Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       Neid und Gerechtigkeit im Dienst der Politik:
       

"PRIVILEGIENABBAU"

Soll niemand sagen, die demokratische Politik wäre nicht für die Bürger da. Weil sie ihr Volk in die Pflicht nehmen, unternehmen die Parteien einiges, um für die rechte Stimmung dabei zu sorgen. Ein Schlager, für den das Volk begehren darf, ein Grazer Bürger- meister mit Gesetzesbruch droht, sein Vorgänger aus der Partei ausgeschlossen wird, "Blitzaktionen" im Parlament angesetzt wer- den, erfreut sich bei den Parteien höchster Beliebtheit. Kein Wunder, bei dem Sujet, daß die Darsteller zu Spitzenleistungen auflaufen: Denn erstens behauptet ihr Stoff, daß Leute ungerecht- fertigterweise mehr dürfen als andere. Er ist also ein einziger Schrei nach der starken Hand der Gerechtigkeit. Zweitens ist die- ses Motiv staatstreuer Motzerei eine einzige Absage an den eige- nen Materialismus. Wer gegen Privilegien ist, geht davon aus, daß Leute nicht auf ihre Kosten kommen - und fordert als "Entschädigung" auch noch den Schaden von anderen. Daß Politiker, die schließlich die Beschränkungen und Bedingungen der Bürger einrichten, gar nicht genug "Privilegienabbau" unterstreichen können, versteht sich also. Drittens bezaubert die Macher am "Privilegienabbau", daß dieses Ding keinen Gegensatz von Politik und Bürgern kennen will, sondern Politiker ausgerechnet darin an- greift, daß sie Vorrechte haben sollen, die für die Politik gar nicht notwendig sein sollen. Deswegen ist das Ding ein einziger Auftrag an die Rücksichtslosigkeit der Politik und ein Vehikel der regierenden und oppositionellen Überzeugungstäter. Mit ihren inszenierten Säuberungsmaßnahmen in der Herrschaftsetage belohnen die Politiker die von ihren "Notwendigkeiten" Betroffenen mit ganz viel Gerechtigkeit - und statten sie mit dem ideellen Lohn aus, daß auch die ganz oben so anständig und bescheiden sein wol- len, wie es ihre Regierten sein müssen. Über alle Parteien hinweg gilt eben der Grundsatz, daß "Staat und Staatsmänner nicht dazu da sind, einzelnen Klassen ein Unterkommen zu ermöglichen, son- dern den ihnen zukommenden Aufgaben zu genügen." Eine Pensionsreform für Ex-Bürgermeister Götz --------------------------------------------- hat sein Nachfolger Stingl in Graz losgetreten. Mit dem Argument, daß es angesichts der "sozialen Probleme" und der "Härten", die die Sanierung des Staatshaushaltes mit sich brächte, "einfach un- möglich" sei, dem Götz noch mehr Pension nachzuzahlen, war sicher nicht gemeint, daß die Summe in Bezug auf den armen Staatshaus- halt relevant wäre. Umgekehrt: Die Nachzahlungen an Götz beleidi- gen den "kleinen Mann", dem die Politik jede Menge Ungemütlich- keiten beschert. Deswegen ist es nobelste Aufgabe der Politik, ihm Achtung dafür zu zollen, daß er sich das gefallen läßt. Die eher kämpferisch vorgetragene - Stingl stinkt im Namen der Ge- rechtigkeit immerhin gegen den Verfassungsgerichtshof an - Ehrung der Untertanentugend hat der ersten Garnitur ausnehmend gut ge- fallen. Denn schon am Tag darauf steht die "Causa Götz" im "Blickpunkt der Öffentlichkeit" - die Parteien reißen sich darum, radikalen Gerechtigkeitssinn mit der Propaganda der Tat geltend zu machen. Und das mit berückender Meinungsvielfalt: Der Bundes- kanzler kann unmöglich "verstehen, daß gerade in Zeiten, in denen der Sozialstaat durchforstet werden muß", so etwas geschehen kann. Der Vizekanzler hält es für eine "Mißachtung" des Bürgers, der "ein Leben lang gearbeitet hat, und dann sehen muß, wie sich Po- litiker Ansprüche sichern." Jörg Haider findet es schlicht "unverantwortlich" und befriedigt die Sehnsucht nach sauberer Herrschaft mit einem Parteiausschluß, während die Regierungspar- teien mit etwas viel Handfesterem aufwarten können: Die Gerech- tigkeit siegt - sogar über das Recht und mit ihr die Politik. In der anschließenden Debatte stellten die Politiker als Resultat ihres Kampfes ganz stolz ihrem Volk, für dessen Ehre sie gekämpft haben, klar, daß "wohlerworbene Rechte" als unmögliches An- spruchsdenken definiert werden können. So erfährt der Bürger als Jubelmeldung, daß das Recht kein Anspruch an den Staat ist, son- dern seine Ansprüche an die Bürger. Alles andere ist eben höchst ungerecht. P.S.: Die WHZ bedauert, daß sich im Artikel ein Zitat aus "Mein Kampf" eingeschmuggelt hat. Wir konnten es beim besten Willen aber nicht mehr von den anderen unterscheiden. Peinlich - und das im Jahr der "Vergangenheitsbewältigung"! zurück