Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark
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Die Professoren BRUCKMANN und KAMPITS Kandidieren zum Nationalrat
POLITISCHE NEUZUGÄNGE
Bruckmann
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Die ÖVP ist auf der Suche nach Gründen, sie zu wählen, auf den
Kopf von Professor Bruckmann gestoßen. Seit er auf der Liste für
den Nationalrat steht, weiß der Menschenkenner Mock um seine
"außerordentliche Persönlichkeit", mit der man dem Wähler zur
Hand geht, damit er das richtige Kreuz macht. Denn entgegen der
durchaus koketten Distanzierung des Professors, man solle ihn
nicht immer bloß auf die Rolle des "Hochrechners der Nation"
festlegen, hat sein Kopf durch politische Unterhaltung Profil er-
langt. Statt einen Wahrsager in eine Kristallkugel blicken zu
lassen, setzte der ORF Bruckmann vor einen Computer ins Bild, der
das Publikum gerade damit verblüffte, daß es sich bei seinen
Hochrechnungen um keine Zauberei handle. Und weil nun einmal das
Hauptprogramm zu den Sternstunden des demokratischen Lebens ge-
hört, blieb auch am Vorprogramm und seinem eifernden Rechner ein
bißchen Bedeutung hängen.
Die Liebe zur Show, die dabei immerzu dem politischen Anliegen
verpflichtet bleibt, hat der Professor jedenfalls auch in anderen
Bereichen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit durch gezogen. Bei
der Verzapfung von Verzichtspropaganda begnügte er sich im Unter-
schied zu seiner Kollegenschaft damit, den Titel "Professor" vor-
anzustellen, und brachte so den Anspruch auf Respekt eines Mannes
aus dem "Elfenbeinturm" ein, ohne weiter "abstrakt" ausholen zu
müssen:
"Ein Vater meint es gut mit seinen Kindern und baut ihnen ein
Haus mit vielen Zubauten. Weil er ihnen ein Auto kauft, baut er
ihnen eine Garage... usw.... Er betoniert alles wegen des Wohls
seiner Kinder ein... und merkt gar nicht, daß er damit den
Kindern gar keine Freude macht..." (Kronenzeitung)
So konnte sich ein jeder zu kurz gekommene Untertan in der Kro-
nenzeitung seine Meinung, daß es den Leuten zu gut geht, weil ih-
nen der gute Vater Staat lauter Wohltaten hinten reinschiebt,
durch einen Mann, der es schließlich wissen muß, bestätigen las-
sen. Weder diese plumpe Ideologie, noch die Hochrechnerei ist al-
lerdings ein - wie Prof. Bruckmann imaginiert - ausgerechnet auf
seinem universitären Haufen gewachsener Mist, mit dem er erkennt-
nisvermittelnd ins Land zieht. Denn daß alles den Bach runter-
geht, wenn der "Trend" anhält, daß der Staat die Bürger verwöhnt,
ist eine durchaus gängige und berechnende Hochrechnerei an den
Stammtischen - mit eben derselben Forderung: Das kann nicht so
weitergehen!
Prof. Bruckmann muß offenbar denselben Schluß aus seiner
"Hochrechnung" gezogen haben - und hat sich entschlossen, in die
Politik zu gehen, um die er sich bisher bloß theoretisch gesorgt
hat:
"Wenn also einer wie ich durch Jahre hindurch seine Stimme erho-
ben hat, Mißstände in diesem Land anzuprangern, und ihm dann die
Möglichkeit geboten wird, aktiv an der Änderung dieser Dinge mit-
zuwirken, hat er die moralische Verpflichtung, einem solchen Ruf
zu folgen. Deshalb gehe ich in die Politik."
Weil auf den Mann des G e i s t e s keiner gehört hat, begibt
er sich in die höheren Etagen der M a c h t, um dort "die Kno-
chenarbeit zu leisten, dem Wohle des Landes zu dienen". Freilich
wird er auch dort nicht seine moralischen Sprüche in echte Poli-
tik umsetzen, sondern mit ihnen den Alltag verzieren. Vielleicht
findet er dort die Bestätigung denn, was er schon immer gesagt
hat: daß sich noch jedes Ideal an der Realität zu
o r i e n t i e r e n hat, die die Politik s e t z t. Viel-
leicht vergeht ihm aber auch die Freude am politischen Gestal-
tungswillen, und er beschränkt sich wieder, ohne der Politik dar-
über böse zu sein, auf seine angestammte Sphäre selbstversponne-
ner Visionen über sie. Schließlich weiß der Mann, wo er dafür
sein Publikum findet:
"Sollte ich scheitern, werde ich mich ohne Groll dorthin zurück-
ziehen, woher ich gekommen bin. Auf die Lehrkanzel der Universi-
tät, zu meinen Studenten." (Kronenzeitung)
Kampits
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Im Schatten des großen BRUCKMANN einwenig verborgen blieb die
Kandidatur eines anderen hochrangigen Wissenschaftlers für die
ÖVP. Sie reihte den designierten Vorstand des Wiener Philosophi-
schen Instituts, Prof. Peter KAMPITS, an aussichtsloser Stelle
und dies mit diesem subtilen symbolischen Akt der Philosophie den
ihr gebührenden politischen Platz zu.
Die WIENER HOCHSCHULZEITUNG, immer darum bemüht, Fehlstellen und
Ungleichgewichten der bürgerlichen Öffentlichkeit konstruktiv zu
begegnen, hat deshalb mit Prof. KAMPITS ein Interview zustande-
kommen lassen, von dem wir seiner ausufernden Länge wegen nur
einen kurzen Auszug bringen können. Wir hoffen trotzdem, auch in
der gebotenen Kürze dem Anlaß und der Person publizistisch ge-
recht geworden zu sein.
WHZ: Herr Prof. Kampits, wo würden Sie sich im politischen Spek-
trum angesiedelt wissen wollen?
KA: Zwischen Schein und Wirklichkeit!
WHZ: Die Genialität der lapidaren Pointe in Ehren, - aber zeigt
sich da nicht eine gewisse Realitätsfremd....
KA: Dieses Mißtrauen an der Realität paart sich beim Österreicher
zugleich mit einem Selbstvertrauen, das...
WHZ: ...das wir Ihnen keineswegs absprechen wollen, aber...
KA: ...das allem Ineinander von Schein und Wirklichkeit, von Re-
alität und Fiktion zugrundeliegt und das wie fast alles in Öster-
reich seinen vollendeten Ausdruck im Zeitalter des Barock gefun-
den hat. (18)
WHZ: Sie leben also gewissermaßen in und mit der Tragik eines Zu-
spätgeborenen. Die postmoderne Politik der ÖVP verlangt jedoch
nach beinharten Machern, die Österreich aus den roten Zahlen in
eine schwarze Zukunft führen. Weisen in Hinblick auf diesen Zweck
Ihre Person und Ihre barocken Auffassungen nicht ein beträchtli-
ches Manko auf?
KA: Es wird nur dadurch einigermaßen ausgeglichen, daß ich mich
weigere, Österreich anders denn als geistige Realität zu verste-
hen. (9)
WHZ: Wir verstehen. Ihr Geist adelt die Politik. Ehe wir uns die-
ser etwas konkreter zuwenden, möchten wir Ihnen Gelegenheit bie-
ten, Ihren Beitrag zum österreichischen Geistesleben unseren Le-
sern zur Kenntnis zu bringen.
KA: Die nahezu unerschöpfliche Vielfalt des österreichischen Gei-
steslebens ist in seiner Bedeutung für die Gegenwart schon so oft
gerühmt worden, daß sie als bekannt vorausgesetzt werden kann.
(7)
WHZ: Da haben Sie sicher recht. Zumal gerade Sie ein gern gesehe-
ner Gast in Tageszeitungen und Fernsehstudios sind!
KA: Daß Philosophen in unseren Tagen gelegentlich wie Minnesänger
oder Handlungsreisende in Sachen Geist... von Fernsehstudio zu
Fernsehstudio (ziehen), hat Tradition. Im 15. Jahrhundert, im
Zeitalter des Humanismus, war dieses Herumreisen schon allgemei-
ner Brauch. (46)
WHZ: Sie haben die Öffentlichkeit nie gescheut und sich nie in
den Elfenbeinturm der Philosophie zurückgezogen. Dennoch: Ihr
Entschluß zur Kandidatur ist von neuer Qualität. Verstehen Sie
ihn als Konsequenz Ihres philosophischen Treibens oder als ko-
kette Resignation darüber...
KA: ...daß es nirgends schwieriger als in Österreich ist, eine
Kopfarbeit vorwärts oder gar zu Ende zu bringen. (8)
WHZ: Nur Mut! Sie schaffen beides. Aber werden wir nun konkret.
Die Wirklichkeit der österreichischen Politik - ...
KA: Man kann das, was als wirklich erscheint, genießen und bei-
seitelassen. Weil die Dinge eben ganz anders sein könnten, -
WHZ: ...entsprechend Mocks Slogan: "A aaandare Politik!"...
KA: ...ganz anders sein könnten, als sie erscheinen, ist die
Wirklichkeit in ihrem Sosein ebenso notwendig wie auch zutiefst
überflüssig, ebenso lästig wie erfreulich. (18)
WHZ: Das ist sicherlich richtig, zumindest weise. Was aber ant-
worten Sie auf die brennenden Probleme, die uns die Politiker be-
reiten wollen: Steuerreform, Verstaatlichte, Rationalisierungen,
Abfangjäger, Kraftwerke,...?
KA: Der Philosophie wird im Grunde genommen für jene Fragen...
Schweigen auferlegt. Aber...
WHZ: Bei allem Respekt, das ist uns nun doch etwas zu dürftig.
KA: ...es ist dies kein leeres, nichtssagendes Schweigen. (206)
WHZ: Könnten Sie ihm trotzdem beredteren Ausdruck verleihen?
KA: Einfügung in das Notwendige, aber auch gleichzeitig Überwin-
dung der Wirklichkeit, indem man sie nicht ernst nimmt dies alles
fließt in eine Kunst des Lebens und Sterbens zusammen... (19)
WHZ: Wir verstehen das als Ratschlag ans Volk: bei allem, was die
Politik verordnet, fügsam mitzumachen, sich dabei aber eine hei-
tere Gesinnung zu bewahren, die selbst dem eingeplanten Tod auf
den kommenden Kriegsschauplätzen noch eine echte philosophische
Perspektive abzutrotzen weiß. Haben wir Sie da richtig verstan-
den?
KA: Auch wer sich noch so gierig ans Leben klammert, entgeht dem
Tod nicht. (31)
WHZ: Eben. - Nun sind Sie aber doch auch ein Vordenker Mocks.
Welche Ratschläge haben Sie für ihn parat? Er muß schließlich
handeln, in die Wirklichkeit eingreifen.
KA: Nichthandeln kann sich als weiser herausstellen als Handeln,
Eingreifen in die Wirklichkeit als verhängnisvoll. (18)
WHZ: ...also nicht einmal eine Politik der kleinen Schritte?
KA: ...jeder Schritt, auch der kleinste, könnte schon ein solcher
in den Abgrund sein. (18)
WHZ: Ihr' Wort in Mocks Gehörgang! Aber er wirft doch gerade der
derzeitigen Herrschergarnitur Führungsschwäche, Nichthandeln,
Fortwurstelei vor. Sehen Sie das anders?
KA: Dieses Überhöhen, ja Überlisten der Realität durch Nichthan-
deln, durch das, was man ein wenig abwertend auch als Fortwur-
steln charakterisierte, stellt ein unverzichtbares Moment öster-
reichischen Denkens und österreichischer Daseinsform dar. (18 f.)
WHZ: Wir teilen zwar Ihre Analyse der SP/FP-Regierungstätigkeit
der zu Ende gehenden Legislaturperiode keineswegs, entnehmen aber
Ihren Äußerungen eine gewisse großkoalitionäre Perspektive. Wie
würden Sie Ihr politisches Credo in einem Satz zusammenfassen?
KA: "Die Philosophie läßt alles, wie es ist." (19)
WHZ: Wir sind zum Ausgangspunkt zurückgekehrt. Daher noch eine
letzte Frage. Uns ist zu Ohren gekommen, daß Ihr Philosophiekol-
lege, Prof. BENEDIKT, Ihre Aktivitäten für Kurt Waldheim zum An-
laß einer Dienstaufsichtsbeschwerde genommen haben soll. Das hat
Ihnen offensichtlich nicht geschadet?
KA: Universitätsangehörige, speziell in Österreich, pflegen ja
auch - und diese Tradition hat sich erhalten - nicht eben klug zu
intrigieren. (72)
WHZ: Da stellen Sie bestimmt eine Ausnahme dar. Aber wie ertragen
Sie die Mißstimmung, die nun am Institut herrscht:
KA: Wo die Schatten oder Disharmonien für sich genommen störend,
mißtönend und verworren wirken, verwandeln sie sich, sobald sie
als Teil eines übergeordneten Ganzen betrachtet werden. (68 f.)
WHZ: Wir beugen uns vor soviel Großmut. Ihre Karriere erscheint
uns so oder so gesichert. Unsere Leserschaft dankt Ihnen für un-
ser Interview.
Alles wörtlich aus dem Zusammenhang gerissen aus: Peter Kampits
"Zwischen Schein und Wirklichkeit", Österr. Bundesverlag, 1984.
Die Zahlen in Klammern geben die Seite an.
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