Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       National-Besinnliches zum Jahreswechsel vom Präsidenten
       

OPFERMUT FÜRS VATERLAND

Den an und für sich unschuldigen Wechsel des Kalenderjahres läßt sich keine Demokratie entgehen, um am faden Nacheinander von ge- stern-heute-morgen die immerzu und "gerade" im jeweils neuen Jahr besonders fällige nationale Gesinnung zu schärfen. Die Sentenzen, die ein Präsident bei dieser Gelegenheit via Bildschirm in die Wohnzimmer seines Volkes verströmt, sind weit aufklärerischer über Amt und Mann als alle detektivischen Ermittlungsbemühungen in UNO-Archiven. Da erfährt man nämlich sehr eindeutig, was man an seinem Präsidenten hat und an dem demokratischen Staatswesen dazu, dessen Einheit, Recht und Würde er verkörpert. Schlechtwettersolidarität tut not --------------------------------- Nehmen wir als erste Auskunft die präsidiale Intelligenzleistung, die Vorhaben der amtierenden Machthaber in Form einer Jahreswet- terprognose zu präsentieren: "Das neue Jahr wird nicht nur sonnige Tage bringen. Die Bundesre- gierung hat einschlägige Maßnahmen gesetzt, um den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen und die Grundlagen für eine gesicherte Zu- kunft für Sie alle zu gewährleisten. Der erforderliche Mut, die erfolgreichen Reformschritte setzen allerdings gemeinsame Ziele, gemeinsames Wollen und eine ehrliche, enge Zusammenarbeit zwi- schen allen Beteiligten voraus." Wer ein verregnetes Wochenende von einer Rentenkürzung nicht un- terscheiden können will, ist bei dieser Regierung gut aufgehoben. Solche verwechslungsfreudige Bürger sind unserem Präsidenten ge- rade recht; für die zählt es wohl auch zu den leichteren Übungen, über einen geordneten Staatshaushalt als Debakel im eigenen Geld- beutel großzügig zu übersehen. Zumindest will ihnen der Präsident diese Übung nahelegen. Die Befürchtung, der demokratische Lehr- satz vor der soliden Armut in der Gegenwart als der Grundlage für eine "gesicherte Zukunft" könnte Anstoß erregen scheint ihn dabei nicht zu quälen. Im Gegenteil: Der enorme Mut der Regierung, dem Staatsinteresse zuliebe rücksichtslos zuzuschlagen soll durch eine Extraportion Treue honoriert werden: nichts unpassender für "Beteiligte", als auf die Scheidung in Macher und deren Opfer zu achten! Zumal die Wettermacher von dar Politikerfront ihre begos- senen Schäfchen nicht einfach in den Regen stellen, sondern ihnen dazu jede Menge menschliche Wärme spendieren: "Bedenken wir, daß hinter allen Wirtschaftsstatistiken Menschen- schicksale stehen. Der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Schmä- lerung des Pensionsanspruches ist für die Betroffenen ein großes Opfer. Ich verstehe die damit verbundenen Sorgen und Ängste. Op- fer sind nicht um ihrer selbst willen gerechtfertigt, sondern sie müssen einem Ziel dienen, und dieses Ziel heißt, zukunftsorien- tierte Arbeitsplätze zu schaffen." Das demokratische "Ecce homo!", gerufen vom Staatsoberhaupt, ehrt die Gelackmeierten mit dem ehrlichen Bekenntnis, daß die sanier- ten Figuren auch weiterhin alt ausschauen. Jedoch: Der oberste Repräsentant der Nation weiß um ihre Opfer, er vergißt sie nicht - und das ist schon die schönste "Entschädigung" für die "Sorgen und Ängste" der auf Schmalkost gesetzten Bürger. Die ihnen aufer- legten Opfer erhalten ihren Sinn - gerade weil sie nicht "Selbstzweck" sind, sondern Mittel der Politik. Das freilich rechtfertigt jedes Opfer! Die Umdrehung dieser Weisheit gibt schon wieder einen demokratischen Lehrsatz, den man geschluckt haben muß, um ihn nicht gegen seinen Urheber zu verwenden: Die Größe des von der Politik angerichteten Schadens spricht für eine Notlage ausgerechnet! - der Politik und daher dafür, noch weiter- gehende Zumutungen mit einer freudigen Opfergesinnung zu beglei- ten. Diesmal ist es nicht das Klima, sondern schlicht und ergrei- fend die "Zeit", die solches von uns allen verlangt: "In einer solchen Zeit müssen wir zu einer neuen Form der Solida- rität der Menschen zueinander und der Bürger unseres Landes zu unserer Heimat finden." Wer mag und kann schon so einem übermächtigen Subjekt den Gehor- sam verweigern? Aus der Geschichte lernen! -------------------------- "Die Zeit" war auch vor 1988 "eine solche" und nicht faul. In Ge- stalt runder Jahreszahlen lehrt sie uns unter Anleitung des Prä- sidenten die zeitlose Botschaft, daß Österreich hier alles geht. "Vor 70 Jahren wurde Österreich eine in Schmerzen geborene Repu- blik. Vor 50 Jahren verlor es wieder seine Unabhängigkeit und Freiheit. Ohne 1918 ist 1938 nicht zu verstehen. Es ist daher richtig und wichtig, sich zu besinnen, sich über die historischen Zusammenhänge Klarheit zu verschaffen und die richtigen Lehren daraus zu ziehen." Das schafft in der Tat Klarheit, weil die vom Präsidenten verab- reichte "Lehre" schon der ganze "Zusammenhang" ist : Dieses Kind darf niemals mehr verloren gehen, weshalb wir wie ein Mann zusam- menstehen... Das Wort des Jahres für diesen Aufruf zum unbeding- ten Nationalismus heißt "Vergangenheitsbewältigung". Wie deren Strickmuster geht, das weiß ein mitunter etwas vergeßlicher Prä- sident auch ohne Geschichtestudium und Historikerkommission: "Sosehr wir in den nächsten Monaten Anlaß haben, mit Schmerz und Trauer auf diesen Abprund zurückzublicken, sosehr muß diesem Blick zurück der Blick in die Zukunft folgen... Als Kraftquelle für ein neues Selbstvertrauen, für eine Stärkung unserer Demokra- tie sowie den Glauben an unsere Zukunft und an unser gemeinsames Vaterland." Eine nationalistische Aufwärmübung sozusagen, zu der "uns" das erste Quartal '88 da "veranlaßt": Heftiges Starren in den vergan- genen Abgrund ist angesagt, um ihm eine kraftvolle Perspektive für die Zukunft der Gegenwart zu entnehmen. Die Sache, die 1988 mit dem Blick zurück gewürdigt werden soll, ist übrigens dieselbe wie 1918 und 1938: "unser gemeinsames Vaterland", für das sich jedes Opfer lohnt. Prosit Neujahr! zurück