Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark
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Diskussionsveranstaltung
NATIONALE IDENTITÄT - ZEITGEIST '87
Von der Anpassungskraft demokratischer Gesinnung
1.
IN
--
pink, Yuppies, Arbeitslose, straight, Vergangenheitsbewältigung,
Gruftis, Waldheim, Bols Banane, Sachzwang, Treue, Landesverteidi-
gung, Herausforderung, Nationalismus, Optimismus, JES, Geschich-
te, reale Utopien, Verhüterli
OUT
---
orange, Marxisten, Vollbeschäftigung, left, Die Zeit heilt alle
Wunden, Arafat, Gadafi, Kreisky, Sekt Orange, Stamokap, Quickies,
"Fliegende Tonnen", Wohlstand, Antisemitismus, Kritik, NO, Sozio-
logie, angestammte rechte, Pille
2.
Daß 1987 so manches IN ist, was noch vor 10 Jahren OUT war und
umgekehrt, gilt nicht nur für den sensiblen Bereich, wie man an-
gezogen ist und Frauen anspricht. Obwohl es als übelster Opportu-
nismus abgelehnt wird, seine Meinung wie die schmutzigen Hemden
zu wechseln, läßt man sich von seinem obersten Politphilosophen
einen dringenden "Modernisierungsschub" verordnen. Sein Fähnchen
will niemand nach dem Wind stecken, aber wer will schon gerne von
gestern sein? Dieselben Leute, die unter Kreisky an der Demokra-
tie schätzten, daß sie wenigstens "etwas für die kleinen Leute
tut", verstehen heute, daß die Wirtschaftsvernunft nach Arbeits-
losen, Überarbeit, Niedrigstlöhnen und Sozialstaatskürzungen ver-
langt. Wer hätte in den 60ern gedacht, daß Arbeitszeit ein so ho-
hes Gut ist, daß bei seiner "gerechten Verteilung" niemand zu
kurz kommen will? Dieselben Leute, die sich jahrzehntelang mit
"Fliegenden Tonnen" in der Luft und mangelnder Panzerabwehr am
Boden durchaus sicher gefühlt haben, halten inzwischen die An-
schaffung viel moderneren "militärischen Schrotts" namens Draken
für unverantwortlich. Wem in der Abschreckungsära eingeleuchtet
hat, daß Wucht und Masse der atomaren Vernichtsungswaffen Frie-
densgaranten sind, weil der Krieg "nicht geht", dem leuchtet es
im Zeitalter von SDI genauso ein, daß wir uns endlich von den ge-
fährlichen und "unmoralischen" Atomwaffen unabhängig machen müs-
sen.
Wer hätte noch unter dem seligen Jonas gedacht, daß man seinen
Bundespräsidenten wirklich mit Haut und Haaren lieben muß, was
jede Menge Verantwortung für die Reit- und Kriegserlebnisse des
jungen Waldheim miteinschließt? Noch vor einigen Monaten brauchte
sich niemand für die Volkssturmaktivitäten des damaligen Präsi-
denten Kirchschläger schämen oder sie als Pflichterfüllung ver-
teidigen. Und wer, außer den klugen Journalisten, hätte vom
"Sonnenkönig" Kreisky gedacht, daß er sich 1987 unter den "100
peinlichsten Österreichern" wiederfinden würde?
Kurz: Neben der Cocktail- und anderen Kulturen hat auch die
zweite Natur des Bürgers ihre Gezeiten und Moden, wobei die Bür-
gerin längst überall mit dabei ist. Nationale Fragen in allen
Preisklassen, das Recht der Nation und die Pflichten des Perso-
nals sind nicht nur das Hauptbeschäftigungsfeld demokratischer
Geister. Dieselben Menschen, die ganz furchtbar viel auf ihre ei-
gene Meinung geben und den Vorwurf des Opportunismus scheuen wie
der Teufel das Weihwasser, akzeptieren, daß ihre Meinungen einem
sehr äußerlichen Maßstab, der Zeit, verpflichtet sind. Mit Be-
fehlsempfängern in Sachen konjunkturgemäßen Sicheinstellens und
Mitmachens will sich freilich niemand verwechseln.
3.
Ein bißchen D u r c h s c h a u e n dessen, was da alles Kon-
junktur hat, kann nicht schaden. Es könnte ja sein, daß das Mit-
tun an der eintönigen Vielfalt, so bereitwillig und beschwingt es
auch immer daherkommt, verkehrt ist. Und nur von ganz
s p o n t a n e r A n p a s s u n g zeugt. Selbst wenn er ent-
gegen autorisierter Beurkundung historisch bewanderter Vordenker
gar nichts bewirkt, der "Zeitgeist", zeigt er doch vielleicht ein
wenig, wo's langgeht. Und das ist doch immerhin eine Prüfung
wert. Angenommen, die "Probleme", welche die Tagesordnung von
Verantwortlichen wie freien Menschen abgeben, führen nur in einen
riesigen S u m p f d e s p r i v a t e n w i e
p o l i t i s c h e n O p p o r t u n i s m u s? Der überhaupt
nicht manipuliert ist, sondern eben bloß "in"?
Kurz: Wir meinen, es lohnt sich zu fragen, w o f ü r sich Re-
gierende und Regierte stark machen bei dem, was sie alles garan-
tiert aus freien Stücken machen und mitmachen. Daß die Techniken
der Sinnsuche und Selbstdarstellung kein Produkt von Zensur sind,
macht ja das Benehmen von modernen Bürgern noch lange nicht lo-
benswert.
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