Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       Ganz Österreich gratuliert:
       

"ELEFANTENHOCHZEIT" GEGLÜCKT

Was der Wähler Ende November bestellt hat, haben die Gewählten jetzt geliefert: eine Bundesregierung. Gerade noch rechtzeitig! Sonst hätten staatsgeile Gemüter, die schon den ganzen Advent so sehnsüchtig auf sie gewartet haben wie auf das Erscheinen des an- deren Herrn, vielleicht glatt die Nerven verloren: "Ein, zwei Wo- chen sollte man noch die Nerven behalten. Dann allerdings muß die Regierung stehen." (Kurier, 9.01.) Jetzt also steht sie vorm Bundespräsidenten und läßt sich ein- schwören: darauf, nur in Rücksicht auf das Staatsinteresse, also rücksichtlos gegen alle profanen Interessen zu regieren. Und? Was ist das Schöne, Neue, Nervenentspannende daran? Hat es das nicht vorher schon die ganze Zeit gegeben? Was ist es, was der Bürger bislang missen mußte und mit der neuen Regierung endlich bekommen hat? 1. Eine n e u e Regierung --------------------------- Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wer es ungemein spannend findet, von wem er regiert wird, ist damit auch schon gut bedient. Jetzt kann er den enorm interessanten Werdegang der neuen und alten Figuren studieren und unter öffentlicher Anleitung darüber spekulieren, welche inner- und zwischen- parteilichen Klüngeleien sie auf ihren Posten gehievt, belassen, von ihm entfernt oder daran gehindert haben, ihn einzunehmen. Aber das sind schon fortgeschrittene Übungen in demokratischer Dummheit. Für den mündigen Normalbürger reicht es aus, wenn er sich seine neuen Herren bekannt macht, also Name mit Visage und beides zusammen mit dem jeweiligen Amt in richtige Verbindung bringen kann. Presse, Funk und Fernsehen sind da sehr bemüht, daß die frohe Botschaft von den neuen Herrn noch ins letzte Bürger- hirn dringt. Welch ein Unterschied zur Aufstellung einer Fußballmannschaft! Während Schneckerl Prohaska eindeutig ins Mittelfeld gehört und nicht ins Tor, steht z.B. ein Alois Mock in jeder Position seinen Mann besser. Das liegt weniger daran, daß er so ein Tausendsassa wäre, sondern daß die erforderlichen "Qualifikationen" für jeden Politikerposten haarscharf dieselben sind. Denn das Regieren ist in unserer fertig eingerichteten Demokratie die leichteste Übung: Beschlüsse fassen oder auch nur abzeichnen, damit ist diese "Arbeit" erledigt. Um ihre Durchsetzung braucht sich ein moderner Herrscher nicht groß kümmern. Ein umfänglicher Staatsapparat und ein auf pflegeleicht dressiertes Volk sorgen quasi automatisch dafür, daß aus dem "Wunsch" eines Regierungsbefugten ein durchge- führter Befehl wird. Etwas mehr Talent erfordert es freilich, die gemachte Politik auch noch öffentlich zu verkaufen. Das Wichtig- ste dabei ist, vor den Kameras und Mikrophonen der drängelnden Hofberichterstatter einen guten Eindruck zu machen. Dazu reicht es nicht ganz, sich einfach hinzustellen und ernst, gelassen, entschlossen, verantwortungsschwanger und zugleich grundoptimi- stisch dreinzuschauen. Ein Politiker mit "Fachkompetenz" muß schon auch dreimal die Woche sagen, daß er der ernsten Lage ge- lassen und entschlossen gegenübersteht, sich seiner schweren Ver- antwortung zutiefst bewußt ist und für die Zukunft voll Optimis- mus. Wenn er dann noch in jedem fünften Satz die Notwendigkeit seiner Taten hervorstreicht, indem er sie für "unumgänglich" er- klärt und ab und zu ein "leider" anfügt - dann hat er sich end- gültig der Respekt redlich verdient, über den er von Amts wegen verfügt. Diese Prozeduren sind es, die auf dem Bildschirm und den vorderen Seiten der Zeitung für staatsbürgerliche Unterhaltung sorgen. Aber neben diesem kleinen Aufschwung in demokratischem Personen- kult gibt es ja 2. Eine neue R e g i e r u n g ------------------------------- Daß es die jetzt g i b t, ist schon ihre erste Dienstleistung fürs Volk. "Österreich darf aufatmen. Die große Koalition ist be- siegelt", erlaubt der "Kurier" dem Publikum, das über den Staats- akt der "Elefantenhochzeit" schier das Schnaufen vergessen hat. Jetzt haben sie glücklich koaliert, die beiden, und der seit dem Wahlabend etwas belämmert wirkende Mock und seine christliche Po- litikerriege strahlen wie frischlackierte Schaukelpferde: Endlich wieder an der Regierungsmacht! Dieselbe Frohbotschaft ans Volk, mit allem gebotenen Ernst: "Weil Österreich uns braucht!" habe sich Mock auf die Regierungsbank bequemt und Vranitzkys Einla- dung, "den Weg gemeinsam zu gehen", angenommen. Das freut den staatsbewußten Bürger: "Alle jene werden darüber froh sein, denen klar ist, daß in unse- rem Land Probleme einer Lösung harren, die zu groß sind für den Mut einer nur dünnen politischen Mehrheit." (Kurier) Da paßt alles zusammen: Vranitiky und Mock spendieren sich gegen- seitig Mut zum Regieren und damit dem Volk die mutige Regierung, auf die es so sehnsüchtig wartet. "Klar" ist diesem Fanatiker des Regierens offensichtlich zweierlei: daß die "Lösungen" der "Probleme unseres Landes" ein bißchen sehr g e g e n die werten Regierten ausschlagen; und daß die "Lösungen" überhaupt nur des- wegen ausständig sind, weil bisher einfach z u w e n i g - mu- tig, entschlossen, rücksichtslos, überhaupt - r e g i e r t worden ist. Die kritischen Fans eines starken Staates können es kaum erwar- ten, daß all die "notwendigen Härten", die sie seit Monaten als einfach fälliges Staatsprogramm genüßlich ausmalen, von einer tatkräftigen Regierung endlich wahr gemacht werden. Sie beherr- schen das nur demokratisch funktionierenden Hirnen geläufige Kunststück, bei jeder bekanntgemachten Regierungsmaßnahme, die wieder vem an den Lebensunterhalt geht, begeistert "Au fein, tut das weh!" zu schreien - und dabei auch noch "k r i t i s c h" zu bleiben: "mehr davon!" Bequemer war Regieren noch nie. Die Führung gibt ihre vorläufigen Abmachungen, an wem demnächst wieder kräftig gespart wird, als erste E r f o l g s meldungen ihres Wirkens an die Öffentlich- keit; und die kriegt mit jeder einschlägigen Maßnahme immer mehr "Vertrauen" in die "Handlungsfähigkeit" des jungen Teams. Leider grassiert dieser Wahnwitz auch unter Zeitgenossen, die nicht als Meinungsbildner für seine Verbreitung hochbezahlt werden. Ganz normale Leidtragende der gerade verkündeten Maßnahmen sind aufge- rufen, sie nicht vom Standpunkt ihres geschädigten Interesses zu begutachten, sondern sie im höheren Interesse der Nation zu bil- ligen. Den ÖBBlern ihre "Privilegien" streichen - nur zu! Den Alten ihre Rente kürzen - wenn es denn sein muß! Die "Sozialtarife" bei Bahn und Post - längst überfällig! Die Bauern mit ihren Subventionen - schon lang ein Dorn im Auge! Die Beamten mit ihrem "sicheren Ar- beitsplatz" - ohnehin schon privilegiert! Die VOESTler mit ihrer "Sozialkohle" - ein einziger Anachronismus! Usw. Immerzu führt sich die Bevölkerung auf, als wäre nicht sie gemeint, wenn der Staat sich zuliebe an ihr spart. Stattdessen begibt sie sich un- ter sachkundiger Anleitung von oben auf die Suche nach Schuldi- gen, deren bislang zu gering ausgefallenes Opfer für die Misere verantwortlich sei, daß es ständig einen selbst trifft. So über- setzt man sich gekonnt den eigenen Schaden in eine u n t e r b l i e b e n e Regierungsleistung, die man sehr um- standslos als souveräne Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen In- teressen schätzt. Den hohen Erwartungen, die diesbezüglich in die neue Einheitsre- gierung gesetzt werden, wird diese zweifelsohne gerecht werden. Und wenn sich programmgemäß "trotz" aller staatlichen Bemühungen der eigene Vorteil nicht so recht einstellen will: dann kann man sich daran 1. diese Logik des erfolglosen. Aber staatsdienlichen Mitmachens noch einmal bestätigen, und 2. darin Trost finden, daß es wenigstens mit der N a t i o n voran geht, der man schließ- lich angehört - wenn auch nur als ihr Opfer. zurück