Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       Österreich - Amerika
       

SZENEN EINER UNVERBRÜCHLICHEN FREUNDSCHAFT

17.5.-21.5.: Nachdem die USA unseren Präse schlagen, antworten wir mit einem einwöchigen Freundschaftskuß unseres "sympathisch- seriösen", "seine bekannte Zurückhaltung völlig abstreifenden" Bundeskanzlers auf die amerikanische Schlaghand. Innenpolitisch ist alles leinwand: Bis auf einen oppositionellen Kraftmeier hal- ten es alle für die beste Verteidigung, den Angreifer vor den möglichen Gefahren seines Tuns für unsere immerwährende Freund- schaft zu warnen. Vranitzky schafft mit seiner einwöchigen G'schamster Diener-Tournee seinen bislang größten politischen Er- folg. Dennoch bleiben die peinigenden Fragen: Was empfinden die Amerikaner noch für uns, nachdem sie uns so gekränkt haben? Was können wir noch tun, um die Freundschaft zu retten, die auf der anderen Seite des Großen Teiches so leichtfertig mit den Füßen getreten wird? Gegen den Rücktritt Waldheims spricht nicht einmal mehr die Selbstachtung einer souveränen Nation; wenn überhaupt etwas, dann die Aussichtslosigkeit, mit diesem Schritt die antiö- sterreichischen Vorbehalte ausräumen zu können. Aber womit dann? Ende Mai: Es wird bekannt, daß Österreich im Unterschied etwa zu den beiden anderen europäischen Neutralen Schweden und Schweiz von sensibler US-High-Technology bis auf weiteres ausgeschlossen bleibt. Botschafter Lauder begründet diese Entscheidung mit den österreichischen Exportbestimmungen, die bei Transitgütern in den Osten den Boykottbestimmungen der NATO noch immer nicht vollauf genügen. Lauder schlägt diesbezüglich eine neuerliche Exportge- setznovellierung vor, in der Österreich nach Vorbild der Schweiz den NATO-Boykott gen Osten auch beim Transit voll mittragen soll. 28.5.: Die Amerikaner lehnen die KSZE als Forum der Abrüstungsge- spräche mit dem Hinweis ab, daß damit auch blockfreie und neu- trale Staaten Mitspracherechte in dieser "schwierigen Materie" zugesprochen würden. Österreichische Journalisten bedauern, daß dabei ein weiteres Mal und diesmal leider zurecht amerikanisches Mißtrauen in einer "uns alle bedrohenden Existenzfrage" gegen Österreich zum Ausdruck kommt. Außenminister Mock läßt sich auf der zur gleichen Zeit stattfindenden N+N-Tagung in Zypern vertre- ten, wo erneut die Forderung der betroffenen Nationen nach Mit- sprache bei der Abrüstung erhoben wird. Es gibt einen Riesenskan- dal, weil Mock seine Krankheit angeblich vorgetäuscht hätte, um sich inzwischen ein Ehrenband seiner CV-Bruderschaft abzuholen. 5. Juni: Das US-Justizministerium definiert Österreich zur Nazi- endlagerstätte. Wir sind erschüttert, sprachlos, wütend und ver- zweifelt. War das ganze good-will letztlich umsonst? Anderer- seits: Wollten die Amerikaner uns damit nicht etwas sagen? Aber was? Mag ja sein, daß es sich dabei um einen böswilligen Allein- gang eines Herrn Sher gehandelt hat. Aber zurücknehmen tun die Amis den SS-Mann auch nicht. Botschafter Lauder tut, wie solche Leute immer, nur seine Pflicht und hat von nichts gewußt. Das macht ihn auch nicht beliebter. Auf jeden Fall sind sich alle Meinungsbildner mit der Regierung einig: Die Vorgangsweise ist ebenso frevelhaft wie symptomatisch für die dramatische Talfahrt in den österreichisch-amerikanischen Beziehungen. Die Österrei- cher erklären sich bereit, Herrn Bartesch zu behalten. Die Fort- setzung der US-Endlösung "Nazis heim ins Österreich" wird von den Amis zugleich angekündigt und dementiert. 8., 9., 10. Juni: Wir begehen den 40. Jahrestag des Marshall- plans: Die seinerzeit von den USA als wirtschaftliches roll back den Westeuropäern gewährten Waren- und Kreditmittel für künftige nationale Kapitalakkumulation wird wehmütig als die gute alte Zeit zelebriert, wo die Freundschaft der USA noch bedingungslos dem freiheitsdurstigen, antikommunistischen Kleinstaat galt. Hin- weise auf die "nicht bloß uneigennützigen" Gründe für die Wirt- schaftshilfe zur Durchsetzung einer (fast) weltweiten Herrschaft des Kapitals unter US-Führung häufen sich gegenüber früheren Fe- stivitäten. Der Festtagstenor sind sie nicht. zurück