Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       "Existenzielle Sinnkrise" im Bundesheer?
       

KRIEGSPERSPEKTIVE MOTIVIERT!

Auf seine bewaffnete Macht achtet der Staat sorgfältig. Er be- schafft die für fällig erachteten Waffen und trainiert die kom- plette männliche Jugend, auf seinen Befehl die Bedienungsmann- schaft zu machen. Doch mit der ordnungsgemäßen Erfüllung der Wehrpflicht ist Vater Staat noch nicht zufrieden. Ständig über- wacht er durch Umfragen, ob sich der geleistete Gehorsam auf eine innere Bereitschaft der Jungmänner stützen kann, ob er also wirk- lich über eine Armee von Überzeugungstätern verfügt. Vom Ergebnis dieser Umfragen hängt freilich praktisch nichts ab. Wenn der "Jahresbericht 1986 über den Stand der staats- und wehr- politischen Bildung" zum Ergebnis gelangt, daß "61% der Abgemu- sterten im Bundesheer wenig Sinn" entdecken wollen, nimmt der Staat das natürlich nicht als Mehrheitsvotum, das die Auflösung der Wehrmacht zur demokratischen Folge hätte. Er befürchtet auch nicht, daß im Ernstfall die Soldaten zuhause bleiben statt an der Front anzutreten; seine Befehlsgewalt macht er schließlich nicht vom guten Willen der Befehlsempfänger abhängig. Es weiß auch je- der, daß das Schimpfen über den Barras zum Kriegsdienst gehört wie die Butter aufs Brot. Dennoch ist die "Motivation" unserer Burschen regelmäßig Sorgege- genstand der demokratischen Öffentlichkeit. Da erfährt man nicht nur in erfreulicher Offenheit, was es mit der "staats- und wehr- politischen B i l d u n g" auf sich hat: sich dem militärischen Staatsauftrag mit Haut, Haar und Geist zu verschreiben. Ebenso selbstverständlich geht die Ursachenerforschung und -bekämpfung der bedenklichen geistigen Defizite davon aus, daß hier ein kla- rer Fall von v o r h a n d e n e r, aber durch das Bundesheer e n t t ä u s c h t er Kampfbereitschaft vorliegt! Ü b e r- motivation sozusagen, der das Bundesheer nicht gerecht wird. Was in der Diskussion mit diesem Ausgangspunkt zustande kommt, ist eine sehnsüchtige Mängelliste dessen, was unserem Heer alles fehlt, um auch den anspruchsvollen Militaristen zu frieden- zustellen. Disziplin killt Motivation -------------------------- Der Verfasser des "Jahresberichts", ein Oberst Semlitsch, ortet ein Zuviel an "militärischen Tugenden" mit der Folge "einer Ver- wechslung von Zielen und Mitteln wie es z.B. die Disziplin ist". Von wegen "Ziel und Mittel"! Beim Exerzieren, Strammstehen, Spindkontrollieren usf. ist das Ziel Disziplin, d.h. die Aufgabe jedes eigenen Willens und jeder Rücksicht gegenüber dem Befehl. Je "stumpfsinniger" der Befehl, desto reiner erfüllt er diese er- wünschte Aufgabe, und der Drill sorgt dafür, daß die Befehlsaus- führung zur Gewohnheit wird. Was dem kritischen Oberst vorschwebt ist das Ideal, das R e s u l t a t militärischer Disziplin im Willen der Jungmänner schon vorzufinden; wer ohnehin nichts im Kopf hat als militäri- sche Effektivität, dem ist in der Tat Disziplin ein bloß techni- sches Mittel zur Stärkung der Kampfkraft. Ganz auf dieser Linie liegt ein begeisterter "Presse"-Bericht über den Besuch bei is- raelischen Truppen auf den Golanhöhen: "Da gibt es keine Kommiß-Unsinnigkeiten wie militärischen Gruß oder Haltung, Exerzieren oder Bettenbau. Wären da nicht die - mit großer Individualität getragenen - Uniformen, so könnte man glau- ben in einer Universität zu sein." (4.5.87) Ein kriegserprobter Haufen, im Krieg und von ihm überzeugt, der schon einmal einen Kragenknopf offen läßt, während er lässig den Feind erledigt - das ist die "große Individualität", die den "Kommiß" zu i h r e r Disziplinierung wahrlich nicht mehr braucht. Härte setzt Sinn frei --------------------- Von derselben Selbstverständlichkeit her, daß sich zum Wehrdienst lauter blonde Bestien einfinden, die nur noch eine solide hand- werkliche Ausbildung für die licence to kill wollen, entdeckt Verteidigungsminister Lichal ein Z u w e n i g: "Wenn einer nur das Gewehr putzen darf, anstatt damit zu schie- ßen, wenn er erreicht (!), eine ruhige Kugel schieben zu können, dann ist er nachher enttäuscht." Worüber denn? Daß eine Wehrmacht nichts taugt, die es zuläßt, daß man sich in ihr gemäß eigenen Bequemlichkeitswünschen einrichten kann. Das hört sich ein wenig schizophren an, aber so definiert sich Lichal den idealen Jungmann zurecht: als einen, der das Bun- desheer schätzt als Instanz, die ihn zwingt, den inneren Schwei- nehund zu überwinden und seine kriegerischen Begabungen zu wecken und zu fördern. Scheiß Friedensheer! -------------------- Wenn schon Konsens darüber herrscht, daß eine gediegene Kriegs- ausbildung Begeisterung garantiert; umgekehrt Mängel dabei den einzigen und, anerkennenswerten Grund für fehlende "Motivation" abgeben: dann ist es um die Kriegsbereitschaft nicht schlecht be- stellt. Sehr konsequent ist daher eine Gruppe verantwortlicher Offiziere zur Auffassung gelangt, es sei an der Zeit, mit einigen offiziel- len Lügen über das Bundesheer Schluß zu machen. Sie beschweren sich in einem internen Papier über die "ständige Phrasendresche- rei über Werte der Demokratie, Freiheit, Landesverteidigung", weil sie darin nicht die über jeden Verdacht erhabenen ideologi- schen Titel für den militärischen Kampfauftrag entdecken, sondern dessen Relativierung. Sie halten es in ihrem gediegen militäri- schen Kopf nicht aus, daß sich "das Bundesheer andauernd als Friedensarmee artikuliert statt als Kampfgemeinschaft", und über- sehen glatt, daß hier kein "statt" vorliegt, sondern das beste "deswegen", das je erfunden worden ist. Bei aller Ungerechtigkeit gegenüber den demokratischen Namensge- bungen für Kriegsvorbereitung liegen sie freilich in einem Punkt richtig: Wenn die Kriegsfrage weltweit zunehmend zur entscheiden- den Hauptsache wird, dann verträgt es sich schlecht, den militä- rischen Einsatz als zu v e r m e i d e n d e n Z w i- s c h e n f a l l zu definieren - auch und gerade weil beides der Sache nach identisch ist. Über dieses Bedenken haben sich diese Militärs in der ein wenig naserümpfenden Öffentlichkeit den Ruf von "Scharfmachern" zugezogen. Auch ein wenig ungerecht; mehr, als endlich o f f e n a u s z u s p r e c h e n, wofür ein Militär sowieso nur da ist, verlangen die Herrn Offiziere ja gar nicht. Am letzten noch verbleibenden "Motivationsdefizit": Daß es u n s e r Bundesheer "eh nicht bringt", also in einem geistig vorweggenommenen Kriegseinsatz vergleichsweise magere Siegeschan- cen auf seiner Seite hat, läßt sich so leicht freilich nichts drehen. Das macht aber nichts. Der k r i e g e r i s c h e N a t i o- n a l i s m u s, der auf diesen Einwand verfällt, wird doch nicht ausgerechnet den Krieg verweigern. zurück