Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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       Warnung vor der Anti-Waldheim-Bewegung
       

DAS BESSERE ÖSTERREICH DREHT DURCH

Es gibt Leute, die mit heiligem Ernst für die Auswechslung des Präsidenten eintreten. Dem amtierenden werfen sie vor, daß er S c h a n d e über die höchste Sache auf Erden bringt: über die Nation. Sie s c h ä m e n sich für den obersten Repräsentanten der Herrschaft, können aus S o r g e um Ansehen und Ehre des Vaterlandes nicht mehr ruhig schlafen und d e m o n s t r i e- r e n mit und ohne Holzpferd nur eines: ihre Sehnsucht nach einem der Nation w ü r d i g e n F ü h r e r. Kaum zu glauben: Bei der Abwicklung dieser nationalistischen Oberscheiße kommen sie sich auch noch ziemlich oppositionell vor. Dagegen die Warnung: patriotische Vollräusche schaden nicht bloß dem Verstand! 1. Nur wer kein anderes Interesse mehr kennt außer dem, ohne Rest im verlogenen nationalen "Wir" aufgehen zu wollen, ist der Leistung fähig, sich für die höchste Vorzeigefigur zu schämen. Nur wem die Würde der Nation über alles geht, möchte dieses Amt mit einem wahrlich erhabenen Charakter besetzt sehen. Übersieht so ein Muster-Österreicher glatt, daß er sich damit die Verherrlichung der Zwangsgemeinschaft Staat auf Seine (Protest-)Fahnen geschrieben hat? Ach wo - genau die ist sein An- liegen! Der fanatische Wille, d a ß Österreich gediegen repräsentiert gehört, verbietet jeden Gedanken daran, w a s da in der Person des Bundespräsidenten zur harmonischen Einheit zusammengefaßt ist. Sehr handfeste und überaus ungemütliche Gegensätze nämlich z.B. der, daß der Reichtum der Nation die Armut der Leute voraus- setzt und zur bleibenden Folge hat; z.B. der, daß die gewinn- trächtige Nutzung der Natur durch das staatlich geschützte Pri- vateigentum Land und Leute ein wenig sehr vergiftet; z.B. der, daß im Ernstfall die Bürger das Material für die militärischen Ambitionen des Staates abgeben müssen. Von all dem will ein Waldheim-Gegner nichts wissen. Er pfeift auf jedes Interesse, jeder Gegensatz ist ihm ein Greuel; statt- dessen ist er stolz auf seinen österreichischen Paß, das Dokument seiner Untertanenschaft, und leitet daraus ein sagenhaftes Recht ab: das auf E i n h e i t mit seiner Herrschaft, die sich ge- fälligst würdig darzustellen hat. Als selbstbewußter Knecht will er mit seinem Protest nichts für sich, sondern sein Einsatz gilt der Makellosigkeit seines Herrn. Dieses Engagement hält er sich dann in einem als Akt seiner Frei- heit und als Pflichterfüllung gegenüber dem Staat zugute - und bringt so den mündigen Bürger '88 auf den Begriff. 2. Fragt sich bloß, was diese Nationalhelden, die sich unter einem Kirchschläger gut aufgehoben gefühlt haben, die mit feuchten Au- gen nach einem Weizsäcker seufzen, an Kurt W. so unerträglich finden? Die militärische und geistige Beteiligung der drei Präsi- denten am Reich Hitlers bietet dem Willen zur Unterscheidung ja herzlich wenig Anhaltspunkte. Daß zwei der drei einstigen Kamera- den dem neuen Staat zum Ruhmesblatt geworden sind, der dritte je- doch zum Buhmann - dafür fahren sie allen Ernstes den national- besinnlichen Senf ins Feld, den diese hohen Herren zum Geschäft der "Vergangenheitsbewältigung" beisteuern. Um Lüge oder Wahrheit geht es dabei sowieso nicht, sondern um vorbildliche Sprachrege- lungen zur rotweißroten Erbauung. Praktisch hat Kurt Waldheim seine Vergangenheit völlig problemlos "bewältigt". Den Übergang vom Faschismus zu seiner demokratischen "Antithese" hat er prima hingekriegt. Wie tausende andere Karrie- ren im höheren Staatsdienst hat die seine im Vorgängerstaat viel- versprechend begonnen - und war mit dessen unrühmlichem Ende noch lange nicht am Ende. Und? Was schließen wir daraus? Daß der Faschismus das blanke Ge- genteil der Demokratie ist? Daß sich aufrechte Österreicher durch kleine Systemwechsel von ihrer Loyalität zur Obrigkeit nicht ab- bringen lassen? Daß das in Ordnung geht, sofern man nur jeweils hinterher die passenden Worte dafür findet?! Ja, so billig geben es moderne Antifaschisten. Als wären sie die Ghostwhriter der Hofburg, buchstabieren sie ihrem Präsidenten vor, was er hätte sagen müssen, damit sie ihm hätten trauen kön- nen. Viel ist es nicht: Tiefst betroffen, schwer beschämt, stän- dig bereit zu lernen usf. - das hätte zur Vertrauensbildung völ- lig ausgereicht. Getreu der Logik, daß nur der reuige Sünder er- löst wird, der sich aber von niemandem mehr etwas vorwerfen las- sen braucht. Aber jetzt? Jetzt kriegen sie bei jeder Paßkontrolle rote Ohren und leiden unter dem Verdacht, Waldheimschen Ungeist in die Welt zu schmuggeln. Das hat man davon, wenn man ständig als selbster- nannter Repräsentant seiner Nation unterwegs ist! 3. Wenn ein Vergleich gestattet ist: Was wäre es gewesen, wenn im deutschen Reich jemand Hitler mit dem scharfen Argument zum Rück- tritt aufgefordert hätte, der Arierausweis des Führers sei nicht ganz in Ordnung: Pflichterfüllung? Widerstand? Zivilcourage? Deutschtum 150%ig? Plemplem? Gut, daß heute alles klar ist. Ein Aufkleber des Inhalts: "Waldheim, erfülle deine Pflicht: Amtsverzicht" ist eindeutig 150%ig couragierter demokratischer Pflichtwiderstand. Ein niedri- geres Motiv als jenes, das sie ihrem Präsidenten für seine Kriegszeit nicht durchgehen lassen wollen, läßt kein Waldheim- Gegner für sich gelten; sein staatsbürgerlicher Protest e r f o l g t aus P f l i c h t e r f ü l l u n g und hat nichts als diese zum Z w e c k. Entsprechend trottelig gestaltet sich diese Protestbewegung. Je- den Sonntag um 3 triff das bere Österreich am Wiener Domplatz und gedenkt seine weltlichen Herrn, dem es jede "moralische Auto- rität" abspricht. So ein Protest klagt nichts ein als das R e c h t a u f g e i s t i g e F ü h r u n g d u r c h d i e P o l i t i k! Sündteure "profil"-Seiten werden mit den Namen zahlloser guter Patrioten vollgedruckt, die im höchsten Amt der Staatsgewalt den Hort der Wahrhaftigkeit anhimmeln möchten: "Wer die Unwahrheit spricht, ist als Bundespräsident der Republik Österreich untrag- bar" Das ist zwar eine Unwahrheit; denn Präsidentenreden sind von Amts wegen voll mit der Lüge, daß der Mensch ohne Staat nichts ist, weswegen ihm sein Staat über alles zu gehen hat. Aber d i e s e Botschaft, an der man Demokratie und Faschismus garantiert nicht unterscheiden kann, wollen sich diese reinen Staatsmoralisten of- fenbar nur von einem grundehrlichen Charakter an der Staatsspitze servieren lassen. Und so stehen sie gegen ihren unwürdigen Präsi- denten wie ein Mann auf - als lebendiger Beweis dafür, er daß ihre Republik das Wahre ist. So eine "Protest"bewegung hat gerade noch gefehlt!! zurück