Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark
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Schulstreit in Kernten:
ANERKENNUNGSSTREIT ZWISCHEN LOKALPATRIOTEN
"A jeder is a Minderheit..." Wolfgang Ambros
Die Slowenen: Anspruch auf einen ganz
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gewöhnlichen Lokalpatriotismus
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Wie die überwiegende Mehrheit begnügen sich auch Leute, die slo-
wenisch sprechen, nicht einfach damit, mit Paß und Staatsbürge-
rurkunde ausgestattete Österreicher zu sein. Ihrer deutschkärnt-
ner Landsmannschaft gleich, benutzen sie ihr Brauchtum, sprachli-
che und kulturelle Eigentümlichkeiten, um sich ihre spezielle
Identität in die Besonderheit eines Slowenenkärntners zu überset-
zen. Darin sind sie nun wirklich nichts besonderes. Es ist das
Bedürfnis aller Patrioten von Bregenz bis Klein Warasdorf, von
Ulrichsberg bis Zele Fare, sich ihre Staatszugehörigkeit als eine
Reihe von immer kleineren, immer privateren Heimatzellen vorzu-
stellen. Gemäß der Logik: wo man lebt, dort soll man auch dazuge-
hören und die örtliche und personelle Umgebung samt Geschichte
die Identität der eigenen Person bestimmen, werden über den
österreichischen Paß hinaus lauter Affinitäten mit dem jeweiligen
Bundesland, der jeweiligen Stadt oder dem Landstrich, sogar dem
Stadtbezirk und der Wohnstraße entdeckt und genossen.
So wir die Z u f ä l l i g k e i t der Ortsansässigkeit, der
Sprache und des Dialekts oder der Ornamente am Jägerrock Material
einer liebevoll ausgestalteten Heimatidee, und man tigert a l s
Oberösterreicher Weinviertler; Hernalser Unterdrauburger durch
die Gegend - oder eben a l s S l o w e n e. Für das Bedürfnis,
sich die Welt der bürgerlichen Konkurrenz samt ihrer Unerträg-
lichkeiten zu einer ideellen Heimat umzugestalten, ist es völlig
belanglos, an welchen Reliquien man sich diese Einheit stiftet.
Nicht selten wird die Identität erst im Unterschied so richtig
geschaffen und genossen. So wenig ein überzeugter Klagenfurter
einen Villacher riechen kann, so prompt entdecken die beiden an-
gesichts eines Wiener Bazis lauter Gemeinsamkeiten. Das ist nicht
etwa dumme Inkonsequenz, sondern gerechter Ausdruck des Bedürf-
nisses, sich als Besonderheit im nationalen Volkskörper zu be-
greifen. Daher muß sich auch der ideelle Gesamtösterreicher auf
jeder Heimatebene Gemeinsamkeiten und Unterschiede neu festlegen.
So sehr die Slowenenkärntner diese Rituale des patriotischen Ein-
hausens genauso sehen wie ihre deutschkärntner Landesbrüder, so
verdächtig werden sie letzteren deswegen.
Die Deutschkärntner: Universalanspruch auf ganz Kärnten
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An der A n d e r s a r t i g k e i t der Slowenen kann die Ab-
neigung der Deutschkärntner jedenfalls nicht liegen. Denn zum
einen gilt die Brauchtumspflege vom Boden- bis zum Neusiedlersee
der Herausstreichung lokalbornierter Unterschiede in der rot-
weiß-roten Gemeinsamkeit; zum anderen sind, mit Ausnahme der mehr
oder - meist - weniger liebevoll gepflegten Sprache, die Insi-
gnien der slowenischen Lederhosenkultur ohnehin nur von den be-
teiligten Streitparteien von denen der deutschkärntner Globot-
schniggs zu unterscheiden.
Was die Slowenen beim Ausleben ihres Patriotismus so verdächtig
macht, ist auch nur zum einen der Umstand, daß sie ihr Heimat-
recht für ein und dasselbe Gebiet wie die Deutschtümler beanspru-
chen. Viel gewichtiger aber: der Umstand, daß es im benachbarten
A u s l a n d dieselbe Volksgruppe noch einmal gibt, läßt den
Anspruch der Slowenen auf ihre Respektierung als eigenständiger
Haufen für die überwiegende Mehrheit der deutschen Landsmann-
schaft zur beständigen Provokation werden. Daß sich F r e m d e
die gleichen Rechte und auch noch "auf Kosten" der Deutschkärnt-
ner herausnehmen, daß sie sich w i e Österreicher einhausen,
ohne "wirklich" welche zu sein: das ist der Verdacht der Deutsch-
kärntner. So sehr der Kärntner Heimatdienst und rechte Politver-
eine die O r g a n i s a t o r e n dieses völkischen Unmuts
sind, so wenig ist das Gedankengut "ewiggestrig". Daß A u s-
l ä n d e r n hierzulande Heimat und Existenzrecht lediglich
g e w ä h r t wird und das nur auf Zeit, ist gute demokratische
Sitte. Daß man Ausland wie -länder einzig nach dem Kriterium
einzuschätzen hat, wie sehr sie den ökonomischen und politischen
Ansprüchen Österreichs zu dienen bereit sind, gilt einer
Öffentlichkeit als selbstverständlich, die für dieselben Ansprü-
che ihrer Nation gerade wieder schwere Einbußen an ihrem Lebens-
unterhalt hinnehmen muß.
Daß wir in einer Zeit leben, in der das Ausland in allen Schat-
tierungen, bis zu den besten Freunden, Österreich und seiner Ehre
lauter Bärendienste erweist, und man daher umso mehr gegen die
äußeren Feinde und Nestbeschmutzer zusammenhalten muß: diese
Weltanschauung ist einem aufgeklärten Demokraten selbstverständ-
lich. Wieso soll es also nicht in unsere schöne Demokratie pas-
sen, wenn Deutschkärntner in ihren slowenischen Landsleuten in-
nere Feinde entdecken und sie dementsprechend verächtlich behan-
deln?
Wenn die österreichische Öffentlichkeit trotzdem den deutsch-
kärntner Abwehrkampf mit kritischen Augen betrachtet, so liegt
das daran, daß sie an die Slowenen dieselben Maßstäbe anlegt,
aber zu andersartigen Ergebnissen kommt wie der Kärntner Heimat-
dienst. Die Hinweise, wonach die Slowenen ohnehin nur die Beach-
tung der Rechte fordern, die ihnen die Republik im Staatsvertrag
eingeräumt hat; daß sich die Slowenen als vorbildliche Österrei-
cher erwiesen haben; daß sie mehrheitlich in Armut leben und in
ihren Entbehrungen nie Zweifel an ihrem Österreichpatriotismus
aufkommen lassen, - das alles sind entsprechende positive Rassis-
men, mit denen aufgeklärte Demokraten nur eines beweisen: auch
sie machen Anerkennung und Existenzrecht von Staatsbürgern einzig
und allein von der Loyalität und Dienstbeflissenheit gegenüber
dem Großen Ganzen abhängig.
Die slowenischen Forderungen:
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Anerkennung als besonderer Volkskörper
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Von ihrem Staat verlangen die Slowenen die Anerkennung als beson-
derer Teil des Volkskörpers. Dabei ließen sie seit 1945 keinen
Zweifel aufkommen, daß ihnen die jugoslawischen Interventionen
für ihre Minderheitenrechte eher peinlich sind und ihrem Anliegen
nur schaden. Daß es dabei weder um die Einforderung materieller
Besserstellung geht, ja nicht einmal so sehr um die Korrektur von
Nachteilen in der bürgerlichen Konkurrenz, die den Slowenen durch
die deutsche Mehrheit widerfahren, merkt man an den Streitgegen-
ständen, an denen sich ihre Opposition entzündet. Wer um sein
Recht kämpft, die Dorfeingänge auch noch slowenisch zu beschil-
dern, der hat an den herrschenden Zuständen recht wenig auszuset-
zen. Vielmehr will er sie um Anerkennungstitel seiner Besonder-
heit bereichern. Ebenso verhält es sich mit dem gerade stattfin-
denden Schulstreit. Es gibt einfach keinen anderen Grund, jungen
Kärntnern die Erlernung einer - nach eigenen Aussagen "fast aus-
gestorbenen" - Sprache zur Schulpflicht zu machen außer dem be-
scheuerten, daß ansonsten ein Denkmal der eigenen Volksgruppe
endgültig geschliffen ist.
Die Republik Österreich
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stellt sich zur "Slowenenfrage" gelassen. Als Demokratie entdeckt
sie ohnehin keinen Grund, ihr zur Benutzung für die nationale
Reichtumsmehrung vorgesehenes Staatsvolk slowenenfrei zu machen.
Angesichts der Bravheit und Dienstbarkeit der Slowenenkärntner
schätzt sie diese als Teilnehmer am bürgerlichen Zirkus ebenso-
sehr wie deren deutsche Brüder. Es gibt einfach keinen politi-
schen Grund, warum sich die Behörden im Kärntner Schulstreit Slo-
wenenfeindlichkeit zum Zweck machen sollten. Sie wollen diesen
kleinen Problemfall in ihrer Nationalkultur möglichst reibungslos
verwalten.
Der jetztige Vorschlag des Unterrichtsministeriums mag von den
Verantwortlichen durchaus auch in Berechnung auf die deutsch-
kärntner Wählerstimmen erwogen worden sein;
"Slowenenfeindlichkeit" ist dabei schon deswegen schwer zu ent-
decken, weil der Vorschlag auf getrennten Unterricht ursprünglich
von slowenischer Seite kam. Sah man damals darin eine Chance, die
"kulturelle Besonderheit der slowenischen Volksgruppe" durch
einen eigenständigen Unterricht zu pflegen, so gilt der jetzige
Behördenvorschlag als Apartheid und "Ausschließung" und
"Stigmatisierung" einer Minderheit. So sehen die Sorgen von Leu-
ten aus, deren vordringliches Bedürfnis es ist, als besondere
Staatsbürger von ihrer politischen Herrschaft anerkannt zu wer-
den, bei der sie wirklich nichts zu lachen haben.
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