Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 8, 01.02.1984
Altbundeskanzler Kreisky im Audimax
EIN "MILITÄRISCH NEUTRALER", DER "ZUM WESTEN GEHÖRT"
Vorher eine Laudatio, nachher eine Laudatio. Dazwischen Bruno
Kreisky vor ganz viel geladenen Honoratioren aus Politik, Wirt-
schaft, Wissenschaft und Militär und vor einem überfüllten Audi-
torium Maximum. Man machte "Kaiser Bruno" seine Aufwartung, man
wollte ihn gesehen haben. Was er sagte, war da schon fast Neben-
sache.
Es sprach die warnende Stimme aus Österreich, aus Erfahrung zu
"aktuellen Fragen der Weltpolitik". Das Selbstlob auf Österreich,
das Kreisky so lange regiert hatte, stützte die Rede. Kreisky,
der natürlich weiß, daß gegenwärtig nur die pure Feindschaft zwi-
schen Ost und West Fortschritte macht und sonst gar nichts, ver-
wandelte diese Vorkriegszeit in die "psychologische Situation, wo
die Großmächte sich mißtrauen", so als würde mehr oder weniger
Händchenhalten den Lauf der Weltpolitik bestimmen. So aber war
für Kreisky klar; daß gegen Mißtrauen nur sein Gegenteil hilft:
Vertrauen.
"Man muß wachsam sein. Man muß eines verstehen: Es kann keine er-
folgreichen Abrüstungsvorhandlungen geben, ohne das es vorher
eine politische Atmosphäre gibt, die derartiges rechtfertigt. Es
braucht ein Minimum an Vertrauen ...
Man muß ein Klima schaffen, in dem Mißtrauen abgebaut wird. Nur
in einer solchen Situation ist Bewegung möglich."
Diesen Zirkel, verfeindete Staaten müßten ein inhaltsleeres Klima
des Vertrauens schaffen, um dann zu noch vertraulicheren Verhand-
lungen zu kommen, hat Kreisky in Österreich gelernt. Schon im al-
ten "Vielvölkerstaat" hätte man sich "an einen Tisch" setzen müs-
sen (Wie war das?). Und: "Man muß ein Österreicher sein", um die
Vorteile der Entspannung richtig würdigen zu können. Mag ja sein,
daß Österreich von der Entspannungszeit, deren Erfolge des We-
stens gegen den Osten Kreisky nicht verschwieg, Vorteile gehabt
hat. Aber wenn sie nun zu Ende ist, die NATO sich die nächste
Etappe vorgenommen hat? Offenbar ist die ganze "Ernte seines po-
litischen Lebens" (Süddeutsche Zeitung) die Ideologie des Ost-
West-Gegensatzes, es käme in ihm auf Vertrauen und Zusammenarbeit
an. Die Sowjetunion hätte zwei "große Fehler" (Fehler?) gemacht,
SS 20 und Afghanistan, weil das dem gegenseitigen Vertrauen
schwer geschadet habe. Aber auch wer wie Reagan von der Gewinn-
barkeit eines Atomkriegs rede, verspiele die Glaubwürdigkeit sei-
nes vertraulichen Entgegenkommens. Sonst hat der Reagan nichts
falsch gemacht?
Kreiskys Vorschläge, wie es in der Weltpolitik am besten weiter-
gehen möchte, waren dementsprechend:
- Da die "extremste Spannungssituation, der Libanon, auf Europa
übergreifen könne, müsse dort vordringlich geschlichtet werden.
Das gehe aber nicht mit Soldaten "ehemaliger Kolonialmächte" - da
hätten die Völker dort einen Affront dagegen -, sondern nur mit
Friedenstruppen wie z.B. österreichischen Soldaten, die auch wie-
der abziehen würden. Und die UNO müsse mehr eingeschaltet werden,
und eine "Kommission" und ein "Minimalprogramm" ... Kreisky
frönte seiner Marotte, der Welt schon immer gesagt zu haben, wie
Frieden im Nahen Osten zu gehen hätte.
- Wirtschaftsboykott gegen Osteuropa wäre ganz falsch. Österreich
z.B. brauche russisches Gas, aber die Russen bräuchten Devisen.
Das sei entspannungsfördernd. Weiß Kreisky nicht, daß der Osthan-
del eine Waffe des Westens gegen den Osten ist?
Irgendwie scheint er das doch mitbekommen zu haben. Er lobte -
nämlich die "appeasement policy" der USA, weil sie der UdSSR "nur
Niederlagen" beigebracht habe. Er verwies auch auf die Möglich-
keiten, die in den nationalen Egoismen der Staaten des Ostblocks
lägen. Für eine "Politik der Festigkeit gegen Länder, die die
Grundsätze des Zusammenlebens der Völker verletzen" sprach er
sich aus, aber natürlich gegen ein "Rausbrechen" von Ostblock-
staaten gegen "Kraftmeierei, die zu Rüstungstaumel führt".
Ja, Österreich bzw. Kreisky "gehört zum Westen, ist aber militä-
risch neutral". Nur daß er eben mit den angeblich entspannenden
Idealen des friedlichen Ost-West-Gegensatzes vor einer Verschär-
fung der Feindschaft warnt. So wollte er doch tatsächlich die
Rede Reagans zu Stockholm als vertrauensbildenden Lichtblick ver-
stehen. Das wäre doch ein Angebot, worauf die Russen "die Probe
aufs Exempel" machen könnten. Dummheit, oder will Kreisky es nur
so sehen?
Gelernt hat man von dem Altbundeskanzler folgendes: Es sprach ein
angesehener Ex-Politiker, der österreichische Erfahrung vorbrin-
gen konnte, und so an den guten Willen der verfeindeten Groß-
mächte appellierte. Ob man seine Ideologien der Weltpolitik ge-
glaubt hat, war unerheblich. Man hat Kreisky gesehen.
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