Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       Ein Fall von unbefriedigtem Militarismus
       

DER UNGELIEBTE DRAKEN

Unter strengster Geheimhaltung des Landetermins sind sie einge- flogen worden. Ein Fliegerleutnant bittet vor laufenden Kameras die kritische Öffentlichkeit, endlich ungestört f l i e g e n zu können. Keine Reportage des Staatsfunks, die nicht die Wetter- fühligkeit der "Drachenvögel" und ihre Gefährdung durch Luftbal- lons und Papierdrachen belächelt. Wehrhafte steirische Abgeord- nete verlassen anläßlich der Drakendebatte verbittert das Parla- ment; nicht ohne zuvor an das steirische Angebot zu erinnern, bei Eintausch der Draken gegen besseres Fluggerät den halben Aufpreis aus der Landeskasse zu berappen. Der Vizekanzler spricht von der österreichischen Luftwaffe als einer "Last", die man "nicht einem Bundesland allein aufhalsen kann", der Bundeskanzler verteidigt die Luftwaffe als "neutralitätspolitische Notwendigkeit", die der Verteidigungsminister leider "geerbt" haben will. Was ist eigentlich los? Was soll denn das Versteckspiel mit dem eigenen Fluggerät? Segnet man so Waffen? Begrüßt man solcherart seine Flughelden? Schwört man so Vaterlandsverteidiger auf ihre künftigen Pflichten ein? Sicher nicht. Wie sich die bürgerliche Öffentlichkeit unisono mit ihren Politikern in der 'Drakenfrage' äußert, gilt gemeinhin als Wehrkraftzersetzung. Waffen werden ausschließlich als potentielle Siegbringer für künftige militäri- sche Auseinandersetzungen angeschafft. Soldaten sollen daran glauben, daß sie damit ein Mittel und kein Hindernis für die Er- füllung ihres Kampfauftrags in Händen haben. Deshalb darf ihre Tauglichkeit - bei aller Konstruktivität - nicht bezweifelt, ge- schweige denn zur "(Draken-)Frage" erhoben werden. Das ist beim Draken nicht anders, obwohl man angesichts der laufenden Debatte seine Zweifel bekommt. Sollte die profilierte Meinung wirklich recht haben, daß die Bundesregierung gerade mit der Waffenbe- schaffung ihren Verteidigungsunwillen demonstriert? "Der Ankauf der Draken ist in Wirklichkeit der Beweis dafür, daß die Bundesregierung diese eigentliche Aufgabe (einen potentiellen Aggressor abzuhalten) nicht ernst nimmt: Man hält eine Alibihand- lung für wichtiger als die Erhöhung der Kampfkraft." (Lingens, profil 17/88) So unsinnig der Verdacht auf mangelnden Wehrwillen am Ballhaus- platz ist, so bezeichnend ist er für den Maßstab, der aufrechte Landesverteidiger von Wien bis Bregenz und Graz über den Draken und seine politischen Befürworter herfallen läßt: Weil sie Fana- tiker der w i r k u n g s v o l l e n Waffen sind, leiten sie für sich das Recht ab, den "30-jährigen, aus schwedischen Hangars revitalisierten "Donnervögeln" den ansonsten üblichen Respekt verweigern. Dabei geben die Abfangjäger-Jäger vom Schlage eines Lingens unum- wunden zu, woher sie ihre Widerstandskraft beziehen: Aus ihrer Übereinstimmung mit den so heftig kritisierten Gottöbersten: "Mit Ausnahme von Friedhelm Frischenschlager und einigen ehemali- gen Wehrmachtsoffizieren gibt es vermutlich niemanden mehr, der glaubt, daß diese Flugzeuge ein sinnvoller Kauf waren." (profil 17/88) Daß Lingens mit seiner Beobachtung nicht ganz falsch liegt, kann man den politischen Verteidigungen des Drakens unschwer entneh- men. Wenn der Verteidigungsminister zum Draken steht, weil er nun einmal beschlossene Sache ist und "gültige Verträge" den Kauf be- siegeln, dann legt er nicht gerade großen Wert auf die Bewerbung der Qualitäten des inkriminierten Fluggeräts. Wenn Bundeskanzler Vranitzky im Zusammenhang mit dem Draken immerzu die "neutralitätspolitische Verpflichtung zur Luftraumüberwachung" betont, dann will er durch einen außenpolitischen Zwang und nicht etwa durch dessen militärische Schlagkraft den Draken außer Streit stellen. Abgesehen davon, daß es sich dabei um blanken Un- sinn handelt - Abfangjäger sind immer noch Resultat des eigenen Landesverteidigungsplans und nicht außenpolitischer Erpressungen -, drücken derartige Interpretationen die Unzufriedenheit der Verantwortlichen mit ihrer eigenen Entscheidung aus: Der Wille zum militärischen Mithalten drückt sich zwar in der Beschaffung der Draken aus, hat aber in ihnen gerade nicht das geeignete M i t t e l. Kanzler Vranitzkys Beschluß ist, dieses "nicht" als "noch nicht" zu nehmen; der Draken-Vertrag gilt ihm als ein "mittelfristiges Technologieabkommen", das "in ein paar Jahren" den Umstieg auf die zu diesem Zeitpunkt fertiggestellte neue Karnpfflugzeuggeneration gewährleisten soll. Seinen steirischen Kritikern teilt er diesbezügliche "Vorüberlegungen" und auch "Vorgespräche mit den Saab-Leuten" mit. Damit gibt Vranitzky dem rüstungspolitischen Drang nach Besserem recht und verlangt zugleich, daß man das vorhandene Gerät nicht schlecht machen darf, sondern als E i n s t i e g zu akzeptieren hat. Endgültig lästig werden ihm die steirischen ÖVP-Politiker, wenn diese auch noch im Stationierungsstadium ihre Kritik am Drakenentschluß fortsetzen. Die Steirische ÖVP: Störmanöver für eine taugliche Luftwaffe ------------------------------------------------------------ Daß Landeshauptmann Krainer und seine Getreuen von ihrem Wider- stand nicht ablassen, obwohl sie inzwischen "vor vollendeten Tat- sachen" stehen, liegt nicht an einer "unverständlichen steiri- schen Halsstarrigkeit", wie sie manche Beobachter geortet haben wollen. Er gehorcht damit auch nicht dem Druck der "Geister, die er rief" - schließlich hat gerade der steirische Landeshauptmann mit der Instrumentalisierung der "krisengeschüttelten" steiri- schen Bevölkerung gegen den "von Wien befohlenen Schrott" bewie- sen, wer da auf wen hört. Überhaupt lassen sich die Aktivitäten der steirischen ÖVP nicht aus einer G e t r i e b e n h e i t durch was auch immer erklären; Krainer selbst verschweigt seine ehrgeizigen Ambitionen auch gar nicht. Bisher hat den Landes- hauptmann der Standpunkt mit der Bundesregierung g e e i n t, daß ein künftiger Einstieg in eine österreichische Luftwaffe - und das heißt mehr als 24 alte Jäger - anstünde, und die anvi- sierte Durchführung g e t r e n n t, weil der Joschi nicht ein- sehen wollte, warum man währenddessen die "Zwischenlösung" mit den Draken anstrebt. Zur Fortsetzung seines Widerstands treibt ihn nicht die Illusion, den "Unglücksvogel" doch noch verhindern zu können. Vielmehr möchte er sich mit der "Ausschöpfung aller rechtlichen und politischen Widerstandsformen" maßgeblichen An- teil an der ohnehin vorgesehenen Entscheidung sichern, spätestens Anfang der 90er auf die neuen Flieger umzusteigen, die nicht mehr bloß Luftpolizei, sondern darüber hinaus auch kriegstaugliche Luftwaffe ist. Zum einen kann man dem steirischen Wehrmann Krai- ner seine Besorgnis über einen "verteidigungslosen Luftraum" durchaus glauben; zum anderen widerspricht dem nicht die unver- hüllte machttaktische Überlegung, daß man sich in Graz gerade durch solch verantwortungsvolle Halsstarrigkeit in einer "Grundsatzfrage" für höhere politische Verantwortung profilieren möchte. "Wir sind als steirische ÖVP gewisse Fundamentalisten" gab Burg- staller zu und lobte den "Erfolg" des CDU/CSU-Modells in Deutsch- land. Ohne es übertragen zu wollen. Die von ihm angesprochenen 'neuen Formen der Kooperation' bezögen sich vor allem auf eine stärkere Vertretung der Landesinteressen in der ÖVP." (Kurier) Gleichgültig ob sich Krainer als steirischer Strauß sehen möchte, oder ob ihm noch höhere Meriten wie z.B. der ÖVP-Parteiobmannpo- sten vorschweben: Mit dem Engagement in einer überregionalen Exi- stenzfrage der Nation seinen Anspruch auf mehr politische Mitver- antwortung anzumelden - das macht das "völlig unverständliche Einbunkern" des "ehemaligen steirischen Politwunderkindes" doch wieder einigermaßen verständlich. Der Fehler linker Drakengegner: ------------------------------- Kritik der Waffe als Waffe der Kritik ------------------------------------- Was den linken Initiatoren der Draken-Nein-Bewegung bislang ein- gefallen ist, taugt alles nichts. Die Kritik an der "Lärmbelästigung" Draken erinnert an 'Leichter-Leben'-Rezepte à la "Was sie wissen müssen, um mit der Waffe besser leben zu kön- nen.". So blöd es ist, angeschafftes Kriegsgerät daran zu messen, wie leicht bzw. schwer es einem das Zurechtkommen im Alltag macht: gemeint ist der Unsinn ja nicht als Oropaxwerbung sondern als Antimilitarismus. Das hat den unschätzbaren taktischen Vor- teil, seinen Fliegerabwehrkampf ganz ohne einer Kritik der Lan- desverteidigung bestreiten zu können. Der Draken wird nicht ein- mal als Waffe kritisiert, sondern als unangenehme Lebensbedingung in Friedenszeiten; wobei freilich die allseits in Zweifel gezo- gene Qualität des Draken als Waffe die Grundlage ist, daß wehr- hafte steirische Patrioten überhaupt auf die Idee kommen, Kriegs- gerät als Lärmbelästigung zu diskutieren. Bei der GHN-45 würde das niemandem so schnell einfallen, und nicht nur steirische Lan- despolitiker sind sich sicher, daß die lärmenden, aber moderneren Gripen und Viggen den feinen steirischen Ohren durchaus zuzumuten wären. Insofern ist diese Kritik ein einziges Angebot an einen unbe- friedigten Militarismus, der "vom Standpunkt der Wehrtechnik noch viel mehr Einwände als in Fragen der Lärmbelästigung" gegen den Draken kennt. Das wissen die Protagonisten der Großkundgebung in Graz-Thalerhof auch und benutzen unverhohlener denn je konstruk- tive Landesverteidigungsargumente um gegen den Draken zu spre- chen. "Die Landung ist zwar geglückt, was nicht so sicher war, wenn man/frau bedenkt, daß zwei Abfangjäger vor kurzem in der BRD ein- fach vom Himmel gefallen sind." ("Draken Nein"-Großkundgebung in Graz-Thalerhof) Welcher aufrechte Patriot kann schon für Abfangjäger sein, wenn sie, statt die feindlichen Flugzeuge abzufangen, selber ständig vom Himmel fallen. Vor allem aber stört neuerdings an den Draken der Umstand, daß sie angeblich gar nicht genuin ö s t e r r e i c h i s c h e n Verteidigungsaufgaben dienen, sondern a u s l ä n d i s c h e n. "Der technische Zustand ist allerdings nur ein Detailargument in unserem Kampf gegen Abfangjäger. Es gibt noch viel wesentlichere Gründe: ...das Faktum, daß die Abfangjäger eine 'Flankenfunktion' laut westeuropäischen Militärstrategen erfüllen und so eine Annä- herung an die NATO erreicht werden soll." ("Draken-Nein"-Groß- kundgebung in Graz-Thalerhof) Die bislang "größte Widerstandsbewegung gegen Militarismus und Aufrüstung des Bundesheeres" (Selbsteinschätzung) bewirbt ein Amalgam von patriotischen Unzufriedenheiten, das nur eine Stoß- richtung kennt: Die Draken seien ein einziger Verstoß gegen das lobenswerte Bedürfnis nach einer technisch einwandfreien, keinen Feind fürchten müssenden, garantiert österreichschen Verteidi- gungszwecken dienenden Luftwaffe. Nur Geduld: Genau das ver- spricht der Bundeskanzler als militärischen Modernisierungsschub für die 90er! zurück