Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       Die Grünen haben im hohen Haus
       

DIE FALSCHE FLAGGE GEZEIGT

Eine Posse in drei Aufzügen 1. Aufzug: Im Hohen Haus ------------------------ Die Parlamentarier hocken beisammen, brüten über das schwere Los des Bundespräsidenten und wie der Republik geholfen werden kann. Am Rednerpult MOCK, im Retourgang der Geschichte auf der Spur: "Man kann 1938 nur verstehen, wenn man 1934 berücksichtigt. Und das Jahr 1866 und die Schlüsseljahre 1848 und 1806." Noch vor Erreichen des 18. Jh. bricht er die Reise ab, weil er ihrer tragischen Sinnlosigkeit inne wird: "Wer aber in der Welt will das schon so genau wissen?" Niemand, also zurück zum Kernproblem: "Wie kann man einer Weltöf- fentlichkeit nahebringen, daß eine deutsche Wehrmachtsuniform nicht automatisch eine Naziuniform war, und der sie tragen mußte, nicht ein Nazi gewesen sein muß?" Dieses Rätselparadoxon können nicht einmal gewählte Volksvertre- ter auf Anhieb klären, und der Saal verharrt in düsterem Schwei- gen. Die Stimmung hebt sich ein wenig, als Klubchef KÖNIG ans Pult eilt und die Regierung namens der Regierungsparteien auffor- dert, in der Frage jedenfalls ihr Möglichstes zu tun. Der Chef des koalierten Klubs, FISCHER, nützt die Gelegenheit zum Seiten- hieb, sich "erhobenen Hauptes" zum SPÖ-Kandidaten Steyrer zu "bekennen", dessen Wahlsieg "uns" die ganzen Kalamitäten erspart hätte. Und: "Ich wäre unehrlich, würde ich nicht neuerlich sagen, für wie unglücklich es viele meiner Freunde halten, wenn man et- was, was man unter Zwang in fremder Uniform getan hat, auf das dürre Wort der Pflichterfüllung bringt." Applaus, auch in den Reihen der ÖVP, die es ebenfalls schon leid ist, daß ihr unseliger Präsident nicht gleich darauf gekommen ist, seine damalige Pflichterfüllung in die blumige Sprachrege- lung vom "Zwang in fremder Uniform" zu bringen. Als der Grüne FUX dann schon wieder dafür plädiert, sich "freizuspielen von den Hy- potheken der Vergangenheit", JANKOWITSCH sein ceterum censeo, daß "Österreich mehr denn je Weltoffenheit ausstrahlen" soll, abmur- melt: Da hält ein Gutteil der Abgeordneten die Sache für gelau- fen, die Pflicht für erfüllt, fängt das Gähnen an und verabschie- det sich unauffällig. Von wegen! Schlag 17.15 betritt der Held des Stückes die Szene, und das Ungeheuerliche passiert: Andreas WABL begibt sich in Po- sition, entrollt eine Hakenkreuzfahne und schleudert sie mit dem Ausruf zu Boden: 'Unter dieser Fahne hat unser Präsident ge- kämpft! Pfui!!!' Die Statisten im Hintergrund werden plötzlich putzmunter, der Parlamentspräsident, gespielt von GRATZ, empört sich über gewisse Unmöglichkeiten: "Es gibt leider keine andere Disziplinarmaßnahme als einen Ordnungsruf. Das hätte andere Konsequenzen verdient." WABL verlängert trotzig seinen Auftritt: "Ich werde mich nicht entschuldigen. Ich schäme mich für jene Leute, die nicht in vol- ler Wahrheit mit unserer Geschichte leben, und ich schäme mich auf für unseren Präsidenten." Tumult, Vorhang, Pause. 2. Aufzug: In den Redaktionsstuben ---------------------------------- Der ORF filmt gottlob alles mit. Dadurch ist sichergestellt, daß die ZiB-glotzenden Bürger nichts Unzumutbares zu Gesicht bekom- men: "Die Aufzeichnung dieser Szene, bei der keine Fotografen an- wesend waren, wurde auf Weisung von Generalintendant PODGORSKI nicht ausgestrahlt." So rücksichtsvoll gegenüber den zarten Gefühlen der Volksseele kann die Presse nicht sein. Meinungsbildung über den zeigbaren Anblick tut not, die Herolde demokratischer Öffentlichkeit machen sich an ihren Auftritt. Der eine hat einen "dunklen Tag des Par- laments" zu vermelden. Der nächste macht den Schuldigen dafür dingfest und weigert sich, den Helden aus dem 1. Aufzug als dra- matische Person zu würdigen: "Die Aktion des Herrn Wabl war in- fantil und verachtungswürdig." Ein dritter vermißt, in gewollt unkomischem Mißverständnis der Situation, "den gemeinsamen Nen- ner", der zu den Verwicklungen geführt hat. Der vierte täuscht sich schon wieder, hält die Gewissenstat für einen "Laus- bubenstreich" und "ungustiösen Propagandatrick" zugleich, den sein fünfter Kollege auch nicht für übermäßig gelungen hält, weil er "im Ausland zum Schaden unseres Landes völlig falsch in- terpretiert werden könnte". Wie, das vergißt er in der Aufregung zu sagen. Gemeinsam stimmen sie alsdann den Chor "O Du mein Österreich, Deine Vergangenheit gehört bewältigt, aber doch nicht so" an. Vorhang. Das Publikum verbleibt empört bis nachdenklich auf den Plätzen. 3. Aufzug: Der Tag danach ------------------------- WABL hat bereut und kehrt an den Ort des Geschehens zurück. Er entschuldigt sich jetzt doch und schämt sich schon wieder, dies- mal ein bißchen für sich selber. Er hätte um Gottes Willen nie- mandes Gefühle verletzen wollen und wenn es doch passiert wäre, täte es ihm unendlich leid. Szenenwechsel. Die versammelten Grü- nen Parlamentarier stellen sich der Presse. Mit einer Stimme, als käme sie gerade von ihrem eigenen Begräbnis, distanziert sich FREDA, bislang eher im Hintergrund, von dem "Vorfall, der, wenn wir vorher von ihm gewußt hätten, nicht passiert wäre". Damit un- terstreicht sie die gültigen Maßstäbe der Vergangenheitsbewälti- gung. Sie ist auf der Höhe des Stückes, teilt und billigt die ed- len Motive ihres jugendlichen Helden und ist deswegen schwer er- griffen über die Unverhältnismäßigkeit von Zweck und Mittel. Zur Ehrenrettung des Bundesadlers an seiner Stelle das Hakenkreuz zu plazieren: Diese Demonstration der Unangemessenheit ist so dra- stisch, daß sie selbst schon wieder absolut unangemessen ist. Ge- konnt nimmt FREDA die Gelegenheit wahr, als Zugabe noch einmal ihre enorme Verantwortlichkeit herauszustellen. Wegen der "Illoyalität" von WABLs "Alleingang", erzählt sie, hat sie ihren Rücktritt angeboten. Nur weil alle "Freda bleib, Freda bleib" ge- rufen haben, bleibt sie doch und damit dem Publikum fürs nächste Stück erhalten. Schluß. Das Publikum geht still nach Haus, viele Pfiffe, kaum Ap- plaus. Versuch einer Interpretation ---------------------------- Durch den Einfall, das parlamentarische Rednerpult mit einer Ha- kenkreuzfahne zu verunzieren und die anschließende Explizierung dieser Tat, gibt sich die Figur des Andreas WABL unschwer als Al- legorie demokratischer Sauberkeit zu erkennen. Mit ihrer symbol- trächtigen Darbietung, daß sich die Farben Rot und Weiß auch an- ders komponieren lassen als zur allseits geschätzten rotweißroten Streifenform, steht sie keineswegs für den Verdacht, es könnten noch schwerwiegendere Gemeinsamkeiten zwischen Demokratie und Fa- schismus vorliegen. Diese Konzeption würde zwar der dramatischen Vorschrift genügen, die Hauptperson in eine leidenschaftliche Wertekollision zu verwickeln, jedoch gegen die Regel verstoßen, daß diese Kollision durch den Einsatz des Helden für fraglos ge- teilte Werte zustande zu kommen hat und nicht durch deren leicht- fertiges Infragestellen. In dieser Hinsicht weiß sich WABL mit dem Ort des Geschehens und den anderen dramatis personae durch ein inniges Band verbunden. Der Konflikt bahnt sich korrekt ge- rade darüber an, daß alle mit Pathos ihre selbe Pflicht erfüllen und Schande von der Republik und dem Hohen Haus abwenden wollen. Die Bemühungen der versammelten Repräsentanten der Demokratie, den undemokratischen Ungeist der Vergangenheit durch allerlei rhetorische Bemühungen zu bannen, dünken WABL jedoch nicht stark genug. Während andere sich schon entspannt zurücklehnen, vermeint er, die Anwesenheit des Ungeists im Saale deutlich zu verspüren. Das läßt ihn an der Macht der Worte zweifeln und zur Tat schrei- ten: er entrollt die Fahne. Das leibhaftige Vorzeigen des Symbols des Bösen im Herzen der Demokratie soll, durch seinen schreienden Widerspruch, die zaudernden Gemüter wachrütteln und das Gespenst auf ewig vertreiben. Dabei ist sich der Held, wie es sich für ein dramatisches Kunstwerk gehört, der Ungeheuerlichkeit seiner erlö- senden Tat bewußt: Er kann den Tempel der Demokratie nur rein er- halten, indem er ihn entehrt. Das läßt ihn kurz innehalten, doch schließlich obsiegt der Drang zum guten Werk. Das heilige Experi- ment gelingt über alle Erwartungen gut; zu gut, denn der profane Geist seiner Zeitgenossen verkennt in der Kunstform die Absicht und quittiert die dramatische Faschismusaustreibung mit Pfui-Ru- fen. Das Stück wäre unvollendet geblieben, würde nicht zum Abschluß der bleiche Held vor den Vorhang treten, bekennen, daß er nicht anders hat handeln können und sein Scheitern eingestehen. So ist, wie es sich für eine Posse gehört, niemand ernstlich zu Schaden gekommen, alle sind wieder quietschfidel und präsentieren sich in neuen Schwänken dem P. T. Publikum. zurück