von Reagan, Thatcher und Kohl regiert werden wollten. Das ist zwar keineswegs eine Absage ans Bündnis des Westens - sondern der Appell an nationalistische Untertanen, daß der Schießbefehl aber auch unbedingt von einem d ä n i s c h e n Chefpolitiker ausgesprochen gehört -, erinnert aber daran, daß auch eine Nation zweiter Klasse um i h r e r S o u v e r ä n i t ä t willen Bündnisse schließt. Deshalb ist die Wahlwerbung des bürgerlichen Nationalisten Schlüter ("Wir sind gute und loyale Partner der NATO.") genau komplementär dazu: Er erinnerte sein Volk guter Dänen daran, daß alles, was das de- mokratisch-kapitalistische Dänemark auf der Welt immerhin dar- stellt, an seiner T e i l h a b e r s c h a f t am Kriegsbünd- nis der führenden kapitalistischen Demokratien hängt. Zwischen diesen beiden nationalbewußten Alternativen, die im re- alen politischen Geschäft natürlich überhaupt keine sind, konnten sich die 'guten und loyalen' dänischen Untertanen nicht so recht entscheiden, so daß ihre Obrigkeitsprofis nach der Wahl jetzt noch die kleine Qual vor sich haben, unter sich eine Regierung auszuhandeln. Übrigens: Angesichts besagter nationalistischer Wahlkampfführung soll sich doch bitteschön niemand darüber wun- dern, wenn eine "rechtsradikale" Partei mit "ausländerfeindlichen Parolen" einen "überraschenden Wahlerfolg" gelandet hat. zurück