Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       Podiumsdiskussion und Buchpräsentation "Ein teutsches Land"
       

DAS BESSERE ÖSTERREICH KLAGT ÜBER JÖRG HAIDER

Österreichische Nationalisten sind ein kritischer Menschenschlag. Jörg Haider gilt Ihnen als "Symptom" für den Verfall der demokra- tischen Sitten, eines allgemeinen Niedergangs ihres geliebten Staatswesens, dessen sie am Fehlen von Führungsqualitäten, an ei- ner Politikverdrossenheit des Volkes und einer allseits waltenden Unmoral gewahr werden. Wer solchermaßen die Nation zugunsten des Ideals ihres besseren Gelingens herabzusetzen sucht, der ist al- lerdings nicht in der Lage, Jörg Haider zu kritisieren, ge- schweige denn den so verurteilten "Ruf nach dem starken Mann" - ist er doch die logische Konsequenz des ausgebreiteten nationalen Krisengemäldes. Vom Mißbrauch nationaler Titel... --------------------------------- Eine antifaschistische Autorin, Brigitte Galenda, schreibt ein ganzes Buch voll mit Zitaten, in denen sie haarklein nachweisen will, daß Haider z.B. Kontakte mit "Gruppierungen" pflegt, die sich nicht zu Österreich bekennen sollen. Mit dem Bekenntnis zur Nation ist die Subsumtion unter "gehört sich" oder "gehört sich nicht" auch schon gelaufen. Von daher setzt sich dieser Politiker lauter Verdachtsmomenten aus. Das Adelsprädikat für eine gutzu- heißende Betreuung der Opfer des demokratischen Kapitalismus na- mens "sozial" ist bei ihm etwas ganz anderes: Eine Mutterschafts- beihilfe, die ansonsten als Inbegriff der Güte der Politik gilt, erinnert sie bei Haider ans "materielle Mutterkreuz". Wenn die Kriegsteilnehmer von WK 2 ihre Pflichterfüllung für den Staat da- mit retten wollen, daß sie darauf deuten, daß auch ein österrei- chisches Bundesheer und eine Demokratie nicht ohne eine gegen den Materialismus gerichtete P f l i c h t auskommen, so ist das für Galanda eine rechtsextreme G e m e i n h e i t. Das d a r f man nicht miteinander vergleichen, weil man ja gleich- wohl diese Opfertugenden für die Demokratie schätzt und einen riesigen sachlichen Unterschied in der "Systemfrage" sehen will. Der zeigt sich z.B. auch darin, daß Haider die falschen als Hel- den, die für die Nation ins Gras gebissen haben, ehrt: Nicht die Widerstandskämpfer, die für Österreich gestorben sind, sondern die, die für das Deutsche Reich gestorben sind. Ein Unterschied ums Ganze, der wieder nur schlagend beweist, daß Haider diesen "Begriff" mißbraucht. So gipfelt die Kritik in dem wahrlich bo- denlosen Argument, daß die staatstragenden Titel wie "sozial", die "Frau", die "Nation" usw. bei Haider b l o ß S p r ü c h e seien, die er aber gar nicht ernsthaft in die Tat umzusetzen ge- denkt. Solange er mit der AUA um öS 2.980,- zu den Parlamentssit- zungen nach Wien fliegt und seinen Verwalter, einen ehrenhaften Familienvorstand, entläßt, ohne ihm eine Abfindung zu bezahlen, mag Frau Galanda ihn nicht wählen, sondern schreibt ein Buch ge- gen ihn. Er hätte eben "mit der Eisenbahn fahren sollen" (Galanda) Zur demokratischen Stilkritik ----------------------------- Die weiteren Podiumsteilnehmer, der Jung-Cap, ein als bekehrtes Schaf auftretender Ex-FPÖler und der AZ-Schreiber Ostenhof per- fektionieren diese "Kritik". Wenn man gegen die nationalen Titel nichts hat, für die Haider eintritt, wird man als besserer Demo- krat ausgesprochen spitzfindig und landet bei S t i l- f r a g e n der Politik. Der forsche Jörg wird als oppor- tunistischer Schwächling entlarvt, der dem Volk nicht rück- sichtslos sagt, wo's langzugehen hat, weil er sich ans Volk an- schmiegt und ihm nach dem Mund redet. Das kann kein wahrer Über- zeugungstäter der politischen Gewalt sein, an die er ran will - also stecken dahinter verabscheuungswürdige Motive: Die "bloße Macht" - ohne den ehrenwerten Zweck und Inhalt "Österreich". Blickt der SPÖ-Jung-Cap mit kaum verhohlenem Neid auf den Stim- menzuwachs der FPÖ, der dieser mit der von der SPÖ abgeschauten Methode gelungen ist, jede Unzufriedenheit mit der Politik zur Werbung für bessere Politik zu benützen, die der eigene Wahlver- ein zu machen verspricht, so stehen die weiteren Diskutanten nicht an, dies gleich prinzipieller zu einem Gesinnungsmanko d e s österreichischen Politikers zu erklären, der damit die Na- tion versaut. Dies freilich nicht mit der Konsequenz, die seiner- zeit ein Exilösterreicher aus diesen Urteilen gezogen hat, als er "beschloß, Politiker zu werden." Die Erneuerung der Nation - gefordert von Daniel Charim -, hat sich vor allem m o r a l i s c h zu vollziehen und ist als Vervollkommnung und zweiter Aufbau der Demokratie zu verstehen, die "den moralischen Schutt, der seit 1945 herumliegt", erst beiseite räumen muß. Dies tut man dadurch, daß man als Österreicher sein Selbstbewußtsein darüber gewinnt, daß man schuldbewußt und verantwortlich über die Unmoral der Nation räsoniert. Indem man z.B. nicht Herrn Waldheim als Flagge seiner nationalen Selbstgerechtigkeit residieren läßt und sich für ihn geniert. Bis zum Verlust des Guten, Wahren und Schönen in der Politik ------------------------------------------------------------ Das andere Mal kommt die Stilkritik buchstäblich als "Sprach- kritik" zu Ehren. Wobei nicht gemeint ist, daß Haiders Reden grammatikalisch zu verbessern wären. Daß er und die Politiker gleich überhaupt "Formulierer ohne Inhalt" seien, ist schon so gemeint, daß die Kritiker an der Politik die g e i s t i g e A n l e i t u n g vermissen, die sie sich so sehr von ihr wün- schen. So sehr sind die Politiker als Verdolmetscher der Taten, die sie setzen, offenbar geschätzt, daß ausgerechnet das Fehlen dieses Sinns ihnen zum Vorwurf gemacht wird. Vermißt wird die glaubwürdig bekundete Anteilnahme von oben an allen Opfern, die die Republik erzeugt und ihre ideelle Anerkennung als solche, in deren Sinne noch so ziemlich jede Maßnahme ist; ob solche Kriti- ker je enttäuscht sein können, möchten wir bezweifeln. Vor allem der Dichter Turrini hat sich daran gestört, daß mit Haider die "Sinnlosigkeit" in das Reich der Dichtung zwischen Bo- den- und Neusiedlersee im allgemeinen und zwischen Villach und Klagenfurt im speziellen eingezogen ist. Dieser Un-Geist, oder auch das "sinnlose Gequatsche", das "Diffuse" ist eine Kategorie, die nichts anderes ausdrückt als das Fehlen von Sinnangeboten, die einen so recht zufrieden mit der Republik machen können. Dies zeigt Turrini ausgerechnet in seiner Radikalität, mit der er auch gleich SPÖ und ÖVP darüber geißelt, daß sie das "Sozialistische" wie das "Christliche" aus sich "auswandern" ließen. Turrini ist für beides, weil sie so etwas sind wie Interpretationsrichtli- nien, geistige Werte, die es einem möglich machen, an die Politik zu glauben. Deswegen sind sie auch erstens beide anerkannt - und zweitens geben sie eine recht verrückte Bestimmung der Haider- schen Politik und ihres Erfolges ab: Weil die gute Politik so un- glaubwürdig das Gute, Schöne und Wahre gepflegt hat und es ver- lottern ließ, kommt die unbestimmte Emotion, die "Wut über die Ausbeutung" bei den Menschen und Wählern hoch. Daß Turrini nicht erklären kann, wieso aus einer ganz unbestimmten Wut erstens ein Wahlakt und zweitens einer für Haider folgen soll, ist anderer- seits kein Zufall. Den Schaden, den einem die Politik bereiten mag, in einen Auftrag an einen Politiker zu verwandeln, der für ihre radikalere Durchsetzung eintritt, ist nämlich eine Kunst, die nur Patrioten beherrschen. Eine Kritik des Nationalismus kommt für Turrini schon deswegen nicht in Frage, weil er selber, indem er der Politik seine Sehnsucht nach Sinnstiftung nachträgt, aus seiner Unzufriedenheit eine Einforderung der höheren Qualitä- ten der Politik macht. So erhebt er die Lage der Republik zu einem typischen Fall für den Widerspruch zwischen dem Sinnangebot und seinem Fehlen, das alles Übel über die Menschheit bringen soll. Dabei ist Turrini übrigens noch aufgefallen, daß die Verordnung von Opfern und ihre Anerkennung gerade bei den von ihm beschimpften Großparteien durchaus Hand in Hand geht Vergleiche mit der Ehrung des deut- schen Soldaten, der deutschen Mutter, dem deutschen Arbeiter usw. wollen wir hier und gleich ersparen. Fazit: In einem mögen die Diskutanten durchaus recht haben. Der Stand der politschen Opposition in Österreich ist wahrhaftig trostlos. Ist man mit der Politik unzufrieden, folgt nichts an- deres als die Sehnsucht nach mehr Einverstanden-Sein-Können mit ihr. Dabei kommen sich die Kritiker gar nicht lächerlich vor wenn sie mit lauter offiziellen Parolen - Ehrlichkeit der Politik, mehr Moral, Reinigung der Demokratie vom Faschismusverdacht usw. - eine nationale Selbstzerfleischung betreiben, die sich was auf ihre Respektlosigkeit einbildet. Zu einem Einwand gegen irgendet- was im Staat taugt das nichts. Es klingt eher wie ein Echo der von oben gesetzten Maßstäbe und Maßnahmen. zurück