Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark
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OPERNBALL UND "WIDERSTAND"
1.
Gegen den Opernball gibt es nicht übermäßig viel einzuwenden. Die
Ungenießbarkeit dieses Mullatschags haben die Herrschaften gefäl-
ligst untereinander auszutanzen, die ausgerechnet an diesem Abend
dem Walzerglück in der Wiener Staatsoper frönen. Weil es den füh-
renden Figuren aus Politik und (inter)nationalem Geschäft samt
ihren Hofnarren aus Kunst und Sport ein standesgemäßes Bedürfnis
ist, sich als Elite zu zelebrieren, nehmen sie regelmäßig den
Opernball und andere Gelegenheiten wahr, um entre-vous und damit
exklusiv zu sein. Laufende Kameras und fleißig mitstenographie-
rende Gesellschaftsadabeis sind dabei keine Störung spontaner
Festlichkeit, weil der Genuß des eigenen Elitedaseins im erlebten
U n t e r s c h i e d zur misera plebs besteht. Ein Fernsehin-
terview aus der Loge konveniert den versammelten Celebritäten da-
her mindestens ebensosehr wie die Tuchfühlung mit der Kreissäge
des Bürgermeisters oder die Fußtritte von Waldheims unausstehli-
chem Töchterl bei der Tritsch-Tratsch-Polka. Da kann man sich ein
bisserl seines savoir-vivre entäußern oder Launiges über die
grandiose Ballnacht fallenlassen - immer im Hochgefühl, auf einem
ganz besonderen Fest als ganz besonderer den ansonsten wenig ge-
schätzten Massen selbst noch den Standard für manche Modetorheit
vorzugeben. Jeder kulturelle oder sonstige Olympionike weiß sich
mit der Einladung zum erlesensten "Ballereignis des Jahres" für
seine erfolgreichen Dienste als Zierstück demokratischer Herr-
schaft bedankt. Deshalb verschönern neben den Matratzen der Hoch-
finanz so mancher tiefsinnige Verseschmied, ein Königsdarsteller
der Shakespearedramen und auch der schlaue Niki Lauda den Ball
der oberen Zehntausend.
Mit oder ohne F.J. Strauß: Der Opernball ist so unappetitlich wie
die Klasse, deren hervorragendste Repräsentanten ihn bevölkern.
In der unendlichen Liste der Gründe für die Revolution rangiert
er freilich schon deswegen ganz am Schluß, weil man den Opernball
im Unterschied zu anderen Leistungen dieser Herrschaften einfach
verschlafen kann.
2.
Daß seit den 60er Jahren die Höhepunkte des politischen Wider-
stands in Ort und Zeit regelmäßig mit dem demokratischen Kaiser-
ball zusammenfallen, spricht eindeutig gegen erstere. Die unver-
hältnismäßige Erregung über das steife Fest der Bourgeoisie war
immer schon der Ausdruck eines beanspruchten Mitspracherechts in
Sachen gelungener kultureller Repräsentation Österreichs. Seiner-
zeit wurde unter dem Stichwort "Hochkultur" ein Kulturkampf aus-
getragen, der durch Frackschöße und elitäre Noblesse ein Recht
der Volksmassen - die übrigens geschlossen die Fernsehübertragung
des Balls genossen - auf kulturelle Anerkennung ihrer Dienste und
ihrer Anständigkeit mißachtet sah. Weil die Demonstranten mit ih-
ren honorigen Gegnern die Auffassung teilten, daß eine Nation und
ihr Volk in Liedern und Tänzer ihre kulturelle Identität feiern,
konnten sich die aufsässigen Volkskulturettis ausgerechnet durch
diese Ballstaatsaktion der nationalen Honoratioren gedemütigt und
ausgeschlossen fühlen. Mit der literarischen Anerkennung von ei-
nem Schippel Arbeiter- und Heimatdichtern sowie der kunstvollen
und wissenschaftlichen Aufarbeitung des Lebens und der Entbehrun-
gen des 'einfachen Mannes' war der geforderte ideelle Lohn leicht
erteilt und die unerfreulichen Dissonanzen rasch beseitigt.
3.
Auch heuer war die 'Opernballdemo' nicht einfach ein Produkt der
harmlose Kalkulation auf mehr Öffentlichkeit für das eigene An-
liegen. Schon gar nicht ging es bei der Aktion um die Verhinde-
rung der WAA in Wackersdorf. Die Grünen sahen ihren Nationalstolz
gekränkt, weil die Bundesregierung sich und die Heimat mit ihrer
Einladung an den Österreichspötter Strauß erniedrigte.
"Es zeigt von einem beschämenden Mangel an Würde, Strauß zu einem
Fest nach Wien einzuladen, der wiederholt Österreich verhöhnt und
verspottet hat." (Meißner-Blau)
Daß die Teilnahme am Nationalfest eine einmalige Ehre ist, die
man sich durch Huldigungen der Nation erst verdienen muß für
diese kompromißlose Kritik am Bayrischen Ministerpräsidenten ste-
hen sich Österreichs Grüne schon ein mal an einem kalten Winter-
abend die Füße in den Bauch. Grüner Patriotismus ist inzwischen
so anspruchsvoll und ihre Opposition daher so billig, daß sie von
ihrer Bundesregierung mehr Würde und Souveränität im Umspringen
mit respektlosen ausländischen Politikern erwünschen und diese
Forderung mit der saftigen Drohung unterstützen, sich ansonsten
ganz fürchterlich öffentlich schämen zu müssen. Weil sie ihren
Kampf gegen das Autarkie- und Profitmittel Kernenergie inzwischen
ganz umstandslos mit dem Einsatz für die Ehre der Nation zusam-
menfallen lassen, entdecken sie einen demütigenden "Kniefall des
Bundeskanzlers" vor einem "deutschen Provinzpolitiker", wo es die
Kumpanei der österreichischen Regierung mit dem deutschen Neben-
kanzler anzugreifen gälte. Die "bilateralen Schwierigkeiten" ka-
men ja nicht deswegen zustande, weil Vranitzky für die Verhinde-
rung österreichischer Krebstoter und Schlimmerem die
"traditionell guten Beziehungen" zur europäischen Führungsmacht
gefährden wollte. Vielmehr versucht er aus der "Betroffenheit"
als "Atomnachbar" ein Recht auf Mitsprache und nationale Aufwer-
tung seiner relativ bedeutungslosen Nation durch die BRD abzulei-
ten. Für die Durchsetzung dieses Ansinnens war Vranitzky und Mock
der Straußbesuch gerade recht. Dagegen und gegen den dabei unter-
stellten instrumentellen Umgang auch der eigenen Herrn mit der
Gesundheit ihrer Bevölkerung haben die Fanatiker der diplomati-
schen Anerkennung ihrer wunderbaren, atomfreien Nation gar keine
Einwände. Dafür plakatieren sie unter Aufbietung all ihrer mora-
lischen Phantasie besinnliche Weltuntergangsstimmung am Opern-
ball:
"Sie tanzen auf dem Opernball und planen unsern Untergang."
Sowas macht unheimlich nachdenklich und hat bei aller kritischen
Intention den Vorteil, niemand anzugreifen! Die Wiener Polizei
war auf Befehl nicht so versöhnlich gestimmt. Nachdem ihnen die
Propaganda der Tat von ein paar Anarchos den willkommenen Anlaß
lieferte, prügelten sie für den praktischen Beweis, daß das
"Recht jedes Bürgers auf Demonstration" (Blecha) die staatliche
Freiheit ist, gemäß seinen Ordnungsüberlegungen Demos zu erlauben
oder zu verhindern. Weil es bei hohen Besuchen und nationalen Fe-
stivitäten immer gleich um die auch von den Grünen so hochge-
schätzte Ehre der Nation geht, fängt der 'Mißbrauch' des Demon-
strationsrechts bereits dann an, wenn sich ein paar hundert auf-
rechte Patrioten vor die Oper stellen, um sich ein paar Stunden
lang für ihre Politiker ganz ordentlich zu schämen.
4.
Niemand ist so naiv wie sich die Grünen stellen, wenn sie die
"unheimliche Brutalität" der Polizeiaktion beklagen. Spätestens
die offizielle Betbigung der Beamten durch den Innenminister
müßte letzte Zweifel darüber ausräumen, daß sich die Arme des Ge-
setzes mit ihrer Schlägerei für Ruhe und Ordnung ausgezeichnet
haben. Gegen die politische Taktik der Grünen hat freilich selbst
das bisserl Hausverstand keine Chance. Mit blauen Augen davonge-
kommen legen sie ein "absolutes Bekenntnis zum Prinzip der Ge-
waltlosigkeit" ab, um an diesem verrückten Maßstab die Polizei
der "Chaotisierung" ihrer friedlichen Demonstration zu überfüh-
ren. So bekommen die Polizeiwatschn schlußendlich auch noch ihren
politischen Sinn, indem sich die Grünen selbst unter härtester
Bedrängnis als die hochanständigsten Menschen vorführen können,
die sie leider wirklich sind.
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