Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark
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Rund um den 50er
AUS DER WELT DES PATRIOTISCHEN WAHNSINNS
"Meine Art, Liebe zu zeigen,
das ist ganz einfach Schweigen.
Worte zerstören,
wo sie nicht hingehören."
(Alexandra)
Am 11.3. um 11.10
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soll nationwide dieser deutsche Schlager zur dramatisierten Auf-
führung gelangen. So wollen es die vereinigten Sozialpartner, die
sich dem Begehren der "Katholischen Aktion" nach einer "Schweige-
und Gedenkminute für Österreich" angeschlossen haben:
"Da in der momentanen Situation Worte oft trennen, kann ein
Schweigen verbinden, das der Selbstbesinnung dient." (Aufruf der
vier Sozialverbinder)
Diese Worte, betreffend den beredten Sinn des aktiven Schweigens,
durften einfach nicht ungesagt bleiben. Doch ist es nicht damit
getan, daß die Nation 1 Minute verbindlich die Klappe hält. Das
wäre Purismus. Laut selbstbesinnlichem Drehbuch
"ruhen um 11.10 Arbeit und Verkehr, alle Glocken läuten und die
Sirenen heulen. Der Zeitpunkt wurde so gewählt, daß die Schweige-
minute auch in die Gedenkfeier im Parlament integriert werden
kann."
Erst das ergibt ein nationales Gesamtkunstwerk, das dem Herrgott
und dem ÖGB ein Wohlgefallen ist. Die komplette Nationalmann-
schaft ist baff, während ein gewaltiges Jaulen und Bimmeln die
Lüfte erfüllt - darauf wäre Goebbels nie gekommen! So, ja so läßt
sich der geistige Gehalt des Gedankens, daß der Mensch ein Stäub-
chen ist im Kosmos der Demokratie, am trefflichsten zur Auffüh-
rung bringen. Muß bloß noch die Komparserie, die um 11.10 im Ver-
kehr zugange ist, darauf aufpassen, daß der 11.3.1988 nicht als
Tag der gewaltigsten Massenkarambolage aller Zeiten in die Ge-
schichte eingeht.
Eine Präsidentenmetamorphose:
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Vom Ver- und Vorschweiger der Nation
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Nach wochenlangem Getue; den unsäglichen Menetekeln über Staats-
krise, Chaos, Bürgerkrieg, Pest und Sintflut ist die Nation fürs
erste wieder gerettet: der Präsident bleibt kusch, zumi bei der
allerhöchstoffiziellen Gedenkfeier ist einerseits erfreulich.
Denn mit seinem entfällt auch, so verlangt es die Etikette, der
unerträgliche Sermon der anderen Polithäuptlinge. Andererseits
ist es wurscht. Denn vor und nach dem offiziellen Staatsschwei-
geakt läßt sowieso keiner eine Gelegenheit aus, sein nationali-
stisches Gedenk-Geschäftchen öffentlich zu verrichten.
Wieder andererseits ist es echt schade. Denn so bleibt vielleicht
- oh Schreckensvision, schreckliche! - die Musterrede auf ewig-
lich dem Publikum vorenthalten, die der berufsmäßige Vergangen-
heitsbewältiger Peter SICHROVSKY - "Es gibt ja kein Staatsober-
haupt der Welt, das so schlechte Reden hält wie Waldheim." - dem
Präsidenten für diesen Anlaß aufgesetzt hat.
Endlich hätte man aus dem Mund Waldheims erfahren, wie sich eine
Präsidentenrede anhört, die einen Waldheim-Gegner das Vertrauen
in sein Oberhaupt zurückgewinnen ließe. Gedrückt hat er sich je-
denfalls nicht, der literarische Aufbereiter der Gefühlslage von
Kindern ehemaliger Nazi-Größen, als plötzlich eine echte Re-
spektsperson am anderen Ende der Strippe war:
"Als, mich Waldheims Sohn vor einem Monat anrief und mich fragte,
ob ich seinem Vater nicht eine Rede für den 11. März verfassen
könnte, war ich natürlich erstaunt." (Vgl. F. Kafka, Eine kaiser-
liche Botschaft) "... Dann hab' ich mir allerdings überlegt: Ich
kann diesen Mann nicht absetzen - das müssen andere tun -. also
soll er wenigstens vernünftige (?) Reden halten. Man muß ihm hel-
fen... Ich schreib' ihm - unentgeltlich, natürlich - die Rede."
(P. Sichrovsky in: Basta 3/88)
Ist ja logo, Peter: Wen man nicht stürzen kann, dem schreibt man
die Reden fürs Volk; 1 versteht sich. Denn die Gelegenheit, das
eigene moralische Geseich vom höchsten Amtsinhaber rezitiert zu
kriegen, bietet sich so leicht wieder. Tut uns echt leid, daß es
anders kommen mußte. Aber vielleicht wird ja "Meine Präsidenten-
reden, die blöderweise nie gehalten wurden", der nächste Bestsel-
ler.
Die Intelligenzler und die Polizei
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haben, zumindest was die eine Seite angeht, ein innigeres Ver-
hältnis, als man fälschlicherweise annehmen könnte:
"Dreihundert Österreicher, darunter die Künstler Erich Fried, Ro-
bert Jungk" (Kunstrichtung: Zukunftsendzeitkatastrophenwarnung -
Performance) "und Peter Weibel, haben Strafanzeige gegen Waldheim
erstattet. Darin wird dem Staatsoberhaupt Beteiligung an Mord
vorgeworfen." (Presse, 3.3.1988)
Natürlich kann man diese 300 Geistesriesen vom sprichwörtlichen
Hausmeistergemüt - "Wann Se sich nicht anständich benemmen, hol
ich die Polizäh" - schon noch unterscheiden. Sie wollen keinen
Bassenaprozeß abwickeln, sondern ein R e c h t s k u n s t-
w e r k inszenieren. Wenn 300 Künstler, Wissenschaftler und
sonstige Nationalgeister kollektiv zur Strafanzeige schreiten,
dann sind sie nicht auf den Behördenweg, sondern auf eine Demo
der höheren Art scharf. Daß sie - herausragende "Persön-
lichkeiten", die sie nun einmal ihrer bescheidenen Meinung nach
sind - sich allen Ernstes zur Strafanzeige "gezwungen" sehen,
macht den Ernst der moralischen Lage der Nation überdeutlich.
Tatsächlich wird ganz was anderes deutlich: Der ganze
aufgeblasene Zinnober dieser mindestens menschheitsverpflichteten
Moralwachteln orientiert sich strikt am österreichischen STGB.
"Herr Staatsanwalt, übernehmen Sie!" - das hält diese Sorte
Opposition für den schärfsten Gestus ihrer moralischen In-
tegrität. Demonstrativ verleihen sie ihrer Überzeugung Ausdruck,
bei ihrem Anliegen Polizei, Recht und Justiz auf ihrer Seite zu
haben. Das bürgt für Glaubwürdigkeit und Seriosität des morali-
schen Anspruchs!
Insofern ist es nur gerecht, daß das Staatsoberhaupt die Strafan-
zeige wg. Mord mit einer Verleumdungsanzeige gegen die Anzeiger
gekontert hat. Wie die Burschen beieinander sind, ist leider zu
befürchten, daß die angezeigten Anzeiger ihrerseits der Verleum-
dungsklage mit einer Klage auf Verleumdung begegnen usw. Sie sind
halt doch bloß die Hausmeister des nationalen Gewissens!
Der Beitrag der Stadt Wien: Gegen Hitlers Heldenplatz-Erfolg -
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die Jugend auf dem Ring!
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Mindestens 75.000 jugendliche demokratische Österreicher wollen
der Zilk und sein Oppositions-Busek am Abend des 10. März aufmar-
schieren lassen. Und, was wollen sie damit beweisen? Daß das de-
mokratische Treueverhältnis auf Abruf ebensoviele Beine auf die
Straße bringt wie damals das zum Führer? Daß die Jugend - wie da-
mals! - für ihren Staat jederzeit zu mobilisieren geht - dieser
Schatz der nationalen Zukunft? Daß Demokraten bei der Organisa-
tion von Massenaufmärschen den Faschisten nichts nachstehen? Daß
Dafürsein heute ebenso gefragt wie leicht zu haben ist wie 1938?
Pfui!!! Das alles ist zwar erklärter Zweck der Massenbegeiste-
rungsshow, aber gerade deshalb darf man es keinesfalls so sagen.
Geboten sind stattdessen Sprachregelungen, die mit dem
L e i s t u n g s vergleich der Regimes angeben, ohne den häßli-
chen V e r g l e i c h explizit zu machen. Also: "Zehntausende
Wiener sollen beweisen, daß sie zu einer Wiederholung der Ge-
schichte niemals Ja sagen würden" - dafür umso heftiger für ihre
demokratische Fortsetzung. "Die Wiener Jugend ist sich der Pro-
blematik der Vergangenheit und ihrer Bewältigung heftig bewußt" -
deshalb bejubelt sie die gegenwärtige Politik mit Massenauf-
märschen. "Wehret den Anfängen! Niemals wieder Intoleranz" - des-
halb ist jede Toleranz gegenüber Kritikern der besten aller mög-
lichen Staatsformen verboten. "O Du mein Österreich" - deshalb
darf man den Austrofaschisten nie verzeihen, daß sie es dem
(deutschen) F a s c h i s m u s nicht nationaleinheitlich ge-
zeigt haben. Usf.
Kurz und schlecht: Die Wiener (Jung-) Demokraten Parade soll be-
weisen, daß es die Demokratie mit dem Faschismus in Sachen Hurra-
Loyalität jederzeit aufnehmen kann. Aber wie gesagt: So darf man
das nicht sagen. Obwohl - besser: weil - das der offizielle Zweck
dieses Jungstaatsbürger-Auftriebs ist.
Nicht zu vergessen: Die neue Bundeshymne
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Ja, es gibt sie! Die sangesfreudigen Vaterlandsverehrer, die
sich, abseits vom Licht der Öffentlichkeit, um das Lied der Hei-
mat verdient machen. Wo andere bestenfalls allabendlich die Melo-
die der Hymne beschwingt mitsummen, hat sich die "Initiative Bun-
deshymne" ihre Gedanken zur Angemessenheit des Textes geleistet.
Und ihn, horribile dictu, für "zu negativ" befunden. Deshalb ha-
ben sie stante pede was Positives gereimt. Hier die 2. Strophe:
Alt, zu negativ
"Heiß umfehdet, wild umstritten,
liegst dem Erdteil Du inmitten,
einem starken Herzen gleich.
Hast seit frühen Ahnentagen
hoher Sendung Last getragen,
vielgeprüftes Österreich."
Neu, positiv
"Große Töchter, große Söhne
Stolze Jahre
Vieles Schöne
Voll Ideen und Neuer Töne
Ewig junges Österreich."
Die Optimismus impfende neue Melodie ist der WHZ-Kulturredaktion
leider nicht bekannt. Aber allein der Text! Günter H., du Möchte-
gern-Nationalkomposetti: Was soll denn das? Statt der bewegenden
Erinnerung an wilde Schlachten - wird die wenig anmutige Vorstel-
lung von Riesenbabies beiderlei Geschlechts evoziert; statt der
soliden Auskunft, was die Brust mit Stolz erfüllt - der metho-
disch-lapidare Verweis auf irgendweiche "Jahre"; "Vieles Schöne"!
Eine Hymne ist doch keine Urlaubspostkarte. Die fade Idee, das
Land mit "Ideen" vollzustellen - soll die vielleicht die verspro-
chenen "neuen Töne" ausmachen? Und die geriatrische Abnormität
zum Ausklang: die soll Begeisterung für den ganzen Laden aufkom-
men lassen?!
Nein, Günter, so nicht. Da können wir dir nur gratulieren zu dei-
ner rücksichtsvollen Art, die hohe Politik nicht mit deinem Opus
zu traktieren, weil sie "ja im Moment sowieso schon genug um die
Ohren hat". Aber auch wir denken positiv. Wenn sie dann wieder
Zeit hat, ihre Ohren zu spitzen, wie wär's mit folgendem Vor-
schlag zum gefälligen Vortrag: "Doofe Dichter / treue Töne /
eitle Wichte / schreiben Dir Gedichte / usf."?
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