Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       Streit um die Kosten der EG-Mitgliedschaft:
       

EINORDNUNGSDIKTATE EUROPÄISCHER FREUNDSCHAFT

Erst Vizekanzler Mock in Bonn und Brüssel, dann der Verteidi- gungs-, der Innen- und der Verkehrsminister zu Konsultationen bei der Bonner Führungsmannschaft; demnächst folgt der Bundeskanzler himself - Österreich-Wochen in den Zentralen der Europäischen Ge- meinschaft. Trotz dieses heftigen Antichambrierens will der EG- Kommissar für Auswärtige Angelegenheiten noch immer nicht wissen, was die Österreicher "eigentlich wollen". Das wissen dafür die Österreicher von der EG ganz genau: keine neutralen Extrawürsch- teln, dafür die vorbehaltlose Ein- und Unterordnung unter den EG- Alleinvertretungsanspruch für ganz Europa. Dieser imperialisti- sche Anspruch erklärt neuerdings auch die militärische Eigenstän- digkeit des Neutralen für unzumutbar. Streitfall Transit: Souveränitätsprobleme eines Anschlußwilligen ---------------------------------------------------------------- Unschöne Töne an der Brummifront. Österreichische LKWs wurden bis zu 6mal für technische Überprüfungen von der deutschen Exekutive angehalten. Die Bundesrepublik droht mit der Aufkündigung des KFZ-Haftpflichtabkommens und damit einer entscheidenden Ge- schäftsbedingung österreichischen Transportgeschäfts für den Fall, daß Österreich sich das Recht herausnimmt, die EG-Transit- geschäfte per Maut zu verteuern. Die Mitfinanzierung eines Tiro- ler Transittunnels wird bis auf weiteres abgelehnt. So lautet die eindeutige Antwort der BRD auf das österreichische Unterfangen, seinen Dienstleistungen für den EG-Nord-Südverkehr die Selbstverständlichkeit zu nehmen und ihnen den Charakter ei- nes V e r h a n d l i n g s a n g e b o t s zu geben. "Es kann nicht sein, daß der eine Partner alle Kosten und Bela- stungen trägt, wie das im Transitverkehr der Fall ist. Die Tiro- ler Bevölkerung ist nicht länger bereit, die Gefährdung ihrer Ge- sundheit und die Umweltbelastung hinzunehmen... Aufgrund unserer Leistungen und unseres Könnens auch in vielen anderen Bereichen können wir ruhig und selbstbewußt in die Verhandlungen mit der Europäischen Gemeinschaft gehen." (Mock) Der österreichischen Bundesregierung geht es bei dem aktuellen Streit weder um die geschädigte Nervenruhe der wackeren Tiroler noch um die Minderung der anfallenden Schadstoffemission. Eine Entlastung bei den Straßenbaukosten durch die EG-Kassen wäre durchaus willkommen, relativiert sich aber ebenfalls an einem viel grundsätzlicheren politischen Anliegen: die gesundheitliche Beeinträchtigung der Bevölkerung wird ebenso wie das bislang für die EG kostengünstige Benutzungsrecht für das alpine Straßennetz als Verhandlungsmasse eingebracht, um den schlechten Eindruck zu verwischen, bei den kommenden Anschlußverhandlungen wäre Öster- reich ein bedeutungsloser Bittsteller. Mit dem Hinweis, daß 87% des Tiroler Straßenverkehrs von EG-Staatsbürgern bestritten wer- den, sowie der angedrohten Aufkündigung der bislang üblichen staatlichen Geschäftsbetreuung fordert die Bundesregierung die Anerkennung als ebenbürtiger Verhandlungspartner. Diese Verfahrensweise wurde von der Bundesregierung schon im Streit um die WAA-Wackersdorf gewählt, wo die Forderung nach po- litischer Anerkennung als mitgefährdetes ausländisches Staatster- ritorium ebenfalls nicht auf die Beseitigung der Gefahr, sondern die Aufwertung der geschädigten Nation abzielt. Dieses streitbare Andienen mit dem Verweis auf laufende Benutzung und Betroffenheit durch die EG wird durch eine Politik der vorauseilenden "vertrauensbildenden Maßnahmen" vervollständigt. Anläßlich des europaweiten Südafrikaboykotts lud der Bundeskanzler die EG zu einer "gemeinsamen Außenpolitik gegenüber Drittstaaten" ein; In- nenminister Blecha kontert die Visapflicht gegen Österreicher mit der anstandslosen Übernahme der Überwachungs- und Fahndungsmaß- stäbe der EG, wie sie unter dem Ehrentitel "Terrorismusbe- kämpfung" im Bündnis gerade durchgesetzt werden. Der Verteidi- gungsminister fährt zu einem "Interessens- und Informations- austausch" in die Bundesrepublik, während dort gerade ein deutsch-französisches Manöver zur Verteidigung des Donaubeckens vorbereitet wird. Immerzu gesellt sich zu den öffentlich geäußer- ten Enttäuschungen über schlechte Behandlung und den sanften Er- pressungsversuchen eine demonstrative Botmäßigkeit gegenüber dem Europäischen Bündnis. Inzwischen werden alle geschäftlichen und politischen Beziehungen zur EG von Österreich zu lauter Souverä- nitätsfragen gemacht, an denen einmal mit sanfter Aufsässigkeit, einmal durch vorauseilenden Gehorsam der politische Beweis ge- führt wird, daß der österreichische Antrag auf Mitmacherschaft der EG doch einige Rücksichtnahmen und Zugeständnisse wert sein müßte. EG: Einordnungsdiktate als Auswuchs europäischen Familiensinns -------------------------------------------------------------- Auf diese Politik wurde Österreich erst durch das Verhalten der EG gebracht. In Brüssel ist man sich sicher, daß die angekündig- ten rigiden Exportrestriktionen für Nicht-EG-Staaten am Europäi- schen Binnenmarkt einen hinreichenden Grund abgeben, damit "exportabhängige" Staaten wie Österreich sich zu den Bedingungen der EG in die erweiterte europäische Familie einbringen. Deswegen ist auch gar nicht daran gedacht, die verhandlungswilligen EFTA- Staaten als irgendwie gleichwertige Verhandlungspartner zu behan- deln. Statt dessen zielt die Europapolitik der Einheit darauf ab, die Anschlußwilligkeit durch diverse Diktate zu überprüfen. An die Nationen, die zur Stärkung ihrer eigenen Konkurrenzfähigkeit in den Europäischen Markt aufgenommen werden wollen, ergeht die Mitteilung, daß dieser Schritt zur Beförderung der eigenen Souve- ränität nur mit der Abstand nahme von dieser zugunsten der EG- Diktate erkauft werden kann. Da wird den Österreichern kurzerhand mitgeteilt, daß die Behandlung der Flüchtlingsfrage in strenger Akkordierung mit der EG-Zentrale stattzufinden hat; Ansuchen der Österreicher auf Erleichterungen für ihre Agrarexporte werden zu- rückgewiesen, die Prolongation der Exporterlaubnis für Wein und andere landwirtschaftliche Produkte in beschränkter Anzahl wie ein Gnadenakt gewährt. Die Bundesrepublik als der wuchtigste Ge- schäfts"partner" der Österreicher erinnert immer wieder gerne an die sehr einseitigen ökonomischen Abhängigkeiten, um die Öster- reicher auf eine bedingungslose Gefolgschaft zu verpflichten. Da- für sind die Grobheiten eines Zimmermann und Strauß gerade recht, die den südlichen Nachbarn an die "lebenswichtige" Funktion des deutschen Tourismus für "eure Zahlungsbilanz" erinnern. Die bun- desrepublikanischen Antworten auf die Forderungen der österrei- chischen Bundesregierung in Sachen Transit sind deswegen auch keine "sinnlosen Unfreundlichkeiten" (Streicher), sondern passen sehr zweckgemäß in das außenpolitische Konzept der EG: "Die Abschaffung der Jahresmautkarte wäre die denkbar schlechteste Geste, das österreichische Interesse nach Annäherung an die Europäischen Gemeinschaften vorzubringen. Statt dessen sollte man sich um ein gemeinsames Vorgehen ernsthaft bemühen, um die ohnehin verfahrene Situation nicht noch weiter zu verschär- fen." (Verkehrsminister Warnke) Neutralität: ein Hindernis für das ---------------------------------- militärische Einigungswerk Europa --------------------------------- Österreich hat sich zuletzt einige diplomatische Demütigungen ge- fallen lassen müssen und wird von europäischen Politikern als un- sicherer Kantonist definiert, weil es gegen einen Vollbeitritt "neutralitätspolitische Vorbehalte" anführt. Diese verschärfte Kritik hat ihre Ursache weder in den ökonomischen Streitigkeiten noch in einer mangelnden Kompromißbereitschaft der Österreicher. Die Fortschritte der EG in ihrer Selbstauslegung als politisches Bündnis mit Weltmachtanspruch läßt die österreichische Neutrali- tät zu einer unzumutbaren Behinderung des europäischen Einigungs- werks werden. Seit ihren Gründungstagen hat sich die Gemeinschaft nie bloß als Wirtschaftsbündnis verstanden; sie verkörperte immer schon den imperialistischen Anspruch der in ihr zusammengeschlos- senen Nationen, durch das europäische Einigungswerk eine politi- sche und daher auch militärische Weltmacht zu werden. Die Mög- lichkeit eines Mittelstreckenabkommens zwischen den USA und der SU sehen die europäischen NATO-Staaten daher als einen einzigen unerfreulichen Anschlag auf ihre militärische Weltgeltung. Anläß- lich der drohenden Abrüstungsverhandlungen erklären sie ihren po- litischen Willen, bedingungslos an ihrer eigenen Atombewaffnung festzuhalten und die von den Supermächten ins Auge gefaßte 3%- Verschrottung durch europäische Eigeninitiative wettzumachen. "Je wahrscheinlicher ein Abrüstungsabkommen der beiden militäri- schen Supermächte wird, umso größer wird eindeutig der Druck hin zur Verteidigung auf Gemeinschaftsebene werden." (Minister für Auswärtige Angelegenheiten De Clerc) Weil die EG aus ihrer atomaren Nachrüstung d n selbstbewußten An- spruch einer von den beiden anderen unabhängigen Weltmacht gezo- gen hat, definiert sie die Abrüstung in Ost und West als "Druck" zur eigenen Aufrüstung. Diesem Programm entspricht eine Aufhebung der bislang existierenden formellen Trennung von politisch-ökono- mischer und militärischer Einheit (WEU) und die Klarstellung an den Neutralen, daß die militärische Einordnung in das europäische Einheitsverk selbstverständliche Pflicht aller künftigen Partner ist: "Beim Zustandekommen einer Verteidigungsunion der zwölf EG- Mitgliedsstaaten in der Gemeinschaft müßten sich Europas neutrale Staaten viele Grundsatzfragen neu stellen, erklärte Horst Telt- schik, außenpolitischer Berater des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Die Neutralen sähen sich unmittelbar mit neuen Herausforderungen konfrontiert." (Presse, 13.10.) "Gleichzeitig deutete De Clerc an, wie Österreich trotz einer künftigen Zusammenarbeit der EG- Länder in Verteidigungsfragen Mitglied der Gemeinschaft werden könnte." (Presse, 16.10.) Was nobel als "neue Herausforderungen" vorgetragen wird, ist nichts anderes, als die Selbstaufgabe der Neutralität als Ein- trittskarte in die Gemeinschaft zu verlangen: Österreich soll die ihm seinerzeit auferlegte umfassende Verteidigungspflicht, gegen alle Ansprüche seine Unabhängigkeit zu behaupten, aufgeben und Parteienstellung im europäischen Militärkonzept gegen den Osten einnehmen. Über die Durchführungsmodalitäten lassen die großen Europäer gerne mit sich reden; schließlich gilt es, der So- wjetunion ihre Mitzuständigkeit in einem "strategisch sensiblen Bereich" streitig zu machen. Der Kommentar vom Ballhausplatz: 'Das geht nicht!' ist alles andere als eine Zurückveisung der vorgetragenen Ansprüche. Angesichts des eindeutigen Kräftever- hältnisses zweifelt man an der Durchführbarkeit solcher Reformen der eigenen Souveränität gegen den erklärten Willen der Russen. Wenn das nicht ein weiterer triftiger Grund ist, um sich an das viedererstarkte Westeuropa anzulehnen! zurück