Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       Was bringt die große Koalition?
       

HOHE WERTE, EUROPAWEITE PROFITE, FUNKTIONALE ARMUT

Die Eindeutigkeit der Kosten-Nutzenverteilung demokratischer Herrschaft ist dieser keine Geheimhaltung wert. Mit ihren ehrgei- zigen Benutzungsansprüchen an die menschlichen und sachlichen Reichtumsressourcen wird dem Volk zu Beginn jeder Legislaturperi- ode die Regierung erklärt. Die dabei anfallenden Materialismus-, Natur- und Menschenopfer liefern den Stoff für die p o l i t i s c h e P h i l o s o p h i e. Ohne Berufung auf hohe Ideale, die die Geschichte, der Fortschritt, die Zeit und vor allem das Volk bei ihnen in Auftrag geben, mögen souveräne Staatenlenker nicht auskommen. Sie sind sich zugleich sicher, daß ihre politischen Absichtserklärungen d e r Maßstab öffentlicher Beurteilung ihrer Amtsausübung für die kommenden 4 Jahre ist. Da- bei gilt das eherne Gesetz staatlicher Agitprops: Je härter die "Zeiten", die die Politik ihrem populo beschert, desto anspruchs- voller und unverzichtbarer der politische Idealismus. Umgekehrt gilt das wohlfeile Gesetz genauso: Je größer die abverlangten Op- fer, desto glaubwürdiger die Schicksalsträchtigkeit des nationa- len Auftrags. 1987 heißt die anvisierte 10%ige Arbeitslosigkeit und die funktionale Verarmung über "konjunkturorientierte" Lohn- runden und Sozialstaatskürzungen "nationale Kraftanstrengung" für den "Fortschritt", einen "Modernisierungsschub" bzw. die "Europäisierung" der Heimat. Die rücksichtslose Indienstnahme von Nationalkredit und Arbeitskraft für den Profit will nicht mehr der "Arbeitsplatz-", geschweige denn der "Wohlstandssicherung" dienen. Die Beschönigungsformeln, die aus dem Benutzungsverhält- nis durch Ökonomie und Staat noch einen wie auch immer gearteten Vorteil herauslesen, sind out. Die neuen Ehrentitel sind sehr um- standslose Bekenntnisse zum ehrgeizigen Anspruch der eigenen Na- tion auf Wirtschaftserfolg nach außen: Es gilt, die "Herausforde- rung" durch die überlegene EG-Konkurrenz unter Einsatz aller "schöpferischen Kräfte der Menschen dieses Landes" zu bewältigen. "Modernisierungsschub" - ------------------------ eine politische Philosophie des nationalen Einheitswerks -------------------------------------------------------- Eines mag der sozialistische Koalitionsvorstand partout nicht leiden: Kleingeister, die sich ausgerechnet durch die politisch dekretierte:n Härten die Optik für den großen historischen Ent- wurf seiner Kanzlerschaft verzerren lassen. "In der Öffentlichkeit sind Stimmen laut geworden, das Arbeits- übereinkommen zwischen den großen Parteien beträfe nur Problembe- reiche, deren Lösung für die Menschen in unserem Land schmerzhaft sei. Es würden sich in diesem Papier keine Ausblicke, keine Vi- sionen und Perspektiven finden. Diese Ansicht hält einer näheren Betrachtung nicht stand." (Regierungserklärung) Dementiert werden die Beschränkungen der Lebensqualität nicht - diese sollen ja gerade legitimiert und durchgesetzt werden. Alles andere haben Vranitzky und Co. sich selbst längst als "falschen Populismus " verboten. Daß dabei selbst dem einen oder anderen gutmeinenden Interpreten der Regierungserklärung die Erfassung der "politischen Visionen" Schwierigkeiten bereitet hat, liegt freilich nicht an deren Abneigung gegen Materialismusopfer. Es ist ein österreichisches Schicksal und ein Patrioten schmerzender Widerspruch, wenn sie für eine abverlangte "nationale Kraftan- strengung" durch keinen wie auch immer gearteten Machtzuwachs bzw. keine Überlegenheit ihres Vaterlandes gegen seine Konkurren- ten entschädigt werden. Diesbezüglich bleibt alles wie bisher, ein bisserl moderner und damit hoffentlich ein bisserl konkurrenzfähiger, lautet das be- scheidene Versprechen. Dementsprechend anspuchsvoll ist Vranitzkys "politische Perspek- tive", die in der Größe des Opfers auch schon die ganze Belohnung sehen will. "Es gibt eine Menge neuer Herausforderungen, denen wir begegnen müssen, und dazu gilt es, gut vorbereitet zu sein, Schwachstellen zu beseitigen und neue Konzepte zur Bewältigung dieser Herausfor- derungen zu entwerfen - kurzum unser Land braucht einen neuen Mo- dernisierungsschub. Die Aufgaben, vor denen unser Land in den kommenden Jahren steht, sind groß, aber sie sind durchaus bewäl- tigbar. In einer nationalen Kraftanstrengung gilt es, alle Kräfte unseres Landes zusammenzufassen, um für Österreich eine neue Phase der Modernisierung zu beginnen. Dies ist nicht nur tech- nisch und ökonomisch zu verstehen. Die kommende Modernisierung muß alle Lebensbereiche umfassen. Ihr eigentliches Ziel ist es, die schöpferischen Kräfte der Menschen dieses Landes bestmöglich freizusetzen und damit für alle zu nutzen. Mit ernsten Worten wird eine Sichtweise des Verhältnisses von Staat und Volk entwickelt, die Schicksal und Erfolg des ersteren als den einzigen und fraglos gültigen Wert setzt, weswegen die befaßte Menschheit ausschließlich als Träger von lauter Funktio- nalitätstugenden vorkommt. Nicht einmal die Erinnerung an Vor- teilskalküle und die Gegensätzlichkeit der Partikularinteressen, die in der Nation ihre gewaltsame Einheit finden, ist zugelassen. Die Benutzungsansprüche von Staat und Ökonomie werden ganz ab- strakt als "Herausforderungen", also als Angebote an den schöpfe- rischen Charakter definiert, in einer "nationalen Kraftanstren- gung" seine Erfüllung zu finden. Die Frage nach Vorteil und Sinn- haftigkeit des geforderten "Modernisierungsschubs" blamiert sich von vornherein, weil bei "Herausforderungen" ohnehin die Größe der zu bewältigenden Aufgabe auch schon den ganzen Reiz der Tat ausmacht. Die Große Koalition definiert sich die ganz formelle nationale Idee als Herrschaftsideal, wobei alle Bürger emanzipiert von ih- ren Privatnutzenkalkülen völlig in ihrer Bestimmung als Teil der nationalen Einheit aufgeben. So wenig diese Phantasie eines sehr endgültigen Siegs über Anspruchsdenken und Materialismus als praktisches politisches Programm taugt, so bezeichnend ist sie als Ideal zu den Regierungsvorhaben der Großen Koalition. Daß derartige Faschistereien keinen Verstoß gegen die Demokratie darstellen, beweisen die Koalitionäre mit ihrer allseits beachte- ten und vorweg beklatschten "Demokratiereformen". Ausbau der Demokratie und Wahlrechtsreform: ------------------------------------------- Opfer verlangen nach politischer Identifikation ----------------------------------------------- Mit fast schon wieder bewundernswerter Offenheit teilt der Bun- deskanzler seine Funktionalitätserwägungen in Sachen Wahlrechts- reform mit; offenbar ohne Sorge, damit an der Glaubwürdigkeit und Attraktivität seiner Vorschläge zu kratzen. "Die Bewältigung der kommenden Herausforderungen ist ohne die Be- teiligung aller Österreicher und Österreicherinnen nicht vor- stellbar. Der einzelne wird umso mehr bereit sein, dabei mitzu- tun, je mehr er die Möglichkeit sieht, die anstehenden Entschei- dungen auch mitbeeinflussen zu können. Dazu ist vor allem notwen- dig, die Verbindung zwischen dem Wähler und seinem Abgeordneten persönlicher und damit enger zu gestalten als bisher. Die Bundes- regierung hat deshalb die Absicht, in der größten Wahlrechtsre- form seit Gründung der Republik die Persönlichkeitselemente in unserem Verhältniswahlsystem zu verstärken." Abgesehen von der beschönigenden Unwahrheit, wonach es in der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen läge, bei den gesteigerten Anforderungen am Arbeitsplatz und den angekündigten materiellen Einbußen nicht mitzutun - an alle Walhlideologien blamierender Offenheit lassen obige Sprüche nichts zu wünschen übrig. Weil der Regierung kein guter Grund zum Mittun ihrer Bürger bei der offen- sichtlich entbehrungsreichen "Bewältigung der Herausforderung" einfällt, will sie mit der Verstärkung der "Persönlichkeits- elemente" das Material für die Kardinalverrücktheit verfeinern, ohne die freiwillige Untertanenschaft nicht zu haben ist: Mit der Persönlichkeitswahl der Parlamentarier soll das Bedürfnis ange- heizt werden, das besitzanzeigende Fürwort dick zu unter- streichen, wenn einem seine Herrschaft gerade wieder das Leben schwer macht. Der Inhalt der so drastisch vorgeführten Be- nutzungsansprüche wird mit der jedem Staatsbürger geläufigen (Un-)Logik der widersprüchlichen Bedeutung des Wörtchens Notwen- digkeit erläutert. Einerseits sieht man durch ökonomische Mißer- folge und politische Widrigkeiten und Diskriminierungen die ei- gene Profitmacherei, ja sogar das Schicksal ganzer Regionen ("Es drohen weitläufige Industriefriedhöfe") gefährdet. Diese Zwänge bereiten aber nur die Einsicht vor, daß es daher ein Gebot der Vernunftnotwendigkeit ist, sich genau diesen Vorgaben überlegener Konkurrenz "anzupassen". Glanz und Elend der "Europäisierung" des heimischen Kapitalismus ---------------------------------------------------------------- "Die tiefereifenden Veränderungen der weltwirtschaftlichen Rah- menbedingungen stellen die österreichische Wirtschaft vor große Anpassungsprobleme. Unterstützungen durch die öffentliche Hand haben eine Atempause für die strukturelle Anpassung geschaffen. Es geht nun darum, die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern bezie- hungsweise wieder zu erlangen. Eine der Hauptbarrieren der österreichischen Wirtschaftsentwick- lung ist die Enge des Binnenmarktes. Die Bundesregierung wird durch konsequente Integrations- und Internationalisierungsbe- mühungen sicherstellen, daß österreichische Unternehmen an der Dynamik des großen europäischen Marktes und den Technologiepro- grammen der EG teilnehmen können und bestehende oder drohende Diskriminierungen beseitigt beziehungsweise abgewendet werden." Während nicht nur in nationalen Feierstunden die Exportfähigkeit der heimischen Industrie Gegenstand allseitiger Verehrung ist, sieht das ausgerechnet die neubestellte Bundesregierung genau um- gekehrt. Die "Exportnation" benennt sie bedauernd in "export- abhängiger Kleinstaat" um und die Tatsache, daß 2/3 des österreichischen Außenhandels mit dem "modernen" EG-Raum laufen, wird nicht als Ausweis ökonomischen Erfolgs bewundert, sondern als schwerwiegende Belastung bedauert, die "uns" nichts als "Anpassungsprobleme" und "bestehende wie drohende Diskriminierun- gen" beschert. Paradoxerweise wollen Mock und Vranitzky damit keine Einwände gegen den Export und seine Abhängigkeit in die Welt gesetzt haben, sondern ausgerechnet ein Votum für eine ver- stärkte Teilnahme an der abhängigkeitsträchtigen "Dynamik des großen europäischen Binnenmarktes". Die Widersprüchlichkeit die- ser Betrachtungsweise ist das Resultat des ungebrochenen staatli- chen Willens, ungeachtet der ökonomischen Mißerfolge und politi- schen Schranken den EG-Markt weiterhin als Geschäftsmittel zu be- trachten. Die Rede vom zu "engen Binnenmarkt" ist der als wirt- schaftliche Sachnotwendigkeit getarnte Entschluß, den 350.000.000 Menschen zählenden EG-Binnenmarkt als Geschäftssphäre für das mit den erfolgsträchtigen, hohen Stückgrößen auszustattende österrei- chische Kapital hergebrachtes Kompensationsmittel ausländischer Produktivitätsüberlegenbeit mit dem alten, "moralisch" entwerte- ten Krempel erarbeitet würden. Mit dem Eintreten für "Moderni- sierung" wird der bedingungslose Anspruch deponiert, sich mangels ausreichender Kapitalausstattung unter Strapazierung des Nationalkredits der EG-Konkurrenz "anzupassen", also genau die "Sanierungsmaßnahme daheim durchzuziehen", die in Westdeutschland satten 2,5 Millionen Bürgern den Arbeitsplatz gekostet hat. Weil die EG mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Öster- reich den freien Zugang seiner Wirtschaft zu den ausländischen Märkten verlangt, ihre durch die Wucht ihres Kapitals erzeugte politische Souveränität dazu gebraucht, den Österreichern das Ge- schäft schwer zu machen, führt sich die Bundesregierung als der einzig wahre Anwalt des Freihandels und der wirtschaftlichen Chancengleichheit auf. Mangels ebenbürtiger Erpressungsmittel - der ohnehin kleine österreichische Markt ist längst durch das BRD-Kapital erobert, inzwischen laden die Österreicher zu Koope- ration und Kapitalimport geradezu ein - wird solcherart der An- spruch auf Mitsprache bei den "wechselseitigen Diskriminierungen" = der Herrichtung der Geschäftssphäre Europa angemeldet. Freilich weiß die österreichische Bundesregierung, nicht zuletzt aus den saftigen Ausfuhren durch Strauß und Mitterrand, sehr genau, daß die Grundlage politischer Aufwertung und eines Mitspracherechts immer noch im erfolgreichen Geschäft einer Nation liegt. Insofern stellen die noblen Absichtserklärungen auf "europäische Integra- tion", "Ankoppelung an das moderne Europa" und dergleichen eine sehr handfeste Drohung für die heimische Bevölkerung dar. Mit dem Hinweis auf die zwanghafte Notwendigkeit legitimiert die Bundes- regierung ihre Absicht, jeden Schilling für das Wirtschaftssanie- rungsprogramm flott zu machen, auf daß es bis spätestens in den 90-er Jahren nur mehr garantiert zu beanspruchen. Ebenso sind die "tiefgreifenden Veränderungen der weltwirtschaftlichen Rahmenbe- dingungen" für sich genommen weder eine "Herausforderung" noch ein Anpassungsproblem. Dieser Unsinn ist der ideologische Reflex darauf, daß man sich beim europäischen Markt auf ein "Mittel" der Kapitalverwertung bezieht, welches in so radikaler Weise die Her- richtung für die EG und ihr überlegenes Kapital diktiert, sodaß nur großzügigste Zuwendungen der "öffentlichen Hand" die drohende Entwertung nationaler Kapitale verhindern. Sprich: eine "Atempause für strukturelle Anpassung" erkaufen. Insofern ist der aufgeschlossene Vranitzky auch kein Fanatiker des "Modernisie- rungsschubs" - genauso gerne sähe er Profite, wenn sie mittels Niedriglöhnen als alteuroprofitable Arbeitsplätze, also dement- sprechend weniger, dafür noch arbeitsintensivere gibt. Freilich handelt sich die Regierung damit auch selbst ein nicht unerhebliches Problem ein. Das politische Sanierungsprogramm, das nun schon seit Jahren und auf absehbare Zeit hinaus auch weiter- hin alljährlich zweistellige Milliardenbeträge für die National- ökonomie vorsieht, läßt sich auf die Dauer nicht aufrechterhal- ten, ohne daß sich schädliche Konsequenzen auf die eigene Währung und damit den "Handlungsspielraum" der Regierung ergäben. Bei al- ler Sorge um die "Budgetkonsolidierung" hat man sich damit zugleich auch einen weiteren Ehrentitel für die Schröpfung der nicht geschäftstätigen Massen eingehandelt. "Budgetkonsolidierung": Sparbeschlüsse für ------------------------------------------ die Verschuldungsfähigkeit der Nation ------------------------------------- "Budgetkonsolidierung ist dabei kein Selbstzweck. Vielmehr geht es darum, den notwendigen wirtschaftspolitischen Spielraum wie- derzugewinnen, damit die Bundesregierung auch in Zukunft in der Lage ist, die vielfältigen Funktionen des modernen Staates wahr- zunehmen. Die Bundesregierung wird die angestrebte Konsolidierung des Bun- deshaushalts primär von der Ausgabenseite her in Angriff nehmen, da eine weitere Verstärkung der Ausgabendynamik bereits mittel- fristig zu einem Budgetdefizit von untragbarer Höhe führen würde." Daß es weder um die Rückzahlung der aushaftenden Gelder noch um das Einfrieren der Staatsschulden, ja nicht einmal um die unbe- dingte Senkung der Schuldenprogression geht, wird aus dem angege- benen Zweck der Konsolidierungsbemühungen deutlich: Der angeblich infragegestellte "wirtschaftspolitische Handlungsspielraum" ist ja nichts anderes als die staatliche Freiheit, seine Staatsfunk- tionen und den Konkurrenzerfolg seines Kapitals mit Schulden (mit) zu finanzieren. Bei halbwegs annehmbarem Wirtschaftsverlauf ist das ja auch allgemein anerkannte und von der "Wirtschaft" ge- schätzte Praxis. Das nationale und internationale Geldkapital zeichnet die Staatsanleihen bereitwillig, erwirbt es doch damit eine hochgeschätzte Einkommensquelle in Form sicherer und hoher Zinsen, ohne sich dabei wegen der Rückzahlung Sorgen machen zu müssen. Darüberhinaus bieten Staatsanleihen so ziemlich die beste Sicherheit für Kreditaufnahme - lassen sich also sofort wieder "zu Geld machen", obwohl man es gerade dem Staat gegeben hat. Schließlich fließt auch noch ein Gutteil des Geldes sofort wieder in Form von Staatsaufträgen ans Kapital zurück. Für Kapitalisten hat die Staatsschuld somit drei vergnügliche Existenzweisen: als Zins, als Kredit, als Einnahme. Gleichzeitig weiß auch jede Nation, daß sie mit ihrer Schuld auf ein gewisses quantitatives Verhältnis zu ihren Einnahmen und zum Fortschritt des Wirtschaftswachstums zu achten hat. Deswegen be- gleitet die laufende Schuldentätigkeit des Staates ein wirt- schaftspolitisches Ideal nach "konsolidierten Schulden". So ver- rückt die Vorstellung ist und so wenig sich ein bestimmtes Maß zwischen Wachstum und Staatsschuld angeben läßt, so wissen die Finanzpolitiker doch, daß sie mit ihren Schulden mehr Geld in Um- lauf bringen und damit ständig die Kreditmasse vermehren, ohne sich zunächst einmal um die reale Reichtumsproduktion zu kümmern. Es gibt daher keine Garantie, daß mit den Schuldzetteln und den auf die wiederum gezeichneten Schulden lukrative Geschäfte ge- macht werden. Zugleich beschäftigt die Finanzbeamten die Frage: wird das viele Geld national und international auch nachgefragt und gilt es was? Zwar hat man noch nichts gehört, daß der Bundesregierung bei ih- rer regen Schuldenaufnahme die Kreditwürdigkeit in Frage gestellt wurde. Allerdings sind die Zeiten, wo die magische Seidelsche Verschuldungsformel von 2,5% gegolten hat, noch gar nicht so lange her und man hält inzwischen bei fast 5%. Aber selbst das wäre für sich genommen noch kein wirklich besorgniserregendes Wirtschaftsdatum. Zwar weiß auch der erfahrene Banker Vranitzky nicht, wie die Inflation mit Kredit und Konjunktur zusammenhängt. Aber an den schütterer hereinfließenden Steuern und Abgaben merkt er, ob die staatliche Kreditvermehrung von einem wirklichen Wachstum begleitet war oder ob sich da ein gründliches Mißver- hältnis einstellt. Angesichts der nun schon jahrelangen Subven- tionierung der Verstaatlichten (insgesamt 7 Milliarden) und der bis auf weiteres notwendigen Fortsetzung dieser Politik bei einem gleichzeitig nur sehr dürftigen Geschäftserfolg, stellt sich bei ihm die Befürchtung ein, daß das rücksichtslose Hineinwerfen von Geldern in die Wirtschaft zu Inflation und damit zur Infragestel- lung des "wirtschaftspolitischen Handlungsspielraums" führen kann. Unter diesen Titeln. ist ein ganzer Rattenschwanz von unan- genehmen, den Staat eigentlich erst interessierenden Wirkungen zusammengefaßt: Inflation entwertet zwar Schulden, eine vom Staat durchaus gerngesehene Wirkung, führt aber beim Gläubiger zu ent- sprechender Zurückhaltung beim Geldverleihen, falls sie dauerhaft hoch, gar steigend ist. Er sieht sich ja dauernd um einen Teil seines Geldes betrogen und schaut sich nach anderen Anlagemög- lichkeiten, mit Vorliebe im Ausland um. Das verhindert zwar nicht weitere Staatsverschuldung, macht diese aber zunehmend teurer, da höhere Zinsen geboten werden müssen. Genau diese Folge macht Vra- nitzky Sorgen. Der Schuldendienst würde dann schon wegen der Ent- wertung des Geldes einen immer größeren Teil des Budgets bean- spruchen und anderen Staatsaktivitäten in die Quere kommen. Erst recht würden alle Sanierungsanstrengungen durch eine Abwertung des Nationalkredits gefährdet werden. Insofern bekommt der Aberwitz der "Budgetkonsolidierung" und das dabei unterstellte Ideal solider Schulden eine durchaus prakti- sche Bedeutung. Freilich ist mit dem politischen Credo, dem eige- nen Kapital jeden Schilling für seine Sanierung zur Verfügung zu stellen, zumindest in dieser Richtung keine Konsolidierung abzu- sehen. Also verfällt die Bundesregierung in ihren Abteilungen Ge- sundheitswesen, Bildung und anderen Sozialstaatsaktivitäten auf den Standpunkt, ihre Bevölkerung daraufhin zu untersuchen, was sie neben allen anderen Diensten zur Verbesserung der "Budgetlage" beitragen kann. Gesundheitswesen und Sozialstaat: Wenn die Menschen zu alt ---------------------------------------------------------- werden und soziale Ansprüche das soziale Netz gefährden ------------------------------------------------------- Nun sind zwar die Sozialversicherungsbeiträge als Zwangsversiche- rung eingesammelt und mit einem Rechtsanspruch versehen: Wer sich an der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion nicht beteiligen kann - sei es aufgrund von Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter -, dem steht eine Unterhaltsleistung des Staates, ein Rückfluß aus den zwangsweise abgezogenen Beiträgen zu. Diese Sozialkasse hat aber die staatlich eingerichtete Eigenschaft, sehr schnell knapp zu werden, da der Staat das Geld ja nicht bis zur eventuel- len Auszahlung aufhebt, sondern immer schon in seinen laufenden Haushalt einplant und ausgibt. Weil die Sanierungsmaßnahmen den unangenehmen, weil die Sozialversicherungskassen belastenden Ne- beneffekt erhöhter Auszahlungsansprüche haben und i m s e l b e n M a ß die proletarischen Einzahlungen ausbleiben, stehen sich Rechtsanspruch und Kassenbestand einigermaßen feind- selig gegenüber. Vranitzkys Team hat sich da zu einem sehr einfa- chen Entschluß durchgerungen. Die Garantie, die der Staat für die Sozialkassen übernommen hat, ist keineswegs so zu verstehen, daß bei Knappheit der Mittel und "Kostenexplosion" nun eben die ande- ren staatlichen Budgetposten mit einzustehen und zurückzustehen haben. Vielmehr stellt sich die Frage, welche Ausgaben denn wirk- lich "notwendig" sind. Weil der Maßstab dieser Durchsortierung ein budgetärer, also allen Sozialstaatsfunktionen einigermaßen äußerlicher ist, finden sich garantiert überflüssige Posten. So werden die Rechtsansprüche zugunsten der für Wirtschaftskredite und anderes notwendigen vollen Kassen zusammengestrichen. Deswe- gen braucht man freilich noch lange nicht den sozialen Touch der eigenen politischen Mission in Frage stellen. "Österreich hat ein beispielhaften System der sozialen Sicher- heit. Es ist die erklärte Absicht der Bundesregierung, dieses be- währte System dauerhaft abzusichern. Die Absicherung bedeutet aber keinen sozialpolitischen Stillstand." Für die Betroffenen ist es zwar eine ziemliche Brutalität, vom Staatsstandpunkt aber die sozialste Lösung: "Stillstand" wird es beim sozialen Netz sicher keinen geben, dazu sind die Sozial- staatsfunktionen gerade in Krisenzeiten zur Aufrechterhaltung der Benutzbarkeit der Arbeiterklasse viel zu wichtig. Dafür wird es jede Menge S t r e i c h u n g e n der Sozialleistungen geben für den noblen Zweck, das "soziale Netz" zu beschützen. Das nennt sich dann etwa bei der Pensionssenkung die "leistungsrechtlichen Bestimmungen auf ihre Zeitgemäßheit zu durchforsten", und in Sa- chen Verbilligung der Arbeitslosen hat man ja schon die letzten Monate die ganze Nation über die "Parasiten unter uns" und ihre Bekämpfung diskutieren lassen. Neben allen Unbequemlichkeiten der hohen Arbeitslosenrate ist sie dem Staat zugleich auch Hinweis, daß er mit Einsparungen in die- ser Richtung den Anforderungen des Kapitals in keiner Weise scha- det. Es gibt ja gerade arbeitswilliges Menschenmaterial im Über- fluß, weswegen man es auch gleich als pure Kostenfaktoren zu ei- nem einzigen Ärgernis erklärt. Schließlich gefährden Arbeitslose nicht nur die Sozialkassen und damit das Budget und die in ihm definierten Ausgaben, sondern sie verursachen nach dieser Sicht- weise die Ausgaben gerade dadurch, daß sie sich nicht mehr nütz- lich für das Wachstum machen. Auch in Sachen Verbilligung des Ge- sundheitswesens ist die Logik dieselbe. Zuerst rechnet man sich die Erhöhung des Durchschnittsalters stolz als Erfolg des Gesund- heitswesens an, um prompt festzustellen, daß dieses erfreuliche Ergebnis gar nicht im Sinne des Erfinders ist, weil darüber die finanzielle Gesundheit des Gesundheitswesens in Mitleidenschaft gerät. "Die heutigen Fragestellungen in der Gesundheitspolitik sind im Grunde die Konsequenz sowohl sozialer wie wissenschaftlicher Er- folge: Die Menschen werden heute viel älter als frühere Genera- tionen... Es ist aber nicht zu leugnen, daß sich mit dem Älter- werden der Menschen neue Aufgaben ergeben.... Die Kosten für das Gesundheitswesen steigen wesentlich schneller als unser Bruttoin- landsprodukt." Solcherart ist die Arbeitsteilung zwischen "unserer Wirtschaft" und ihren nutzbaren Massen, was die kommende gemeinsame "nationale Kraftanstrengung" angeht, "offen, ehrlich und kompro- mißlos" dargestellt. Für die breite Mehrheit der lieben Österrei- cher ist bei viel Arbeit, weniger Lohn und der ständigen Infrage- stellung der Arbeitsplätze nach den Effektivitätsüberlegungen des Profits auch noch das Schicksal vorgesehen, für die edelste und menschenfreundlichste Abteilung der Demokratie das willfährige Verbilligungsmaterial abzugeben. Ob das die Sache wert ist? zurück