Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark
zurück
Aufsicht und Moral als Medizinersatz:
AIDS - NOCH EIN "LEBENSRISIKO"
Das kleine Virus ist derzeit unschlagbar. In der beliebten öf-
fentlichen Unterhaltungsreihe "Themen, die uns alle enorm ange-
hen" hat es den leidenden Wald, die Kriegsgefahr und die aktuelle
Strahlendosis im Essen eindeutig auf die Plätze verwiesen, und in
hunderten Anleitungen wird dem wissensdurstigen Bürger die kor-
rekte Einstellung zur "neuen Lustseuche" beigebracht. Das läßt
das Virus kalt, hebt aber die Stimmung meinungsbeflissener Demo-
kraten, die der Aufforderung, sich geistig und praktisch als ver-
antwortungsbewußte nationale Seuchenwärter zu betätigen, gerne
nachkommen. Mit Schutz und Fürsorge für den Einzelnen ist das
ganze Theater nicht zu verwechseln; die tatsächliche staatliche
Kontrolltätigkeit erst recht nicht.
Ein Angriff auf die Volksgesundheit...
--------------------------------------
Schon die massenhafte Verbreitung sogenannter Berufs- und Zivili-
sationskrankheiten überführt das Gerücht der Lüge, das staatliche
Gesundheitswesen würde für Gesundheit und Wohlbefinden der Bürger
sorgen. Der statistisch sorgfältig nach gezählte Umstand, daß
eine große Mehrzahl der Leute physisch geschädigt ihren
Obliegenheiten nachkommt, tut dem Wohlbefinden des Staates keinen
Abbruch. Schließlich führt er selbst die Oberaufsicht über den
zweckmäßigen Gebrauch des Menschenmaterials und kodifiziert mit
seiner Gesetzgebung die "Sachnotwendigkeit" kapitalistischer
Reichtumsproduktion, daß die geschäftstüchtige Benutzung der
Massen ihre körperliche Vernutzung miteinschließt: direkt durch
den verschwenderischen Gebrauch ihrer Arbeitskraft und noch
einmal durch die dosierte Zerstörung so simpler Lebensbedingungen
wie Luft und Nahrung.
Diese Oberaufsicht hält sich der Staat gerne als zivilisatorische
Errungenschaft zugute. Weil der universelle zweckmäßige Ver-
schleiß der Gesundheit diese selbst eben voraussetzt, macht sich
die Obrigkeit mit Seuchengesetzgebung und verpflichtenden Impfun-
gen für die Volksgesundheit stark. S e u c h e n möchte der
Staat am liebsten v e r b i e t e n, weil er im medizinischen
Sachverhalt der Ansteckung eine ganz andere Gefahr entdeckt als
die Erkrankung vieler Leute. Infektionskrankheiten der härteren
Art machen progressiv das Menschenmaterial für seine ökonomischen
und politischen Dienste unbrauchbar; deshalb unterscheidet er sie
penibel von dem Ausschuß, der beim und durch den Gebrauch von
Land und Leuten "eben so anfällt". Deshalb haben sie übrigens
auch als Groß-B ihren festen Platz im modernen ABC staatlicher
Kriegsmittel.
...und seine staatliche Bekämpfung
----------------------------------
Über den kleinen Trick von Vater Staat, sich die therapeutische
und prophylaktische Wirkung m e d i z i n i s c h e r Mittel
als gesundheitsstiftende L e i s t u n g s e i n e s
V o r s c h r i f t s wesens hoch anzurechnen, erhebt er umge-
kehrt die gehörige Portion Rücksichtslosigkeit, die seine Seu-
chengesetze beinhalten, in den Rang medizinischer Hilfeleistung.
Eine infizierte Person betrachtet der Staat von seinem Seuchen-
standpunkt her als Gefährdung der öffentlichen Ordnung, die es
durch Kontrolle, Vorschrift, Isolierung und Strafe zu wahren
gilt. Sehr zu Unrecht genießt die polizeiliche und strafrechtli-
che Drangsalierung von ansteckend Kranken den guten Ruf, deren
eigener Heilung sowie dem Schutz ihrer Zeitgenossen dienlich zu
sein. Eine Vorstellung, die zum einen auf den seltsamen Verdacht
gründet, der eigensinnige Kranke würde sich seinem Glück medizi-
nischer Versorgung zu entziehen suchen, also auf einem soliden
Vorurteil über die prinzipielle Unvernünftigkeit des Menschenwe-
sens. Dieses Vorurteil läßt sich dadurch nicht verdrießen, daß
sein Inhaber über allerlei ökonomische und soziale "Folgen" der
Krankheit für ihren Träger, bis hin zur Zerstörung jeden Lebens-
unterhalts, durchaus Bescheid weiß; "Folgen", die zwar in keinem
medizinischen Lehrbuch zu finden sind, dafür aber zu den selbst-
verständlichen Schönheiten einer sozialstaatlich betreuten Markt-
wirtschaft zählen.
Zum anderen findet in dieser Vorstellung der staatsbürgerliche
Normalwahn eine glänzende Bestätigung, der sich noch jede
tatsächliche oder eingebildete Schädigung des eigenen Interesses
schlicht damit erklärt, daß der Staat den lieben Mitmenschen wie-
der einmal zuviel durchgehen läßt, also zuwenig ge- und verboten
hätte.
So ist es kein Wunder, daß gerade in Sachen AIDS demokratischer
Konsens über die Absurdität herrscht, daß, wenn schon kein medi-
zinisches Mittel existiert, Gewalt die einzig wirksame Medizin
ist.
Seuchenwärter unter sich
------------------------
Die ganze heiße Debatte, ob "man", d.h. die Staatsgewalt, gegen-
über AIDS mehr die "harte" oder eher eine "weiche" Linie in An-
schlag zu bringen hat, geht davon aus, daß Aufsicht not tut. Ob
und inwiefern sie geht, darüber scheiden sich in diesem speziel-
len Seuchenfall die kontrollbeflissenen Geister. Die "liberale"
Abteilung der Volkshygieniker hat gegen das Ideal der totalen
Überwachung folgendes schöne Argument aufgefahren:
"Dazu müßte man die Bevölkerung alle drei Monate mit der Polizei
zur Blutabnahme führen. Das ist - unter Beibehaltung unseres de-
mokratischen Systems nicht machbar. Aber selbst wenn es machbar
wäre, Sie hätten die Seuche damit noch immer in keiner Weise im
Griff." (Prof. Kunz, Virologe) Ihm kann man entnehmen, daß ein
Virusforscher besseres oder zumindest mehr zu tun hat, als dem
leidigen HIV das Handwerk zu legen. Seine Aufmerksamkeit gilt
"unserer" politischen Herrschaftsform, die er bei aller Wert-
schätzung glatt für eine Beschränkung des seuchenadäquaten Zu-
griffs hält. Das Plädoyer für ihre "Beibehaltung" bestreitet er
mit dem aufschlußreichen Einfall, daß selbst ihre Außerkraftset-
zung den angepeilten Nutzeffekt staatlicher Gewalt nicht zustande
brächte. Deswegen, und n u r deswegen gelten Lösungsvorschläge
als reichlich plump, die das "AIDS-Problem" mit der kernigen the-
rapieorientierten Diagnose in den "Griff" kriegen wollen: "Die
Ausländer sind schuld an AIDS." (Seuchenwärter Peterle, Klagen-
furt) Daß sich der Besitz des Virus und eines österreichischen
Passes ausschließe, das mag dem gesunden Volksempfinden des Frem-
denverkehrslandes Kärnten schmeicheln und der Aussortierung von
"Seuchenherden" eine klare Richtlinie an die Hand geben; für die
tatsächliche AIDS-Aufsicht allerdings ist dieses Kriterium zu
"eindeutig", weil sich das HIV längst im rotweißroten Blut einge-
haust hat. Wie diesem übel durch Meldepflicht, Reihenuntersuchun-
gen, persönlich oder "anonymisiert" geführte Statistiken und der-
gleichen beizukommen ist, darum dreht sich die "seriöse" AIDS-De-
batte. Während der Staat sich längst die Freiheit herausnimmt,
seinen Bürgern bei jeder sich bietenden Gelegenheit Blut abzuzap-
fen, um einen Überblick über den Durchseuchungsgrad seiner Bevöl-
kerung zu erhalten, läßt er gleichzeitig über die r i c h t i-
g e M i s c h u n g von Zwangsmaßnahmen und persönlicher Ver-
antwortung diskutieren, mit der sich die Verbreitung von AIDS
begrenzen ließe.
Die beste Medizin: Anstand und Präservativ
------------------------------------------
Daß dazu die Instrumente des Rechts um die der Moral ergänzt ge-
hören, weiß inzwischen jeder. Dabei gibt das Argument, daß eine
Bereitschaft zum Mitwirken unerläßlich ist und sich nicht jedes
Schlafzimmer überwachen läßt, dem Bedürfnis nach staatlichen
Zwangsmaßnahmen grundsätzlich recht und, "wo es sein muß", auch
nach. Dafür eröffnet sich im Rahmen der gerade gültigen staatli-
chen Praxis und Gesetzgebung viel Raum für moralische Konsequen-
zen, die aus den bekanntgemachten Ansteckungswegen folgen sollen.
"Wenn alle sich schützen, hat Schnupfen keine Chance!" - diese
absurde Parole ist angesichts der alljährlichen Epidemien nicht
aufgekommen. Bei dieser harmlosen Krankheit gilt es zurecht als
selbstverständlich, daß Vorsicht nicht die fehlende Medizin er-
setzt. für AIDS soll das Gegenteil gelten, weil mit dem sinnigen
Zusatz: "AIDS bekommt man nicht, man h o l t es sich" die be-
kannten Hauptübertragungswege als recht begrenzte und daher ver-
meidbare Weise der Verbreitung hingestellt werden. Auch seitdem
nicht mehr zu übersehen ist, daß sich das HIV keineswegs nur an
den medizinisch wenig begründeten, moralisch aber wohlfundierten
"klassischen Risikogruppen" schadlos hält, gefällt sich eine
ganze Abteilung darin, in der Verschonung vor der "Lustseuche"
endlich einmal einen materiellen Lohn für ein gottgefälliges Le-
ben in Anstand zu entdecken.
Andererseits ist es gerade den moralischen Profis nur zu gut be-
kannt, daß ihre hochgestochene Sexualethik nicht die gängige Pra-
xis ist. Ein Moralprediger glaubt sich zwar im Recht, aber nicht
daran, daß seiner Prinzipien wegen das inner-, vor- und außerehe-
liche Gebumse und Gelutsche unterlassen wird. Da käme er sich
schnell überflüssig vor, wenn die persönliche AIDS-Prophylaxe von
"Rikki, 24, Studentin, unverheiratet" sich ausbreiten würde: "Ich
stell' mein Sexualleben ein. Man muß überwintern und mit sich
selbst auskommen können."
Deshalb wecken die Sprachrohre des Staates die "Verantwortung"
ihrer Adressaten für die Bremsung der Seuche, indem sie in
"Aufklärungskampagnen" den Missetätern Vorsicht bei der Abwick-
lung ihrer bekannten Verfehlungen anempfehlen, ein "Tabu" nach
dem anderen brechen und auch Halbwüchsige mit bislang unaus-
sprechlichen Produkten der Gummiindustrie vertraut machen.
Die solchermaßen aufgeklärten Bürger dürfen sich also zuerst ein
einigermaßen hysterisches "Problembewußtsein" zu eigen machen, um
sich dann mit Hilfe eines Präservativs wieder abzuregen.
Auch in Sachen AIDS: Kein Intimverkehr mit der Staatsgewalt!
------------------------------------------------------------
So bekommt die Lüge, daß verantwortliches Benehmen unter staatli-
cher Anleitung, wenn schon nicht den eigenen Nutzen mehrt, so
doch Schaden abwendet, durch die öffentliche AIDS-Abwicklung
reichlich Nahrung; wahrer wird sie dadurch nicht. Die paar Maß-
nahmen, die "jedem einzelnen" angesichts der Krankheit zu Gebote
stehen, der die Medizin (noch) nichts entgegenzusetzen hat, kom-
men nämlich ganz gut ohne Recht und Moral aus. Umgekehrt besteht
kein Anlaß zu Illusionen über das Gedeihen des eigenen Wohlbefin-
dens, wenn jeder als tatsächlich oder potentiell infektiöses
Teilchen des Volkskörpers der staatlichen Obhut anheimfällt. Und
auch die Sorge, das tückische Virus könnte gar noch das demokra-
tische Immunsystem befallen, sollte man sich besser nicht zu ei-
gen machen. Wer vorm drohenden "AIDS-Faschismus" warnt, wie Ex-
Gesundheitsverwalter Kreuzer, der gibt damit ja nur deutlich zu
Protokoll, welche Übergänge seines geliebten demokratischen
Staatswesens er selbstverständlich für geboten hält, wenn es die
Sache anders nicht "in den Griff" bekommt.
zurück