Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       Verlogene Sorgen um die Obdachlosen
       

ENDSTATION KARLSPLATZ

Wer hierzulande das Pech hat, von Staat und Kapital für unbrauch- bar erklärt zu werden, dem kann es schnell passieren, daß er mit- telos auf der Straße steht. Seit es von solchen Leuten immer mehr gibt, wird ihnen auch öffentliche Anteilnahme zuteil: Es soll ein Obdachlosenproblem geben. In der Diagnose des Problems sind sich alle einig, vom Bürgermeister bis hin zum engagierten Sozialar- beiter: "Es werden immer mehr" ---------------------- Ach ja? Und wie vermehren sie sich denn, die Obdachlosen? "Sie werden immer jünger." Wie eigenartig! Ein "ganz neues Phänomen!" Und woher kommen diese Leute, die auf den Bahnhöfen und sonstigen öffentlichen Plätzen nächtigen? Wahrscheinlich alle "aus der Um- gebung!" Jedenfalls nicht aus der sauberen Wienerstadt, die sie verunzieren. Andererseits wissen die Presseheinis, die sich so rührend der "Kinder am Karlsplatz" annehmen, auch von einem sozialen Ursprung der Obdachlosen zu berichten: Die meisten kommen aus einem "Teufelskreis" von Arbeitslosigkeit, Schulden, Zahlungsunfähig- keit etc., in den sie sich "ausweglos verstrickt" haben. Ange- sichts der Sandler wird der Zeitungsleser an lauter Einrichtungen der Gesellschaft erinnert, mit denen er selbst zurechtkommen muß. "Leben" heißt nämlich für den eigentumslosen Normalmenschen, dem Haus- und Grundbesitzer den Zins für dessen gesetzlich geschützte Vermögensanlage abzuliefern, diversen Kaufleuten ihre Lebensmit- tel zu versilbern sowie der Bank entweder einiges Ersparte anzu- vertrauen oder einen Kredit samt Zins zurückzuzahlen. Daß das überhaupt geht, hängt daran, daß der Lohn regelmäßig fließt; und genau diese Sicherheit hat kein Lohnabhängiger, weil nur Lohn ge- zahlt wird, solange er sich für den Zahler lohnt. Diese üblen, aber ganz alltäglichen Zwänge sind aber gar nicht gemeint, wenn von "Teufelskreis" und "Ausweglosigkeit" die Rede ist. Gemeint ist damit nur die "Randgruppe" der Obdachlosen; und auch was die angeht, stellt man sich ziemlich künstlich die Frage, wo die denn bloß herkommen. Denn daß gescheiterte Lohnarbeiter gezwungen sind, sich die Miete und jede Flasche Bier vom Sozialreferat ge- nehmigen zu lassen, das weiß doch jeder; und es braucht auch nie- mand den Überraschten markieren, wenn so mancher Sozialfall sich selbst zum hoffnungslosen Fall erklärt und auf die Anstrengung verzichtet, sein Elend unter sozialamtlicher Aufsicht ordentlich abzuwickeln. Solche Leute mögen ja mit ihrer eigentümlichen Frei- heit manches Problem haben - aber worin soll darüber hinaus das "Obdachlosenproblem" von uns allen bestehen? Sie stören - ------------ Z.B. die schönen Kaufhauseingänge der noblen Kärntnerstraße und die "grüne Lunge" des Resselparks, und ganz besonders die Ge- schäftsleute der Einkaufspassage vom Karlsplatz, die sich deswe- gen extra zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen haben; und mit diesen ihren Sorgen bei den Stadtvätern auf verständnis- volle Ohren stoßen. Seitdem sorgen jede Menge Polizeistreifen da- für, daß der Geschäftsablauf durch Sandlergestalten nicht allzu- sehr verunziert wird. Und Bürgermeister Zilk zeigt Führungsstärke und beteuert glaubwürdig, er sei "nicht bereit, unser schönes Wien weiter verwahrlosen zu lassen". So läuft das in einem per- fekten Sozialstaat! Die "öffentliche Ordnung" läßt sich doch nicht von Sandlern stören! Und wen stören sie jetzt noch? Die guten Menschen ------------------ Das sind erstens die Betreiber von Sozialeinrichtungen, und zwar von Berufs wegen. Die haben gegen die städtischen Säuberungs- aktionen einzuwenden, daß so dem Problem nicht beizukommen ist. Sie schlagen alternative Aufräumungsmaßnahmen vor und wissen zu berichten: kaum habe man die Nichtseßhaften "irgendwo weg, kommen sie schon durch den nächsten Eingang wieder herein". Gegen diese lästige Erscheinung empfehlen sie z.B. "Unterkünfte, die auch tagsüber geöffnet sind". Vielleicht macht ein bißchen Humanität die schwere polizeiliche Ordnungsaufgabe ein wenig aussichtsrei- cher. Zweitens gibt es Leute, die keiner solch vordergründigen Berech- nung folgen, sondern einer hintergründigen. Die schenken in der Umgebung von Kirchen warme Suppen aus - und machen die erschüt- temde Erfahrung, daß auch die Verwahrlosten Menschen sind. Toll! Und dann geben sie jedem, der es hören will, ihre gute Meinung zu Protokoll, daß mit ein wenig menschlicher Zuwendung die Welt viel wohnlicher sein könnte. Und auch da sind die Obdachlosen kein Problem, sondern eine Gelegenheit. Ohne Sandler hätten die Chri- sten ihre Erfahrungen nicht machen und schon gar nicht den Zei- tungen erzählen können. Wenn also alle Welt meint, daß es sich bei den Obdachlosen um ein Problem handelt, "das sich nicht lösen läßt", so ist das nicht richtig. Umgekehrt: Bei uns funktionieren Geschäft und Staatsgewalt, Lohnarbeit und Arbeitslosigkeit - wie soll da der fällige Ausschuß von endgültig Gescheiterten ein Problem sein! zurück